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Schulidentität
 Der Raum ist der dritte Lehrer. So sagt ein schwedisches Sprichwort. Neben den echten Lehrern und den Mitschülern hat auch die Umgebung Einfluss auf den Lernprozess von Schülern. Und deren Wohlbefinden hängt eng mit der Möglichkeit zusammen, diesen dritten Lehrer selbst gestalten zu können. Und damit ist nicht nur das Klassenzimmer gemeint, sondern auch nicht-materielle Räume, wie Aktivitäten, Projekte und Ideen. Das alles ist Gestaltung der Umgebung und schafft Identität mit sich selbst und mit der Schule.
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| Ziele setzen |
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Um Identität zu stiften, bedarf es zuerst einmal einer Zielsetzung, die die Schule betrifft. Die Gemeinschaftshauptschule Steinheim zum Beispiel wollte das Schulgelände zu einem angenehmen und kindgerechten Lebens- und Lernraum werden lassen. Die Schüler hatten den Wunsch nach mehr Sitzecken und Rückzugsmöglichkeiten auf dem Schulgelände geäußert. Durch gemeinschaftliche Planung und Umsetzung dieses Zieles mit allen am Schulleben beteiligten Personen sollte die Verschönerung der Umgebung, die positive Entwicklung des Schulklimas und die Verbesserung der psychischen und physischen Kondition der Schüler Ergebnis des Projektes sein.
Die Ludgerusschule Heiden, eine Hauptschule in Westfalen, sieht es als ihr vorrangiges Ziel an, Kontakte mit außerschulischen Lebenswelten zu vermitteln. Die Schüler sollen einen Bezug zur Lebens- und Alltagswelt erhalten, einen Einblick in die Arbeitswelt bekommen und nicht zuletzt einen Einblick in die Arbeitsweise der Schule. Weitere Ziele sind die Möglichkeit des sozialen Lernens und die Verankerung in der Schule und Gemeinde.
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| Projekte entwickeln |
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Die Projekte und Aktivitäten, die geeignet sind, die angestrebten Ziele zu erreichen, sind so vielfältig wie zahlreich. Im Folgenden werden einige bereits von Schulen verwirklichte Beispiele in zwangloser Reihenfolge geschildert. Die Gemeinschaftshauptschule Steinheim hat für den Start ihres Projektes der Verschönerung der Schule einen Wahlpflichtkurs „Wir gestalten unser Schulgelände“ eingeführt. So wurden alle eingebunden und das Projekt mit Erfolg umgesetzt.
Die Schüler der Ludgerusschule Heiden sind, gemäß ihrem Ziel der Öffnung der Schule nach außen, erfolgreich unterwegs und werben Betriebe, Vereine und Organisationen für das Projekt ‚Schule und Partner’. Sie erstellen und betreuen Internetseiten für die Vereine und die Gemeinde. Die Beteiligung an regionalem Geschehen wurde mit der Betreuung der Kommunalwahlen durch die Schule intensiviert. Die Schüler bereiteten die Wahl vor und betreuten die Kommunalwahlen in den Räumen ihrer Schule. Sie präsentierten der Gemeinde das Wahlergebnis mittels gekonnter Verwendung von neuen Medien. Als die Leichtathletikgruppe der Schule die Westfalenmeisterschaft gewinnt, wird das in der regionalen Presse lobend und mit einem Photo der jungen Sportasse erwähnt. Diesen und zahlreichen anderen Projekten sind das öffentliche Interesse und die öffentliche Akzeptanz gemein. So erfahren die Schüler Anerkennung von außen für ihre Leistungen.
Auch die Evangelische Gesamtschule in Gelsenkirchen hat eine interessante Geschichte. Die Schüler haben zusammen mit einem Architektenbüro ihre Schule geplant. Architekt Olaf Hübner: ‚Es gab unheimlich intelligente Anregungen von Fünftklässlern’. Das Ergebnis ist kein herkömmliches Schulhaus mit vielen Klassenzimmern, sondern ein einzelnes Klassenhaus für jede Klasse mit eigenem Garten.
