Ihre prägendsten Lehrergeschichten

Hier finden Sie eine Auswahl der prägendsten Lehrergeschichten, die uns erreicht haben. Erzählen Sie uns Ihre spannende Geschichte!

Mut zusprechen

„Ich bin immer ganz bewegt, wenn die Schüler ihr Abiturzeugnis ausgehändigt bekommen und ihren individuellen Schulweg gemeistert haben. Besonders erinnere ich mich an einen Schüler, der es in der Mittelstufe aus persönlichen Gründen nicht leicht gehabt hat, aber den ich für einen schlauen Jungen hielt. Ich habe ihm in meiner Funktion als Klassenlehrerin Mut zugesprochen und davon abgeraten, nur aus Faulheit die Schule zu wechseln. Beim Abitur sagte er dann nur: "Danke, Frau Lützen." Daran erinnere ich mich noch immer und bin ganz gerührt.“

Ulrike Lützen, Spanisch- und Englischlehrerin am Ratsgymnasium Rotenburg

„1995 trat ich nach dem Referendariat in den Schuldienst ein und musste gleich im ersten Jahr eine 11. Klasse in Englisch am Beruflichen Gymnasium unterrichten. Eine Schülerin aus dieser Klasse unterrichtete ich dann auch in den folgenden zwei Jahren in einem Grundkurs in Englisch bis sie schließlich 1998 das Abitur an unserer Schule erfolgreich ablegte. Wie es anschließend häufig der Fall ist, verliert man sich danach aus den Augen. Das sollte sich im Jahr 2014 ändern. Auf der Internetseite eines Schulbuchverlages entdeckte Sie meinen Namen und meldete sich als Lehrerin, die sie nun in der Zwischenzeit selbst geworden war, zu einer meiner Veranstaltungen im Rahmen der Leipziger Buchmesse an. Am Ende der Veranstaltung war die Überraschung dann sehr groß, als sie nach vorne kam und wir uns unterhalten konnten. Der Kontakt ist bis heute nicht abgerissen und wir treffen uns gelegentlich auf weiteren Veranstaltungen!“

Herr Nadolny, Meine

„Gleich nach der Prüfung zum Lehrer für Bildhaftes Gestalten und Werken wurde ich - mit keinerlei Ausbildung zum Lehrer an Sonderschulen - an einer Sonderschule für Lernschwache eingesetzt. Da saß dann ein Schüler und musterte mich mit kritischem Blick von oben bis unten. Alles was ich sagte, passte ihm nicht. Er maß mich wohl mit meinem Vorgänger, einem älteren, sehr kräftig gebauten Kollegen. Ich selbst war damals 26 Jahre alt und sehr schlank. An einem heißen Tag hatte ich meine Ärmel hochgekrempelt und schraubte an einer Holzkiste. Mein Problemschüler beobachtete alles sehr genau und wusste alles besser. Dann sah er an meinem rechten Ellenbogen diesen kleinen kugelförmigen Muskel. Unbedingt wollte er darauf drücken. Ich hatte nichts dagegen, er drückte und konnte ihn nicht runterdrücken. Er nickte hochachtungsvoll. Da hatte ich gewonnen. Fortan war alles, was ich sagte und anordnete für ihn ohne Makel.“

Herr Meier (75), Bietigheim-Bissingen

Ich frage mich nun, zwei Jahre nach meinem Abitur: Was hatte meine Biologie-Leistungskurslehrerin, was andere LehrerInnen nicht hatten? Ihre liebe und vor allem ruhige Art! Bei anderen LehrerInnen, die diese Eigenschaft haben, turnen die Schüler über Tische und Bänke. Ich studiere inzwischen selbst Biologie und Französisch auf Lehramt und frage mich bis heute: Wie macht diese Frau das? Was bewegt die Schüler dazu, ruhig zu sein, obwohl sie nie laut wurde oder gar drohte? Für mich bleibt es bis heute eine Art Magie. Hinzu kommt, dass sie eine enorme Begeisterung für ihre Fächer an den Tag legt, sich sehr viel Mühe mit Erklärungen und Tafelbildern gibt und einfach menschlich ist! Und ich habe mich dadurch antreiben lassen, mich für ihren Unterricht zu engagieren, damit wir weiterkamen und sie merkte, dass ihre Arbeit fruchtete. Was kann es für einen Lehrer Schöneres geben, als Schüler, die motiviert und fleißig sind und zeigen, dass sie die Begeisterung übernommen haben? Vor einem halben Jahr habe ich an meiner alten Schule ein Praktikum gemacht: Und dich durfte in ihrem Unterricht hospitieren. Wenn ich in meinem anstrengenden Bio-Studium manchmal richtig unmotiviert bin, denke ich an ihren tollen Unterricht und daran, welche Möglichkeiten es doch gibt, Freude am Unterrichten der Biologie zu finden und diese Freude weiterzugeben. Sie ist einfach ein Beispiel dafür, dass der Beruf eine Berufung sein sollte und sein kann: Ihre ruhige Art, aber auch ihr Selbstbewusstsein, ihre Standhaftigkeit und die Fairness machen sie zu einer nahezu perfekten Lehrerin, die sich jeder Schüler nur wünschen kann. Danke dir dafür, mich auf den richtigen Weg gebracht zu haben, denn du trägst die „Schuld“ dafür, dass ich nun diesen Weg gehe. Ich glaube es ist der richtige! Ohne zwei tolle Jahre wäre es wohl niemals dazu gekommen.

