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Schülergerichte
Schüler urteilen über gleichaltrige Straftäter

blank Ein Schülergericht, in Deutschland wurde das erste nach amerikanischem Vorbild im Jahre 2000 ins Leben gerufen, besteht aus drei Schülern, die als Richter fungieren. Gemeinsam mit dem Delinquenten, dessen Fall mit Erlaubnis der Staatsanwaltschaft statt vor einem ordentlichen Gericht vor dem Schülergericht verhandelt werden darf, wird von den Schülerrichtern ein angemessenes Strafmaß für die begangene Tat festgelegt.

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Das Gericht link_arrow_top 
Vor einem Schülergericht können nur minderschwere Delikte verhandelt werden. Das sind Vergehen wie Diebstahl, Sachbeschädigung, Unterschlagung, Beleidigung, leichte Körperverletzung oder der Besitz von Marihuana. Liegt eine Anzeige gegen einen Minderjährigen vor, prüft die Staatsanwaltschaft, ob der Fall als minderschwer einzustufen ist. Wenn sie entscheidet, dass der Fall vor einem Schülergericht verhandelt werden kann, gibt sie den Fall an einen Teen Court weiter. Die Fälle können dort nur verhandelt werden, wenn die Tat gestanden wurde und bereits vollständig aufgeklärt ist. Aufgabe der Schülergerichte ist es nicht, den Sachverhalt selber zu klären.

Die Angeklagten müssen zwischen 14 und 16 Jahren alt sein. Sind alle Voraussetzungen zur Aufnahme einer Verhandlung erfüllt, bespricht der Betreuer des Teen Court den Fall mit seinen Schülerrichtern. Wenn sie ihn annehmen, wird der Delinquent vor die Wahl Schülergericht oder Jugendgericht gestellt. Niemand kann gezwungen werden, sein Vergehen vor einem Teen Court zu verhandeln. Stimmen der Delinquent und dessen Eltern einer Verhandlung durch das Schülergericht zu, beginnt der Prozess. Schwerere Fälle werden weiterhin vor einem ordentlichen Gericht verhandelt.

Die Schülerrichter können keine Jugendstrafen verhängen. Sie schlagen erzieherische Maßnamen vor, die zusammen mit dem Beschuldigten gefunden werden. Die Teen Courts legen wert auf angemessene Strafen, die mit dem Vergehen oder der Persönlichkeit des Täters in Zusammenhang stehen, damit die Strafe auch eine Wirkung hat. Ein arroganter, reicher, elternhausverwöhnter Missetäter musste drei Wochen in einer Suppenküche für Obdachlose helfen und mit den Obdachlosen zusammen essen. Für ihn demütigend und unangenehm und wahrscheinlich ein nachhaltiges Erlebnis, das er nicht so schnell vergessen wird. Es gibt aber auch Aufsatzschreiben, Verzicht auf einen geliebten Gegenstand – im Zeitalter des am Körper festgewachsenen Telefons sicher ziemlich schmerzhaft-, und Arbeitseinsätze aller Art. Sinnvoll ist auch eine Entschuldigung beim Opfer, was ein schwerer Gang sein kann. Alle Sanktionen sollten der Tat angemessen sein, um eine Wirkung für die Zukunft zu erzielen. Die Staatsanwaltschaft, obwohl sie den Fall nicht selber verhandelt, hält ein wachsames Auge auf die Vorgänge im Schülergericht. Ist die Staatsanwaltschaft mit der Entscheidung ihrer Zweigstelle in der Schule einverstanden, wird der Fall zu den Akten gelegt. Dort bleibt er aber nur, wenn der Delinquent die ihm auferlegte Strafe auch ableistet.
Die Vorbereitung link_arrow_top 
Die Schülerrichter werden aus allen Schulformen rekrutiert und sind 14 bis 18 Jahre alt. In Rollenspielen werden sie von Sozialpädagogen auf ihre Aufgabe vorbereitet. Sie lernen Fragen so zu stellen, dass sie als Antwort nicht nur Ja oder Nein erhalten. Die Grundlagen der Mediation werden ihnen vermittelt, die Fähigkeit, anderen zuzuhören und sich in sie hineinzuversetzen. Juristisches Hintergrundwissen wird von Polizisten und Jungstaatsanwälten vermittelt.
Hintergrund und Ziele link_arrow_top 
In den USA sind die Teen Courts seit den 90er Jahren eine feste Institution. Formal bleibt das Verfahren bei der Justiz. Die von den Schülerrichtern der landesweit 900 existierenden Gerichte verhängten Sanktionen sind oft härter als die, die ein Straftäter vor einem traditionellen Gericht bekommt. Dafür bleibt ihnen ein Eintrag ins Strafregister erspart. In den USA treten die Jugendlichen in Roben gehüllt als Richter auf und lassen sich mit Sir anreden. Andere übernehmen die Aufgaben von Staatsanwalt, Verteidiger und Geschworenen. Ein komplettes Gericht im Mini-Format.

