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Lehrerbewertung im Internet
Schülerspaß oder ein Fall für den Richter?
 Eine Lehrerin strengte mit Unterstützung eines Lehrerverbandes gegen die Betreiber von Spickmich eine Unterlassungsklage an. Ihre persönlichen Daten sollten von der Site gelöscht werden. Sie kämpft inzwischen in zweiter Instanz, denn das Oberlandesgericht Köln sah die Beurteilungen von Lehrern im Internet als rechtmäßig an. Ende November 2007 begründeten die Richter ihre Entscheidung damit, dass der Meinungsfreiheit der Vorrang vor dem Persönlichkeitsrecht der betroffenen Lehrer einzuräumen sei. Der Bundesgerichtshof bestätigte diese Entscheidung im Juni 2009.
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| Das Portal |
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Die Bewertungen
Das Internetportal Spickmich ist für jeden zugänglich. Innerhalb einer Minute erhält man ein Passwort und kann sich in eine Schule seiner Wahl einloggen. Auf Spickmich.de werden nicht nur Lehrer bewertet, die Site hält noch mehr bereit. Ein Forum zum Austausch mit anderen Schülern, die Möglichkeit, die Schule in ihrer Gesamtheit zu bewerten, einen Werbelink, der 5 kg abnehmen in der Woche verspricht und Fußball-EM-Infos (man darf die Spieler bewerten …). Das Unterhaltsamste ist die Sammlung der Lehrersprüche. Aber wenden wir uns dem Stein des Anstoßes zu. Für die Benotung von Lehrern stehen folgende Kategorien zur Verfügung:
guter Unterricht / schlechter Unterricht
cool und witzig / peinlich und öde
fachlich kompetent / hat keinen Plan
motiviert / unmotiviert
faire Noten / unfaire Noten
faire Prüfungen / unfaire Prüfungen
menschlich / unmenschlich
gut vorbereitet / schlecht vorbereitet
vorbildliches Auftreten / unvorbildliches Auftreten
beliebt / unbeliebt
Dass Kategorien wie „gut vorbereitet / schlecht vorbereitet“ mehr über die Güte eines Pädagogen aussagen als „cool und witzig / peinlich und öde“, wissen die Betreiber natürlich auch. Deshalb werden die Kategorien für die Zusammensetzung der Durchschnittsnote unterschiedlich gewichtet. Und einige sind schlicht ein psychologischer Kniff. Tino Kellner, einer der Spickmich-Gründer, sagte in einem Interview über die inzwischen entfernte Kategorie „sexy“:
„Dieser Begriff ist bewusst plakativ gewählt, um Schüler zum Mitmachen zu bewegen. „Sexy“ umfasst das gesamte äußere Erscheinungsbild. Wenn ein Lehrer nach Nikotin oder Alkohol riecht oder seit einem Jahr mit denselben Flecken auf demselben Pulli im Unterricht erscheint, dann fließt das in seine Teilnote für „sexy“ein. In der Gesamtwertung macht dieser Punkt jedoch nur 5 Prozent aus. „Faire Noten" wird mit 15 Prozent erheblich stärker gewichtet und „motiviert“ fließt gar mit 25 Prozent in die Gesamtnote ein.“
So also kommt es zu den Noten für die Lehrer. Und die Präsentation der Noten hat echten Unterhaltungswert. Über den Namen der Lehrer sind keine Photos, sondern bei jedem das gleiche gezeichnete Konterfei. Je schlechter ein Lehrer bewertet wird, desto übler sieht das Bildchen aus. Ab der Note 2,7 geht es abwärts mit Optik und Alter. Und ab einer Note mit einer vier vor dem Komma sieht man aus wie ein blutarmer Griesgram, weibliche Lehrkräfte bekommen eine Gouvernanten-Brille und einen Dutt, und das Bild erhält einen signalroten Rahmen.
Wie repräsentativ ist das Ganze?
Eine Note erhält der Lehrer, der von mindestens 10 Schülern benotet wurde. Das ist bei einer Klassenstärke von über 20 Schülern weniger als die Hälfte. Und gerechnet auf einen ganzen Jahrgang oder eine ganze Schule viel zu wenig, um ein objektives Ergebnis zu liefern.