Frau Harzheim, Bonn

Dass das Dasein eines Lehrers hart ist, wird ja täglich von unserer Umwelt angezweifelt. Die meisten sehen uns am frühen Nachmittag das Schulgebäude verlassen und denken, dass wir mit dem Schließen des Schultors in unser Freizeit- und Relax-Programm starten. Allerdings gibt es wohl kaum jemanden, der den Stabhochsprung über meterhohe Stapel an wartenden Tests und Förderplänen als Entspannungsübung empfindet. Für mich war Lehrer sein immer ein Traumberuf - denn ich wollte unbedingt mit Kindern arbeiten. Doch irgendwie hat mich im Studium niemand darauf vorbereitet, dass ich nun nicht nur Jungen und Mädchen das Schreiben, Rechnen und Lesen beibringe, sondern gleichzeitig Psychologin (manche Eltern sehen einen als solchen - man hat ja schließlich studiert), Sekretärin (das Ausfüllen diverser mehrseitiger Evaluationsbögen, Anträge und ausufernde Förderpläne beschneidet die Vorbereitungszeit immens), Putzfrau (nicht nur nach dem Arbeiten mit Papier und Schere schwinge ich regelmäßig den Putzlappen und Besen im Klassenzimmer), Krankenschwester (im Leben habe ich noch nie so viele Taschentücher, Pflaster und Kühl-Akkus verteilt) und Zauberin bin. Und so stürzen wir uns von Montag bis Freitag in den Alltag, der von herausgefallenen Milchzähnen, leeren Patronen, Streitereien um den Ball und Einträgen in Hausaufgabenhefte bereichert wird. Man könnte jetzt meinen, dass der Lehrerberuf in meinen Berufsempfehlungen keinen Top-Ten-Platz belegt - aber es gibt sie doch: die Momente in denen ich weiß, dass ich die richtige Wahl getroffen habe. In kaum einen Beruf trifft man auf so ehrliche „Kunden“ wie in meinem. Und dazu sind ganz viele der Kleinen nicht nur niedlich, sondern auch grundlegend ehrlich und liebenswürdig: „Frau XYZ, ich hab dich so vermisst! Schön, dass du wieder da bist.“ – ganz zu schweigen von der begleitenden herzlichen Umarmung.

Frau Böhme, Erfurt

Maike schenkt mir eine gebrannte Tonplatte, auf der sie „Du bist der beste Mathelehrer der Welt!“ eingeritzt hatte. Dass so etwas nicht so selten am Ende der vierten Klasse ist, wissen wir. Aber: Maike schaffte, wenn es wirklich gut lief, ausreichende Ergebnisse. Was mich bei diesem Abschied tief berührte war: „Du, ich war ja in Mathe nie gut, aber bei dir hatte ich nie Schiss!“ – das war vor über zwanzig Jahren und ich bin heute noch dankbar für ihr Urteil.

Herr Borchers, Süsel

Mein im Nachhinein schönstes Erlebnis, ist die Erfahrung mit einer ersten Klasse. 1988, da war ich 20, übernahm ich sie und noch heute bin ich stolz, dass sie nach etwa drei Monaten lesen und schreiben konnten. Heute, 27 Jahre später, unterrichte ich an der Oberschule und der schönste Dank im letzten Jahr war der einer Abschlussschülerin: „Danke, dass Sie immer an mich geglaubt haben!“ – ich hoffe, dass ich noch lange genügend Idealismus habe...

