Konfliktmanagement / 22.06.2018

Unterrichtsstörungen - Es gibt viel Spielraum für Flexibilität

Der Soziologe, Dozent und Buchautor Rudi Rhode beobachtet, dass schon in Grundschulen die Unterrichtsstörungen zunehmen.

Es gibt viele Wege, nervenzehrende Konflikte mit Schülern zu vermeiden. Rudi Rhode kennt die Bandbreite. Er ist Soziologe und Schauspieler, stand lange in einem Wuppertaler Theater auf der Bühne und hat so einen ganz anderen Blick auf die Herausforderungen, vor die aufmüpfige und aggressive Schüler ihre Lehrer stellen können. Um eines kommen Pädagogen seiner Ansicht nach nicht herum: sich eine innere Haltung und eine individuelle Autorität zu erarbeiten.

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Herr Rhode, Sie bilden seit rund 15 Jahren Lehrer fort. Wie haben sich in punkto Unterrichtsstörungen die Probleme verändert, mit denen Pädagogen zu Ihnen kommen?

Rudi Rhode: Es gibt immer mehr „harte Fälle“. Damit meine ich Schüler, die schwer zu steuern sind, die sich verweigern, für die es einen langen Atem braucht. Darauf sind Lehrer oft gar nicht vorbereitet. Gleichzeitig nehme ich auch wahr, dass der schnelle Ruf nach klaren Konsequenzen – der früher ganz verbreitet war unter Lehrern – viel seltener kommt. Seit einigen Jahren setzt sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass Konsequenzen per se nichts verändern. Konsequenzen zu verhängen entbindet die Lehrer ja nicht von der Aufgabe, sich eine persönliche Autorität diesseits der Konsequenzen zu erarbeiten.

Wie stark sind Unterrichtsstörungen schon in Grundschulen ein Problem?

Rudi Rhode: Wir bekommen jetzt überraschend viele Anfragen aus Grundschulen. Der Bedarf wächst, sich bereits dort mit dem Thema Unterrichtsstörungen auseinanderzusetzen. Es gibt immer mehr Kinder in den Grundschulklassen, die erhöhte Aufmerksamkeit brauchen, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Wie verändern sich die Anforderungen an die Lehrer im Umgang mit störenden Schülern, je nachdem, ob sie in Grundschulen oder Sekundarstufen unterrichten?

Rudi Rhode: An dem Repertoire an Methoden ändert sich gar nicht viel. Denn es kommt weniger darauf an, wie alt die Schüler sind oder ob ein Schüler besonderen Förderbedarf hat, sondern vielmehr darauf, wie gut ich als Lehrer mit den Werkzeugen umgehe, wie gut ich auf die Schüler eingehen kann. Die Herausforderung ist zunächst, sich eine persönliche Autorität zu erarbeiten.

Nun ist der Umgang mit Störern in der eigenen Klasse bestimmt einfacher als das Eingreifen während der Schulhofaufsicht, wenn man fremden Schülern gegenübersteht. 

Rudi Rhode: Oh ja, auch Vertretungsstunden können die Hölle sein. Die größte Schwierigkeit ist, dass die Lehrer keine Beziehung zu den Schülern haben. Über die Beziehungsebene kann man 98 Prozent der Störungen in den Griff kriegen. Aber Beziehung heißt hier nicht unbedingt, dass man die Schüler persönlich kennt. Es bedeutet vielmehr: mit Freundlichkeit zu reagieren, Nähe zu schaffen, nicht hoch einzusteigen, sondern sich auf einer flachen Hierarchieebene zu zeigen. Es macht einen Unterschied, wie ich zum Beispiel die Jugendlichen in der Pause raus aus dem Flur auf dem Hof schicke. Mit „Los, ihr habt hier gar nichts zu suchen. Raus mit euch, aber sofort!“ werde ich weniger erreichen als mit „Leute, ich weiß, es ist heute kalt draußen. Aber ihr wisst doch, dass alle Schüler in den Pausen in den Hof, an die frische Luft, sollen.“. Mit Nähe, einem Einstieg auf flacher Hierarchieebene und einem freundlichen Ton kommt man in 80 bis 90 Prozent der Fälle durch.

Wie viele Regeln brauchen Schulen heute überhaupt? Sie selbst sprechen ja von einer regelrechten „Regelitis“?

Rudi Rhode: Ich treffe oft auf die Ansicht, wenn Dinge in der Schule generell verboten und geregelt sind, sei es leichter für die Lehrer. Das halte ich für eine trügerische Illusion. Ein Beispiel: In nahezu allen Schulleitlinien sind Handys im Unterricht verboten. Die Schüler versuchen es trotzdem immer wieder. Ich bin überzeugt, dass man in Schulen nicht alles einheitlich regeln muss. Warum sollen die Schüler nicht bei einem Lehrer während des Unterrichts Wasser trinken dürfen, während es bei einem anderen nicht geht. Es gibt viel Spielraum für Flexibilität.

Wie nützlich ist es dann, Regeln mit den Schülern gemeinsam zu erarbeiten?

Rudi Rhode: Wenn ich Lehrer wäre, würde ich mir zu Schuljahresbeginn dafür Zeit nehmen. Und am besten sogar zwei oder drei Tage. Die Schüler einzubinden ist natürlich keine Garantie dafür, dass sie nicht später doch ihre Grenzen testen und gegen Regeln aufbegehren. Aber die Zustimmung zu den Regeln wird größer sein, als wenn den Schülern ein festes Regelwerk vorgesetzt wird. Gemeinsam den Sinn der Regeln zu erarbeiten, das ist in meinen Augen ganz wichtig. Und es gibt einen weiteren Vorteil: Wenn ich den Sinn der Regeln anfangs ausgiebig mit den Schülern besprochen habe, kann ich später unter Zeitdruck im Unterricht voraussetzen, dass die Jugendlichen die Argumente für eine Regel kennen.

In den Kollegien ist oft die ganze Bandbreite vertreten: von Lehrern, die mit wertschätzender Kommunikation vertraut sind, bis hin zu Lehrkräften „vom alten Schlag“, die gleich hart durchgreifen. Wie kommt man da zu einer guten Zusammenarbeit?

Rudi Rhode: Je größer das Kollegium ist, umso schwieriger ist das natürlich. Wenn das Kollegium sehr groß ist, sollte man sich zunächst an die Jahrgangsstufe halten und in kleineren Gruppen arbeiten. Aber es müssen ja auch gar nicht alle an einem Strang ziehen. Veränderungen im „Spirit“ einer Schule, hin zu einem wertschätzenden Schulklima, die sind schon deutlich zu spüren, wenn die Veränderer zwar nicht zahlenmäßig in der Mehrheit sind, aber qualitativ das Schulleben prägen.

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