Die Ungenauigkeit der Kategorien, deren fehlende allgemeingültige Definition und die allgemeine Zugänglichkeit tragen weiter dazu bei, dass die Noten nicht wissenschaftlich fundiert sind. Aber darum geht es bei Spickmich auch gar nicht. Schüler sollen und wollen ihre Meinung kundtun. Das ist ihr gutes Recht und ganz ehrlich: Niemand wird sich ernsthaft die Bewertung fremder Lehrer als Freizeitvergnügen aussuchen.
Die Kategorien
Aber zurück zu den Lehrerbewertungen. Die oben erwähnte Kategorie „sexy“ ist inzwischen rausgeflogen, aber „cool und witzig / peinlich und öde“ ist noch drin. Die kritischen Stimmen befinden, dass solche Kategorien nichts über den Unterricht aussagen würden, und somit auch nicht Teil der Bewertung sein dürften. Aber wo ist die Grenze zwischen Unterricht und Persönlichkeit des Lehrers zu ziehen? Gerade in einem Bereich, in dem nicht nur Fakten und Wissen gelehrt und gelernt werden, sondern wo in entscheidendem Maße soziales Lernen stattfindet, ist es schwer, die Persönlichkeit des Lehrers außen vor zu lassen. Sie beeinflusst in hohem Maße die Art des Unterrichts und das Verhältnis zu seinen Schülern und Kollegen.
Die Positionen
Dieser Artikel ist nicht darauf angelegt, in die öffentliche Debatte einzusteigen, sondern möchte einen Blick auf das Portal werfen und Handlungsvorschläge für Lehrer anbieten. Deshalb werden die bestehenden Positionen hier anhand von zwei absichtlich unkommentierten Zitaten vorgestellt.
Peter Silbernagel, Präsident des Philologenverbandes NRW:
"Es ist ein gefährliches Signal, wenn das Gerichtsurteil so ausgelegt wird, dass eine anonyme Pauschalkritik über Internetforen normal ist. Statt sich mit Lehrerinnen und Lehrern in der Schule kritisch auseinanderzusetzen und auch die eigene Position zu überdenken, geht man bei der Internet-Nutzung einen feigen, unkontrollierbaren und nicht selten menschlich sehr verletzenden Weg."
Bernd Dicks, einer der Spickmich-Macher:
"Die Lehrer sind diese Art der Rückmeldung nur nicht gewohnt. 50 Prozent der Lehrer in Deutschland sind über 50 – da halten viele das Internet immer noch für etwas Böses. Und ihren Schülern vertrauen die Lehrer auch zu wenig. Mehr als ein Viertel aller Lehrer haben bei uns eine Note mit einer Eins vor dem Komma. Das zeigt, dass die Schüler nicht nur aus Frust oder Spaß auf der Seite ihre Noten verteilen.“
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| Der Umgang mit Bewertungen |
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Unabhängig von allen Diskussionen und Gerichtsurteilen werden Lehrer immer wieder mit der Beurteilung ihrer Person durch Schüler, Kollegen und Eltern zu tun haben. Fällt diese positiv aus, ist das ein berechtigter Grund zur Freude und wird keine Selbstzweifel oder Ärger aufkommen lassen. Jede schlechte Bewertung zwingt zur Stellungnahme.
Grundsätzlich
Wie Sie dem Thema einer Bewertung begegnen können, haben wir hier für Sie in einem kleinen Anregungskatalog zusammengestellt.
Vor den konkreten Unterrichtsvorschlägen aber noch einige grundsätzliche Dinge.
Schüler aller Jahrhunderte haben sich rege darüber ausgetauscht, wie „doof“, „echt gerecht“ oder „altmodisch“ ihre Lehrer seien. Auch Lehrerzitate boten schon immer Anlass zur Freude. Vor dem Aufkommen des Internet nachzulesen in der Schüler- oder Abizeitung. Jetzt gibt es ein neues Medium, und das ist sicherlich einer der Faktoren, die Portale solcher Art so bedrohlich wirken lassen. Die Bewertungen sind jederzeit für jedermann einzusehen und mitzubestimmen. Lehrer, die dem Ganzen kritisch gegenüberstehen, sollten nicht vergessen, dass das Internet mit seinen Möglichkeiten für die Schüler Alltag ist. Sie mussten sich nicht daran gewöhnen, sondern sind damit aufgewachsen, solche Medien unbekümmert und selbstverständlich zu nutzen. Lehrer sollten also überprüfen, inwieweit ihre Abneigung oder Furch vor dem Medium mit seinen Möglichkeiten ihr Urteil beeinflusst. Und inwieweit diese Furcht durch Inkompetenz und Nichtwissen gespeist wird.