Steht für eine Schule ein Umzug, Umbau oder eine andere Veränderung an, sollte das als Chance genutzt werden, die Kinder mit einzubeziehen und mit ihnen gemeinsam aktiv zu werden. Denn wer seine Umgebung mitgestalten kann und einen Teil der Verantwortung dafür übernimmt, fühlt sich ihr verbunden und wird sie mehr wertschätzen als vorher.
Weitere Möglichkeiten, die Mitverantwortlichkeit der Schüler für ihre Schule zu vergrößern, sind innerhalb der Schule
- einen Putztag veranstalten, an dem alle Schüler ihre Schule reinigen
- Nachhilfe von Schülern für Schüler
- Schullogo erstellen
- Website erstellen und gerade erstelltes Schullogo mit einbinden
Die Aufzählung steht für die Entwicklung von innen nach außen. Eine Website ist ein Beispiel für die Schnittstelle zwischen Schule und Außenwelt. Identität entsteht durch die Kraft von innen, die einen gegenüber der Außenwelt positioniert. Ich bin hier und du bist dort. Das ist Identität. Im Falle einer Schule heißt das: Wir sind hier, und ihr seid dort. Um die Verantwortung der Schüler für ihre Schule zu einer Position und Haltung gegenüber der Außenwelt zu führen, eignen sich Projekte, die der Schule die Möglichkeit eröffnen, von der Außenwelt wahrgenommen und eingeschätzt zu werden, wie
- eine Schulpartnerschaft im In- oder Ausland auf die Beine stellen
- einen Debattier-Club ins Leben rufen, der andere Schulen zu einem Wettstreit einlädt
- die Vorbereitung und Teilnahme an öffentlichen Wettbewerben, wie z.B. Kinder zum Olymp
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| Ergebnisse und Erlebnisse |
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Bei erfolgreichen Projekten ist die Identifikation mit der Schule groß. Da es die Schule ist, die das eigenverantwortliche Handeln der Schüler unterstützt und Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit setzt, ist der emotionale Rückhalt stark und wird mit Vertrauen und Identifikation mit der Schule vergolten. Die Akzeptanz der Ludgerusschule in der Gemeinde wurde durch die Betreuung der Kommunalwahlen gestärkt. Ein anderer herausragender Erfolg war die Teilnahme am Microsoft-Wettbewerb ‚Road Ahead’ zum Thema ‚Leben und Lernen in der EU’. 600 Schulen bundesweit nahmen daran teil. Die Hauptschüler gewannen, verwiesen ein benachbartes Gymnasium auf Rang 2 und Bill Gates überreichte ihnen persönlich den mit einem Partnervertrag mit Microsoft verbundenen und mit 15000 Euro dotierten Preis. Zu Recht sind die Schüler des Projektes stolz auf sich. Und die Schule stolz auf sie. Der Geldsegen kommt selbstverständlich der gesamten Schule zugute, um die nächste gute Idee zu finanzieren.
Im Ausland ist eines der bekanntesten Beispiele für die Verbundenheit mit der Schule, die Mitgestaltung des Profils einer Region, bzw. eines ganzen Landes und die Teilhabe und Fortführung einer langen Tradition zu finden. In England längst Teil des öffentlichen Lebens ist die Kanuwettfahrt zwischen Oxford und Cambridge. Seit 1829 rudern auf der Themse in London in jedem Jahr die Mannschaften der Universitäten Oxford und Cambridge gegeneinander. Das ‚Boat Race’ lockt als Sportereignis erster Güte jedes Jahr eine Viertelmillion Zuschauer an die Ufer der Themse, etwa acht Millionen Briten verfolgen das Spektakel im Fernsehen. Warum nehmen die Studenten die Schinderei des Trainings im Winter vor der Schule morgens um 7, mit kalten Fingern, Blasen an den Händen, jeden Tag, auch während der Prüfungszeiten, auf sich? ‚Das Rudern ist Teil des Colleges und das College ein Teil von mir’, erklärt eine Studentin des Girton College.
