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Erste Stunde: Firma gründen
Lernen in Schülerfirmen
 Jahrelang auf der Schulbank gesessen und gelesen und gelernt und gegrübelt – und dann ins Berufsleben und erstmal heillos überfordert. Die Schule, sie bereite nicht auf das Leben vor, sagen Unternehmer, besonders nicht auf das Wirtschaftsleben: nicht auf das Arbeiten im Team und nicht auf das Arbeiten aus eigenem Antrieb – und schon gar nicht darauf, Buch zu führen oder Bilanzen zu schreiben. Schülerfirmen wollen diese Lücke schließen. Hier sollen Schüler einen kleinen Betrieb erdenken, aufbauen und führen. Anfang der neunziger Jahre gab es eine Handvoll, heute gibt es tausende Schülerfirmen in Deutschland – mit den unterschiedlichsten Geschäftsideen, von A wie Agentur bis Z wie Zoo.
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| Kleiner Kiosk – große Verantwortung |
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Die Last der Selbstständigkeit wiegt manchmal schwer: „So ein eigenes Unternehmen, das kann dich einiges an Nerven kosten. Wenn da mal die Kasse nicht stimmt, dann flattert dir aber das Hemd.“ Die 17-jährige Marina Scholz spricht aus Erfahrung, denn sie ist Geschäftsführerin von „Spinning Papers“, einer Schülerfirma an der Theodor-Haubach-Oberschule in Berlin. „Spinning Papers“ betreibt einen kleinen hellblauen Kiosk, der in den großen Pausen Snacks und Schulhefte verkauft. Für ihre Lehrer, für eine Musikschule und eine Buchhandlung binden die Angestellten von „Spinning Papers“ außerdem Hefte und Broschüren und drucken Visitenkarten und Schilder. „Die Angestellten“, das sind die Schüler der 10. Klasse, die Schülerfirma ist ein Projekt im Fach „Arbeitslehre“. Zwei Stunden pro Woche sind Pflicht, den Rest der Zeit arbeiten die Schüler in ihrer Freizeit: Einkaufen im Großhandel, Webseite erstellen, auf Firmenmessen gehen, und natürlich: in den Pausen den kleinen hellblauen Kiosk öffnen. Verkaufsschlager: Wassereis.
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| Zwischen Aktienkurs und Werbestrategie |
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„Education for Enterprise“ – die Idee der Schülerfirma stammt aus Großbritannien und wurde dort bereits vor 30 Jahren erdacht. In Deutschland gibt es seit Anfang der neunziger Jahre Schülerfirmen, inzwischen sind es tausende, von der Förderschule bis zum Gymnasium. Das Prinzip: Schüler überlegen sich eine Geschäftsidee, entscheiden sich für eine Unternehmensform – ob Aktiengesellschaft oder Gesellschaft mit beschränkter Haftung, ob Genossenschaft oder Verein – und für eine Firmenstruktur. Sie eröffnen ein Konto, machen Werbung für ihre Idee, verkaufen ihre Produkte und schreiben am Ende des Jahres einen Geschäftsbericht, zahlen Dividende oder einen Ausflug für alle Mitarbeiter. Schülerfirmen sind keine realen Firmen, sondern pädagogische Projekte, die von einem Lehrer begleitet werden. Sie orientieren sich jedoch an der Arbeitsweise von richtigen Unternehmen. „Spinning Papers“ zum Beispiel hat zwei Geschäftsführer, eine Einkaufs- und eine Verkaufsabteilung, eine Sektion für Werbung und eine für Finanzen, eine Dienstleistungsabteilung, die heftet, und eine Büroabteilung, die Rechnungen schreibt und mahnt. Schülerfirmen können Teil des Unterrichts sein – so von Arbeitslehre-Stunden – oder eine nachmittägliche Arbeitsgemeinschaft. In der Regel stammen die jüngsten Arbeitnehmer etwa aus der 6. Klasse. In einer Schule in Mecklenburg-Vorpommern aber sind bereits die Zweit- und Drittklässler einer Grundschule Kleinstunternehmer und versorgen ihre Mitschüler mit Pausenbrot.
