Konfliktmanagement / 02.02.2021

Mit Know-how und Geduld gegen Unterrichtsstörungen

Schule verändert sich – das bringt auch neue Störfaktoren mit sich

Störungsfreier Unterricht ist eine Illusion. Entspannter wäre es zweifellos ohne die stetig wiederkehrenden (Kleinst-)Konflikte, doch angesichts des Wandels von Schule und Unterricht nehmen die Störfaktoren eher zu als ab. Das führt zu neuen Herausforderungen für Lehrkräfte – aber auch zu neuen Gelegenheiten, aus bewältigten Problemen Kraft zu schöpfen.

Bild: Shutterstock.com/fizkes

Veränderte Szenarien und Störungen auf Distanz

Dass sich Schule und Unterricht immer stärker und schneller verändern, macht die Sache für Sie als Lehrkräfte nicht einfacher. Denn je unbekannter das Terrain ist, auf dem wir uns bewegen, desto schwerer ist es, Situationen adäquat einzuschätzen und souverän darauf zu reagieren.

Veränderte Unterrichtsszenarien – mitunter pendelnd zwischen analog, digital und hybrid – bringen ungewohnte Herausforderungen jenseits der fachlichen Ebene mit sich. Neue Formen des Lernens uns Lehrens bedeuten zusätzliche Störfaktoren – nicht erst seit Lockdown und Homeschooling. Neben den "herkömmlichen" Schwierigkeiten sorgen digitaler Unterricht, Lernplattformen und Messenger-Apps für neue Unwägbarkeiten. Störungen auf Distanz sozusagen, zu deren seelenruhiger Bewältigung die Erfahrungswerte meist (noch) fehlen.

"Nicht konformes Verhalten" nimmt also eher zu als ab. Heidemarie Brosche identifiziert in ihrem Ratgeber "Der kleine Lehrerflüsterer: Unterrichtsstörungen".

Präsent sein aus der Distanz

Auch im Distanzunterricht kommt es zwangsläufig zu Unterrichtsstörungen. Natürlich steckt nicht immer Absicht dahinter, wenn etwas im digitalen Raum nicht klappt: Manchmal streikt einfach die Technik, oder eine Aufgabenstellung war nicht klar genug formuliert.

Es gibt jedoch auch allerlei Gelegenheit für Schülerinnen und Schüler, über Online-Tools Unsinn zu verzapfen und die vereinbarten Abläufe zu stören. Dann werden im Padlet Aufgaben kurzerhand umbenannt, in der WhatsApp-Gruppe Mitschüler gemobbt oder Videokonferenzen zum Austausch privater Chats genutzt. Solchen Störungen wirksam zu begegnen, ist auch für Lehrkräfte ein Lernprozess.

5 Tipps zur Störungsminimierung im Distanzunterricht

  1. Strukturieren Sie Ihre Videokonferenzen und Online-Stunden sehr sorgfältig. Etablieren Sie klare, wiedererkennbare Prozesse und ritualisieren Sie bestimmte Abläufe.
  2. Legen Sie verbindliche und verlässliche (Kommunikations-)Regeln für das Miteinander im digitalen Raum fest. Dazu gehören auch klar definierte Kommunikationskanäle zwischen Ihnen, den Schüler/-innen und den Eltern. Transparenz schafft Sicherheit.
  3. Seien Sie auch im Distanzunterricht präsent und sichtbar. Verschicken Sie nicht nur die zu bearbeitenden Materialien, sondern bleiben Sie aktiv in Beziehung zu Ihren Schülerinnen und Schülern.
  4. Flechten Sie nach anstrengenden Lerneinheiten Entspannungsphasen und kleine Körperübungen in den digitalen Unterricht ein. Dieser Wechsel der Ebenen sorgt für einen klaren Kopf und einen frischen Blick.
  5. Seien Sie noch geduldiger und verständnisvoller als ohnehin schon – auch mit sich selbst. Lernen Sie dazu und holen Sie sich bei Bedarf handfesten Rat und emotionalen Support von Kolleginnen und Kollegen, in Coaching, Supervision oder anderen Unterstützungsgruppen.

