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Selbständig und selbstbewusst lernen
Ein Blick hinter eine Schultür in Leverkusen

blank Die aktuelle Bildungsdiskussion überschwemmt die Öffentlichkeit mit Zauberformeln wie: Mehr Geld für Ganztagsschulen, feste Bildungsstandards, Zentralabitur, Blended Learning. Doch was passiert eigentlich an den Schulen selbst - zum Beispiel wenn es um den Erwerb vom Methodenkompetenz geht? Ein Beispiel aus Leverkusen zeigt, wie es geht.

link_arrow_down Im Doppelkreis link_arrow_down Nicht mal ein Referat
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link_arrow_downLinks zum Thema
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Im Doppelkreis link_arrow_top 
Freitag, 6. Stunde: Philosophiekurs in der 11. Klasse. In den letzten beiden Philosophiestunden haben die Schüler versucht, sich philosophischen Fragestellungen zu nähern: Kann man die eigene Existenz beweisen? Gibt es einen gerechten Krieg? Was ist Glück? Heute hat Horst Thelen, Deutsch- und Philosophielehrer und Studiendirektor zur Koordination schulfachlicher Aufgaben (so der offizielle Titel) zwei Texte von Max Weber und Thomas Hobbes mitgebracht, die er an die Schüler verteilt. Einen für Gruppe eins, und einen für Gruppe zwei. Die ersten beiden Aufgaben zum Text sind ganz traditionell: Bestimme Thema und Aussage des Textes. Schwieriger wird es bei der nächsten Frage des Lehrers – so recht wissen die Schüler nichts damit anzufangen: Bestimme die Erkenntnismethode des Textes. Doch Thelen beruhigt: „Wir werden uns alle bemühen herauszufinden, was damit gemeint sein könnte.“

In den nächsten zehn Minuten arbeiten die Schüler einzeln und konzentriert an ihren Texten, machen sich Notizen. Dann ist der Doppelkreis angesagt – die Hälfte der Schüler wandert in den Innenkreis. Jeder Schüler hat jetzt ein Gegenüber, dem er seine Arbeitsergebnisse mitteilt. Lern- und Arbeitstechniken wie Markieren, Visualisieren, Präsentieren, Gruppenarbeit oder Doppelkreis sind für die 11.Klässler nichts Ungewöhnliches. Bereits seit Jahren setzen die Lehrer am Lise Meitner Gymnasium Bausteine aus dem Klippert’schen Lernsystem im Fachunterricht ein. Benannt ist diese Methode nach ihrem Entwickler, Dr. Heinz Klippert, Dozent am Lehrerfortbildungsinstitut der evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz.
Nicht mal ein Referat link_arrow_top 
„Wir haben schon 1985 festgestellt, dass Schüler zu uns gekommen sind, die aus den Grundschulen Fertigkeiten mitgebracht haben, die wir bei uns eher zugeschüttet als gefördert haben. Die Grundschulen hatten schon neue Curricula, sie hatten sich in vielem umgestellt auf die veränderten Kinder, die gekommen sind“, erklärt Petra Madelung, bislang Oberstufenkoordinatorin in Leverkusen und derzeit Mitglied der Projektleitung Selbstständige Schule in Düsseldorf. Ausschlaggebend für das Umdenken im Lise-Meitner-Gymnasium war aber noch ein zweiter Punkt. Madelung: „Das war der Leidensdruck, der in der Oberstufe entstanden ist wegen der Unselbständigkeit der Schüler, die nicht einmal ein Referat ordentlich vorbereiten konnten.“ Schritt für Schritt haben dann die Kollegen in den folgenden Jahren ihren Unterricht verändert: In den Jahrgängen 5 bis 7 wurde verstärkt auf Freiarbeit gesetzt, im achten Jahrgang die Jahresarbeit eingeführt und lange bevor es landesweit Pflicht war, wurde in der 12. Klasse eine Facharbeit geschrieben. Ab 1997 schließlich nahm das Lise-Meitner-Gymnasium am Schulversuchs Schule & Co. teil. In diesem fünfjährigen Projekt wurden insgesamt 5400 Lehrerinnen und Lehrer von 90 Schulen mit mehrtägigen Trainings in Methodik, Kommunikation und Teamentwicklung im Klassenraum für das neue Lernen fit gemacht.
Alle wurden geschult link_arrow_top 
In Leverkusen beschloss die Lehrerkonferenz Anfang 1998 mit großer Mehrheit, die Unterrichtsentwicklung nach dem Klippert’schen Konzept einzuführen. Das ganze Kollegium wurde und wird nach diesen Methoden geschult. Der Erfolg dieser Schulungen liegt aber nicht allein in den vermittelten Methoden, sondern auch – oder vor allen Dingen - an der schulinternen Umsetzung. Horst Thelen: „Das Erfolgsrezept ist simpel: alle Beteiligten werden mit einbezogen - Lehrer, Schüler und Eltern.“ Ein wichtiger Baustein des Gesamtkonzepts: Das Kompaktmodell „Das Lernen lernen“, in dem die ganze Schule einmal im Jahr drei Tage lang Basistraining betreibt. Lehrer wie Schüler lernen so Methoden kennen, anzuwenden und zu beherrschen. Nach neun Jahren Schule hat jeder Schüler 27 Tage Methodentraining mitgemacht. Und auch die Eltern der Fünftklässler werden nicht verschont. Sie schlüpfen - während eines Elternabends – kurzerhand in die Schülerrolle. „Es ist für viele Eltern eine Hilfe, wenn sie selbst erleben, wie ihre Kinder in der Schule arbeiten“, erklärt Thelen und „viele sind begeistert.“
Intensiv arbeiten link_arrow_top 
Zurück zum Philosophieunterricht: Jetzt wandert der Innenkreis zwei Stühle weiter. Einem neuen Gegenüber muss nun erklärt werden, was man gerade gehört hat. Die Unterrichtsstunde ist im Nu vergangen. Und Horst Thelen kritisiert wieder einmal das enge Korsett des 45-Minuten Takts. „Eigentlich bräuchte man ganz andere Zeiteinheiten.“ Doch vorläufig muss er seine Unterrichtsmethoden diesem Korsett anpassen. Es bleiben nur noch wenige Minuten und er stellt die letzte Frage. „Welche Erkenntnismethode haben die Autoren angewandt?“ Es bleiben nur noch wenige Minuten und Thelen stellt die letzte Frage. „Welche Erkenntnismethode haben die Autoren angewandt?“ Kurzes Zögern, dann meldet sich Joshua. „Ich glaube, der Autor hat sich hingesetzt und geguckt, wie die Völker zusammenleben und zusammengelebt haben und sich dann die Frage gestellt: Wollen wir das so und wie gehen wir damit um?“ Und Marcel erklärt zu seinem Text: „Der Autor hat wohl historische Quellen mit der aktuellen Situation verglichen und die Unterschiede herausgearbeitet.“

