Referendariat / 07.06.2019

Unruhe, Unterrichtsstörung, Unaufmerksamkeit – muss das sein?

Wie Sie sich in der Klasse durchsetzen können

Sie sind blendend vorbereitet. Würde es nach Ihren Vorstellungen verlaufen, dann wäre dies eine perfekte Unterrichtsstunde. Doch dann das:  Die Schülerinnen und Schüler sind unruhig, unkonzentriert, immer wieder gibt es Störungen, Ermahnungen, Unterrichtsunterbrechungen. Woran liegt das und was lässt sich dagegen tun?

Bild: Shutterstock.com/Pressmaster

Gerade wenn Sie das erste Mal vor einer Klasse stehen, sollten Sie einige goldenen Regeln beachten, um Unterrichtsstörungen möglichst erst gar keine Chance zu geben.

  • Schrauben Sie Ihre Erwartungen nicht zu hoch.
  • Gehen Sie möglichst entspannt und selbstsicher in den Unterricht. Achten Sie auf Ihre Kleidung und Ihre Körpersprache. Konkrete Tipps dazu finden Sie in unserem Magazinartikel Rhetorik und Körpersprache .
  • Eines sollte Ihnen bewusst sein: Sie sind der Boss. Was nicht bedeutet, dass Sie jetzt diktatorisch und dominant auftreten, sondern, dass Sie von Ihren Schülern Respekt einfordern.
  • Stellen Sie sich vor, denn die Schüler sind gespannt, wen sie vor sich haben. Aber überlegen Sie, wie viel Sie von sich persönlich preisgeben wollen.
  • Vielleicht machen Sie auch eine komplette Vorstellungsrunde, etwa in Form von kurzen Partnerinterviews. Das lockert die Atmosphäre auf.
  • Und: Machen Sie Ihr Fach in dieser ersten Unterrichtsstunde interessant. Begeistern oder überraschen Sie Ihre Schüler. Formale Informationen über Notentransparenz, Unterrichtsmaterialien oder Hausaufgaben können Sie als Infoblatt verteilen oder in einer der nächsten Stunden unterbringen.

Doch selbst wenn die erste Unterrichtsstunde gut verlaufen ist, wird es bis zur ersten Unterrichtsstörung nicht lange dauern, denn Unruhe und Störungen gehören nun mal zum Lehreralltag. Gut, wenn Sie dafür ausreichend gewappnet sind.

Überlegen Sie, wie Sie mit Unterrichtsstörungen offensiv und möglichst souverän umgehen können. Fragen Sie doch einfach die Schüler nach den Gründen für die Unruhe. Meist werden sie präzise Antworten parat haben. Sollten besondere Belastungen wie Hitze, vorangegangene oder kommende Klassenarbeiten als Gründe genannt werden, dann können Sie Ihren Unterricht ad hoc auf diese Klassensituation einstellen. Bei Streit etwa oder besonderen Vorkommnissen kann es durchaus sinnvoll sein, auf die Sorgen der Schüler einzugehen, statt unbeirrt den Unterricht fortzusetzen.

Seien Sie außerdem selbstkritisch bei Disziplinproblemen und fragen Sie sich, ob Ihr Unterricht spannend und angemessen fordernd ist. Langeweile, Unterforderung, Überforderung oder andere Merkmale schlechten Unterrichts sind häufig Ursachen für Unruhe und Unterrichtsstörungen. Je mehr Freude die Schüler an Ihrem Unterricht haben, desto weniger Energie werden sie für Störungen aufwenden.

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Persönliches Konzept

Hilfreich ist es, wenn Sie ein persönliches Konzept entwickeln, wie Sie auf Störungen reagieren wollen. Dazu schreiben Sie sich am besten eine Schulwoche lang nach jeder Unterrichtsstunde alle Störungen auf, an die Sie sich erinnern. Also zum Beispiel: Verbale Störungen wie dazwischenrufen, provozieren, schwatzen. Mangelnder Lernwille wie Desinteresse, Nebenbeschäftigungen, Unaufmerksamkeit. Motorische Unruhe wie zappeln, kippeln, herumlaufen. Aggressives Verhalten wie beleidigen, drohen, Wutausbrüche, Sachbeschädigungen, Angriffe auf Personen.

Diskutieren Sie diese Situationen mit Ihrem Ausbilder, mit anderen Referendarinnen und Referendaren sowie Lehrkräften und informieren Sie sich über deren Strategien. Danach können Sie Ihr persönliches Konzept erstellen, wie Sie Unterrichtsstörungen künftig begegnen wollen. Das gibt Ihnen in der konkreten Situation Sicherheit.

Doch so individuell Ihr Konzept auch sein mag, es gibt mindestens zwei Eckpfeiler, die zu jedem Konzept gehören: Regeln und Konsequenzen.