Frau Herrmann, Dresden

Ich möchte an dieser Stelle von keinem Einzelschüler berichten, sondern vielmehr die Gelegenheit nutzen, meine Erfahrung mit „schwierigen“ oder „besonderen“ SchülerInnen zu schildern. Mit ihnen habe ich die prägendsten Begegnungen in meinem Beruf. Es gibt immer Kinder, die mir im Unterrichts- und Schulalltag wirklich Probleme und Kopfzerbrechen bereiten, also mir (teilweise wesentlich!) mehr Aufmerksamkeit, Energie, Toleranz und Geduld abverlangen als andere. Wir führen einen regelrechten, meist täglichen „Kampf“ um die Einhaltung der gemeinschaftlichen Regeln und Normen. Manchmal stelle ich sogar fest, dass ich mich regelrecht „befreit“ fühle, wenn er/sie mal nicht zur Schule kommen kann oder eine Stunde nicht mit im Klassenverband verbringt. Was mich deshalb umso mehr überrascht, ist die Tatsache, dass wenn ich eben jenen SchülerInnen nach einiger Zeit (zufällig) wieder begegne, diese sich extrem(!) freuen mich wiederzusehen, ja geradezu überschwänglich und anhänglich sind. Sie teilen mir mit, wie sehr sie mich vermissen und wie gut sie mich doch als Lehrerin fanden. Das ist nicht untypisch für ehemalige SchülerInnen, das ist mir schon klar. Aber gerade für diese, die doch immer wieder mit mir aneinander geraten sind, finde ich das äußerst bemerkenswert. Dann denke ich so bei mir: „Hat dieser ganze Stress also doch was genützt!“ Ich habe in diesen kurzen Momenten der Begegnung das Gefühl, dass ich sie (positiv) beeinflussen und für ihren weiteren Lebensweg sinnvoll prägen konnte. Das ist es genau, was meine Arbeit für mich so wertvoll macht – auch mit den anstrengenden „Kandidaten“.

Frau Henkel, Esslingen

Eigentlich mochte ich Fremdsprachenlernen gar nicht, Vokabeln interessierten mich nie, doch irgendwann hatte ich eine Lehrerin, die mir unglaublich viel positive Rückmeldung gegeben hat. Auch wenn ich Fehler gemacht habe – sie stärkte mich, indem sie meinen Mut, auch Falsches vor der Klasse zu sagen, belohnte. Sie ging individuell auf mich ein, sie stützte meine persönlichen Lernfortschritt. Dies hatte zur Folge, dass ich mich „nur für SIE“ bemühte. Ich wollte ihr gefallen, ich wollte mehr Lob von ihr! Das hat dazu geführt, dass ich letztlich sogar bei einem anderen Lehrer im Abi eine 2 bekommen habe und noch wichtiger: ich habe an Selbstvertrauen gewonnen, da ich zuvor sehr ängstlich war. Sie hat nicht nur Noten für „Richtiges“ verteilt, sie hat persönlich jeden einzelnen auf Basis seines Zugewinns benotet. Das hat mir enorm fürs Leben geholfen! Pädagogische Noten – so habe ich gelernt – sind enorme Motivation. DANKE an meine Englisch-Lehrerin!

Frau Ebinger, Korntal

„Dass ich den richtigen Beruf habe, spüre ich jedes Mal, wenn sich ein Grundstufenkind mir zuwendet und mich kurz mit 'Mama' anspricht, bevor es sich dann korrigiert „äh, Frau K.“

Frau Kessmeyer, Reutlingen

„Ich stamme aus einer Familie, die man heute eher als bildungsfern bezeichnen würde. So war es für meine Eltern klar, dass ich trotz guter Noten in der Grundschule, eine Mädchenrealschule besuchen sollte, die die Absolventinnen auf Berufe im Büro, im Verkauf und in der Pflege vorbereitet. In der 7. Klasse stand ich aber plötzlich vor der Wahl zwischen Hauswirtschaft und Französisch. Und ich interessierte mich sehr für Französisch, da meine Tante das gut sprach und viel gereist war. Außerdem war der Französischunterricht mit einem Schüleraustausch mit einer Schule der Partnerstadt verbunden, was mich sehr reizte. Für meine Eltern war klar, dass ich mich für Hauswirtschaft entscheiden würde, bei Französisch könnten sie mich nicht unterstützen, falls es Schwierigkeiten geben würde. Mein Glück war eine junge Französischlehrerin, die neu an die Schule gekommen war und sich sehr für ihr Fach begeisterte und bereitwillig mit allen skeptischen Eltern über ihr Fach sprach. So kam es, dass ich trotz Bedenken meiner Eltern, Französisch belegen durfte. Diese engagierte Lehrerin war maßgeblich an meinem beruflichen Werdegang beteiligt: Ich holte zunächst das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach (mit Leistungskurs Französisch) und studierte Deutsch und Französisch für das Lehramt am Gymnasium und bin mittlerweile im Referendariat. Vielen Dank, Frau Scheffler!”

