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Mobbing im Lehrerzimmer
 Ich gehe heute nicht in die Schule
Warum denn nicht, Schatz?
Keiner mag mich da. Alle Kinder ärgern mich.
Hilft dir denn niemand von den Lehrern?
Die hassen mich noch mehr. Ich geh da nicht mehr hin!
Aber Schatz, du musst – du bist der Direktor.
Ja, das war ein Witz, aber für den gemobbten Menschen ist die Pointe immer eine andere, finstere: Mobbing endet nicht selten in Krankheit, Einsamkeit und Arbeitsunfähigkeit.
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| Täter, Opfer und Methoden |
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Bei Mobbing geht es nicht um Sachfragen, sondern um Willkür und Bosheit, immer mit dem Ziel, das Opfer fertig zu machen. Es soll sich ohnmächtig fühlen, bei allem, was es tut und lässt. Das geht für die Betroffenen mit Bauchweh, Depressionen, Angst, Mutlosigkeit und vielen anderen Spielarten des extremen Unwohlseins einher. Auf den Opfern lastet oft doppelter Druck, weil ihnen nicht geglaubt wird. Mobbing ist schwer zu beweisen, weil es subtil abläuft und sich die Aktionen nicht auf das eigentliche Problem beziehen, sofern überhaupt ein wirkliches Problem existiert. Auch das typische Opfer existiert nicht. Studien haben ergeben, dass weder bei Mobbern noch bei Gemobbten einheitliche Persönlichkeitsstrukturen vorliegen. Auch im Lehrerzimmer kann das Opfer der unerwünschte Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung sein, das kann die Referendarin sein, die dem Direktor zu viel frischen Wind in seine Schule trägt, das kann auch der altgediente Lehrer sein, dessen unverbesserliche Sturheit irgendjemanden ein Dorn im Auge ist, das kann der Direktor sein, dem sein Amt nicht gegönnt wird. Mobbing kann jeden treffen. Und je schwächer das Opfer im Laufe seines Martyriums wird, desto leichter ist es zu unterdrücken.
Die Lösung des Konflikts gestaltet sich immer schwierig bis unmöglich, weil der Konflikt erstens nicht offen zutage liegt. Und zweitens, weil meist nur eine Partei daran interessiert ist, etwas zu ändern: das Opfer. Den Tätern bringt Mobbing zumeist Gewinn in Form von Anerkennung und Statuserhöhung. Häufig eloquent und selber nicht unbeliebt sind die Täter keinesfalls immer Menschen, die im Abseits stehen und sich wehren wollen. Ihre Ziele sind vielfältig: Frustabbau, Statusaufwertung, Machtfestigung, oder man will das Opfer dazu bringen, den Arbeitsplatz zu verlassen. Das wirklich perfide ist, dass diese Ziele meist erreicht werden. Es geht immer um die Niederlage des Opfers, nie um einen Kompromiss oder die konstruktive Lösung eines Konfliktes. Der Mobber hat meist keine Veranlassung, sein Verhalten zu überdenken oder zu bereuen, denn nach dem Abgang des Mobbing-Opfers hat er gelernt, dass seine Strategie erfolgreich war. Für Täter und passive Zuschauer bleibt Mobbing folgenlos: meist haben sie noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen.
Die Methoden sind vielfältig. Das Opfer wird ignoriert, seine Leistungen werden schlecht gemacht, die Schüler werden aufgehetzt, es wird verspotten oder die Kollegen weigern sich geschlossen, seine Stunden zu übernehmen. Der Katalog der Möglichkeiten, die der Mobber hat, ist leider grenzenlos. Es gibt gezielte Angriffe auf die Möglichkeit des Opfers, sich mitzuteilen, Angriffe auf soziale Beziehungen, Auswirkungen auf das soziale Ansehen, Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation, Angriffe auf die Gesundheit.
Die Symptome, die das Opfer entwickelt, sind anhaltende Müdigkeit, emotionale Erschöpfung und eine reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit. Oft gepaart mit körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Nervosität, Appetitlosigkeit und Schmerzen aller Art, werden die Opfer schlicht krank. Das kann zu Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung führen und in den bittersten Fällen in Suizid gipfeln.
Neben dem persönlichen Schaden ergibt sich daraus auch ein wirtschaftlicher Schaden. Laut Schätzungen leiden bis zu 25 % der 36.000.000 Erwerbstätigen in Deutschland unter Burn-out-Symptomen. Eine Faustregel besagt, dass ein Mobbing-Fall im Schnitt ein Brutto-Jahresgehalt kostet.
