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Lerninitiativen - Selbsthilfe von unten

blank Dem selbstorganisierten Unterricht wird die Zukunft gehören, weil eine zentrale Forderung unserer Tage lautet, das kreative Potenzial der Schülerinnen und Schüler zu wecken und zu fördern, zugunsten einer erhöhten Motivation und verbesserter Lernergebnisse. Eine Reihe von Lerninitiativen sind als schnelle Reaktion auf Missstände an Schulen entstanden. Die angeschobenen Projekte sind ein Anfang. Damit ihnen kein Platz auf dem großen Friedhof der Schulversuche beschieden ist, müssen sie fest verankert und didaktisch sinnvoll konzipiert werden.


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Pädagogische Praxis  
Wer sich selbst als wirksam erlebt, als Verursacher des Geschehens oder wenigstens einer Teilaktivität (und nicht als Rädchen im Getriebe), der wird Zufriedenheit verspüren, Stolz auf die eigene Leistungsfähigkeit empfinden und eine hohe Arbeitsmotivation für künftige Aufgaben entwickeln. Die Schule sollte dieses menschliche Grundmotiv, das Interesse an der Selbstwirksamkeit, als Fundament ihrer Bemühungen nutzen, den Schülerinnen und Schülern einen zeitgemäßen Unterricht anzubieten. Sie kann darauf hoffen, sich damit für eine Grundlage entschieden zu haben, die für nachhaltige Effekte sorgt, von der Ausgangsmotivation bis zur Präsentationsphase der Ergebnisse. Das überlieferte Beschulungsmuster des „(Be)Lehrens“ und des „Vermittelns“ verleitet die Mädchen und Jungen dazu, der Dinge zu harren, die vom Lehrer kommen. Sie lernen, die eigene Verantwortung für das Lernen sozusagen an der Garderobe abzugeben. Der internationale Pisa-Verantwortliche Andreas Schleicher fordert deshalb: „Schüler müssen in die Lage versetzt werden, ihre eigenen Ziele zu bestimmen, ihr Lernen selbst zu organisieren, Lernfortschritte zu bewerten und ihre Lernstrategien sich verändernden Bedürfnissen anzupassen". Die moderne pädagogische Praxis sieht dementsprechend a) den Lehrer als Betreuer und Organisator, der den Lernprozess individualisiert, aktivierende, auf eigenes Handeln angelegte Arbeits- und Lernformen wählt bzw. vorstellt und die fächerübergreifende Herangehensweise bevorzugt (ermöglicht). b) den Schüler als jemanden, der selbständig und selbstverantwortlich agiert und der deshalb mit den unterrichtlichen Themen (Problemen) selbstbestimmt umgehen kann, motiviert wird durch seine Leistungen, die er aufgrund eigener Entscheidungen erreicht hat und über eine hinreichende Beurteilungskraft verfügt, die Ergebnisse seines Tuns angemessen (sachorientiert) einzuschätzen. c) den Unterricht als Stätte des respektvollen, vertrauensvollen Umgangs miteinander, bei dem die Fragen der Beurteilung zunehmend vom Lehrer auf den Schüler übergehen (Selbsteinschätzung des Erreichten), die Charakterisierung der Leistung vom individuellen Lernfortschritt her erfolgt (und nicht aufgrund der Leistungen anderer relativiert oder völlig bestimmt wird) und überholte, kontraproduktive Vorgaben des staatlichen Schulwesens außer Kraft gesetzt sind (Ziffernbeurteilung, Stoffkataloge, veraltete Methoden, unangemessene Prüfungs- und Bewertungsmodalitäten).
Selbsthilfe von unten  
Aus der Summe dieser Einzel-Punkte ergibt sich das Profil des selbstbestimmten, selbstorganisierten Unterrichts. Ihm wird die Zukunft gehören, weil eine zentrale Forderung unserer Tage lautet, das kreative Potenzial der Schülerinnen und Schüler zu wecken und zu fördern, zugunsten einer erhöhten Motivation und verbesserter Lernergebnisse. Der neue Ansatz kann aber auch aus der Wahrnehmung der Schüler einige Attraktivität entfalten, sehen sie doch die Planung, Durchführung, Überprüfung und Bewertung der selbstbestimmten Vorhaben in die eigenen Hände gelegt. Und es tut sich etwas im Land. Eine Reihe von Lerninitiativen sind als schnelle Reaktion auf Missstände an Schulen entstanden, eine „Erfolgsgeschichte. Bitte weiterschreiben!“ wie die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ in der Ausgabe 20/2003 titelte. Universitäten, Forschungseinrichtungen, Science Center und Wirtschaftsunternehmen bieten Lernpartnerschaften an. Einige Stichwörter aus der Forschung zum Anfassen, Verstehen und Ausprobieren: „IMPRESS“, „TheoPrax“, „Sinus“, Lernort Labor“. In verschiedenen Schulen werden derzeit ähnliche Modelle für einen praxisnahen Unterricht erprobt. Aufgeschreckt vom dramatischen Nachwuchsmangel, insbesondere in den Naturwissenschaften, haben Lehrer, Wissenschaftler und Unternehmer der täglichen Langeweile im Klassenzimmer den Kampf angesagt. Statt dröger Fakten wollen sie den Schülern Begeisterung am eigenen Denken vermitteln. Statt über Technikfeindlichkeit zu lamentieren, lassen sie die Jugendlichen in "Mitmachlaboren" forschen. Und statt auf die große Bildungsreform von oben zu warten, setzen sie auf unkonventionelle Ideen und Selbsthilfe von unten.