Aus dem Pool der Lehrerzitate auf Spickmich:
Es wird ein Text besprochen, in dem ein Mädchen im Chat falsche Angaben macht. Im Text erfährt man aber teilweise die richtigen.
Lehrerin: Was für Angaben macht denn das Mädchen von sich?
Schüler: Wo, im Chatroom?
Lehrerin: Wir wissen ja nicht ob sie in einem Chatroom ist, sie kann ja auch am häuslichen PC sein.
Um angemessen auf das Thema reagieren zu können, müssen Pädagogen umfassend informiert und technisch auf einem aktuellen Stand sein.
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| Im Unterricht |
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Bitte um Feedback
Ihre Schüler einfach darum bitten. Lassen Sie sich und Ihre Schüler von den Kategorien auf Spickmich inspirieren, erfinden Sie eigene Kriterien, lassen sie die Schüler Wünsche äußern, zu welchen Aspekten sie sich gerne äußern würden. Werten Sie die Beurteilung in Ruhe aus und präsentieren Sie sie den Schülern. „80 % von Euch finden, dass ich zu streng bin, aber nur 10 % finden, dass ich gut aussehe. Das werde ich nicht auf mir sitzen lassen.“ Das Ergebnis einer Umfrage kann für beide Seiten sehr interessant sein.
Analyse und Sicherheitstest der Site spickmich
Analysieren Sie mit Ihren Schülern Spickmich. Gehen Sie die Kategorien der Bewertung durch und thematisieren Sie, wie unklar manche Begriffe sind, wie weit die Auffassungen, was mit cool gemeint sein könnte, auseinandergehen können. Beleuchten Sie, was ein aus all diesen Kategorien zusammengerechnetes Ergebnis über einen Lehrer aussagt. Machen Sie Rechenbeispiele, in denen deutlich wird, dass ganz unterschiedliche Bewertungen aufgrund der verschiedenen Gewichtung der Kategorien zu derselben Note führen kann.
Und dann spielen Sie FBI: Prüfen Sie Sicherheitslücken, erfinden Sie einen Lehrer und pushen Sie ihn an die Spitze der Beliebtheitsskala, erweitern Sie den Jahrgang um imaginäre Schüler.
Ein ehemaliger Schüler, der sein Abitur vor 10 Jahren gemacht hat, hat sich bei Spickmich in seine alte Schule eingeloggt und genau das ausprobiert; es hat funktioniert. Die Noten der Lehrer, die er noch kannte, haben ihn wenig verwundert. Die Einschätzung der Schüler ist über die Jahre anscheinend gleich geblieben. Was für die guten Lehrer erfreulich ist, und was die wirklich schlecht bewerteten aber auch zeigt, dass es Zeit ist für ein wenig Feedback. Es darf doch nicht sein, dass in all der Zeit keine Änderung stattgefunden hat.
Das Umsetzen von Feedback
Erst einmal kann eine schlechte Bewertung zu Ratlosigkeit führen. Der Lehrerberuf ist jeden Tag eine neue Herausforderung, die Sie so gut wie möglich meistern, die Kraft und Nerven kostet. Es ist unangenehm, aber jetzt ist es an beiden Seiten, in die Arbeit einzusteigen. Es ist nicht alleine Ihre Aufgabe, sich auszudenken, was Sie wohl besser machen könnten. Bitten Sie Ihre Schüler um Verbesserungsvorschläge. Ein Lehrer aus Nordrhein-Westfalen bat seine Schüler nach einer unterirdisch schlechten Bewertung um ihre Wünsche. Ebenfalls anonym. Die Ergebnisse haben ihn überrascht, aber auch inspiriert. Manches Problem war viel einfacher zu lösen, als er es je geahnt hätte. Bei einem anderen Lehrer stellte sich heraus, dass nur ein paar unzufriedene Schüler ihren Kommentar abgegeben hatten. Nachdem auch die anderen Schüler abgestimmt hatten, war die Note wesentlich besser.
