Unterricht gestalten / 23.03.2020

Bundesweite Schulschließungen

„Ich hoffe, dass wir alle von diesen Erfahrungen profitieren können“

In allen 16 Bundesländern sind Kitas und Schulen wegen der Corona-Krise bis zu den Osterferien geschlossen. Wie es danach weitergeht, ist ungewiss. Wie funktioniert Lernen in dieser Situation? Was können Lehrerinnen und Lehrer jetzt leisten? Welchen Herausforderungen müssen sie sich stellen? Ein Gespräch mit GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann, die lange als Förderlehrerin unterrichtet hat.

Bild: stock.adobe.com/luckybusiness

Interview

Frau Hoffmann, mal ganz provokativ: Haben Deutschlands Lehrer jetzt verlängerte Ferien?

Ilka Hoffmann: Nein, das haben sie nicht. Sie müssen jetzt Lernmaterialien für die Schüler zusammenstellen und müssen organisieren, wie sie jeden einzelnen Schüler erreichen: per E-Mail oder per Schul-Cloud zum Beispiel, möglichst viele Mittel werden genutzt. Lehrkräfte sollen auch für Fragen von Eltern und Schülern zur Verfügung stehen. Das heißt, sie haben so eine Art Telefondienst. Sie sind außerdem angehalten, Unterrichtseinheiten vorzubereiten, Stoffverteilungspläne aufzustellen, Prüfungen vorzubereiten, sich mit Kolleginnen und Kollegen abzustimmen. Das heißt, sie arbeiten weiterhin, aber das ist gar nicht so einfach zu organisieren.

Und die Schüler werden alle erreicht?

Ilka Hoffmann: Ein Problem ist, dass nicht alle Schüler auf die Angebote zugreifen, weil zum Beispiel die Endgeräte nicht funktionstüchtig sind oder das Netz an ihrem Wohnort instabil ist, oder weil sie mehr Kontrolle durch eine Lehrperson bräuchten.

Nicht alle Eltern sind in der Lage, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen, sie zu motivieren. Sind in diesen Familien die Lehrer besonders gefragt?

Ilka Hoffmann: Wenn Familien in einer engen Wohnung sitzen und der Fernseher läuft permanent, dann wird das Lernen sehr schwierig. Schule war bislang auch ein Ort, durch den Kinder aus diesem Umfeld herauskamen - ein Raum zum Lernen. Da sehe ich sehr schwarz, ich glaube, dass sich die soziale Spaltung durch diese Situation verstärken wird. Die Lehrer appellieren, sie schicken den Kindern besondere Lernmaterialien. Aber wenn die häusliche Situation das Lernen nicht unterstützt, dann wächst die Gefahr, dass diese Kinder und Jugendlichen auf der Strecke bleiben. Jetzt zahlt sich auch aus, wie die Kinder in der Schule sozialisiert wurden, ob auf das selbstständige Lernen und die Selbstverantwortung immer schon Wert gelegt wurde. Dann klappt das bei Schülern, die vom Umfeld her Schwierigkeiten haben, trotzdem noch besser, als bei Schülern, die gewohnt sind, dass Lernen dann stattfindet, wenn der Lehrer vorne steht und ihnen sagt, was sie zu tun haben. Wenn der Lehrer jetzt plötzlich nicht mehr vorne steht, ist es mit der Selbstdisziplin sehr schwierig.

Ist es jetzt schwieriger, Grundschüler zu unterstützen oder ältere Schüler?

Ilka Hoffmann: Es ist so, dass man die Kleinen noch eher beschäftigen und motivieren kann. Für diese Altersgruppe gibt es auch viele analoge Möglichkeiten. In der Mathematik zum Beispiel gibt es sehr schöne Spiele. Im Netz kann man viele Anregungen zu diesen analogen Spielen finden. Ältere Schülerinnen und Schüler sind mitunter auch schon schulmüder, die Kleinen lernen meistens noch gern.