Die Schüler sind selbst erstaunt - zu Beginn hatten sie sich unter dem Begriff Erkenntnismethode noch gar nichts vorstellen können – jetzt nähern sie sich einer Definition. In dieser Stunde konnte sich kein Schüler nach dem Motto „Zum Glück komme ich nicht dran“ zurücklehnen – alle haben intensiv an den Texten gearbeitet.
Engagiert bis zum Schluss link_arrow_top 
Die siebte Unterrichtsstunde beginnt, Deutsch in der 7a. Die Schüler sitzen oder stehen an ihren Gruppentischen und arbeiten engagiert an großen Plakaten, auf denen sie Konzept und Inhalt einer eigenen Zeitschrift formulieren. Trotzdem bleibt Zeit zum Fragen. Ist dieser Unterricht ungewöhnlich? Nein, kommt die einhellige Antwort, ungewöhnlich nicht, aber auch nicht die Regel. Gut finden sie das jährliche Basistraining: „Das Lernen lernen.“ „Ich weiß jetzt, wie ich mich auf Klassenarbeiten vorbereiten kann, wie ich meine Hausaufgaben aufteilen kann und wie ich einen Text lesen muss, damit ich ihn verstehe.“ erklärt Vincent.

Jetzt stellen die Gruppen ihre Ergebnisse vor, souverän und von ihrem Konzept überzeugt – 2-gether wird die Zeitschrift Kevin, Patrick, Max und Vincent heißen. Ihre Themen: Musik-Charts, Wie kann man als Jugendlicher Geld verdienen, außerdem: Witze, Comic und ein Quiz. Annika, Anna und Chantal haben ihre Zeitschrift Anancha genannt. Aufmacher ist ein Fotoroman, dazu kommen Erste Hilfe-Tipps, Rätsel, Witze und eine Reportage über bedrohte Tiere.

Die anderen Schüler stellen Fragen: „Wie seid ihr auf den Namen gekommen?“ „Was passiert eigentlich im Photoroman?“ „An welche Zielgruppe wendet ihr euch?“ Auch diese Stunde geht viel zu schnell zu Ende und obwohl längst das Wochenende lockt, sind alle Schüler bis zum Schluss engagiert dabei.
Hohe Ziele link_arrow_top 
Das Kollegium des Lise-Meitner-Gymnasiums hat sich hohe Ziele gesteckt. Nachdem alle nach der Klippert-Methode geschult sind, sollen 20-30 Prozent des Fachunterrichts nach diesem Ansatz ablaufen. „Soweit sind wir noch nicht, da liegt der Prozentsatz eher zwischen zehn und zwanzig“, erklärt Thelen „aber wir arbeiten daran.“ Die regelmäßigen systematischen Fortbildungsveranstaltungen gehören eben zum Schulkonzept. Wichtig ist allerdings, dass es nicht um eine eins-zu-eins Übertragung dieses Ansatzes geht.

„Wir haben das Material für den Fachunterricht modifiziert. Oder einfach ausgedrückt: Klippert hat die Methoden und wir haben das Fachwissen. Ich muss als Philosophie- oder Deutschlehrer entscheiden, wie ich beides zusammenbringe. Eine bekannte Methode ist zum Beispiel: Fünf Schlüsselbegriffe aus einem Text ermitteln. Damit wäre ich aber heute Morgen im Philosophiekurs gescheitert.“ Thelen hat stattdessen eine konkrete inhaltliche Fragestellung mit der Methode Doppelkreis kombiniert. Allgemeine Methoden und Fachmethoden müssen also ganz sensibel aufeinander abgestimmt werden. So wie beim Thema Primzahlen in der sechsten Klasse. Da sucht eine Gruppe im digitalen Nachschlagewerk nach Informationen über den Mathematiker Eratosthenes, andere machen sich auf den Primzahlweg oder versuchen sich dem Thema über einen Text zu nähern. Anschließend werden die Ergebnisse an die Wand gepinnt und untereinander besprochen. Die Computergruppe schließlich referiert über das Siebverfahren von Eratosthenes. Das Lise-Meitner-Gymnasium hat noch mehr aufzuweisen: Das Eine-Welt-Café, eine beinahe traumhaft ausgestattete Bibliothek, das Konzept ÜBEtreuung – aber das ist eine neue Geschichte. Mehr Informationen dazu auf der Schul-Homepage.
Links zum Thema:


Lise Meitner Gymnasium
www.lise-meitner-schule.de
Hompage des Lise Meitner-Gymnasiums für weiterführende Informationen.

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