Frau Löber, Berlin

„Ich bin gerne zur Schule gegangen. Meine Schulzeit wurde vor allem durch meine Grundschullehrerin geprägt. Sie hat es verstanden, auf eine besondere Art mit ihren Schülern umzugehen. Wegen ihr reifte in mir der Wunsch, selber auch (so eine) Lehrerin zu werden. Ich hoffe, dass ich einiges von ihr lernen und übernehmen konnte und meine Schüler wenigstens teilweise heute selber so über mich denken. Mittlerweile geht ihr Enkel an unsere Schule. So schließt sich für mich der Kreis und die Gewissheit, das Richtige getan zu haben. :-)“

Frau Krenitz, Bissendorf

„Mein prägendstes Lehrererlebnis war die Begegnung mit meiner Deutschlehrerin im Gymnasium. Wir bekamen sie in der 10. Klasse. Ich war in Deutsch nie besonders gut bzw. habe nie besonders gute Noten bekommen, meistens war es eine 3. Unsere Deutschlehrerin war schon lange an der Schule und vom Typ, ihrem Auftreten und ihrem Ruf erschien sie uns nicht besonders „prickelnd“, jedenfalls waren wir nicht besonders begeistert, aber auch nicht verängstigt. Sie machte einen eher unscheinbaren Eindruck. Aber dann: ihr Unterricht! Sie hat zumindest mich durch ihr unglaubliches Wissen beeindruckt und durch ihre Fähigkeit, mich für Literatur zu begeistern, gerade für die in der Schule zu unterrichtende Literatur aus den gelben Reclam-Heftchen, die ich nach kurzer Zeit zu lieben gelernt hatte. Beneidenswert war ihr lexikalisches Wissen: Bis hin zur Seitenangabe wusste sie Details aus der Sekundärliteratur. Am meisten beeindruckt hat mich allerdings, wie sie sich nicht scheute, auch junge Menschen mit Inhalten zu konfrontieren, von denen sie wohl genau wusste, dass wir sie nicht in allen Feinheiten würden erfassen können. Nun erst, mit über 20 Jahren Abstand, bemerke ich beim Durchblättern meiner Unterlagen des Deutsch-Leistungskurses, den sie dann in der Oberstufe übernommen hatte, welchen Schatz an Keimen sie gelegt hat. Ihre Lebensführung, geprägt von umfassendem Wissen, das nie zum elfenbeinturmartigen Selbstzweck da war, sondern immer ganz lebenspraktisch mit unserer Welt verknüpft wurde, wurde mir zum Vorbild. Ich habe nach dem Abitur und dem Zivildienst dann Germanistik studiert und bin übrigens Deutschlehrer geworden – für mich der schönste Beruf, den es überhaupt gibt. Ganz klar hat unsere Deutschlehrerin hierfür den Ausschlag gegeben.“

Herr Breitschwerdt, Stuttgart

„1997 habe ich meine erste eigene Klasse übernommen. Ein Schüler fiel sofort auf. Er hatte hochgradig ADHS, ein sehr schwieriges familiäres Umfeld, unter dem er sehr litt, unheimliche Schwierigkeiten mit den Klassenkameraden und auch mit einigen Kollegen. Wir haben es gemeinsam unter Einsatz von viel Redezeit, Nerven etc. bis in die Klasse 9 geschafft. Dann musste er die Klasse wiederholen. Nach seinem Abschluss trafen wir uns immer wieder zufällig in der Stadt. Eines Tages stand er wieder bei uns in der Schule und hielt mir sein Fachabitur-Zeugnis unter die Nase. „Ich war noch gar nicht zu Hause, ich wollte Ihnen das zuerst zeigen, ohne Sie hätte ich das nie geschafft!" Das Zeugnis war absolut spitzenmäßig und hat ihm schließlich das Studium ermöglicht. „Ohne Ihre Geduld mit mir stände ich jetzt nicht hier..." Das war für mich mein schönstes Erlebnis, auch weil es völlig unerwartet kam. Auch wenn das jetzt schon ein bisschen her ist, ich zehre immer noch davon.“