Für alle gilt: Auch ein bestimmter Rhythmus und Strukturen sind wichtig. Sehr hilfreich ist, wenn die Schülerinnen und Schüler ein Lerntagebuch anlegen. Also: Was habe ich heute für die Schule gemacht? Womit habe ich noch Probleme? Oder wenn sie bestimmte Lernzeiten – gemeinsam mit den Eltern - festlegen. Lehrkräfte achten jetzt besonders darauf, dass die Kinder die Aufgaben eigenständig bewältigen können und die Eltern nicht immer dabeisitzen müssen. Sonst wird es sehr schwierig. Wenn man eng aufeinander hockt, muss man sich auch mal aus dem Weg gehen und eigene Dinge erledigen. Da kann man auch schon junge Kinder in die Verantwortung nehmen.

Ich glaube, dass die Jugendlichen jetzt eher Probleme haben werden als die jungen Schüler. Die Größeren sind gewohnt, mit ihrem PC oder Smartphone ganz anderes zu machen, als sich irgendwelche Tutorials anzugucken. Es wäre schön, wenn wir mit der Digitalisierung weiter wären und das digitale Lernen ganz normal dazugehören würde. Aber wir sind nicht auf einen digitalisierten Fernunterricht vorbereitet. Es gibt Schulen, die das hinkriegen, aber es ist nicht flächendeckend so. Man könnte sagen, die Corona-Krise ist zu früh gekommen oder der Digitalpakt zu spät.

Viele Menschen bangen jetzt um ihre materielle Existenzgrundlage - wie ist das bei den Lehrern? Sind verbeamtete und angestellte Lehrer gleichermaßen finanziell abgesichert, wenn etwa die Schulschließungen noch länger andauern?

Ilka Hoffmann: Die Lehrkräfte sind abgesichert. Der Staat kann es sich auch nicht leisten, die angestellten Lehrkräfte nicht abzusichern, weil wir einen extremen Lehrkräftemangel haben. Insofern ist es noch ein privilegierter Beruf. Anders ist es bei Freiberuflern, die im Umfeld von Schule und Bildung arbeiten, also Honorarlehrkräfte und Integrationslehrkräfte, die vorwiegend in der Erwachsenenbildung arbeiten. Da müssen dringend Lösungen gefunden werden. Es gibt aber ein weiteres Problem: Was ist mit all denen, die jetzt im Vorbereitungsdienst sind und ihre Lehrproben nicht ablegen können? Es muss dringend geklärt werden, wie der Vorbereitungsdienst in dieser Situation gestrickt wird, wie und wann die Abschlüsse gemacht werden können, welche Zeitverschiebungen es gibt - es existieren ja auch bestimmte Einstellungskorridore. Aber insgesamt gehören Lehrer zu der Gruppe, die materiell abgesichert sind. Sie sind aber sehr gefordert, ihre Aufgaben in dieser Situation bestmöglich zu erfüllen.

Zum Schulalltag gehören Konferenzen, Teamsitzungen, Absprachen, wie regeln die Schulen das gegenwärtig?

Ilka Hoffmann: Im Schulalltag ist es schon lange üblich, sich intensiv über E-Mail auszutauschen, Materialien und Pläne zu verschicken. Jetzt werden außerdem Telefonkonferenzen genutzt. Diese Erfahrungen werden hilfreich sein, wenn die Normalität wieder einkehrt. Außerdem habe ich die Hoffnung, dass wir viel dazulernen, wie man Kinder zu selbstständigem Arbeiten anregen kann und dass jetzt deutlich wird, was man in der Schule an Infrastruktur braucht und auch einfordern muss. Und wie man miteinander in einer solch schwierigen Zeit arbeitet. Ich hoffe, dass wir alle dann von diesen Erfahrungen profitieren können.

Ilka Hoffmann ist Vorstandsmitglied bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie blickt auf eine langjährige Arbeit an einer Förder- und einer Gemeinschaftsschule zurück.

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