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Vorbeugen - Einschreiten
Professionell Gewalt unterbinden
 Was können Schulen und Kollegien tun, um Gewalt unter Schülern zu unterbinden und gravierenden Vorfällen vorzubeugen? Unser Beitrag stellt ein erprobtes Präventionskonzept vor.
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| Umgang mit Gewalt an Schulen: gravierende Vorfälle |
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Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der gewaltbereiten Schülerinnen und Schüler nicht zugenommen hat: Drei bis fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler waren und sind zu gewalttätigen Handlungen bereit. Sicher ist aber auch, dass sich die Qualität von Gewalt an Schulen verändert hat. Dazu ein Beispiel aus Niedersachsen. Die Bezirksregierung Hannover wurde seit Mitte 2003 bei der Bearbeitung folgender Gewalttaten um Hilfe gebeten:
2003 Morddrohung gegen eine Lehrkraft (Gymnasium) 2003 Messerstecherei auf dem Schulhof (Realschule) 2003 Morddrohungen gegen Lehrende und Lernende (Kolleg) 2004 Zwei schwere Gewalttaten (Berufsbildende Schulen) 2004 Messerstecherei (Hauptschule) 2004 Schwere Gewalttat (ländliches Schulzentrum) 2004 Lebensbedrohung einer Lehrkraft (Schulzentrum) 2004 Selbstmord eines Schülers (Gymnasium) 2004 Selbstmord eines Schülers (Hauptschule) 2004 Mordverdacht gegen Schüler (Hauptschule).
Das schulpsychologische Notfallteam intervenierte seit 2003 in derartigen schulischen Ausnahmesituationen im Regierungsbezirk. Notfallpsychologie half, posttraumatische Belastungsstörungen nach erschütternden Ereignissen zu bewältigen. Das Angebot wird derzeit für das gesamte Land Niedersachsen erweitert und vereinheitlicht.
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| Umgang mit Gewalt an Schulen: alltägliche Erfahrungen |
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Aber auch in weniger gravierenden Fällen, im Rahmen des alltäglichen Unterrichts, müssen sich Lehrkräfte diesem Thema stellen. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Schuljahr 2002/2003, siebte Klasse, Gymnasium.
Schon die Frage, was man denn unter Gewalt zu verstehen habe, führte die Beteiligten - Schüler, Lehrer, EItern – in eine heftige Auseinandersetzung.
Mathias (Name geändert) hat im Flur vor dem KIassenraum Felix in den Schwitzkasten genommen und den Jungen anschließend zu Boden geworfen. Eine Lehrerin, die darauf zukommt und ihn an die Hausordnung erinnert, kontert er mit einer Gegenfrage: „War doch nicht schlimm, oder?“ Dass sie ihn ermahnt, stößt bei ihm auf völliges Unverständnis.
Er drangsaliert in den folgenden Stunden mehrfach Mitschüler, schubst sie im Vorbeigehen, knufft und rangelt. Der Klassenlehrer erwähnt diese Problematik am ersten Elternabend der siebten Klasse. Ohne Namen zu nennen, schildert er typische Vorfälle, in die neben Mathias zwei weitere Schüler verwickelt sind. Das Gespräch verläuft ruhig und sachbezogen. Der Vorschlag des Lehrers, zum einen weiterhin die Schülerinnen und Schüler an die Hausordnung zu erinnern und zum anderen die Eltern der drei Jungen schriftlich zu informieren, findet eine klare Mehrheit.
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| Ein Brief trifft ein |
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Eine knappe Woche, nachdem die Schreiben an die Eltern hinausgegangen sind, erhält der Klassenlehrer Post von Mathias’ Eltern. Sie schreiben unter anderem: „Mit Erstaunen und Befremden haben wir Ihr Schreiben zur Kenntnis genommen. Wenn man Ihren Darstellungen beim Elternabend Glauben schenken darf, so sind Ambulanz und Notarzt in Ihrer Klasse Stammkunden.
Nach Darstellung unseres Sohnes handelt es sich bei den von Ihnen angeprangerten Gewalttätigkeiten um für diese Altersgruppe typische Auseinandersetzungen. In Gesprächen mit anderen Eltern wurde uns bestätigt, dass Mathias sich nicht so verhält wie von Ihnen geschildert. Einen Tag nach dem Elternabend gab es in der Klasse eine Aussprache. Eigenartigerweise hat sich dort kein Mitschüler, ebenso keine Mitschülerin über unseren Sohn beschwert.“
In zwei weiteren Unterredungen - Schulleiter, Mathias mit seiner Mutter, Klassenlehrer - stoßen die unterschiedlichen Sichtweisen erneut aufeinander. „Das ist doch nicht schlimm, das ist doch bloß alterstypisches Rangeln.“ – „Das ist als eine Form von Gewaltanwendung an unserer Schule nicht gestattet.“
Die Schwierigkeiten ziehen sich über das gesamte Schuljahr hin. Möglich, dass ein systematisches Präventionsprogramm eher für Abhilfe gesorgt hätte.