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| Unternehmen – aber was? |
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Eine Förderschule betreibt einen Streichelzoo und züchtet Kaninchen und Vögel. Eine Schülerfirma aus Nordrhein-Westfalen stellt Solarradios her. Das Berliner Unternehmen „Schwitters Art“ verkauft Bilder und Skulpturen, die im Kunstunterricht der Schule entstehen. Die Schüler entwickeln reiche Ideen, was sie in ihrem kleinen Unternehmen anbieten wollen. Dabei verkaufen sie häufiger Dienstleistungen als Produkte. Vor allem Caféterias oder Schulkioske sind bei Schülerfirmen beliebt, aber auch Internetcafés, Web-Agenturen oder Reiseunternehmen. Ein Schüler-Reisebüro in Sachsen organisiert seit über zehn Jahren die Klassenfahrten der Mitschüler. Bis eine gute Geschäftsidee geboren ist, kann allerdings so manche Stunde ins Land gehen, denn da will einiges bedacht sein: Wer könnten die Kunden sein? Ist das Produkt saisonabhängig? Gibt es gesetzliche Bestimmungen, wie Hygienevorschriften, die wir beachten müssen? Machen wir damit womöglich einem kommerziellen Anbieter Konkurrenz? „Bei einigen Treffen saßen wir auch mal eine Stunde lang grübelnd und schweigend da“, berichtet Eckhard Ernst, Lehrer und Betreuer von „Schwitters Art“, über die Phase der Firmengründung. Heute stellt „Schwitters Art“ Bilder in Arztpraxen und Cafés, in Seniorenheimen und im Rathaus aus und verkauft die Kunstwerke, für 30 bis 40 Euro das Stück – das Nachdenken hat sich also gelohnt.
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| Zurückhaltung – oberste Lehrerpflicht! |
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„Ich fühle mich hier immer wie eine richtige Verkäuferin in einer Drogerie“, sagt die 17-jährige Yasmina Krause zufrieden. Sie steht im Kiosk von „Spinning Papers“ und verkauft Müsliriegel und Tintenkiller, Schokolade und Hausaufgabenhefte, immer mittwochs, da ist sie dran. Yasmina weiß, dass die Kundin aus der 11. Klasse immer den Müsliriegel mit Bananengeschmack kauft und sie hat den Preis für Spiralblöcke im Kopf. Der schmale, schnupfende Junge vor ihrer Theke bekommt zum Wassereis ein Taschentuch dazu – das gibt‘s gratis. „Die Schüler betreiben das mit viel Energie“, sagt Lehrerin Ulrike Kaufmann, die die „Spinning Papers“ seit vier Jahren betreut. Die Jungen und Mädchen organisieren die Belegschaft für den Kiosk selbst, das klappt, an Verkaufspersonal mangelt es nie. Sie lernen, die Mehrwertsteuer zu berechnen und Geschäftsbriefe nach DIN-Norm zu schreiben, sich auf Messen zu präsentieren und Geschäftstelefonate zu führen. Sie lernen, sich in einer großen Gruppe zu einigen und Verantwortung zu tragen. Sie lernen, sich selbst und ihren Fähigkeiten zu trauen. Und Ulrike Kaufmann? Sie hat gelernt, sich zurückzuhalten. Das war am Anfang nicht einfach, schließlich läuft das Konto des Projekts auf ihren Namen. Aber die Jungen und Mädchen der Hauptschulklasse haben sie beruhigt. Die Firma macht Gewinn, sie können sich eine neue Uhr kaufen für den Kiosk und am Ende des Jahres den Mitarbeitern eine kleine Prämie bezahlen, vielleicht 20 Euro für jeden. „Wenn ich mich am Anfang geweigert hätte, Wassereis zu verkaufen, weil das ungesund ist, dann wären die Schüler enttäuscht gewesen und hätten sich nicht so engagiert“, sagt Ulrike Kaufmann. Und dann wäre „Spinning Papers“ heute ohne Verkaufsschlager.
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| Für eine Schülerfirma nehme man... |
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„Jetzt tragt Ihr den Kapitalismus auch noch in die Schulen“, war eine Kritik, als die ersten Schülerfirmen in Deutschland auftauchten. Und: „Die Schüler haben ja gar keine Zeit mehr für Hobbys, wenn sie in ihrer Freizeit auch noch Unternehmen führen.“ Doch diese kritischen Stimmen sind leiser geworden, die Projekte zeigen: Die Schüler arbeiten gerne zusammen und lernen in ihren kleinen Unternehmen eher ein Mit- als Gegeneinander. Und vielleicht bildet sich ja in der ein oder anderen Schulfirma auch mal ein Betriebsrat oder eine Gewerkschaft. Damit die Schülerfirma ein Erfolg wird, sollte sie von der Schulleitung als Schulprojekt anerkannt werden. Außerdem muss die Schülerfirma darauf achten, dass ihr Gewinn nicht über 3.835 Euro und der Umsatz nicht über 30.678 Euro im Geschäftsjahr liegt – sonst wird aus dem Schulprojekt doch noch ein Gewerbe. Nützlich wäre überdies, wenn die Schülerfirma einen eigenen abschließbaren Raum und eine pfiffige Geschäftsidee hätte. Das mit dem Wassereis ist nämlich auch so eine Sache. Läuft nur im Sommer. Für den Winter denken die „Spinning Papers“ jetzt über warmen Milchreis nach.
Antworten auf alle Fragen rund um die Schülerfirma finden Lehrer und Schüler bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Sie berät und hilft bei der Anschubfinanzierung:
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