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Blickpunkt Bildung
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Kopieren statt Kapieren?
Vom Umgang mit Plagiaten

blank Brecht hat es getan, Shakespeare hat es getan – und immer mehr Schüler tun es: Sie geben fremde Texte als ihre eigenen aus. „Plagiate“ nennt man das und nicht nur Uni-Professoren, sondern auch Lehrer kämpfen damit. Denn im Internet finden Schüler fertige Texte zu fast jedem Fach und jedem Thema – von Antigone bis Zwölftonmusik. Einfach kopieren, den eigenen Namen darüber schreiben und fertig ist das Referat. Doch nicht immer merken Lehrer, wenn sie es mit Plagiaten zu tun haben. Der Online-Lehrgang "Fremde Federn finden" unterstützt Sie beim Erkennen von Plagiaten.

link_arrow_down Die guten Worte eines anderen link_arrow_down Die Plage mit den Plagiaten
link_arrow_down Den Tätern auf der Spur link_arrow_down Zwischen Klau und Quelle
link_arrow_down Kopiert heißt noch nicht kapiert link_arrow_down Fremde Federn finden

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Die guten Worte eines anderen link_arrow_top 
Welch hübscher Satz, welch kluge Pointe! Manchmal wundert sich Jürgen Keßler, welche bestechende Leistungen seine Zehntklässler in ihren Referaten doch so erbringen. Und dann geht Keßler an seinen Computer und sucht ein wenig im Internet - nach dieser Formulierung und nach jenem Satz. Und stellt fest: Die guten Worte, sie wurden von einem anderem erdacht – sein Schüler hat das Referat lediglich aus dem Internet kopiert. „Für mich ist das ein Täuschungsversuch, der Schüler bekommt eine 6“, sagt Keßler, Lehrer für Englisch, Geschichte und Gemeinschaftskunde am Gymansium im Hamburger Stadtteil Hummelsbüttel. In der zehnten Klasse lässt er seine Schüler im Englischunterricht eine längere Präsentation schreiben, über amerikanische Geschichte, über den Vietnamkrieg oder die Prohibition. Gut ein Drittel seiner Schützlinge, so schätzt Keßler, mache sich dabei nicht die Mühe, Fakten zusammenzutragen, neu zu denken, selber zu formulieren, sondern übernähme einfach Texte aus dem Netz – zerschnitten oder am Stück.
Die Plage mit den Plagiaten link_arrow_top 
Seit etwa fünf Jahren beobachtet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vermehrt solche Täuschungsversuche mit Internetplagiaten, sagt Sigrid Baumgardt von der GEW Berlin – seit immer mehr Schüler einen PC und immer mehr Schulen einen Computerraum haben. Konkrete Daten über die Anzahl von Plagiatsversuchen an deutschen Schulen gibt es indes nicht. Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2001 befragte 4.500 High-School-Schüler und fand heraus: Internet-Plagiarismus ist dort Alltag. Über die Hälfte der Schüler gab zu, zumindest Textteile aus dem Internet kopiert zu haben, ohne die Quelle anzugeben – 15 Prozent der Befragten sagten gar, sie hätten ein ganzes Referat mehr oder minder heruntergeladen und als das ihre ausgegeben. Der Schwindel mit den Netz-Werken beginnt auch in Deutschland früh, meint Baumgardt, bereits in der fünften, sechsten Klasse. Ein Problem sei das vor allem bei mündlichen und schriftlichen Referaten und bei Hausaufgaben, kaum bei Klausuren. Im Internet hat sich ein munteres Treiben mit den schreibfaulen Schülern entwickelt: www.fundus.org oder www.schuelerweb.de heißen Seiten, auf denen sie nach Referaten suchen können. Angebote wie „hausarbeiten.de“ oder „referate.de“ bieten gar Texte gegen Geld. Doch nicht an allen Schulen scheint die Plagiat-Plage angekommen zu sein. Während für Lehrer wie Jürgen Keßler die Suche nach geklauten Texten Routine ist, sagen andere Gymnasien wie die Herder-Oberschule in Berlin: Plagiate – kennen wir nicht. Was nicht allein an den braven Schülern liegen mag, sondern auch an der Unkenntnis mancher Lehrer, Plagiate als solche zu erkennen – und nachzuweisen.
Den Tätern auf der Spur link_arrow_top 
