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Lesekompetenz stärken - Lesestrategien fördern
 In unserer Wissens- und Informationsgesellschaft ist die Lesekompetenz, d.h. die Aufnahme und kritische Verarbeitung schriftlich fixierter sprachlicher Informationen, eine wichtige Schlüsselqualifikation, die die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben ermöglicht.
"Lesekompetenz (Reading Literacy) heißt, geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiter zu entwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen"(OECD 2000). Mit der Lesekompetenz greift die PISA-Studie eine kulturelle Schlüsselqualifikation auf, die ein ganzes Bündel an Fähigkeiten, Kenntnissen, Strategien und Techniken meint. Die Erhöhung von Lesezeit allein nütze wenig. Was die Schülerinnen und Schüler benötigten, seien effizientere Lesestrategien.
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| Von falscher Selbsteinschätzung und Diagnoseproblemen |
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Nahezu alle Menschen in unserem Lande haben in der Schule lesen gelernt, aber viele Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene können nicht hinreichend gut verstehen, was sie lesen. Und noch entscheidender: Ihnen ist oft gar nicht bewusst, dass sie es nicht verstehen. Dieses Nicht-Können und Nicht-davon-Wissen hat die Lernforschung als ein Merkmal eines allgemeinen Problems festgestellt: Lernende kennen sich als Lernende - und damit ihren Lernprozess, ihre Lernschwierigkeiten - nicht gut genug. Damit korrespondiert, dass viele Lehrerinnen und Lehrer die individuellen Einzelprobleme ihrer Schülerinnen und Schüler vielfach ebenfalls nicht hinreichend klar erkennen. In der PISA-Studie haben Lehrkräfte nur etwa 11 Prozent der Mädchen und Jungen, die bei den Aufgabenlösungen nicht einmal die Kompetenzstufe I erreichten, auch als "schlechte Leser" erkannt (PISA 2000, Baumert 2001, S. 119). Vielleicht können viele dieser Kinder flüssig lesen - aber offensichtlich verstehen sie nur wenig.
Die fatale Wechselwirkung aus falscher Selbsteinschätzung und Diagnoseproblemen von Lehrkräften ist Grund genug, diesem Doppel-Problem besondere Aufmerksamkeit zu schenken: den Bedingungen für bewusstes, strategisches Vorgehen der Leserinnen und Leser, dem Aufbau von Wort-, Satz- und Textbedeutungen, der Verstehensschulung, der Denkerziehung und den Schwierigkeiten, die sich in all diesen Bereichen stellen.
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| Lesekompetenz - eine Sache der Systematik |
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Der Umgang mit schriftlichem Lernmaterial hat es in sich. Experimente und Untersuchungen in Richtung "Inhaltsverständnis" und "sinnentnehmendes Lesen" haben herbe Ergebnisse erbracht. Abhilfe ist mühsam, aber möglich: über bewusst verlangsamtes, systematisches Durcharbeiten der Texte in einer motivierenden Lernatmosphäre.
Es ist eine Binsenweisheit, dass man sich beim Lesen eines längeren Textes nicht alle Einzelheiten merkt - auch dann nicht, wenn man ihn sorgfältig gelesen und völlig verstanden hat. Aus der Fülle an Informationen müssen vielmehr die Bedeutungsstrukturen herausgearbeitet werden, die den Inhalt gewissermaßen in verdichteter Form repräsentieren. Hubert Markl, ehemaliger Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, sagt es so: "Das Wichigste dabei ist Ausblenden, Weglassen, Unbeachtetlassen, was wertlos ist, im Treibsand der Informationen die Goldkörner der Bedeutung herausfinden, weil sie schwer wiegen im Dahinfließen des Lebens." (Stuttgarter Zeitung, 02.10. 1998)
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| Systematisches Vorgehen im Detail |
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1. Durch das leise Durchlesen des Textes verschafft man sich zunächst einen Überblick. Vor allem bei der Arbeit mit einem schwierigen Text ist es wesentlich, zunächst eine Vorstellung von seinem Inhalt insgesamt zu bekommen. Andernfalls wird die ganze Mühe unvermeidlich in einem Lerndesaster enden: Der Leser ertrinkt in den Details. Auch die Einzelteile eines Puzzles können ja nur richtig angeordnet werden, wenn das Gesamtbild bekannt ist.
