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Inklusion

Fordernde Vielfalt

Auch in Deutschland sollen immer mehr Schüler mit Behinderungen in Regelschulen statt in gesonderten Förderschulen unterrichtet werden. Für die Lehrer bringt das Herausforderungen und Chancen mit sich. Wir stellen die schulische Inklusion im Überblick vor.

Darum geht es

Inklusive Pädagogik als Menschenrecht

Inklusive Schule – dieses Schlagwort jagt manchen Lehrern den Angstschweiß auf die Stirn, andere gehen entspannt und offensiv damit um. Während im Zuge der Integration bereits behinderte Kinder in Regelschulen aufgenommen wurden, bedeutet Inklusion viel mehr, als Kinder mit und ohne Behinderung in einer Schule zu unterrichten. 

„Inklusive Pädagogik versteht sich als eine Pädagogik der Menschenrechte, die sich gegen Benachteiligung, Ausgrenzung und Diskriminierung verwendet. Ziel ist, dass alle bei der Entfaltung ihrer Potenziale und bei der Auseinandersetzung mit ihren Problemen so gut wie möglich passende Unterstützung bekommen.“ 

Annedore Prengel, emeritierte Pädagogik-Professorin der Universität Potsdam

Die Basis – die UN-Konvention

Gemeinsame Grundlage: Chancengleichheit
2006 haben die Vereinten Nationen die Behindertenrechtskonvention verabschiedet und darin explizit das Recht auf Bildung für Menschen mit Behinderung festgeschrieben. Dieses Recht soll ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit verwirklicht werden, indem die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen gewährleisten, heißt es dazu in Artikel 24 der UN-Konvention.

Das Ziel: leichterer Zugang zu Regelschulen
Im März 2009 haben der Bund und die Länder diese UN-Konvention für Deutschland ratifiziert und im Juni 2011 wurde der „Nationale Aktionsplan zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention“ präsentiert. So soll der Zugang für die Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen zu allgemeinen Regelschulen erleichtert werden. Die Bundesländer setzen das in jeweiligen Aktionsplänen um. Ein Trend ist dabei klar zu erkennen: Wo die Integration bereits weit vorangekommen ist, gelingt auch die Weiterentwicklung hin zur Inklusion leichter und besser. 

Beim Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin wurde eine Monitoring-Stelle eingerichtet, die bundesweit den Prozess der Inklusion beobachtet und kritisch begleitet.


Die Erwartungen – was Lehrer leisten sollen

Die Herausforderungen an die Lehrer sind groß. Um auf alle Schüler einer Klasse entsprechend ihren Fähigkeiten so gut wie möglich einzugehen, müssen individuelle Lernziele erkannt und vereinbart werden, zudem braucht es die Methoden differenzierenden Unterrichtens wie Frei- und Projektarbeit.

Unterschiede wahrnehmen und berücksichtigen

Ina Döttinger, Projektmanagerin bei der Bertelsmann Stiftung, bringt die Anforderungen an die Lehrer so auf den Punkt: „Inklusion ist wie ein Motor, um genau wahrzunehmen, wie jedes Kind anders ist, egal ob behindert oder nicht behindert.“ Es sei eben nicht so, dass durch die Inklusion nun Kinder mit Handicaps extra zur Klasse hinzukommen, auf die gesondert eingegangen werden muss. Alle Schüler seien unterschiedlich, und diese Unterschiede gelte es, geschärft wahrzunehmen und zu berücksichtigen. 

„Inklusion ist nichts, was man als Einzelkämpfer leisten kann. Weder als einzelner Lehrer noch als einzelne Schule.“ 
Ina Döttinger, Projektmanagerin der Bertelsmann-Stiftung im Programm „Integration und Bildung“

Engagement und Weiterbildung

Zwar werden die Lehrer an allgemeinen Schulen zunehmend von sonderpädagogischen Fachkräften, von Schulhelfern und Schulsozialarbeitern unterstützt, doch ohne eigenes Engagement und Weiterbildung geht es nicht. 

Derzeit sind nur 8.600 sonderpädagogisch ausgebildete Lehrer an allgemeinen Schulen tätig, zwei Drittel von ihnen an Grundschulen (Stand: Februar 2015). Dabei werden sie auch in der Sekundarstufe I gebraucht und können in allen Inklusionsklassen wertvolle Hilfe geben, indem sie im Unterricht unterstützen, Lehrer beraten, sich an Diagnoseverfahren beteiligen und an der Schulentwicklung mitwirken. 

Eine gute Zusammenarbeit im Team, genügend Informations- und Vorbereitungszeit und ein Schulkonzept, das alle einbezieht – ohne das geht es nicht, wenn Inklusion gelingen soll.


Die Praxis – wie die Inklusion in Deutschland umgesetzt wird

Seit Deutschland die UN-Konvention umsetzt, besuchen immer mehr Förderschüler eine Regelschule. Zugleich wird aber bei immer mehr Schülern ein Förderbedarf festgestellt, während die Schülerzahlen insgesamt sinken. So stagniert der Anteil der Kinder, die in Sonderschulen unterrichtet werden. 

