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Bild: Fotolia/Katerina

Inklusion in der Praxis

Schritt für Schritt

Inklusion beginnt nicht erst dort, wo sich die Regelklasse Schülern mit Behinderungen öffnet. Sie findet schon da statt, wo wir Lehrkräfte die Unterschiede zwischen den Schülern ernst nehmen und auf deren individuelle Stärken und Schwächen eingehen

Was bedeutet Inklusion für meinen Unterricht?

In einem inklusiven Unterricht steigt die Komplexität der Anforderungen. Insbesondere der organisatorische Aufwand erfordert einen hohen persönlichen Zeiteinsatz, zum Beispiel um Absprachen im Team zu treffen, Schreibaufgaben zu bewältigen, an Fort- und Weiterbildungen teilzunehmen, Kollegen und Eltern zu beraten, Unterricht in heterogenen Lerngruppen zu planen etc. Im inklusiven Unterricht verlagern sich die Arbeitsschwerpunkte in Richtung Vorbereitung, Beratung und Lernbegleitung. Dies erfordert mehr Selbstorganisation in der Arbeit des Lehrers – ein diszipliniertes Selbstmanagement, was hohe Ansprüche an eigene Bewältigungsstrategien stellt. 

Einige Anregungen und Beispiele zum Selbstmanagement, die sich bewährt haben:

  • Handeln Sie nach dem „Direkt-Prinzip“. Erledigen Sie zeitlich überschaubare Aufgaben sofort.
  • Reflektieren Sie Ihr eigenes Anspruchsniveau. Realistische Standards zu setzen und zu erreichen motiviert, macht zufrieden und vermittelt Ihnen Erfolgserlebnisse.
  • Verringern Sie Ihren persönlichen Druck. Prüfen Sie, wie viel Kraft Sie gegenwärtig in Ihre Arbeit investieren und ob Ihr Einsatz Ihnen noch gut tut.
  • Schaffen Sie sich eine geordnete Arbeitsumgebung. Sie ermöglicht ein zeitsparendes Auffinden benötigter Materialien und vermittelt Ihnen ein Gefühl von Ruhe und Ordnung.
  • Sorgen Sie für eine störungsfreie Arbeitszeit. Jede Störung Ihrer Konzentration bedeutet Stress.
  • Strukturieren Sie Ihre Aufgaben. Setzen Sie sich realistische Ziele (und Zwischenziele). Beachten Sie langfristig vorgegebene Arbeitszeiten und regelmäßige Termine. Legen Sie längerfristige Vorhaben fest. Erstellen Sie einen persönlichen Wochenplan.
  • Delegieren Sie Aufgaben. Fragen Sie sich: „Was kann ich leisten? Was nicht?“ Üben Sie, Nein zu sagen.
  • Berücksichtigen Sie Freizeit und Erholungszeiten. Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit

Begreifen Sie die Inklusion als längerfristiges Projekt, das auch in Ihrer Schule erst wachsen und gedeihen muss. Verlieren Sie nicht die Geduld, sondern probieren Sie verschiedene Modelle aus, sammeln Sie Erfahrungen und bleiben Sie offen für neue Ideen.


Wie bleibt im Unterricht genügend Zeit für eine individualisierte Betreuung?

Aus einer Gruppe von Kindern oder Jugendlichen mit sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und kulturellem Hintergrund eine Klassengemeinschaft zu formen, stellt hohe Anforderungen an Beziehungs- und Erziehungskompetenz. Laut internationaler Forschung (einschließlich Hattie-Studie) sind für ein lernförderliches Klima zwei Voraussetzungen notwendig:

  • eine gute Beziehung zwischen Schüler und Lehrer
  • ein effektives Classroom-Management

Inklusiver Unterricht weist nicht die Strukturen traditionellen Unterrichts auf und bringt veränderte Aufgabenfelder für den Lehrer mit sich. Sie als Lehrer sind nicht mehr der Hauptakteur, sondern der einzelne Schüler steht im Zentrum. 

Individualisierung heißt nicht, dass Sie sich intensiv in jeder Stunde jedem einzelnen Schüler zuwenden. Trauen – und muten (!) – Sie Ihren Kindern und Jugendlichen zu, selbstständig zu lernen und Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess zu übernehmen. Stellen Sie dafür einen strukturierten Rahmen zur Verfügung und übernehmen Sie die Leitung.

Eine gute Planung ist das A und O

Generell gilt: Schüler können gut von Schülern lernen. Voraussetzung ist ein Helfersystem, in dem geregelt ist, wer wem wann hilft und wer sich an wen mit der Bitte um Hilfe wendet. Lehr-Lernprozesse werden mit Helferkindern bewusst geplant, durchgeführt und reflektiert. Die Helfer vertiefen ihr eigenes Wissen nachhaltig, wenn sie anderen Lernenden noch einmal etwas erklären. Auch Schnelllerner profitieren, indem sie bereits erworbenes Wissen intensiver durchdringen. Als Modelle bieten sich an:

  • Lernpartnerschaften
  • Expertensystem
  • Lernen durch Lehren
  • Lerncoaching

Wie motiviere ich Kolleginnen und Kollegen?