Frau Winter, Breckerfeld

„Auch wir Lehrer/-innen sind von Kollegen oder Lehrkräften geprägt worden, die uns unterrichtet haben. Für mich war eine ganz besondere Lehrerin prägend, Frau Mau, meine Deutsch- und Geschichtslehrerin. Sie war gleichzeitig auch meine Klassenlehrerin. Nun muss man wissen, dass ich in Ostberlin vor der Wende zur Schule gegangen bin. Von 1975-78 waren wir ihre Klasse. Die Zeiten waren damals in der ehemaligen DDR etwas stürmisch, da Wolf Biermann 1976 aus der DDR ausgewiesen wurde. Viele Mitschüler hatten sein Konzert bzw. Ausschnitte davon gesehen. Und es entstanden Fragen, die wir jemanden stellen mussten und wollten. In meiner Klasse waren Schüler aus allen gesellschaftlichen Schichten, vom Handwerkerkind über Arzttochter, Kinder von Angestellten bis zu Kindern von Parteimitgliedern (SED). Da wir mit Frau Mau viele interessante Unterrichtsstunden erlebt hatten, trauten wir uns, sie mit unseren Fragen zu konfrontieren. Wir erzählten ihr, was uns bewegte, welche Sorgen wir hatten, was uns auch beunruhigte in der DDR. Wir waren keinesfalls der DDR feindlich gesinnt, aber die damalige Propaganda fanden wir lächerlich und das sagten wir ihr auch. Denn das, worüber Wolf Biermann sang, entsprach ja der Wahrheit. Ich dachte mir nach einer Weile nur: Hoffentlich erzählt es keiner zu Hause. Möge unsere Diskussion nicht in die falschen Gehörgänge kommen, denn wir hatten auch Angst vor der Stasi. Wäre unsere Diskussion auch nur ansatzweise bekannt geworden, hätten viele unserer Eltern ihre Jobs verloren usw. Frau Mau hörte sich alles an, versuchte uns Antworten zu geben, was bestimmt bei all unserer Kritik nicht einfach war. Wir fühlten uns aufgehoben. Ihr letzter Satz war wichtig: Ich möchte, dass diese Diskussion unter uns in diesem Klassenraum bleibt. Wir wussten natürlich, was sie meinte und haben uns daran gehalten. Wir spürten als Klasse, dass uns jemand ernst nimmt und uns zuhört. Das ist für Schüler sehr wichtig. Und wir fühlten uns, obwohl wir nichts ändern konnten, bei ihr gut aufgehoben. Auch ich versuche, meinen Schülern zuzuhören, wenn sie etwas bewegt, wenn sie Fragen haben. Deswegen denke ich gern an meine Klassenlehrerin zurück.”

Frau Kahl, Berlin

„Ich bekam Anfang der 3. Klasse ein ehemaliges Heimkind mit dem Förderschwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung" in meine Regelklasse. Sie hatte große Probleme sich zu konzentrieren, zeigte selbstverletzendes und aggressives Verhalten, schrieb nichts mit, arbeitete nicht etc. Zusammenfassend: sie galt als unbeschulbar. Daraufhin folgte ein Ärzte- und Diagnostikmarathon, ich stellte den Antrag auf Überweisung Sonderschule, unzählige Elterngespräche und auch Austausch mit Ärzten und Therapeuten sowie Kooperationen mit dem Jugendamt und Erziehungshilfe fanden statt. Täglich reflektierte ich intensiv mit dem Kind, gab ihr Auszeiten und Freiraum zur Entwicklung. Durch meine intensiven Bemühungen und die Herausnahme des Kindes aus der Familie, richtige Medikamentation und effektive Therapien, besserte sich das Kind schrittweise und der Wechsel an die Förderschule konnte vermieden werden. Demnächst wechselt sie sogar auf das Gymnasium. Die Geschichte zeigt mir, dass es sich lohnt an einer Brennpunktschule für die Kinder zu kämpfen und sie nicht vorschnell an ein Förderzentrum zu überweisen!“