Für das Schuljahr 2012/13 gilt: Von 1.000 Schülern hatten 66 sonderpädagogischen Förderbedarf. 48 von ihnen besuchten eine Sonderschule und 18 eine allgemeine Schule. Von den Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf hat etwa jeder Zweite eine Lernschwäche oder Schwierigkeiten bei der geistigen Entwicklung, sieben Prozent sind körperlich behindert und fünf Prozent haben ein Hör- oder Sehhandicap.

Deutschland hat Nachholbedarf

„Nach wie vor hinkt Deutschland bei der inklusiven Bildung dem europäischen Durchschnitt stark hinterher“, stellt Ute Erdsiek-Rave fest. Die ehemalige Bildungsministerin von Schleswig-Holstein ist heute Vorsitzende des Expertenkreises „Inklusive Bildung“ der Deutschen Unesco-Kommission. Nur in Belgien ist der Anteil der Schüler, die inklusiv unterrichtet werden, noch niedriger. Länder wie Italien, Portugal und Slowenien haben deutlich höhere Inklusionsanteile. 

Je weiter die Schüler auf dem Bildungsweg hierzulande vorankommen, desto mehr nimmt die Trennung zwischen Schülern mit und ohne Handicap zu: Laut dem Bildungsbericht 2014 sind in der Kita 66 Prozent der Kinder mit Förderbedarf integriert, in den Grundschulen 44 Prozent und in der Sekundarstufe I nur noch 23 Prozent. 

„Alle Konzepte und Pläne für Inklusion sind ohnehin nichts wert, wenn nicht eine klare Haltung da ist, bei der Schulleitung und dem Kollegium, die heißt: Inklusion ist richtig und gut für alle.“ 
Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises „Inklusive Bildung“ der deutschen Unesco-Kommission

Aktionspläne der Bundesländer

In den Bundesländern gibt es jeweilige Aktionspläne, die Ziele und Maßnahmen definieren, es gibt Modellregionen, wie zum Beispiel in Hessen, und Pilot- und Schwerpunktschulen, wie etwa in Brandenburg, dazu Informations- und PR-Kampagnen. Aber Ute Erdsiek-Rave macht klar: „Trotz gemeinsamer Empfehlung der Kultusministerkonferenz arbeiten die Länder an der Entwicklung mit unterschiedlichem Tempo und Einsatz.“ 

Wie genau, das erhebt unter anderem die Kultusministerkonferenz regelmäßig. Ihr zufolge präsentiert sich Deutschland als Flickenteppich: So besuchten im Schuljahr 2012/13 in Bremen fast zwei Drittel der Schüler mit Handicap eine Regelschule – in Niedersachsen nur 15 Prozent.


Ein Ausblick – worauf es in Zukunft ankommt

Die Diskussion über schulische Inklusion wird weitergehen. Lehrer, Schulleiter und Eltern haben Fragen und Bedenken, die sich nicht von heute auf morgen klären lassen.

  • Sind schwerbehinderte Kinder nicht besser auf Sonderschulen aufgehoben?
  • Fühlen sich Kinder mit einem Handicap nicht als Verlierer, wenn sie in inklusiven Klassen merken, dass andere leichter und mehr lernen?
  • Bremst die Inklusion die leistungsstarken Schüler?
  • Und wie sollen Lehrer die wachsenden Anforderungen gut bewältigen, wenn sukzessive mehr Schüler von Förderschulen in allgemeine Schulen wechseln?

Kein niedrigeres Lernniveau in Inklusionsklassen

Wie es den Schülern mit der Inklusion geht, das erforschen Wissenschaftler zurzeit. Pädagogikforscher Ulf Preuss-Lausitz hat sich viele Studien angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass es Förderkindern in allgemeinen Schulen oft besser geht als in Sonderschulen, und dass es in Inklusionsklassen nicht zu einem insgesamt niedrigeren Lernniveau kommt. 

„Die Illusion, dass man Kinder und Jugendliche erst einmal in einem Sonderschulsystem fit für die Gesellschaft macht und dann sozial integriert, ist ein Trugschluss. Teilhabe gelingt nur, wenn Kinder und Jugendliche von Anfang an miteinander spielen und lernen.“ 
Ilka Hoffmann, im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft für den Bereich Schulen verantwortlich

Inklusion ist das Recht eines jeden Kindes

Dass umfangreiche Aus- und Weiterbildungen für Lehrer entscheidend sind für eine gute Inklusion, wird kaum bestritten. Dazu Ute Erdsiek-Rave, Inklusionsexpertin bei der deutschen Unesco-Kommission: „Ich gebe allen Lehrkräften Recht, die auf Fortbildung und Unterstützung pochen. Aber eine Haltung nach dem Motto ‚Ohne mehr Stellen, Geld und so weiter fangen wir gar nicht erst an‘, die sollte es nicht mehr geben. Inklusion ist das Recht eines jeden Kindes, und dieses Recht müssen wir gewähren.“