13 Gründe, die es heute besonders schwer machen, einen störungsfreien Unterricht zu führen:

  1. Alles verändert sich unglaublich schnell. Dies sorgt für Unruhe.
  2. Die Unterhaltungsmedien haben so vieles auf Lager, das die Schüler/-innen viel mehr fasziniert als unser Unterricht.
  3. Das Internet bietet neben den positiven auch etliche negative Möglichkeiten, die den Lernenden nicht guttun und sie durcheinanderbringen.
  4. Viele Schüler/-innen schlafen zu wenig und sind deshalb unkonzentriert und wenig   aufnahmefähig.
  5. Nicht wenige Schüler/-innen bewegen sich zu wenig und ernähren sich ungesund.
  6. Konsum, Fun und Style sind in Teilen der jungen Generation hoch angesehen – höher als Bildung.
  7. Die brave, angepasste Pflichterfüller-Mentalität gibt es kaum mehr – was gut ist, aber oft auch ins Gegenteil ausschlägt.
  8. In vielen Familien herrschen belastende Umstände.
  9. Die Erziehenden sind oft rat- und hilflos, was Erziehungsfragen angeht.
  10. Durch die wachsende Migration treffen oft sehr gegensätzliche Werte aufeinander.
  11. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, was ein Gefühl der Ungerechtigkeit auf der einen Seite verursachen und damit zu mangelnder Zuversicht und Motivation führen kann.
  12. Das Motto "Der Stärkere siegt" hat sich ziemlich durchgesetzt und wird auch in den Medien oft so propagiert. Lehrkräfte haben es schwer, dagegen anzureden und zu handeln.
  13. Inklusion im Unterricht ist an sich eine gute Sache, kann aber – vor allem wenn die personelle Decke zu dünn ist – zu großen Problemen führen.

Erkennen Sie sich und Ihr Lehrerdasein in dieser Auflistung wieder? Heidemarie Brosche, selbst erfahrene Hauptschullehrerin und Autorin zahlreicher Kinder-, Jugend- und Sachbücher, findet: Wenn Sie als Lehrer/-innen sich dies alles bewusst machen, können Sie sich ein bisschen wie Helden fühlen. Sie müssen das alles stemmen! Und Sie stemmen das!

Unterrichtsstörungen als Normalzustand

So akribisch Sie Ihren Unterricht auch vorbereiten und sich gegen unerwünschte Einflüsse von außen wappnen: Es wird passieren, dass Sie gestört werden. Ein Schüler fällt Ihnen permanent ins Wort. Zwei Freunde kichern und albern herum. Eine Wespenclique verirrt sich ins Klassenzimmer. Ein Handy piept. Die Baustelle vor dem Fenster sorgt für eine beachtliche Geräuschkulisse. Eine Schülerin wird aufmüpfig. Ein heftiger Streit aus der Pause hängt noch als Konfliktwolke im Raum. In der Videokonferenz üben Ihre Schüler lustige Grimassen, anstatt auf Ihre Fragen zu antworten …

Die unbequeme Erkenntnis, dass Sie nicht alles verlässlich planen können, ist der erste Schritt, mit dem Ungewissen zurechtkommen. Der zweite Schritt: Machen Sie sich bewusst, dass Störungen nichts mit Ihrer vermeintlichen Unfähigkeit als Lehrkraft zu tun haben, sondern ein ganz normaler Bestandteil Ihres Berufs sind. Nehmen Sie sich also den Druck, alles kontrollieren zu wollen, ärgern Sie sich – wenn überhaupt – nur ganz kurz über sich selbst und, ganz wichtig: Nehmen Sie den Vorfall auf keinen Fall persönlich.

Als Lehrkraft Sind Sie Profi im Finden von Lösungen. Also schauen Sie nicht weg, nehmen Sie die Probleme Ihrer Schüler/-innen ernst, aber machen Sie auch klar, dass Sie nicht bereit sind, viel wertvolle Unterrichtszeit dafür zu opfern.

Lesen Sie hier, welche wirksamen Sofortmaßnahmen sich bei Unterrichtsstörungen empfehlen und wie Sie Probleme richtig ansprechen.

Was könnte dahinterstecken? Diese Frage sollten Sie sich immer stellen, wenn sich einzelne Schüler/-innen wiederholt merkwürdig oder auffällig verhalten. Vielleicht liegt eine Störung oder Schwierigkeit zugrunde, die ein genaueres Hinsehen erfordert – zum Beispiel AD(H)S, eine Lernschwäche oder ein Trauma. Ziehen Sie Fachleute zurate, wenn Sie sich unsicher sind und mehr wissen möchten.

Prävention ist die beste Medizin

Viele Unterrichtstörungen kommen unerwartet, doch einige lassen sich schon im Vorfeld erkennen, kleinhalten oder gar verhindern. Handeln Sie möglichst vorausschauend und versuchen Sie, auf diese Weise Konflikten vorzubeugen.