Frau Lehner, Nürnberg

„Ich unterrichte Musik bei angehenden Erzieherinnen und Erziehern. Der Musikunterricht ist gerade zu Beginn stark davon geprägt, dass Schülerinnen häufiger sehr negative Vorerfahrungen aus dem Musikunterricht mitbringen. Musiklehrer haben ihnen deutliche Hinweise gegeben, dass sie sehr unmusikalisch seien. Eine neue, offene Auseinandersetzung mit dem Thema Musik ist also schwierig anzubahnen. Nun war das Unterrichtsthema "Improvisation mit Orff-Instrumenten". Wir hatten verschiedenste Spielregeln ausprobiert und nach jeder Runde wurde reflektiert, was zu hören war, welcher Spieler worauf reagiert hatte und welche musikalischen Elemente genutzt worden waren. Eine bisher sehr unmotiviert wirkende Schülerin wurde von Runde zu Runde aktiver, sie konnte sehr differenziert beschreiben, was sie erlebt hatte, was sie gehört hatte und welche musikalischen Parameter eingesetzt worden waren. Dieses niederschwellige, voraussetzungslose Musizieren hatte ihr ganz offensichtlich die Möglichkeit gegeben, sich auf neue Weise mit ihrer eigenen Musikalität auseinanderzusetzen, was dann schließlich darin gipfelte, dass sie fast beschämt, aber sehr strahlend feststellte: "Vielleicht bin ich gar nicht unmusikalisch". Ab diesem Zeitpunkt probierte sie sich in vielfältiger Weise im Musikunterricht aus, begann Gitarre zu lernen und setzte ihre neu entdeckte Musikalität auch in der Arbeit im Kindergarten um. Ihr hatte sich durch dieses Erlebnis eine neue, eine musikalische Welt eröffnet, die zuvor durch den Glauben an die eigene Unmusikalität verstellt war. Ich war also als Lehrerin Zeugin einer musikalischen Geburt. Ein sehr bewegendes Ereignis, durch die Bereitstellung geeigneter Unterrichtsarrangements einen derartigen Impuls ausgelöst zu haben.“

Frau Thurmann, Bordesholm

„Ich bin vor über vierzig Jahren in die Schule gegangen und ich hatte eine Lieblingsenglischlehrerin, sie hieß Mrs. Johnson. Das war für die damalige Zeit und die DDR recht ungewöhnlich. Sie war mit einem Amerikaner verheiratet, beherrschte die Sprache perfekt und machte einen Unterricht, der bei mir die Liebe zu Sprachen geweckt hat.

In ihrem Unterricht haben wir Gedankenexperimente durchgeführt, so wie wir uns das heute auch für den Ethik- und Philosophieunterricht wünschen. Sie sagte zum Beispiel: „Stellt euch vor, ihr werdet in der Wüste abgeworfen und ihr müsst euch selbst zum Flughafen durchkämpfen, nur mit Englisch. Welche Fragen würdet ihr stellen, wen würdet ihr ansprechen, wie würdet ihr jemanden überzeugen, dass er euch hilft, zum Flughafen zu kommen?“ – das war ein Englischunterricht, der von unserer lebensweltlichen Erfahrung ausgegangen ist, der uns auch gezeigt hat, wofür wir Englisch brauchen: um im Leben durchzukommen. Es war ein Englischunterricht, der nicht aus Büchern lebte, sondern von Situationen, die jeder Mensch in seinem Leben erleben kann. Ich fand diesen Unterricht sehr anregend, er hat mich motiviert Vokabeln zu lernen, was ich sonst nicht getan hätte, denn ich war keine fleißige Schülerin.

Mrs. Johnson hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Fremdsprachen zu lernen und ich habe mir später zum Beispiel nach dieser Methode Französisch beigebracht, indem ich immer nur das gelernt habe, von dem ich meinte, dass ich das in Frankreich mal gebrauchen könnte. Sie hat mich nicht nur im Erlernen von Sprachen geprägt, sondern mir auch gezeigt, dass guter Unterricht von Erfahrungen der Wirklichkeit ausgehen muss und den Schülern auch zeigt, wofür sie lernen. Viele haben ja das Gefühl, sie lernen, weil das im Buch steht oder weil sie eine Zensur kriegen. Mrs. Johnson hat uns beigebracht, dass wir lernen, um uns in alltäglichen Situationen mit einer fremden Sprache durchschlagen zu können.

Ich bin Mrs. Johnson rückblickend noch dankbar, dass sie vor vierzig Jahren einen Unterricht gemacht hat, von dem ich heute behaupte, es war ein guter Unterricht. Sie hat uns zum Sprachenlernen motiviert und uns gezeigt, wofür eine Fremdsprache wichtig ist – nämlich um im Leben durchzukommen.“

Professorin Dr. Barbara Brüning, Universität Hamburg, Philosophiedidaktikerin

„Der biografische Hintergrund der Lehrkräfte ist ganz entscheidend, das muss uns bewusst sein. Für mich macht einen guten Englischunterricht aus, dass er sowohl effektiv als auch motivierend ist. Ich hatte das Glück, dass ich viele gute Englischlehrkräfte hatte. Sie waren pädagogisch und menschlich beeindruckend und hatten eine hohe Zielsprachen-Kompetenz. Vor allem aber: Sie waren strenge Lehrer, die sehr viel von uns verlangt haben und ein hohes Leistungs- und Anspruchsdenken hatten. Ich stelle immer wieder fest, dass uns das langfristig geholfen hat.“

