Unterricht gestalten / 12.11.2018

"Schule im Wandel der Zeit" als Unterrichtsthema

Schule früher und heute

Über die Schule wird viel und gerne geschimpft. Ein Vergleich mit der Schule "von früher" kann für einen spannenden Perspektivwechsel sorgen – und Sie und Ihre Schüler den Schulalltag mit neuen Augen sehen lassen.  
 

Bild: stock.adobe.com/coco

Früher war alles besser? – Gemeinsam mit den Schülern die Schule im Wandel der Zeit entdecken

Lästige Schulpflicht, viel zu viel Lernstoff und ein starres und strenges System – über die Schule wird viel und gerne geschimpft. Wer sich die Schule "von früher" aber einmal näher anschaut, wird heute vieles ganz anders bewerten. Begeben Sie sich mit Ihren Schülern doch einmal auf eine Zeitreise und lassen Sie sie den damaligen Schulalltag mit dem heutigen vergleichen.

Sie können Ihren Schülern zum Beispiel den Auftrag erteilen, Großeltern und Eltern zu befragen. Welche Erfahrungen haben sie in ihrer Schulzeit gemacht? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede sehen sie? Was war für sie damals am schwersten, was am schönsten? Je nach Alter der Großeltern bzw. Eltern können die Antworten natürlich durchaus unterschiedlich ausfallen – in jedem Fall aber liefern Sie viel spannenden Gesprächsstoff für Sie und Ihre Schüler.

Alternativ lassen Sie die Schüler selbst recherchieren und bitten sie, Wissen und Fakten rund um die Schule "von früher" zusammenzutragen. Ob Bücherei oder Internet: Es gibt viele interessante Quellen. Natürlich können Sie auch eine Mini-Themenreihe ausarbeiten und bestimmte Aspekte gezielt besprechen. Die folgenden zehn Dimensionen bieten sich zur Betrachtung an.

Zehn Vergleichsdimensionen: Das hat sich getan

  1. Schulpflicht

    "Ich weiß sowieso nicht, warum man zur Schule gehen muss." – Ein Satz, der vor Wut gerne mal fällt. Die Schulpflicht nehmen viele heute vor allem als lästigen Zwang wahr. Dabei war die Einführung damals eine echte Errungenschaft, die vielen Kindern überhaupt erst einen Zugang zur Bildung ermöglichte. In früheren Zeiten war es nämlich längst nicht selbstverständlich, die eigenen Kinder in die Schule zu schicken; vielen Eltern fehlten dafür die finanziellen Möglichkeiten. Oft waren die Kinder außerdem fest als Arbeitskräfte eingeplant – statt die Schulbank zu drücken, mussten sie ihren Eltern darum zum Beispiel bei der Ernte oder mit dem Haushalt helfen. 
     
  2. Ansehen und Unterstützung
     

    Eng mit dem ersten Punkt verknüpft: Viele Eltern sahen weder die Notwendigkeit noch den Sinn darin, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Oder es fehlten ihnen die Mittel und das Wissen, um ihre Kinder bestmöglich unterstützen zu können. Wenn die Schüler heute Eltern haben, die ihre Schulbildung sehr ernst nehmen, sie immer wieder zum Lernen ermahnen und ein Auge auf die Hausaufgaben haben, mag das für die Schüler anstrengend sein – selbstverständlich war und ist so viel Unterstützung aber nicht.
     

  3. Fächerauswahl
     

    Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion und auch viel Singen: Lange war das Fächerangebot in der Schule sehr beschränkt. Später kamen u. a. Leibesertüchtigung und Hauswirtschaft hinzu. Von den breiten Bildungsmöglichkeiten heute war man damit aber immer noch weit entfernt – Grundfächer und Wahlfächer, AGs und Co., die allen Schülern offen stehen, waren früher gar nicht vorstellbar.
     

  4. Ausstattung

    Dass es damals keine Laptops, Tablets oder Whiteboards gab, liegt auf der Hand. Aber auch von der modernen Technik abgesehen war damals vieles unbequem spartanisch. Starre Holzbänke und -tische, auf denen aufrecht und gerade, mit den Füßen parallel und den Händen auf den Tischen gesessen werden musste, sorgten für eine deutlich strengere Atmosphäre.
    Statt Schreibheften gab es vor rund 100 Jahren zunächst kleine Kreidetafeln, die die Schüler immer wieder auswischten. Später schrieben sie dann mit Federkielen, die sie in Tinte tauchten. Statt der heute üblichen Heizung gab es übrigens oft nur einen Ofen, der den großen Klassenraum beheizte – und wer weit vom Ofen weg saß, musste leider frösteln.
     
