Elternarbeit gestalten

412 Stunden – Gesamtlänge aller Elterntelefonate

412 Stunden lang telefonieren Lehrer in ihrem Berufsleben durchschnittlich mit den Eltern ihrer Schüler, und das nicht ohne Grund: Bereits seit den 60er-Jahren ist bekannt, dass der Einfluss der Familie auf den Schulerfolg von Kindern etwa doppelt so hoch ist wie der Einfluss der Schule selbst. Die „Elternarbeit“, zu der auch Telefonate gehören, baut eine Brücke zwischen Schule und Elternhaus. Ziel sollte dabei sein, gemeinsam die schulische Entwicklung des Kindes zu fördern und zu begleiten und wegweisende Entscheidungen zum Wohle des Kindes zu treffen. Immer häufiger wird von einer „Erziehungs- und Bildungspartnerschaft“ gesprochen, da dieser Begriff die Gleichberechtigung und Kooperation hervorhebt, die das Verhältnis kennzeichnen sollte. Leider oft ein Idealbild, denn in der Realität läuft die Zusammenarbeit selten ohne Spannungen ab.

Häufig bringt sich nur ein Teil der Elternschaft im Schulleben ein
Laut Schulgesetzen der Länder haben Eltern das Recht und die Pflicht, die Erziehungs- und Bildungsarbeit der Schule zu fördern und mitzugestalten. Häufig nutzt jedoch nur ein Teil der Elternschaft die Möglichkeiten und Chancen, sich im Schulleben einzubringen. Unter anderem ist dies darauf zurückzuführen, dass fast ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet ist oder in bildungsfernen Elternhäusern aufwächst. In Großstädten zudem hat fast die Hälfte der Kinder einen Migrationshintergrund, weswegen sprachliche und kulturelle Hürden bei der Elternarbeit hinzukommen. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Im Kontakt mit den Eltern werden Lehrer mit einer große Bandbreite von Ansprüchen, Sorgen und Problemen konfrontiert, auch mit konfliktträchtigen Themen wie die Benotung und weiteren Schullaufbahn oder gar nicht selten mit Fällen, die eigentlich Sozialarbeiter oder Therapeuten erfordern. Häufig treffen sie auf Misstrauen, aus ganz unterschiedlichen Motiven: sei es, weil die Eltern befinden, ihr Kind werde nicht genug gefördert, sei es, weil Kinder in der Familie vernachlässigt werden und vieles mehr.

Elternarbeit darf nicht nur punktuell stattfinden
Elternarbeit ist unabdingbar und umso bedeutsamer, je distanzierter die Eltern der Schule gegenüberstehen. Die Instrumente sind breitgefächert und reichen von thematischen Elternabenden über Hausbesuche und Elterncafés bis hin zur Mitwirkung der Eltern im Unterricht. Lehrkräfte können versuchen, zu motivieren und Eigeninitiative zu wecken und den Austausch zwischen den Eltern untereinander zu fördern. Wichtig ist, dass kontinuierlicher Kontakt und aktive Ansprache erfolgt, etwa auch über Mails oder die Schulhomepage, und Elternarbeit nicht nur punktuell oder im Problemfall stattfindet.

Auch die Schulleitungen sind gefragt
Doch der einzelne Lehrer steht hier nicht alleine: Es muss Ziel der Schulentwicklung sein, für eine Atmosphäre zu sorgen, in der Eltern sich willkommen fühlen und in der eine konstruktive Gesprächskultur entstehen kann. Schulleitungen sollten Mittel finden, die Lehrkräfte fortzubilden und sie etwa beim Erwerb interkultureller Kompetenzen unterstützen. Lehrer können sicherlich nicht die Fülle an gesellschaftlichen Problemen auffangen, die sich im Schulleben widerspiegeln und für deren Tragweite sie nicht ausgebildet sind. In schwierigen Situationen können ihnen jedoch Experten wie Schulpsychologen an die Seite gestellt werden. Unterstützung bieten kann auch eine Zusammenarbeit mit Elternlotsen oder anderen Vermittlern im Stadtteil, mit Strukturen also, die langfristig aufgebaut werden müssen.