Professor Dr. Engelbert Thaler, Universität Augsburg

„Wenn ich aus der heutigen Sicht zurückschaue auf meine Schulzeit, gibt es eine Lieblingslehrerin. Bei ihr habe ich heute das Gefühl, sie hat mir was zugetraut. Sie war prägend, indem ich irgendwann entschieden habe, das Fach Deutsch im Studium zu wählen. Sie war prägend, indem sie letztlich der Motor dafür war, Literaturgeschichte im Unterricht von Realschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen auch eine Rolle spielen zu lassen. Natürlich hat sie mich auch getriezt: „Und du willst ans Gymnasium?“, waren mitunter ihre Worte. Andererseits vermittelte sie mir das Gefühl, dass sie mich sieht! Und neben dem Lob für meine inhaltlichen Leistungen war dies ein entscheidender Punkt.“

Ekhard Ninnemann, ehemaliger Schulleiter an einer integrierten Orientierungsstufe in Lüneburg und Deutschlehrer, Dozent an der Leuphana Universität

„Ich habe vor rund fünfzig Jahren Abitur gemacht. Zu Hause wurden wir Kinder ziemlich knapp gehalten. Ich als einziges Mädchen und als zweites, sogenanntes Sandwich-Kind war nicht sehr verwöhnt. Nun nahte meine Abiturfeier, und ich hatte überhaupt nichts Festliches anzuziehen. Mein Vater weigerte sich strikt, mir dafür Geld zu geben. Das war mir so peinlich, dass ich beschloss, gar nicht erst hinzugehen.
Wir hatten eine Englisch-Lehrerin, Frau Seiffert, die wir wegen ihrer freundlichen, mütterlichen Art alle „Mami Seiffert“ nannten. Sie erfuhr, dass ich nicht zur Feier gehen wollte und fragte nach dem Grund. Als ich ihr sagte, ich hätte keine passende Garderobe, nahm sie mich kurzerhand mit ins nächste Kaufhaus und spendierte mir ein festliches, dunkelblaues Kleid. Das habe ich ihr nie vergessen! Zu unserem Klassentreffen anlässlich unseres 25jährigen Abitur-Jubiläums erschien auch Frau Seiffert, natürlich längst pensioniert. Mittlerweise war ich selbst Lehrerin geworden und habe sie dort sehr gerne zum Essen eingeladen. Der Kontakt hielt bis zu ihrem Tod, ich habe sie noch regelmäßig in meiner Heimatstadt besucht.“

Gertrud Schmitt, Stuttgart

„Ich war immer eine gute Schülerin, aber vor einem Fach graute mir regelmäßig: Sport. Ich hielt mich seit der 1. Klasse für unsportlich, was ich im Grunde nicht war. Vielleicht hatte ich einmal eine Übung nicht gut bewältigt und hatte verinnerlicht: Das kann ich nicht. Das klappt doch nie. So „wurschtelte“ ich mich durch viele Jahre Sportunterricht, immer in dem Bewusstsein, eigentlich eine sportliche Niete zu sein. Und immer in der Angst, dass ich versagen könnte. Bis wir in der 10. Klasse bei Herrn Becker Sport hatten – einem relativ jungen Lehrer, der viel Spaß an seinem Beruf hatte. Wir spielten Basketball, es galt vier Teams zu bilden. Die Schülerzahl ging nicht glatt auf, so musste ein Schüler in mehreren Teams spielen – und damit im Grunde die ganze Zeit auf dem Feld sein. Herr Becker zeigte auf mich: „Das machst du!“ Ich dachte, ich müsste sterben. Ich protestierte: „Ich kann das nicht!“ Aber ich musste. Und siehe da, ich spielte und wurde von Minute zu Minute besser – und am Ende war ich so „im Flow“, dass ich mehrere Körbe warf. Meine Mitschüler applaudierten, und Herr Becker grinste breit. Er hatte mir gezeigt, dass man an sich glauben muss – und manchmal reicht es auch, dass es ein anderer tut.“

Susanne Schwarz, Berlin

„Letztendlich sind es zwei Lieblingslehrer, die ich nennen würde. Zum einen unseren Klassenlehrer, bei dem wir Latein- und Religionsunterricht hatten. Was ihn ausgezeichnet hatte war, dass er sich für uns interessiert hat. Er hat sein Thema spannend aufbereitet, er war absolut konsequent in seinem Handeln und überzeugend. Er war fair und gerecht und hatte immer ein offenes Ohr, hat in die Klasse hineingehört.

