Unterrichtsstörungen im Griff

Unterrichtsstörungen

Alle 10 Sekunden eine Störung – Tendenz steigend
Wer kennt sie nicht, die „Schwätzer“, die „Träumer“ oder die „Klassenclowns“, die den Unterricht ins Stocken bringen. Ganz ohne solche Störungen wird eine Schulstunde wohl nie ablaufen. Untersuchungen wie die Potsdamer Lehrerstudie zeigen jedoch, dass dieser tagtägliche Kleinkrieg mit den Schülerinnen und Schülern eine der größten Belastungen für Lehrkräfte ist. Und die Lage spitzt sich zu: Die Klassen werden heterogener, die Schüler sind im Verhalten bereits in der Grundschule auffälliger; viele weisen Defizite bei den sozialen Kompetenzen, bei der Selbststeuerungsfähigkeit und der Impulskontrolle auf. Die Ausbildung wiederum bereitet die Lehrer/innen auf diese Herausforderung der Berufspraxis nicht ausreichend vor.

Persönliche Strategien gegen Unterrichtsstörungen entwickeln
Eine einfache Lösung für den Umgang mit „schwierigen Schülern“ gibt es leider nicht: Jede Lehrkraft muss sich als „reflektierter Didaktiker“ auf den Weg machen, ihre eigene Theorie pädagogischen Handelns zu entwickeln, hinter der sie steht und mit der sie strategisch und gleichzeitig flexibel reagieren kann (Vgl. Gert Lohmann, Mit Schülern klarkommen, Cornelsen 2015). Der persönliche Ansatz sollte immer wieder überprüft werden: Passt er zum jeweiligen Schüler oder zur Gruppe? Ist er wirklich umsetzbar? So können beispielsweise auch ungeeignete Reaktionen, irreführende innere Überzeugungen, mangelnde Prävention oder Inkonsequenz erkannt und verändert werden. Solche Arbeit an der eigenen Professionalität trägt auch zur persönlichen Autorität bei, die wiederum bei Unterrichtsstörungen hilft.

Ursachenforschung: Störungen sind immer auch Signale
Die Störenfriede im Unterricht sind vielfältiger Natur, grob lassen sie sich in vier Felder einteilen: in Schüler, die verbal stören, in Schüler mit mangelnder Motivation, in körperlich unruhige Schüler und in aggressive Schüler. In allen Fällen sollte man versuchen, den Ursachen auf die Spur zu kommen. Oft sind die Auslöser der Konflikte banal: Einer der Hauptgründe ist Langeweile, gefolgt vom Heischen nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Eine weitere wichtige Ursache sind vorausgegangene Interventionen der Lehrkraft, die beispielsweise zu Machtkämpfen führen. Möglicherweise hat das Verhalten des Schülers jedoch seinen Ursprung im privaten Umfeld, dann benötigt die Lehrkraft eher sozialpädagogische Kompetenzen. Häufig liegen natürlich auch Lernhemmnisse oder Lernbehinderungen vor, die gezielter Fördermaßnahmen bedürften. Vielleicht kann ein unmotivierter Schüler ja dem Unterricht einfach nicht folgen? Es hilft also, die Angelegenheit aus der Perspektive des jeweiligen Schülers zu betrachten: Hat sein Verhalten mit der Unterrichtsgestaltung zu tun? Oder zieht er vielleicht heimlich Gewinn daraus? Viele Situationen lassen sich beeinflussen, wenn man die Interessen aller Beteiligten in den Blick nimmt.

Beziehungsarbeit und Klassenklima
Funktioniert die Lehrer-Schüler-Beziehung, dann können auch Störungen viel leichter geklärt werden. Und Schüler merken ziemlich genau, ob man ihnen wirklich Interesse und Wertschätzung entgegen bringt. Eine fehlerfreundliche Atmosphäre hilft dabei, Schüler mit Schwierigkeiten zu motivieren und zu ermutigen. Bei Schülern mit Konzentrationsschwäche zum Beispiel müssen vielleicht andere Aufgabentypen gefunden werden. Unmotivierte oder aggressive Schüler könnten praktische Tätigkeiten oder Ämter übernehmen, die ihre Eigenverantwortung stärken, ohne sie zu überfordern. Möglicherweise hilft es hier auch, Verträge über kurzfristige Ziele zu schließen. Auch kooperative Lernformen und Übungen zur Stärkung sozialer Kompetenzen unterstützen die Beziehungen innerhalb der Klasse. Unabdingbar ist, dass man Störungen nicht persönlich nimmt, selbst wenn Schüler die direkte Konfrontation suchen.