  5. Unterrichtsstil

    Generell war der Unterricht darauf ausgelegt, den Schülern Wissen zu vermitteln: Der Lehrer trug vor und erklärte, die Schüler folgten seinen Ausführungen und seinen Kommandos. Heute ist dagegen viel mehr eigenes Denken und Tun gefragt: Die Schüler dürfen und sollen selbstständig Überlegen und Lernen, Ausprobieren und eigene Ideen entwickeln und prüfen.
    Früher ging es weniger um individuelles Lernen und Entfaltung, als um Fleiß, Gehorsam und Disziplin. Sprechen durfte nur, wer aufgerufen wurde, und dann hatte die Antwort im Stehen zu erfolgen. Flüstern, Tuscheln oder Hereinrufen wurde sofort bestraft – das Schwätzchen mit dem Sitznachbarn hätte es also damals nicht gegeben. Im Idealfall sollte früher alles im Takt und auf Kommando erfolgen. Wer sich damit schwer tat, bekam die Folgen zu spüren.
     
  6. Strafen und Sanktionen

    Vielleicht haben die Großeltern den Schülern schon einmal von ihren Erfahrungen berichtet: Damals war die sogenannte körperliche Züchtigung noch gang und gäbe. Bis ins 20. Jahrhundert wurden "ungehorsame" Schüler mit einem Rohrstock oder einem Lineal auf die Finger oder auf die Handflächen geschlagen. So mancher Schüler hatte schlimme Geschichten zu berichten – etwa, wenn er die Stöcke vor der Bestrafung selbst zurechtschneiden musste oder die Wunden noch gar nicht verheilt waren, als die nächsten Prügel folgten. In Bayern wurden körperliche Strafen übrigens erst in den 1980ern offiziell verboten – die berüchtigte Prügelstrafe ist also noch gar nicht so lange her.
     
  7. Klassengröße
     

    Wenn wir heute von "großen Klassen" sprechen meinen wir meist Klassen mit etwas mehr als 30 Schülern. Früher saßen in einem Klassenraum oft bis zu 100 Schüler – und zwar Schüler aller Altersstufen. Das nach Altersgruppen getrennte Lernen wurde erst später eingeführt. Davor unterrichtete ein Lehrer in einem einzigen Raum Schüler verschiedensten Alters auf ganz unterschiedlichen Lernniveaus. 
     

  8. Lehrerrolle

    Früher war der Lehrer vor allem eine Authoritätsperson, die den Schülern Wissen "beibringen" sollte. Heute leisten Sie als Lehrer noch ganz anderes: Sie sind (Lern-)Berater, Erzieher und Vertrauenspersonen. Statt den Schülern Lernstoff "einzutrichtern" wollen Sie sie ermuntern, möglichst viel selbst herauszufinden, ihren eigenen (Lern-)Weg zu finden und von Selbstvertrauen bis Kritikfähigkeit alle nötigen Kompetenzen für ihr späteres (Berufs-)Leben zu trainieren.
     

  9. Geschlechterrollen

    Weibliche Lehrer waren überhaupt erst ab den 1860er-Jahren erlaubt. Auch für die Schüler gab es lange Zeit feste Geschlechterrollen. Während die Jungen beispielsweise Rechnen und Raumlehre übten und durch die Leibesertüchtigung für den Kriegsdienst in Form kommen sollten, lernten die Mädchen Handarbeit und Hauswirtschaftslehre, um den Haushalt führen zu können.
     

  10. Chancen und Perspektiven

    Die Schulbildung sollte früher vor allem einen praktischen Nutzen erfüllen und die Schüler auf ihre angedachten Rollen vorbereiten. Das breite Fächerangebot heute mag vielen manchmal zu umfassend und zu wenig konkret erscheinen – es eröffnet den Schülern aber auch viel mehr Möglichkeiten. Sie können sich für verschiedenste Bereiche entscheiden, eine Berufsausbildung machen oder sich für eine Akademikerlaufbahn entscheiden. Und sie können einen ganz anderen Beruf ergreifen als ihre Eltern – auch das war früher seltener.

 

Quellen, in Anlehnung an:
"Schule früher und heute: Eine kleine Reise durch die Zeit – Vom Prügelstock zur Kuschelpädagogik“"von Ulrike Miriam Bausch, Unicum Abi
"Unterricht vor 100 Jahren", Medienwerkstatt Wissenskarten

 

Fortbildungstipps

Ihre Schule auf dem Weg zur Inklusion
Diese Entwicklung ist tiefgreifend und nicht durch einfache Anpassungsprozesse zu bewältigen. Sie verlangt zudem die permanente Angleichung der Lernarrangements und der sie tragenden Strukturen an die Erfordernisse der Kinder und Jugendlichen..
 

 

Individualisieren im Unterricht
Jede Schülerin und jeder Schüler lernt auf seine Weise, nach seinem Tempo, nach seinen Bedingungen. Lernende haben immer unterschiedliche Leistungsstände, Lernstrategien und Interessen. Die Unterschiede im Hinblick auf soziale Herkunft, biografische Umstände, Begabungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten treten immer deutlicher zutage. 
 

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