Noch prägender war mein Kunstlehrer. Er hat mir in vielen Bereichen die Augen geöffnet, sei es in der Kunst, in der Politik oder in der Literatur. Er hat Wege aufgezeigt und Interessen geweckt, sodass ich Dingen nachgegangen bin, die ich vorher nicht kannte. Natürlich war er selbst auch ein Künstler. Das Entscheidende aber war: Während wir gearbeitet haben, diskutierte er mit uns über alle möglichen Fragen, die Jugendliche unseres Alters beschäftigt haben – von Themen politischer Art bis hin zu persönlichen Dingen, die uns betrafen. Er war ein Stück weit jemand, der einem auch praktische Lebenshilfe geben konnte. Das war sehr beeindruckend.

Für meinen Werdegang waren sie beide prägend, weil ich da persönlich erfahren habe: Ich muss die Schülerin, den Schüler in den Mittelpunkt stellen. Ich muss mich wirklich als Mensch in der Klasse finden und nicht als jemand der nach Möglichkeit relativ effektiv und schnell Vokabeln lernt und lateinische Texte übersetzen kann. Nein, diese beiden Lehrer haben immer auch dahinter geschaut, wer wir waren und was uns bewegt hat: Sie haben die Schüler in den Mittelpunkt gestellt. Und das ist etwas, was ich letztendlich für mein eigenes Lehrerdasein mitgenommen habe.“

Wolfgang Biederstädt, Schulleiter der Eichendorff-Realschule Köln und Englischlehrer

„Ich kann mich gut an meine Grundschullehrerin Frau Ernst erinnern. Obwohl ich kein Wort Deutsch verstand, ist es ihr gelungen, mich für diese Sprache zu begeistern. Sie konnte mein Heimweh erahnen und hat mich stets daran erinnert, dass Heimat und Muttersprache nicht weniger wichtig sind als mein neues Leben in Deutschland.“

Dr. Antonietta Zeoli, stellvertretende Schulleiterin am Görres Gymnasium in Düsseldorf, Deutsch-, Englisch- und Philosophielehrerin

„Ich hatte in der Schule viele Lieblingslehrer, aber es gibt tatsächlich einen Menschen, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Und zwar mein ehemaliger Lateinlehrer. Ich gestehe, ich war in Latein nicht immer der beste Schüler. Was mich beeindruckte: Er hat es geschafft, den Schüler als Ganzes zu sehen und hat erst in einem zweiten Schritt das Fach in den Blick genommen. Wie er es geschafft hat, Begeisterung für sein Fach zu versprühen und uns insgesamt auf das Leben vorzubereiten, finde ich noch heute beeindruckend. Er hat mir immer wieder klar gemacht, dass man ohne die entsprechende Leistung keine entsprechende Honorierung bekommt.

Natürlich konnte ich seine Begeisterung für Latein nicht immer teilen. Was ihn von anderen unterscheidet? Fakt ist: Er hat die fachliche Leistung und das menschliche Miteinander nicht vermischt – kurz: Er war sehr fair und den Schülerinnen und Schülern zugewendet.

Heute bin ich selbst seit 14 Jahren Mathematiklehrer. Und mit Blick auf meinen Unterricht ist das eine Frage, die ich mir immer wieder stelle: Was bringt das Fach für das spätere Leben? In den Diskussionen mit ehemaligen Mathe-Abiturienten von mir erfahre ich auch, was die Schülerinnen und Schüler aus dem Unterricht mitgenommen haben. Dazu gehören auch Erinnerungen an die gemeinsame Zeit, die nichts oder nicht viel mit Mathematik zu tun hatten. Aber natürlich auch der gemeinsame Unterricht.

Besonders faszinierend finde ich, dass Einigen tatsächlich noch einzelne Mathe-Stunden fast vollständig im Gedächtnis sind. Das spricht dafür, dass man die Aufgaben und Themen, die man im Unterricht einbringt, besonders sorgfältig auswählen sollte – es lohnt sich.

Heute bin ich immer auf der Suche nach guten Ideen, nach guten Fragestellungen, die den mathematischen Kern treffen und an denen sich Schülerinnen und Schüler gerne versuchen, weil sie interessant und relevant sind.“

Dr. Andreas Pallack, Mathematiklehrer am Franz-Stock-Gymnasium in Arnsberg, Cornelsen-Herausgeber