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Bild: Fotolia/Katerina

Inklusion in der Grundschule

Neue pädagogische Herausforderungen

Allgemeines

Im traditionell gegliederten deutschen Schulwesen stellen die Grundschulen eine Ausnahme dar. In den ersten vier (oder je nach Bundesland sechs) Jahren werden auch hierzulande Kinder nicht auf Schulen verteilt, die sie zu unterschiedlichen Bildungsabschlüssen führen, sondern alle gemeinsam unterrichtet. Dies erscheint uns heute selbstverständlich und kein Pädagoge sähe Sinn darin, Kinder schon vor der Einschulung bestimmten Bildungsgängen zuzuordnen. Aber das war nicht immer so.

Angesichts der langen Tradition, Kinder aus den Grundschulen auszuschließen, wenn sie einer angenommenen Norm nicht entsprechen, ist es nicht verwunderlich, dass die großflächige Inklusion von Kindern mit Behinderung in die allgemeinen Schulen große Unsicherheiten auslöst. Wir haben uns über viele Generationen hinweg an den Gedanken gewöhnt, dass Kinder mit speziellen Bedürfnissen besser unter ihresgleichen lernen sollten.


Die Herausforderungen


Lehrkräfte ohne integrative Praxiserfahrung vermuten häufig, dass die Verwirklichung der Inklusion für sie eine neue pädagogische Herausforderung darstellt, die ihre bisherigen methodisch-didaktischen Kompetenzen überschreitet. Diese Bedenken ernst zu nehmen, bedeutet vor allem, umfassende Fortbildung sowohl für die Lehrkräfte aller Schulstufen und -formen mit allgemeiner Lehrbefähigung als auch für Sonderpädagogen zu der Frage anzubieten, was die bisherige integrationspädagogische Praxis, aber auch die allgemeine Unterrichtsforschung an Erkenntnissen über guten Unterricht erarbeitet hat. 

Guter Unterricht meint dabei, dass alle Schülerinnen und Schüler einer Lerngruppe optimale Lernergebnisse in einem sozial befriedigenden Lernklima erreichen.


Sorgen und Zweifel ernst nehmen

Einige Kinder lernen schnell, andere langsam. Einigen Kindern fällt es leicht, sich in die Klassengemeinschaft zu integrieren, anderen schwer. Manche Kinder sind passiv oder schüchtern, andere impulsiv oder „aufsässig“. Immer noch geistern Mythen durch die Köpfe von Pädagoginnen und Pädagogen, die wissenschaftlich bereits überholt sind: 

  • „Inklusion bremst die Leistungsstärkeren.“
  • „In homogenen Gruppen lernen Kinder besser.“
  • „Behinderte Kinder gehen an Regelschulen unter und bekommen nicht die nötige Aufmerksamkeit.“

Es ist verständlich, dass bei Lehrkräften Sorgen, Zweifel und Fragen entstehen: Wie sollen wir jedem einzelnen Kind in dieser Vielfalt gerecht werden? Wie können insbesondere Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung positiv in der allgemeinen Schule aufgenommen werden? Hier bestehen seitens der Lehrkräfte und Eltern die größten Ängste, da Unterrichtsstörungen als große Gefahr für den Schulerfolg gesehen werden.


Einfach anfangen? Ja!

„Alle Kinder sollen sich in der Schule wohlfühlen.“ „Wir wollen kein Kind zurücklassen.“ – So und ähnlich lauten heute die Leitsätze, wenn inklusive Schulentwicklung diskutiert wird. Dabei sind dies doch eigentlich keine bahnbrechend neuen Ziele. Alle Lehrer wollen gute Lehrer sein – und kein Kind zurücklassen. Alle haben auch das Ziel, für jedes Kind das Richtige zu tun. Immer wird die Frage gestellt: Wie kann ich jedem Kind mit seinen besonderen Bedürfnissen gerecht werden?


Bessere Lernbedingungen für jedes Kind

Für die Grundschulen ist die Inklusion nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance: Wer anfängt, Schulen für die besonderen Lernbedürfnisse von Kindern mit Handicap zu ertüchtigen, wird schnell feststellen, dass das bisherige System Schule auch viele andere Kinder zurückließ. Die inklusive Grundschule, die Kinder in ihren individuellen Lernwegen bestärkt und besondere Lernbedürfnisse im Blick hat, schafft zum Beispiel auch für Kinder aus Zuwandererfamilien oder bildungsfernen Milieus bessere Lernbedingungen.