Hierzulande ist vorgesehen, dass sich die jugendlichen Richter und Angeklagten auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam zu einem Urteil gelangen. Im November 2002 startete in Aschaffenburg ein Modellversuch unter dem Namen Wellenbrecher als erstes Projekt dieser Art in Deutschland. Es wird vom bayrischen Staatsministerium der Justiz finanziert. Die Stiftung „Hilfe zur Selbsthilfe“ entwickelte das Konzept und schrieb die Ausbildungsrichtlinien für die Schulungen der zukünftigen Schülerrichter fest. Polizei, Staatsanwaltschaft und Sozialpädagogen arbeiteten zusammen an der Umsetzung des ersten Schülergerichtes. Wissenschaftlich begleitet wird der Versuch von Kriminologen der Universität München. Hinter dem Konzept von Schülergerichten steckt die Tatsache, dass die Beurteilung von Gleichaltrigen einen größeren Eindruck macht, als die Beurteilung durch einen Lehrer oder Richter. Der Einfluss der Peer Group im jugendlichen Alter ist viel größer als der des Elternhauses oder anderer erwachsener Autoritäten. Die Jugendlichen lernen in diesen Gerichtsverfahren, Verantwortung zu übernehmen, füreinander, für ihr Tun und für sich selbst. Das gilt für beide Parteien der Verhandlung. Außerdem ist die Erfahrung, die eigene Wirklichkeit mitzugestalten von großem Wert für die Entwicklung von Selbstvertrauen.
Die Wirksamkeit link_arrow_top 
In Bayern und Hessen werden die Schülergerichte bereits mit Erfolg eingesetzt. In Nordrhein-Westfalen und Hamburg laufen Modellprojekte und in Berlin sind sie im Gespräch. Die jugendlichen Richter sind motiviert und die Beschuldigten nehmen dieses Projekt ebenfalls gut an.

Langzeitbeobachtungen in den USA haben gezeigt, dass 85 % der Verurteilten nicht noch einmal auffällig werden. Und in Deutschland wird ebenfalls bereits eine geringe Rückfallquote registriert. Die Hypothese, dass Scham und das Gefühl der Erniedrigung wesentlich größer ist, wenn man von Gleichaltrigen verurteilt wird, scheint sich als richtig herauszustellen. Einen fetten Richter, den man nie wieder sieht und den die Kumpels auch doof finden, vergisst man einfach schneller wieder. Der präventive Ansatz zur Vermeidung weiterer Straftaten scheint erfolgreich zu funktionieren. Die Erweiterung der pädagogischen Fähigkeiten von Jugendlichen und die Verbesserung ihres Umgangs miteinander ist ein weiterer Effekt der Schülergerichte, die sich positiv auf das Klima der Schule auswirken.

Um etwas für das positive Klima an einer Schule zu tun, muss nicht unbedingt mit dem Staatsanwalt zusammengearbeitet werden. Rufen Sie ein eigenes schulinternes Projekt ins Leben. Eine Münchner Hauptschule, deren Schüler zu einem guten Drittel Migranten sind, bemüht sich um eine Demokratisierung im Sinne der griechischen Polis. Auf allen Ebenen sollen Mitverantwortung und Selbstbestimmung Raum erhalten, um das Selbstwertgefühl und das Sicherheitsgefühl zu stärken. Neben Ideen für die Bereiche Legislative und Exekutive gibt es für die Judikative Klassen- und Schulgerichte, die alle Beteiligten des Schullebens einbinden. Die Emotionalität beim Umgang mit Regelverstößen kann dadurch versachlicht werden. Der Lehrer hat nicht mehr die alleinige Entscheidungs-, Verurteilungs- und Vollstreckungsgewalt, was die Schüler oft als persönliche Missachtung empfinden und den Lehrer zum Feind macht, der sie nicht mag. In einer AG Richter werden Schüler ab der fünften Klasse von einer Lehrkraft zu Schülerrichtern ausgebildet, wozu auch der Besuch einer Gerichtsverhandlung gehört. Wird ein Regelverstoß angezeigt, werden der Angeklagte und eventuelle Zeugen angehört. Das Gericht berät dann über das Urteil, das dem Klassenlehrer oder der Schulleitung als Empfehlung für eine Sanktion dient.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit Fehlverhalten und Verstößen gegen das Gesetz umzugehen. Eine der sinnvollsten ist die, bei der alle Beteiligten eingebunden sind und ihr Verantwortungsbewusstsein und Selbstvertrauen gestärkt wird.

Autorin: Annika Lüders
Links zum Thema:



Pilotprojekt in Aschaffenburg
Informationen zum Pilot-Schülerrichter-Projekt in Aschaffenburg.




Schulinterne Richter
Hier wird das Projekt einer Hauptschule vorgestellt, die schulinterne Schülerrichter hat. Inspirierende Idee zum innovativen Miteinander von Schülern, Lehrern, Eltern und Direktion.




Buddy-Projekt
Das Buddy Projekt ist ein Projekt zur Gewaltprävention. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern („Buddys“ = Schulfreunde, Kameraden), die besondere Verantwortung für das soziale Klima an ihrer Schule übernehmen will, ist Kernpunkt der Idee. Auf dieser Seite gibt es detaillierte Informationen.




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