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| Mobbing am Arbeitsplatz Schule |
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Passiert Mobbing einem Lehrer, liegt das Besondere darin, dass nicht nur Kollegen und Vorgesetzte beteiligt sein können. Anders als in anderen Berufen besteht die Möglichkeit der Ausweitung auf zwei weitere Personengruppen: Schüler und Eltern. Der Lehrer erfährt im schlechtesten Fall Anfeindungen aus allen vier Richtungen. Die Folgen sind die gleichen, aber das Ausgeliefertsein mal vier kann die Situation noch unerträglicher machen und die Katastrophe beschleunigen. Ein Lehrer kann sich auch schwerer selbst stabilisieren, weil sein Arbeitsgebiet ein soziales ist. Die Überprüfbarkeit und die Belegbarkeit von Leistungen sind in diesem Bereich sehr schwer möglich und Lehrer bekommen praktisch keine Bestätigung von außen. Die große Verantwortung, die Lehrer beim Ausüben ihres Berufes haben, kann sich in einer Krisensituation übergroß anfühlen. Denn die Dünnhäutigkeit, die dem Mobbing geschuldet ist, macht einen Lehrer seinen Schülern gegenüber zusätzlich unsicher. Er kann aber auch eine negative oder zynische Einstellung den Schülern gegenüber entwickeln. Und leider ist Supervision in der Schule nicht üblich. In allen anderen Bereichen sozialer Berufe, ist sie gängiges Mittel, die Selbstwahrnehmung zu schulen.
Auch ein Arbeitsplatzwechsel ist nicht so leicht zu bewerkstelligen, wie in anderen Berufen. Beamte können nicht einfach kündigen und sich neu bewerben, sondern müssen eine Versetzung beantragen, bis zu deren Bewilligung manchmal unzumutbar viel Zeit verstreicht.
Mobbing in der Schule, vor allem unter Lehrern, ist deshalb eine speziell schlimme Art von Mobbing, weil in der Schule soziales Lernen gelehrt wird. Die sekundäre Sozialisation, die Schüler auf ihre Rolle in der Gesellschaft vorbereitet, findet überwiegend in der Schule statt. Das heißt, wenn die Schüler die Vorgänge beobachten können, lernen sie Mobbing. Und nicht zuletzt wirkt es sich nachteilig auf das Klima einer Schulgemeinschaft aus.
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| Rat für Lehrer |
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Viele betroffene Lehrer realisieren erst nach einem halben Jahr, dass sie gemobbt werden und zeigen bereits die ersten Krankheitssymptome. Wichtig ist, das Misstrauen gegenüber sich selbst zu vermeiden. Ein Verdacht kommt nicht von ungefähr. Wenn man sich die Frage stellt: Werde ich gemobbt oder bin ich nur empfindlich?, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man Opfer einer Intrige ist, groß. Und dann ist es wichtig, sich selber ernst zu nehmen.
Da man alleine sehr schutzlos ist, ist der Austausch mit anderen zu empfehlen. Erfährt man im Kollegium keine Unterstützung, kann es helfen, ehemalige Kollegen zu kontaktieren, vielleicht sogar jemanden, der mal ein ähnliches Problem hatte. Wichtig ist vor allem, nicht einsam durch die finstere Zeit zu gehen. Bei Familienangehörigen und Freunden ist es dennoch ratsam, sie nicht permanent mit den eigenen Problemen zu belasten. Findet man im persönlichen Umfeld keine Unterstützung, kann der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe oder einem Chat zur Problematik den Druck mindern, einfach weil man erfährt, dass man nicht alleine ist und dass man nicht schuld ist. Das ist vielleicht sogar die wichtigste Erkenntnis: Das Opfer von Mobbing trägt NIE die Schuld.
Ist man sich sicher, dass man gemobbt wird, kann man verschiedene Gegenmaßnahmen in die Wege leiten. Wenn es sich um einen einzelnen Mobber handelt, der eindeutig zu benennen ist, kann sich das Opfer, sofern Selbstvertrauen und Kraft ausreichen, in der Frühphase der Katastrophe mit direkter Gegenwehr schützen. Gegenwehr kann in dem eindeutigen Setzen von Grenzen liegen. Wird man zum Beispiel angeschrien, kann man nach der Kaskade um ein Gespräch bitten und vorher fragen, ob der Wütende mit seinen Beschimpfungen fertig ist. Entmutigung des Angreifers ist eine andere Strategie, indem man die Angriffe ignoriert oder schlagfertig reagiert. Wichtig ist dabei, auch wenn es ungerecht ist, dass sich das Opfer Mühe geben muss, Kompromissbereitschaft zu signalisieren.