Diskussion des aktuellen Falles
Diskutieren Sie nach einer Analyse des Portals den aktuellen Fall mit seinen Klagen und Urteilen. Ausgehend davon können Sie das Thema auf eine allgemeine Ebene erweitern und zum Anlass nehmen, die Aspekte von Datenschutz, freier Meinungsäußerung, Diffamierung, Mobbing, Demokratie, Persönlichkeitsrecht und den Gläsernen Menschen zu diskutieren. Spannend wird das ja immer dann, wenn zwei der Begriffe wie „freie Meinungsäußerung“ und „Diffamierung“ aufeinanderprallen und man anhand dessen die Möglichkeiten und Grenzen einschließlich der Möglichkeiten und Grenzen der Gesetzgebung diskutieren kann.
Es gibt zwei Erkenntnisse: Sich alleine mit der Bewertung auseinanderzusetzen, führt nie dazu, dass Sjedeie die wahren Gründe für eine Note erfahren. Und machen Sie sich klar, dass die Note, die Sie bei einer Lehrerbewertung bekommen, nicht final sein muss und sich in beide (!) Richtungen verändern kann. Und Ihr Anteil daran ist nicht unerheblich. Schüler können sich verbessern. Lehrer können das auch. Die Bewertung der klagenden Lehrerin hat sich inzwischen auch um zwei Noten verbessert.
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| Der persönliche Umgang mit den Bewertungen |
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Professionelle Haltung
Stellen Sie sich der Kritik aus einer professionellen Haltung heraus. Gerade die oben erwähnte schwierig zu ziehende Grenze zwischen Unterricht und Persönlichkeit des Lehrers fordert unbedingt dazu auf, dass sich jeder Lehrer eindeutig über die Grenze klar wird, die er zwischen sich als Lehrperson und seiner Privatperson zieht. Jeder wird das anders handhaben und es wird dabei so viele Varianten wie Lehrer geben. Das Wichtige ist, sich über diese Grenze im Klaren zu sein, bevor man sich dem Problem der Bewertung stellt. Auch Sie sollten sich eine Basis schaffen, von der aus Sie beurteilen können, ob es um Datenschutz oder persönliche Kränkung geht. Um professionell arbeiten zu können, dürfen und müssen Sie ihre Privatperson schützen. Wer sich persönlich angegriffen fühlt, beraubt sich der Möglichkeit, sachlich zu bleiben und braucht mehr Kraft, Kritik anzunehmen und sie in positive Veränderungen umzusetzen. Denken Sie daran, es kann und darf niemals darum gehen, Sie insgesamt als Person in Frage zu stellen. Das gilt für alle Berufe, aber besonders sensibel sollte man in sozialen Berufen darauf achten, in denen das Ergebnis der Arbeit nicht eindeutig messbar ist und von vielen menschlichen Faktoren abhängt.
Stärken Sie sich bei der souveränen Trennung dieser Bereiche.
Absprachen im Lehrerkollegium
Tragen Sie das Thema auch ins Kollegium. Eine kurze Diskussion und eine eventuelle Einigung darüber, wie der geschlossene Lehrkörper dem Thema gegenüberzutreten gedenkt, kann jedem Einzelnen den Rücken stärken. Und das selbst, wenn die vereinbarte Linie nicht ganz mit der eigenen konform geht. Die Schüler dürfen Position beziehen. Sie dürfen das auch.
Mobbing
Natürlich ist nicht auszuschließen, dass es Fälle geben kann, in denen ein Lehrer oder eine Lehrerin keine Handhabe für den Umgang mit den Bewertungen zu finden vermag, in denen es sich klar um gezielte Diffamierung und Verletzungen des Persönlichkeitsrechts handelt. In solchen Fällen, die in Richtung des sehr ernst zu nehmenden Themas Mobbing gehen, bedarf es jedoch anderer Ratschläge, als sie im Rahmen dieses Artikels gegeben werden können. Sollten Sie von Mobbing betroffen sein oder einen Fall von gezieltem Mobbing beobachten und nicht wissen, wie Sie reagieren sollen, beachten Sie bitte den unten stehenden Linkverweis zu unserem speziellen Artikel über Mobbing gegen Lehrer.
Autorin: Annika Lüders
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