2. Im nächsten Schritt werden Fragen an den Text formuliert. Hieraus entsteht später - beim gründlichen Lesen - gewissermaßen eine gezielte Suchhaltung für die Informations-entnahme. Dazu ein kleiner Test.
"An der ersten Haltestelle einer Straßenbahn steigen acht Leute ein. An der folgenden Haltestelle steigen dreizehn Leute zu und vier Leute aus. An der nächsten Haltestelle steigen sieben Leute zu und zwölf Leute aus usw." Die Frage am Schluss lautet dann aber nicht: "Wie viel Personen befinden sich an der letzten Haltestelle noch in der Straßenbahn?" sondern: "Wie oft hat die Straßenbahn gehalten?"
Man sieht, dass dieser Test darauf angelegt ist, jemanden in die Falle zu locken. Gerade an der Mühelosigkeit, mit der das klappt, zeigt sich aber auch: Es kommt entscheidend darauf an, welche Fragen an den Text gerichtet werden. Nur so lässt sich Wesentliches von Unwesentlichem trennen.
3. Nun folgt das gründliche Lesen: den Text durcharbeiten, wichtige Stellen markieren. Es ist notwendig, das "Herausfiltern" des Wesentlichen systematisch einzuüben. Unklare Begriffe schlägt man nach oder lässt sie sich von anderen erklären.
4. Der nächste Arbeitsschritt besteht aus der Aufbereitung des Materials. Die im Text markierten wesentlichen Stellen werden graphisch z.B. in eine Mindmap umgesetzt.
5. Den Abschluss bildet eine Wiederholung in eigenen Worten. Da Informationen im Gedächtnis in Form von Schlüsselbegriffen gespeichert sind, ist es bei der Rekonstruktion von Wissen notwendig, diese Schlüsselbegriffe wieder in Sätze einzubetten. Sonst entsteht leicht die bekannte Situation, dass ein Schüler sich zwar an die Textaussage erinnert, jedoch in Formulierungsschwierigkeiten gerät, wenn er aufgerufen wird. Er kann sich auch selber Wiederholungsfragen stellen.
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| Eine Checkliste für die Schüler |
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Die folgende Kurzform dieser Punkte sollte den Schülern in Form einer Checkliste an die Hand gegeben werden. Sie orientiert sich an der amerikanischen SQ3R-Methode.
Survey : Verschaffe dir einen Überblick!
Lies den Text zuerst zügig als Ganzes. Hierbei kannst du schon feststellen, was dir bekannt ist und worum es insgesamt geht. Liest du später - im dritten Schritt - Abschnitt für Abschnitt, kannst du die Einzelheiten besser in den Gesamtzusammenhang einordnen.
Question : Beachte die vorgegebenen Fragen an den Text - oder stelle eigene!
Lies die Fragen, die dein Lehrer für das Arbeitsblatt oder den Buchabschnitt formuliert hat bzw. die Aufgaben, die am Ende des Textes stehen. Fehlen solche Aufträge, stelle selber Fragen an den Text, dann weißt du, auf was du achten musst. So liest du aufmerksamer.
Read : Lies jetzt gründlich, und zwar mit dem Bleistift in der Hand!
Im zweiten Lesedurchgang nimmst du dir Zeit für jeden einzelnen Abschnitt. Was steht dort inhaltlich? Notiere jeweils einen Schlüsselbegriff. Unterstreichungen und stichwortartige Randnotizen - in eigenen Worten! - halten deine Beobachtungen fest und liefern das Material für den nächsten Schritt. Kläre unbekannte Begriffe.