Aber weder andere noch das Opfer selbst können den Gemobbten dazu zwingen. „Mach doch mal...“ „Du solltest aber...“ „Nimm dich zusammen...“ sind durchweg überflüssige und unnütze Ratschläge, die die Unsicherheit nur fördern und nicht zur Lösung des Problems beitragen. Niemand sollte sich mies fühlen, weil er nicht in der Lage ist, die so sonnig-logischen Ratschläge zu befolgen. Ginge es, würde das Opfer es tun. Es gibt nämlich keinen guten Grund, warum man es lassen sollte, außer man kann wirklich nicht.
Seele, Stimmung, Selbstbewusstsein, Zuversicht und nicht zuletzt der Körper leiden nachgewiesenermaßen unter Mobbing. Trotz des trostlosen Zustandes und der inzwischen sicherlich eingetretenen Antriebslosigkeit ist es ratsam, sich um das eigene Wohlbefinden zu kümmern, um sich zu stärken. Je nach Typ kann Schwimmen, Yoga, kulturelle Aktivität, eine Fahrt ans Meer oder ein Saunabesuch lindernd wirken. Es geht dabei nicht um die Lösung des Problems, sondern um die Stärkung des Betroffenen. Auch ärztliche oder therapeutische Hilfe kann ratsam sein. Leider kommt es oft zu Fehldiagnosen „ich kann so nichts feststellen...“, „das ist der Magen, nehmen sie dieses Pulver...“ und auch in der therapeutischen Praxis kann das passieren. Das verunsichert natürlich zusätzlich und macht die Situation nicht leichter.
Es gibt außerdem die Möglichkeit, rechtliche Maßnahmen einzuleiten. Auf der schulinternen Seite kann man Rat beim Personalrat oder Lehrerrat einholen. Eine direkte Beschwerde richtet man an seinen Vorgesetzten. Nach den Bestimmungen der RVO und dem §22 des VII. Sozialgesetzbuches ist die Schule wie ein Unternehmer verpflichtet, die Aufgaben des Arbeits- und Gesundheitsschutzes wahrzunehmen. Da der Schulleiter in diesem Sinne wie ein Arbeitgeber zu behandeln ist, hat er alle Vorgaben des Gesetzes umzusetzen. Wenn nun die Beschwerde auf taube Ohren stößt und der Vorgesetzte sich einfach nicht darum kümmert oder gar selbst am Mobbing beteiligt ist, gibt es noch die Möglichkeit, vor Gericht zu gehen. Es besteht die Möglichkeit, die Täter auf Unterlassung, Schadensersatz oder Schmerzensgeld zu verklagen. Vor Gericht trifft man dann auf das Kernproblem des Mobbings: Die Beweisbarkeit. Psychicher Stress ist individuell und wer vermag eine Seele in Not zu messen? Glücklicherweise liegt die Beweislast bei Gerichtsverfahren gegen Mobbing nicht mehr auf den Schultern der Opfer. Dennoch ist unbedingt zu empfehlen, jedes Detail so genau wie möglich festzuhalten, zum Beispiel durch das Führen eines Mobbing-Tagebuches.
Bleiben alle Maßnahmen erfolglos, oder fehlt schlicht die Kraft, noch etwas in die Wege zu leiten, kann man sich nur noch selber schützen. Wenn ein Betroffener die Möglichkeit zur Krisenbewältigung nicht hat, ist es ratsam, die Stelle möglichst rasch zu verlassen, um das Leiden nicht unnötig zu verlängern. Niemand sollte so lange warten, bis er frühpensioniert ohne Lebenslust, dafür aber mit einem Magengeschwür zu Hause sitzt und sich grämt.
Und jemand, der in seinem Kollegium beobachtet, wie gemobbt wird, könnte einmal durchatmen und sich überlegen, ob er nicht das Opfer unterstützen sollte. Ein gutes Gewissen ist ein nicht zu unterschätzender Luxus.
Autorin: Annika Lüders
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