Formulieren Sie die Regeln möglichst klar, besprechen Sie diese mit der Klasse und fixieren Sie die Lösungen anschließend schriftlich. Das vermeidet zukünftige überflüssige Diskussionen, weil sie immer wieder darauf verweisen können. Diese Regeln sollten verständlich und nicht zu umfangreich sein. Achten Sie außerdem auf eine verbindliche Formulierung ohne "sollten" und "können" und darauf, dass die Aussagen nicht als Verbot, sondern als Gebot daherkommen. Regeln sollten sich insbesondere auf den Umgang miteinander, den Unterrichtsablauf, das Arbeiten in Gruppen und das Verhalten in Pausen beziehen.

Reaktion und Konsequenzen

Zu den Regeln gehören auch Konsequenzen bei Regelverstoß. Sind sich Schüler/-innen über die Konsequenzen nicht sicher oder sind die Konsequenzen diffus, dann werden sie die Regeln auch weniger ernst nehmen. Wichtig: Die Konsequenzen, die für ein Nicht-Einhalten folgen, müssen den Lernenden vorher klar sein. Doch was könnten die Konsequenzen sein? Auch hier kommt ihr persönliches Konzept zum Tragen.

So bekommen Schüler zum Beispiel bei unaufgefordertem Reden einen Strich. Bei drei Strichen müssen sie etwas für die Gemeinschaft leisten. Oder sie bekommen eine Zusatzaufgabe. Diese sollte so sinnvoll sein, dass sie den Schüler, oder noch besser die Lerngruppe insgesamt, weiterbringt. Das kann ein Referat sein oder die Produktion von Übungsmaterial zum aktuellen Thema. Sie können auch einzelne Schülerinnen und Schüler umsetzen oder ihnen auftragen, ihr Verhalten schriftlich zu reflektieren.

Und wenn dann der Unterricht tatsächlich störungsfrei verläuft, vergessen Sie nicht, die Schüler zu loben und denken Sie sich möglicherweise eine Belohnung aus.

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Prävention

Am besten ist es natürlich, Störungen im Vorfeld zu verhindern. Anspannung und eine gereizte Atmosphäre führen häufig zu Verhaltensproblemen und Unruhe im Klassenraum. Es ist eher kontraproduktiv, diesen mit disziplinarischer Härte zu begegnen. Spüren Sie also, dass Konzentration und Lernwille nachlassen und Widerstände und Aggressionen sich steigern, dann greifen Sie besser zu einem anderen probaten Mittel: zur Entspannung. Legen Sie Entspannungsminuten ein, in denen die Schülerinnen und Schüler bewusst ein- und ausatmen und ihre Muskeln entspannen. Nach langen und bewegungsarmen Konzentrationsphasen können die Schülerinnen und Schüler außerdem eine Bewegungszeit im Klassenraum einlegen. Auch wenn Sie vielleicht zunächst meinen, mit diesen Übungen ginge wichtige Lern- und Unterrichtszeit verloren, ist eher das Gegenteil der Fall: Entspannung und Bewegung sorgen dafür, dass die Schülerinnen und Schüler anschließend ruhiger und aufnahmefähiger sind.

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Kommunikationsfallen

Bei Unterrichtsstörungen spielt auch die Kommunikation eine wichtige Rolle. Klare Botschaften sind entscheidend. Denn in der Regel wollen Sie ja – zumindest jetzt – nicht, dass der Schüler langwierige Erklärungen für sein Verhalten abgibt, sondern dass der Unterricht möglichst reibungslos und effektiv weitergeht. Statt zu fragen: "Glaubst du nicht, dass du die Hausaufgaben machen solltest?" wählen Sie besser: "Ich möchte, dass du die Hausaufgaben ordentlich erledigst."

Statt "Warum schreibst du den Satz nicht von der Tafel ab?" formulieren Sie klar: "Schreibe jetzt bitte den Satz in dein Heft." Statt einer unrealistischen Drohung: "Wenn du noch einmal störst, fliegst du aus der Klasse." können Sie auch ein Angebot machen: "Wenn du eine Frage hast, melde dich bitte."

Chance statt Problem

Eine gute Voraussetzung, um Unterrichtsstörungen zu verhindern oder einzudämmen ist außerdem Gelassenheit. Viele Ursachen haben nichts mit Ihnen zu tun, sie liegen im außerschulischen oder schulorganisatorischen Bereich. Unterrichtsstörungen können aber auch ein wertvoller Hinweis darauf sein, dass Ihr Unterricht nicht bei den Schülern ankommt und dass Sie sich somit inhaltlich, didaktisch und methodisch mehr auf die Schüler beziehen sollten. Mit dieser Sichtweise können Sie Unterrichtsstörungen auch als Chance für eine gute Unterrichtsentwicklung begreifen.

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