Dazu kann gehören, das eigentlich für die letzten Schulstunden des Tages geplante Gesprächsthema auf einen anderen Tag zu verschieben, weil die Aufmerksamkeit der Klasse mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ausreichend sein wird. Es kann auch heißen, "aktenkundige" Streithähne prophylaktisch auseinanderzusetzen. Oder die etwas kompliziert gestalteten und schlecht lesbaren Arbeitsblätter, die vermutlich für Unruhe und viele Nachfragen sorgen werden, lieber noch mal zu optimieren. Unser Tipp: Seien Sie präventiv so aufmerksam, wie es geht, ohne gleich immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Zeit für einen Perspektivwechsel

Last but not least ein kleines Experiment für Sie – entnommen aus dem bereits oben erwähnten Ratgeber "Der kleine Lehrerflüsterer: Unterrichtsstörungen". Autorin Heidemarie Brosche rät immer, wenn es brenzlig wird (oder auch rückblickend und vorbeugend), zu einem Perspektivwechsel. Der veränderte Blick wird womöglich Ihre Interpretation und Bewertung einer Unterrichtsstörung ganz erheblich ändern.

Machen Sie den Test: Welche der im Folgenden aufgelisteten Verhaltensweisen haben Sie selbst auch schon an den Tag gelegt, als Sie in einer Art Schülerrolle steckten, zum Beispiel bei Fortbildungen, Vorträgen, Workshops, Volkshochschulkursen …? Bitte kreuzen Sie in Gedanken an! Und ergänzen Sie bei Bedarf, was hier nicht aufgelistet wurde.

"Ich bekenne mich offen und ehrlich zu folgenden Vergehen:"

  • mit dem Nachbarn reden
  • reinschreien
  • herumalbern
  • laut lachen
  • gähnen
  • etwas zu Boden fallen lassen
  • in der Tasche kramen
  • nicht mehr ruhig sitzen können
  • plötzlich auf die Toilette müssen
  • den Platz verlassen
  • geistig wegdriften
  • etwas kritzeln
  • nicht mehr zuhören
  • fast einschlafen
  •  …

Würden Sie all diese Dinge schlimm finden, wenn Sie keine Lehrkraft wären? Sind sie für das Weltgeschehen von Bedeutung?

Bauen Sie diese Art von Perspektivwechsel ruhig regelmäßig in Ihren Lehreralltag ein. Versetzen Sie sich dafür auch mal in die Situation der Schülerin, des Elternteils oder des Kollegen, den Sie gerade als störend oder nervig empfinden. Oder fragen Sie sich, wie Sie selbst als Kind gestritten, kommuniziert und rebelliert haben. Was war Ihnen damals wichtig? Was hätte Ihnen konkret geholfen?

Freuen Sie sich bei diesen Gedankenexperimenten über überraschende Erkenntnisse und genießen Sie immer häufiger kleine, aber feine Momente der Gelassenheit.

Fortbildungstipps

Unterrichtsstörungen: Mit Körper und Sprache Wirkung erzeugen
Wie bewusst ist Ihnen die Wirkung Ihres Auftretens? Die verbale und vor allem auch nonverbale Kommunikation ist Ihr alltägliches Handwerkszeug. Der Sportlehrer und Kommunikationstrainer Frank Jäger zeigt, wie Sie mit Ihrer individuellen Körpersprache Wirkung entfalten, das heißt „selbst bewusst“ auftreten. Sie erfahren außerdem, welche weiteren Aspekte der Kommunikation direkt und indirekt das Verhalten beeinflussen und eine wesentliche Rolle für die Erarbeitung „einer individuellen Autorität“ spielen.

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Unterrichtsstörungen: Der Wissensschatz des Theaters
Schule hat auch etwas von Theater: Lehrkräfte stehen vor einem Publikum und wollen eine Botschaft eindrucksvoll und nachhaltig rüberbringen. Warum also nicht aus dem Wissensfundus des Theaters schöpfen?

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Unterrichtsstörungen: Entstehungsfelder, Perspektiven, Handlungsdimensionen
Unterrichtstörungen beeinträchtigen die alltägliche Arbeit aller Lehrkräfte immer wieder. Dennoch beeinflussen die persönliche Wahrnehmung und vor allem die eigene „Haltung“ ganz wesentlich, wie mit ihnen umgegangen wird. Sie erfahren mit welchen Mitteln aus den Kommunikationswissenschaften Sie Unterrichtsstörungen entgegenwirken und eine konstruktive Atmosphäre schaffen.

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Magazintipp:

Unterrichtsstörungen - Es gibt viel Spielraum für Flexibilität

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