Individuell Fördern

180 Individualisten begleitet eine Lehrerin oder ein Lehrer durchschnittlich
im Jahr

Das Spektrum der Fähigkeiten und Lernstärken im Klassenzimmer ist breit und wird durch die Verankerung des gemeinsamen Unterrichts von Schülern mit und ohne Behinderung zusätzlich erweitert. Eine individuelle Förderung ist als zentrales Ziel in allen Bundesländern festgeschrieben. Jeder Einzelne soll besser lernen und seine Talente entfalten können. Der Anspruch ist hoch. Denn in der Praxis treffen Hochbegabte auf Schüler mit Dyskalkulie und Hörgeschädigte auf Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten. Da ist die Herausforderung groß, jeden Einzelnen entsprechend seines Lernstandes zu fördern.

Förderung braucht genaue Diagnose
Denn individuelle Förderung erfordert eine sorgfältige Diagnose. Sind die jeweiligen Lernvoraussetzungen, Wissensstände und Motivationsfaktoren festgestellt, gilt es Lernangebote auszuwählen, die die persönlichen Entwicklungsstände berücksichtigen und schließlich den jeweiligen Lernfortschritt zu beobachten. Und das alles bei 25 bis 30 Kindern pro Klasse? Es ist kein Wunder, dass hier bildungspolitischer – und häufig auch persönlicher – Anspruch und tägliche Praxis auseinanderklaffen. Individuelle Förderung stellt komplexe Anforderungen und muss von der gesamten Schule getragen werden. Dennoch helfen auch kleine Schritte, die richtigen Weichen zu stellen.

Netzwerke erleichtern die Umsetzung
Viele Schulen suchen Netzwerke, die sie bei der Diagnostik oder der methodischen Steuerung von Unterrichts- und Lernprozessen unterstützen. Das können außerschulische Partner, Weiterbildner oder Schulen sein, die bereits einen Weg zur individuellen Förderung gefunden haben. Der wichtigste Schritt ist aber das schulinterne Netzwerk. Nicht immer sind Tandemklassen, zusätzliche Lehrerstunden oder Hospitationen möglich. Aber bereits Lehrerinnen und Lehrer, die sich über Stärken und Schwächen einzelner Schüler austauschen, können die Lernprozesse von Schülern besser planen. Vielleicht können klassenübergreifend Aufgaben und Methoden entwickelt werden, die die Potenziale und Interessen einzelner Schüler besser berücksichtigen.

Die Bildungsempirie ist sich einig: Je selbstständiger der Schüler wird, desto mehr steuert er den eigenen Lernprozess entsprechend den eigenen Voraussetzungen. Hilfreich sind damit Unterrichtskonzepte, die den Schüler stärker aktivieren wie Kooperatives Lernen, Wochenplanarbeit oder Lernlogbücher. Hier können Förderpläne den jeweiligen Begabungen und Fähigkeiten oder dem individuellen Lerntempo angepasst werden. Mit differenziellen, offenen Lernangeboten ändert sich allerdings die Rolle des Lehrers, der mal Instrukteur, mal Lernprozessberater, mal Mitgestalter wird. Auch hier ist der Austausch im Netzwerk hilfreich.

Die Bewältigung von Unterschieden braucht Kraft, Erfahrung und Ressourcen. Sie erfordert aber auch ein Umdenken. Schulleitung, Kollegium, Eltern und Schüler müssen lernen, Einzelne nicht als Lernschwache oder Inklusionskinder auszuweisen, sondern Heterogenität wertneutral wahrzunehmen und selbstverständlich anzunehmen.

Auseinandersetzung mit der Leitidee der individuellen Förderung