Lernen ist aufregend  
„Wir wollen, dass die Kinder unabhängig Lernende werden, frühzeitig eine Einstellung zum Lernen entwickeln, begreifen, dass Lernen aufregend ist“, erklärt Jane Taylor, die Leiterin des Programms an der Internationalen Schule in Starnberg bei München. Der Werkstoffkundler Peter Exerer, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie im badischen Berghausen und Vater von sieben Kindern, hat vor einigen Jahren das Lehrkonzept „TheoPrax“ entworfen. Sein Anliegen war, die Kluft zwischen Schule, Wissenschaft und Berufswelt zu überbrücken. Wie das Ganze im Einzelnen funktioniert, soll das „Beispiel Pfizer“ verdeutlichen. Dieser Pharmabetrieb, der mit einer Ludwigshafener Schule kooperiert, hatte die Schülerinnen und Schüler mit einer Umfrage zum Arzt-Patienten-Verhältnis beauftragt: - „Was bestimmt den ersten Eindruck in der Praxis, worauf achten die Patienten?“ - „Was ist ihnen im Gespräch mit dem Arzt wichtig?“ Zu entwickeln war ein Fragebogen, die statistische Auswertung musste abgesprochen und die fachmännische Präsentation der Ergebnisse bei Pfizer organisiert werden. Sowohl der Auftrag als auch das in Aussicht gestellte Honorar signalisierten den Echtheits- und Wirklichkeitscharakter der Unternehmung. Das weckte bei vielen – bisher verborgene – kreative Fähigkeiten und eine starke Arbeitsmotivation, denn ein solches Interesse an ihrer Arbeit und die Anerkennung per Honorar hatten sie vorher noch nicht erleben können. Und auch bei Pfizer war man höchst zufrieden, brachte doch die umfangreiche Studie zum Teil offenere Antworten (gewonnen aus dem Bekanntenkreis der Mädchen und Jungen), als professionelle Interviewer sie erhalten hätten. Es gibt beeindruckende Aussagen von Schülern, die an Lerninitiativen beteiligt sind sind. So heben sie zum Beispiel anerkennend hervor, - „dass man selbst die Versuche machen konnte und so das ganze Thema gut verstanden hat“, - „dass alles sehr veranschaulicht wurde, es einfache Erklärungen gab, die zum Teil selbst durch uns herbeigeführt wurden.“
Ein weit reichendes Fundament  
Die jetzt angeschobenen Projekte sind ein Anfang. Damit ihnen kein Platz auf dem großen Friedhof der Schulversuche beschieden ist, müssen sie fest verankert werden, denn... „Nicht jedes gut gemeinte Kooperationsprojekt führt zum Erfolg, nicht jeder Laborbesuch lässt gelangweilte Schüler zu Nachwuchsgenies mutieren. Oft machen sich die Kooperationspartner zu wenig Gedanken darüber, wie sich ihre Aktivitäten mit dem normalen Curriculum verknüpfen lassen. Trifft eine Schulklasse auf einen besonders charismatischen Forscher, der sie einen Nachmittag oder ein Wochenende lang mitreißt, ist die Gefahr groß, dass der übliche Unterricht danach erst recht lebensfern wirkt." So sagt es Ulrich Schnabel in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ (27/2001). „Viele Initiativen sind didaktisch etwas unbeleckt", formuliert es vorsichtig Manfred Prenzel, der Direktor des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel. Noch fehlt es sowohl an einer systematischen Evaluation der einzelnen Projekte als auch am Erfahrungsaustausch untereinander. „Da erfindet jeder das Rad noch einmal neu", diagnostiziert Manfred Euler vom IPN. Die meisten Initiativen arbeiten lokal eng begrenzt, nur wenige Programme - wie etwa TheoPrax oder NaT-Working - haben ein breites Themenspektrum und sind überhaupt in der Lage, Vergleiche zwischen ihren Projekten anzustellen. Koordinatoren wie Ingrid Wünning betonen, dass nur dauerhafte Partnerschaften zwischen Schulen und Forschern die Lehrer wirklich entlasten. "Oft erleben wir Strohfeuer - das bringt gar nichts", sagt auch TheoPrax-Gründer Peter Eyerer. Die Projekte müssen in den Unterricht eingebettet sein, brauchen Zeit für Vor- und Nachbereitung. der von Unionspolitikern angedrohte Ausstieg aus der gemeinsamen Bildungsplanung von Bund und Ländern bedroht die Lerninitiativen. Da die Reform des Unterrichts aber mehr bewirkt als der Kampf gegen Stundenausfall oder für Ganztagsschulen, sind die Kultusminister jetzt am Zuge, ein Zeichen zu setzen: für die Absicherung und den Ausbau des Erneuerungsprozesses, der in den angesprochenen Lerninitiativen über ein weit reichendes Fundament verfügt.
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