16 Uhr – Unterrichtsschluss an der Ganztagsschule

Noch fehlen Konzepte, Gelder, Räume und geschultes Personal

Gestaltung der Ganztagsschule

Siebzig Prozent aller Eltern wünschen sich einen Ganztagesplatz für ihr Kind, meldet eine aktuelle TNS Emnid-Umfrage. Immerhin kommt über die Hälfte aller Schulen dem Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie nach. In einzelnen Regionen wird sogar bereits deutlich mehr Unterricht im Ganztagsbetrieb angeboten. Ob Primar- oder Sekundarstufe, ob ein gebundenes, teilgebundenes oder offenes Modell: Die Gestaltung der Ganztagsschule geht überall mit zusätzlichen Aufgaben für Lehrerinnen und Lehrer einher.
Die Erwartungshaltung ist hoch. Unterricht muss nicht nur ganz praktisch mit Nachmittagsangeboten zur Lernunterstützung und Freizeitgestaltung verbunden und die Versorgung mit einem Mittagessen eingeplant werden. Das erweiterte Bildungsverständnis hat auch eine breite pädagogische Zielsetzung. Die erweiterte Lernzeit soll, unterstützt durch eine lernwirksame Rhythmisierung und ein professionelles pädagogisches Umfeld, zu einer verbesserten individuellen Förderung führen. Zunehmend werden mit der ganztägigen Betreuung auch Hoffnungen auf einen Nachteilsausgleich für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernem Umfeld verbunden. Entscheidend ist dabei die Unterrichtsqualität. Die Nagelprobe für ihre Wirksamkeit ist, ob die Verzahnung mit den außerunterrichtlichen Angeboten im Nachmittagsbereich gelingt.

Neue Rolle der Lehrkräfte
Aus den neuen Rahmenbedingungen ergeben sich neue oder neu gewichtete Aufgabenfelder. Nicht nur, dass die Schule zum ganztägigen Arbeitsplatz mit vielfältigen Möglichkeiten und Notwendigkeiten zur Kooperation wird, die Lehrkräfte werden auch in neuer und umfassenderer Weise mitverantwortlich für die schulische Entwicklung der Lernenden. So wird von ihnen eine neue Lehr-Lernkultur gefordert, die die erweiterten Möglichkeiten zur individuellen Förderung ausschöpft und zum Nachteilsausgleich für Schülerinnen und Schüler beiträgt. Dies erfordert verstärkt diagnostische Kompetenzen und Kenntnisse der Selbstwirksamkeit, aber auch detaillierte Fachkenntnisse über individuell angemessene Fördermöglichkeiten. Erst so sind Lehrerinnen und Lehrer in der Lage, situativ angemessene, vielfältige Lernumgebungen zu gestalten, die die Heterogenität der Lerngruppen sinnvoll nutzen und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler fördern.

Neben solchen pädagogischen müssen auch erzieherische und soziale Kompetenzen verstärkt eingebracht werden. Da im außerunterrichtlichen Bereich in der Regel keine Leistungsbewertung stattfindet, die Angebote freiwillig sind, müssen Lehrerinnen und Lehrer in deutlich größerem Maße zur aktiven Teilnahme motivieren. Zusätzlich sind sie zur intensiven Kooperation mit dem weiteren pädagogisch tätigen Personal verpflichtet. Um die Zusammenarbeit erfolgreich zu gestalten, müssen sie ein gegenseitiges Verständnis der unterschiedlichen Professionen mit den jeweiligen Berufserfahrungen und Zielvorstellungen für die Betreuung der Kinder und Jugendlichen anstreben.

Mehrheitlich: Mängelverwaltung
Der aktuelle Stand an Ganztagsschulen ist jedoch von einer Mängelverwaltung bestimmt, die Lehrer oft bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten fordert: Individuelle Arbeitsplätze für die Lehrkräfte werden bisher nur in wenigen Ausnahmefällen geboten. Die Ausstattung mit Lernzentren für individuelles Lernen, aber auch jeder anderen Art von räumlichen Differenzierungs- und Rückzugsmöglichkeiten steht erst am Anfang, denn der finanzielle Spielraum der Schulträger wurde vielerorts bereits mit der Schaffung von Mensen und Aufenthaltsräumen für die Kinder und Jugendlichen ausgeschöpft. Nicht zuletzt leidet die Zusammenarbeit mit dem weiteren pädagogisch tätigen Personal unter oftmals fehlenden Qualifikationen und der dort wenig stabilen personalen Struktur wegen häufiger Wechsel.

Wesentliche Handlungsfelder/Wie gelingt Ganztagsschule?
Lehrerinnen und Lehrer sind gefordert bei der Schaffung und Pflege einer schulspezifischen Evaluationskultur mitzuwirken und sich an der Entwicklung und Etablierung regionaler Unterstützungsstrukturen zu beteiligen, etwa in Form von Feedback-Zirkeln. Auch die zukünftige Gestaltung der räumlich-organisatorischen Bedingungen und das Bemühen um eine Entlastung von sozialpädagogischer Arbeit erfordert zunächst natürlich ihre Mitwirkung. Dazu ist eine fortlaufende Professionalisierung durch Fortbildungen zum Professionswissen, zu Diagnose und individueller Förderung nötig. Kooperationsstrukturen und Supervisionsangebote müssen oft erst geschaffen werden, mitunter auch gegen Widerstände im Kollegium. Daneben muss zusätzlich auch die Professionalisierung des weiteren Personals begleitet werden, indem sie mit den schulischen Erfordernissen abgestimmt wird. Viele große Aufgaben. Auch wenn manche nur kurz- oder mittelfristige Lösungen bieten und zunächst einen erhöhten Aufwand bedeuten, helfen gezielte Maßnahmen, die Belastung einzugrenzen und gleichzeitig die Unterrichtsqualität zu erhöhen.

Weiterführende Literatur

Coelen, Thomas; Stecher, Ludwig (Hg.): Die Ganztagsschule. Eine Einführung, Weinheim und Basel 2014, Beltz Juventa

Kamski, Ilse: Rhythmisierung in Ganztagsschulen. Erprobte Praxis – Funktionierende Modelle, Schwalbach/Ts. 2014, Debus Pädagogik

Kamski, Ilse; Koltermann, Saskia; Krinecki, Josefa: 99 Tipps: Ganztagsschule, Berlin 2013, Cornelsen

Rolff, Hans-Günter (Hg.): Qualität mit System. Eine Praxisanleitung zum Unterrichtsbezogenen Qualitätsmanagement, Köln 2011, Carl Link