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| Abhilfe: rechtzeitiges, planvolles Einschreiten |
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Der Kölner Schulpsychologe Albert Zimmermann fasst seine langjährigen Erfahrungen mit solchen Programmen in ein paar „Grundaussagen“ zusammen:
- Gewalt kann man erklären, aber nicht entschuldigen!
- Wegsehen ist „unterlassene Hilfestellung“ und damit strafbar!
- Solange der Gewalttäter seine Ziele durch Gewaltanwendung sicher, leicht und für ihn ungefährlich erreicht, besteht für ihn kein Anlass, sein Verhalten zu ändern!
- Wer einen Gewalttäter schont, schlägt dem Opfer ins Gesicht!
- Wer als Lehrer regelmäßig 5 Minuten zu spät zum Unterricht erscheint und die Klasse ohne Aufsicht lässt, hat kein Recht, sich über Gewalt zu beklagen.
- Spaßkämpfchen sind nur für die Überlegenen spaßig!
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| Veränderungen als gemeinsames Anliegen |
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Allerdings bilden für Zimmermann eine gut funktionierende Schule, ein guter Unterricht und eine intensive kollegiale Zusammenarbeit die unverzichtbare Grundlage vor allen detaillierten Maßnahmen und Regelungen. Als Voraussetzungen des Erfolgs nennt er die folgenden Punkte:
- Es gibt in der Schule verbindliche Regeln und Absprachen, an die sich alle halten, auch die Lehrerinnen und Lehrer.
- Es gibt eine wahrnehmbare Schulidentität, die das Wirgefühl unterstützt; der Schulleiter, die Schulleiterin ist eine starke Integrationsfigur.
- Gewalttätiges Verhalten wird nicht ignoriert, sondern sofort mit einer Reihe gestaffelter Sanktionen/Maßnahmen beantwortet.
- Die Lehrerinnen und Lehrer sind sich ihrer Verantwortung als Verhaltensmodelle und Verhaltenstrainer bewusst und üben daher Selbstdisziplin.
Gewalt ist für den Autor ein gelerntes Verhalten; also muss ein Umlernprozess in Gang gesetzt werden. Dazu ist Einsicht als Voraussetzung nicht erforderlich. Entscheidend kommt es vielmehr darauf an, dass Gewalt nicht zum gewünschten Ziel führt und dass das Verhaltensrepertoire um erfolgreiches, nicht gewalttätiges Verhalten erweitert wird.
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| Der Erfolg hat einen Namen: das „Präventionskonzept Buddy“ |
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Als systematische Maßnahme zur Gewaltprävention empfehlen wir ein Projekt, das den aktiven Einsatz der Schülerinnen und Schüler für ihre Schule fördert, auf einen hohen Multiplikatoreneffekt setzt und bisherige Ergebnisse aus entsprechenden Konzepten in einem Handlungsentwurf zusammenfasst, ohne zusätzIiche Unterrichtszeit in Anspruch zu nehmen. Den Kern dieses Projekts bildet eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern („Buddys“ = Schulfreunde, Kameraden), die besondere Verantwortung für das soziale Klima an ihrer Schule übernehmen will. Jeweils eine Schülerin oder ein Schüler aus jeder Klasse kommt in die Buddy-Gruppe. Die Gruppe arbeitet über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren zusammen und wird von einer Lehrerin oder einem Lehrer („Coach“, Trainer, Vertrauensperson) betreut.
Buddys unterstützen und beraten Schülerinnen und Schüler und vermitteln in Krisensituationen. Ein solches Prinzip basiert auf der Erkenntnis, dass Kinder und Jugendliche, insbesondere bei der Entwicklung von Sozialverhalten, sehr stark von Gleichaltrigen beeinflusst werden. Der klassische, in deutschen Schulen erprobte Ansatz ist der Einsatz von Buddys als Tutoren. Sie können z.B. die neu ankommenden Schülerinnen und Schüler der fünften Klassen in den weiterführenden Schulen begleiten. Hierzu gehören die Gestaltung von Einführungstagen, die Betreuung von neuen Klassen und das Angebot von Ansprechpartnern für schwierige Situationen in der noch fremden Schule.
Buddys dienen ihren Mitschülerinnen und Mitschülern aber auch als möglicher Ansprechpartner in persönlichen Notlagen, z.B. wenn ein Mädchen oder ein Junge sich bei Mobbing, bei aggressiven Auseinandersetzungen oder bei häuslichen Schwierigkeiten nicht traut, direkt Kontakt zur Lehrkraft aufzunehmen.
Ausgehend von einem optimistisch-positiven Menschenbild werden die Bedürfnisse der Lernenden und ihrer Lehrkräfte im Prozess der Erziehung in gleicher Weise akzeptiert. Die Kommunikation zwischen Lernenden und Lehrpersonen geschieht im Bewusstsein persönlicher Verantwortung und gegenseitiger Wertschätzung und dient damit der Stärkung der Kinder und Jugendlichen.
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