Recite : Stelle nun die Ergebnisse in graphischer Form übersichtlich und anschaulich zusammen!
Erstelle eine Mindmap. Schreibe also das Thema in die Mitte eines DIN-A 4-Blattes und kreise es ein. Notiere dann alle Schlüsselbegriffe auf "Ästen" (dicke Linien) und die dazu gehörigen Einzelheiten auf "Zweigen" (dünne Linien). Kennzeichne Zusammengehöriges durch Verbindungslinien. Wichtige Stellen solltest du durch Symbole oder Skizzen hervorheben. Nutze auch verschiedene Farben bei der Gestaltung dieser Karte.
Review : Wiederhole nun das Ganze! Sag’s aber in eigenen Worten!
Den Ausgangspunkt für die Wiederholung bildet die Mindmap. Was unklar ist, wird nochmals nachgelesen. Sehr empfehlenswert ist es, den bearbeiteten Stoff laut und in eigenen Worten zu wiederholen. Du könntest ihn z.B. jemandem vortragen. Kommst du dabei ins Stocken, erkennst du deine Wissenslücke. Gleichzeitig ist dies eine gute Übung, um später im Unterricht Fragen beantworten zu können.
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| Arbeiten in der Gruppe: Die Lesekonferenz |
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Ein interessantes und Erfolg versprechendes Lernarrangement, das die strategischen Kompetenzen der Mädchen und Jungen durch dialogisches Lernen schult und trainiert, ist die Lesekonferenz. Auch sie orientiert sich an der SQ3R-Methode. In der Lesekonferenz, in der sich je drei bis vier Schüler zu einer kleinen Gruppe zusammenfinden, können die Teilnehmer (der Klassenstufe entsprechend) z.B.
- Fragen zu Texten klären,
- sich gemeinsam über Texte austauschen,
- Lieblingsstellen bzw. -texte vorstellen,
- Standpunkte diskutieren.
Gleichzeitig eignet sich die Lesekonferenz hervorragend, gemeinsam Texte - im Austausch über vereinbarte Lesestrategien - zu erschließen und dann auf der Metaebene die angewandten Methoden zu betrachten und ihre Zweckmäßigkeit bezüglich des zu bearbeitenden Textes zu prüfen.
Alle Gruppenmitglieder wenden die Strategien an: Sie antworten, fragen ihrerseits, ergänzen, verbessern, klären, fordern Klärungen ein, stellen Hypothesen auf und prüfen - und das viele Male. Dabei geht es um strukturierten und kooperativen Wissensaufbau.
Am besten wird das Muster des strategischen Vorgehens dadurch eingeführt, dass es praktisch "vorgeführt" wird - in der Grundschule ab der 3./4. Jahrgangsstufe oder im Laufe der Sekundarschulzeit. Die Lehrerinnen bzw. Lehrer "spielen" die Rolle der Gruppenleitung, bieten ein Modell der Strategieanwendung und sorgen für Rückblicke auf die Verfahrensweise und unter allen Umständen für anerkennende Rückmeldungen an die Schülerinnen und Schüler.
Die Einbettung des Strategienlernens in eine interaktive Lernform wie die Lesekonferenz fördert gerade bei jüngeren Schülerinnen und Schülern die frühe Anwendung der Strategien bei der individuellen Auseinandersetzung mit Texten.
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| Sich auf den Weg machen: mit dem PISA-Koffer! |
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Das Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) in Berlin hat vielfältige Angebote und Impulse für die Lehrerfortbildung in einem Koffer zusammengestellt. Er enthält acht Bausteine, unter anderem einführende Texte, Materialien, Aufgaben zur Bearbeitung und exemplarische Schülerarbeiten.
Nähere Informationen zum PISA-Koffer finden Sie auf den Seiten des LISUM. Dort stehen unter der Rubrik "Unterrichtsentwicklung - PISA/Lesekompetenz" auch einige Bausteine online als PDF-Dateien zum Download zur Verfügung.
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