„Inklusion ist kein Selbstläufer. Das ist eine pädagogische Herausforderung auf hohem Niveau. Man muss die Strukturen so verändern, dass man sonderpädagogische Ressourcen und Professionen in die Regelschulen bringt, und man muss Teamstrukturen entwickeln.“ 
Prof. Rolf Werning von der Leibniz Universität Hannover

Nutzen Sie Ihr heterogenes Kollegium mit allen verborgenen Kompetenzen!

Das kann nur gelingen, wenn Sie sich zuallererst von der Last des Einzelkämpfers verabschieden. „Pädagogik der Vielfalt“ bezieht sich nicht nur auf das Potenzial der unterschiedlichen Individuen einer Lerngruppe mit ihren unterschiedlichen Ressourcen. Neben den Lehrpersonen müssen alle Beteiligten einbezogen, mögliche Unterstützer gefunden und genutzt werden. Zusätzliche Professionen können dazu beitragen, den Unterrichtserfolg aller Schülerinnen und Schüler bei geschicktem Einsatz enorm zu verbessern.

Machen Sie sich auf die Suche nach versteckten Kompetenzen im Kollegium.

  • Wer hat Fortbildungen besucht und kann sein erworbenes Wissen einsetzen, welche Zusatzqualifikationen gibt es?
  • Wer kennt oder hat Kontakt zu Menschen, die über besondere Kenntnisse verfügen oder therapeutische Angebote machen können?
  • Zu welchen speziellen Themen gibt es bereits ausgearbeitet Unterlagen und Materialien?

Es ist oft erstaunlich, welche Vielfalt an Fähigkeiten in einem Kollegium nutzbar gemacht werden kann. Gemeinsame Ziele für eine erfolgreiche inklusive Schule sollten auch sein:

  • Aufgaben neu verteilen
  • Teamstrukturen schaffen, die alle entlasten
  • neue Kolleginnen und Kollegen hinzugewinnen

Wie gelingt die Kommunikation mit den Eltern?

Auch in der Kommunikation mit den Eltern sind Strukturiertheit und Transparenz entscheidende Faktoren. Lehrer werden vonseiten der Eltern häufig mit hohen, teils mit überhöhten Ansprüchen konfrontiert, auf die es professionell und sachlich einzugehen gilt. 

Machen Sie den Eltern Ihr Verständnis von inklusiver Bildung deutlich, sprechen Sie über Erwartungen und vorhandene Ressourcen. Binden Sie sie, wo es geht, in Ihre Planungen ein, verhalten Sie sich transparent und kooperativ.

Beziehungspflege und Fingerspitzengefühl

Für Eltern ist es eine enorme emotionale Herausforderung, über kritische Verhaltensweisen ihres Kindes informiert zu werden. Es braucht viel Beziehungspflege und Fingerspitzengefühl, um Eltern zum geeigneten Zeitpunkt unterstützende Hilfsmaßnahmen vorzuschlagen, sodass sie diese auch tatsächlich annehmen können. 

Durch intensives Einüben konstruktiver Elterngespräche gelingt es, die Eltern zum Wohl der Kinder „ins Boot zu holen“. Voraussetzung ist, dass bei den Eltern die Botschaft ankommt: „Ich mag Ihr Kind.“ Wesentlich für das Gelingen solcher Gespräche ist die innere Haltung: Die Eltern sind Experten für ihr Kind. Es geht darum, das Kind in seinen beiden Lebenswelten Elternhaus und Schule wirklich zu verstehen. Ein konstruktiver Austausch ist von daher unerlässlich.

 


Wo bekomme ich Unterstützung?

Gelingende inklusive Arbeit ist weder durch den Einsatz einer Einzelperson noch einer einzelnen Schule zu leisten. In Zeiten leerer Kassen ausreichende personelle und finanzielle Unterstützung zu erhalten, ist allerdings oft schwer zu realisieren. Umso wichtiger ist es, Ressourcen zu kennen und zu nutzen sowie eine effektive regionale Vernetzung anzustreben. 

Für zahlreiche Schulprojekte können Sie Gelder aus öffentlichen oder privaten Förderprogrammen (Stiftungen) beantragen und so auch personelle Verstärkung finanzieren. Durch Kooperationen mit anderen Schulen, Bildungsträgern, Institutionen, Hochschulen oder sonstigen außerschulischen Partnern können Sie weitere Möglichkeiten ausschöpfen.

Eine gut durchdachte Vernetzung schafft Flexibilität und Spielräume.

Treffen Sie exakte und verbindliche Kooperationsvereinbarungen mit außerschulischen Partnern.

Mögliche Kooperationspartner

Förderzentren, Regelschulen, Schulträger, Jugendamt, Gesundheitsamt, Amt für soziale Dienste, Krankenhäuser, Seniorenheime, Jugendwerkstätten, Kindertagesstätten, Behindertenhilfe, Berufsorientierungsprojekte, private Träger, freie Träger der Jugendhilfe, Sportvereine/-zentren/-studios, Musikschule, Volkshochschule, Universität/Hochschule, Museen/Theater, Kulturhäuser, Stadtteilinitiativen, Vertreter der Gemeinde (Stadt, Kreis), Vertreter von ethnischen Minderheiten, Politiker, lokales Gewerbe/Gastronomie, Polizei/Feuerwehr, Pro Familia, Gewaltprävention … 

Auf den Websites der Ministerien finden sich hilfreiche bundeslandspezifische Informationen rund um das Thema Inklusion. Zum Teil werden dort auch Praxistipps und Fortbildungsangebote vorgestellt.