Organisationsarbeit und „Klassenmanagement“
Neben der Beziehungsarbeit ist besonders die Organisationsebene von Bedeutung. Da die Schüler immer individualistischer werden, ist das Aushandeln von Normen und Klassenregeln umso wichtiger. Die Lehrkraft kann Störungen in der Klasse thematisieren und gemeinsam mit den Schülern angemessene Konsequenzen für Regelbrüche wie zum Beispiel Zuspätkommen festlegen, etwa auch mehrstufige „Eskalationspläne“ mit vereinbarten Signalen. Dieser Pakt dient dann als eine nicht mehr diskutierbare Grundlage für sachliche Auseinandersetzungen. Insbesondere unruhige und unkonzentrierte Schüler benötigen Rituale und Routinen, die Verhaltenssicherheit bieten, etwa für den Anfang der Stunde. Solche festen Abläufe müssen eingeübt werden, sparen dann aber Zeit und Energie. Dies gilt auch für den Ausbau einer Feedback-Kultur, die dabei hilft, gemeinsam konstruktive Lösungen zu finden, etwa über einen „Freude- oder Kummerkasten“ oder einen regelmäßig tagenden Klassenrat.

Präventive Maßnahmen etablieren
Lehrkräfte müssen Störungen einerseits zuvorkommen und andererseits konkret darauf reagieren. Zur Prävention gehört neben der genannten Beziehungs- und Organisationsarbeit etwa die Arbeit am eigenen Auftreten. Wirke ich wirklich so, wie ich rüberkommen möchte? Hierzu zählt auch die Auseinandersetzung mit nonverbalen Kommunikationstechniken, etwa dem Einsatz von Mimik und Gestik. Vorbeugen kann aber z.B. auch eine durchdachte Sitzordnung, etwa bei Kindern mit ADHS. Hilfreich sind systematische und langfristige Maßnahmen wie eine Streitschlichterausbildung für Schüler oder ein Anti-Aggressionstraining.

Interventionen konsequent durchziehen
Grundsätzlich sollte man sich vor jedem Eingreifen fragen: Handelt es sich wirklich um eine Störung? Und wäre die Intervention nicht störender als das Verhalten des Schülers? Ist ein Eingreifen nötig, dann sollte konsequent und zügig vorgegangen und dabei möglichst deeskaliert werden. In der konkreten Situation ist es wichtig, den Schüler nicht vor der Klasse bloßzustellen, keine pauschale und entwertende Kritik zu üben und nicht einfach das formale Machtgefälle zu unterstreichen. Humor kann bei gekonntem Einsatz sehr hilfreich sein. Die Maßnahmen reichen von Spezialaufgaben bis hin zu einer – möglichst betreuten – Auszeit. Hilfestellungen, insbesondere beim Umgang mit aggressiven Schülern, bieten Ansätze wie der No Blame Approach, die Farsta-Methode oder der Täter-Opfer-Ausgleich.

Kein Einzelkämpfer sein
Stört ein bestimmter Schüler regelmäßig, sollte man das Gespräch mit ihm suchen. Gemeinsam können verbindliche Absprachen erarbeitet und ein Vertrag geschlossen werden. Lehrer sollten sich jedoch auch im Kollegium austauschen und bei wiederkehrenden Problemen einen Schulpsychologen, die Eltern oder die Schulleitung hinzuziehen. Insbesondere bei gewalttätigen Schülern ist die Leitungsebene gefragt: Sinnvoll ist ein für die ganze Schule geltender Handlungsplan für Gewaltsituationen. Austausch oder Fortbildungen zum Thema helfen auch beim wichtigsten Punkt: der Gelassenheit. Denn nur wer Ruhe bewahrt, kann seinen Beruf trotz schwieriger Schüler erfolgreich und mit Freude ausüben. „Cool bleiben“ – diese Devise gilt auch für Lehrer.

Literatur zum Thema (Auswahl):