Interview zum Thema Deutsch als Zweitsprache

„Unser Schulsystem braucht mehr wertschätzende Anerkennung von Mehrsprachigkeit.“

Foto von  Krystyna Strozyk - Fachleiterin am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung für das Fach Deutsch

5 Fragen an Krystyna Strozyk

Die Grund- und Hauptschullehrerin ist außerdem Fachleiterin am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung für das Fach Deutsch, Herausgeberin des Lehrwerks „der die das“ und hat das mehrsprachige Vorleseprojekt Mulingula begründet.

Alle Kinder müssen beim Schreiben lernen erstmal erfahren, dass gesprochene Sprache aus vielen Lauten besteht, die über Buchstaben abgebildet werden. Sie müssen lernen, dass ein so großes Tier wie die Kuh deutlich kürzer verschriftet wird als der winzig kleine Marienkäfer. Doch Kinder mit anderer Muttersprache müssen diese Abstraktionsleistungen in einer Sprache erbringen, die sie noch erlernen. Viele lautliche, semantische und sprachstrukturelle Aspekte sind ihnen nicht so vertraut wie deutschsprachig aufwachsenden Kindern. Dies gilt besonders für neu zugewanderte Kinder, die kaum oder gar kein Deutsch sprechen.

Kinder, die Deutsch als Zweitsprache erlernen, haben eine äußerst komplexe sprachliche Identität. Sie nehmen sich selbst aber auch als Sprachlernende wahr und wissen, dass sie höhere Lernbedarfe haben, besonders in der Schriftsprache. Ein guter DaZ-Unterricht bietet die Chance, außerhalb von Schule erworbene sprachliche Mittel so anzureichern, dass Kinder lernen, sich sowohl mündlich als auch schriftlich normgerecht auszudrücken.

Unser Schulsystem ist monolingual ausgerichtet und neigt dazu, bereits vorhandene sprachliche Fähigkeiten von Kindern nicht wahrzunehmen, geschweige denn zu honorieren. Wenn wir diese Kinder nicht mit ihrem spezifischen Bedarf erkennen und mit ihren besonderen Fähigkeiten und ihrer sprachlichen Identität wertschätzen, müssen wir uns auch nicht darüber wundern, wenn sie sich von den Lerninhalten, von dem Unterricht, von dem System Schule und unter Umständen später als junge Erwachsene von der Mehrheitsgesellschaft distanzieren. Förderbedarf wird oft zu spät erkannt wird, vor allem bei Kindern, die über gute alltagskommunikative Fähigkeiten verfügen.

Seit einigen Jahren mache ich als Initiatorin und Begleiterin des mehrsprachigen Vorleseprojektes „Mulingula“ (multilinguale Leseaktivitäten) in Münster die Erfahrung, wie sehr Kinder eine Wertschätzung erfahren, wenn ihre Familien- bzw. Muttersprache an ihrem Lernort anerkannt wird. Über die einmal wöchentlich stattfindenden Vorleseaktivitäten möchten wir den Kindern Literacy- Erfahrungen ermöglichen, die ihnen dann bildungssprachliche Zugänge zur Muttersprache eröffnen. Die Resonanzen der Kinder und auch der Eltern sind durchweg positiv und eröffnen ganz neue Dimensionen eines sprachsensiblen Unterrichts.

Wenn wir z. B. eine farbliche Markierung des Genus zu einem methodischen Prinzip erklären, profitieren davon auch deutschsprachige Kinder mit Unsicherheiten im Genusgebrauch. Da neben der impliziten Vermittlung auch das explizite Lernen sprachlicher Phänomene eine größere Rolle spielt, werden alle Kinder dazu angeregt, ihren Sprachgebrauch zu reflektieren. Davon profitieren alle Kinder – im Fachunterricht, aber auch beim Fremdsprachenlernen.