Da beherrscht ein Schüler plötzlich den Konjunktiv oder er macht in manchen Absätzen der Hausarbeit keinen einzigen Rechtschreibfehler mehr. Auch Textpassagen in einer anderen Schriftart oder Absätze, die viel schmaler sind als der übrige Text, lassen Jürgen Keßler aufmerken: Hier könnte der Schüler einfach Blöcke aus dem Netz kopiert haben. Dann gibt Keßler ganze Sätze oder auch auffällige Worte des Referates in der Internet-Suchmaschine „Google“ ein – und stößt meist schnell auf den Originaltext, den der Schüler verwendet hat. Manchmal sucht er auch gezielt bei Internet-Angeboten wie „hausarbeiten.de“, wo man für viele Referate bezahlen muss – „das gönn‘ ich mir dann schon mal“, so Keßler – selten vergebens. „Mein Verdacht ist in 95 Prozent der Fälle richtig.“ Wenn er eine Stelle in einer Arbeit als Plagiat erkannt habe, lese er gar nicht mehr weiter, „dann gibt es gleich eine 6“. Die betreffenden Schüler nähmen das Urteil meist ohne Murren hin – denn Keßler hat ihnen vorher erklärt, was ein Zitat und was ein Plagiat ist, was wissenschaftliches Arbeiten ist und was Betrug.
Zwischen Klau und Quelle link_arrow_top 
„Aus einem Buch abschreiben, ist ein Plagiat, beim zweiten beginnt die Forschung“, hat der englische Dichter John Milton einst gesagt. Das zeigt: Es ist ein schmaler Grat dazwischen, geistiges Eigentum zu klauen oder es als Quelle zu benutzen. Jürgen Keßler spricht deswegen im Unterricht ausführlich mit seinen Schülern darüber, wie man mit fremden Texten umgeht: dass man Fußnoten setzt, wenn man jemanden wörtlich zitiert. Dass man auf den Autor verweist, wenn man Gedankengänge übernimmt. Dass die eigene Leistung darin besteht, aus verschiedenen Quellen Neues zu schaffen. „Meine Schüler wissen, dass nichts dagegen spricht, jemanden zu zitieren, der etwas Tolles gesagt hat – solange sie die Quelle angeben“, sagt Keßler. Wer dies als Lehrer nicht thematisiere, müsse allerdings damit rechnen, dass bei den Schülern kein Unrechtsbewusstsein vorhanden sei und Schüler denken: „Wieso, ich hab doch bloß recherchiert!“
Kopiert heißt noch nicht kapiert link_arrow_top 
Nicht alle Lehrer sind so strikt wie Jürgen Keßler. An anderen Schulen ist man froh, wenn die Schüler überhaupt auf die Idee kommen, im Internet zu recherchieren. So sagt Thomas Schumann, stellvertretender Schulleiter der Ernst-Schering-Oberschule im Berliner Stadtteil Wedding: „Wir haben hier eher das Problem, dass die Schüler sich gar keine Gedanken über ihre Hausaufgaben und Referate machen.“ Die Recherche im Internet sei da schon ein erster Schritt, ein erster Lernerfolg. Und wenn ein Schüler dann einen geklauten Text vortrage, müsse er ja zumindest einen Teil davon begriffen haben – „und das ist ja auch schon eine eigene Leistung“. Wenn allerdings Schüler Texte nur kopierten und gar nichts kapierten, sei das sehr ärgerlich und man ginge dagegen vor, so Schumann. Er sieht in Plagiaten ein Problem, das die Lehrer in den kommenden Jahren begleiten wird. „Da überrollt uns etwas, auf das wir nicht unbedingt vorbereitet waren.“
Fremde Federn finden link_arrow_top 
Jürgen Keßler hat sein Wissen über Internet-Plagiate von Kollegen – „die informelle Schulung im Lehrerzimmer“ – und von seinem Sohn. „Der ist ein Internetspezialist und erzählt mir immer das Neueste“, sagt Keßler. „Dabei vergisst er wohl manchmal, dass Papa Lehrer ist und alles gleich verwendet.“ Wer nicht auf so versierte Kinder und Kollegen zurückgreifen kann wie Keßler, hat die Möglichkeit, in einem Online-Lehrgang das Wichtigste über Plagiate aus dem Netz zu lernen. Unter http://plagiat.fhtw-berlin.de/ hat die Berliner Professorin Debora Weber-Wulff einen Leitfaden für Lehrende zusammengestellt. „Fremde Federn finden“ heißt er und hier erfährt man alles über Plagiate in Kunst, Literatur und Musik, lernt Hausarbeiten-Börsen im Netz kennen und bekommt Informationen, wie man den ersten Verdacht schöpft und wie man ihn erhärtet. An verschiedenen Texten über Ahornsirup, Grasfrösche und die Geschichte des Döner können Lehrer ihre Plagiat-Finde-Fähigkeiten trainieren. Und dann vielleicht auch einmal zu dem erfreulichen Ergebnis kommen: Kein Plagiat, mein Schüler ist wirklich so schlau.
Links zum Thema:


Fremde Federn finden - Online-Lehrgang
http://plagiat.fhtw-berlin.de/
Die Berliner Professorin Debora Weber-Wulff hat einen Leitfaden für Lehrende zusammengestellt. Hier erfährt man das Wichtigste über Plagiate in Kunst, Literatur und Musik, lernt Hausarbeiten-Börsen im Netz kennen und bekommt Informationen, wie man den ersten Verdacht schöpft und wie man ihn erhärtet.

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