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| Kontinuität |
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Identitätsstiftung heißt Einsatz neben den Schulpflichten, Rückschläge aushalten und Durchhaltevermögen. Denn nicht nur die Projekte sind vielfältig, sondern auch die Erfahrungen, die man mit ihnen macht. Im Laufe der Schulverschönerung in Steinheim haben sich die kognitiven Fertigkeiten sowie die Kritik- und Leistungsfähigkeit der Schüler spürbar verbessert. Aber nicht für jedes Projekt ist Nachhaltigkeit garantiert: Liebevoll von ehemaligen Schülergenerationen gestaltete Außenwände sind heute wieder durch Schmierereien verunstaltet. Dennoch wäre es schade aufzugeben.
Bei der Umsetzung der Ideen kommt es darauf an, den Prozess der Identitätsstiftung weder nach einem Erfolg noch nach einem Misserfolg als abgeschlossen anzusehen, sondern als eine weitere Perle auf der langen Schnur der Tradition. Die Schüler wechseln, ein Jahrgang nach dem anderen verlässt (hoffentlich) gestärkt die Schule und ein neuer Jahrgang rückt nach, der in den gleichen Genuss kommen soll, um die belebenden Erfahrungen einer Identifikation mit der Schule zu machen. Kontinuität ist ein basaler Baustein des großen Projektes Schulidentität. Ganz klar ist ein beherztes Engagement der Lehrkräfte vonnöten, das über die Unterrichtspflicht und die häusliche Vor- und Nachbereitung des Unterrichts hinausgeht. Ein weiteres Quantum Kraft muss man für den Umgang mit Rückschlägen einplanen. Denn die wird es geben. Nicht jedes Projekt, das die Schüler anregen, lässt sich mühelos umsetzten. So kann es passieren, dass angestrebte Kooperationen mit Firmen nicht zustande kommen, oder der Erfolg eines auf den Weg gebrachten Projektes ausbleibt, weil widrige Umstände, eine unzureichende Planung oder zu früh versiegter Enthusiasmus ihm ein jähes oder zähes Ende bereiten.
In der geistigen Vorbereitung ist es wichtig, sich alle Eventualitäten vor Augen zu halten und zu allen ja zu sagen. Dann können die Erfolge, die sich auf jeden Fall einstellen werden, auch bei einem Rückschlag helfen. Und auch Rückschläge haben ihre guten Seiten; die Schüler lernen, mit Enttäuschung umzugehen, können ihre oft niedrige Frustrationsschwelle anheben und halten beim nächsten Mal vielleicht länger durch.
Ein entscheidender Punkt ist, dass der Lehrer als Vorbild agiert. Seine Bereitschaft und sein Engagement für ein Projekt sollten zur Nachahmung einladen. Dann kann er es zusammen mit seinen Schülern schaffen, dass die Schule kein Gebäude bleibt, das vor ihrer Zeit gebaut wurde, und durch das Scharen von Schülern geschleust werden, die keine Spuren hinterlassen und keine stärkenden Erinnerungen mitnehmen werden.
Abschließend kommt noch einmal die Ludgerusschule zu Wort, deren Projekte nicht den Anspruch haben, sensationelle Vorzeige-Projekte zu werden. Es geht immer um das Prinzip des Arbeitens und Lernens in allen Bereichen, für die die Schüler sich interessieren. Im Vordergrund steht dabei die Teamarbeit. Das Entscheidende, gibt sie anderen Schulen als Rat, sei die Öffnung der Schule für Anregungen von außen, die eigene Arbeit transparent zu machen und sich Verbündete für seine Anliegen zu suchen.
Die Öffnung nach außen ermöglicht eine Abgrenzung von der Umwelt und so die Entwicklung eines Standpunktes, an dem Schüler und Lehrer sich orientieren können, indem sie ihn erneut verändern oder weiter festigen. So kann eine Schulidentität entstehen.
Autorin: Annika Lüders
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