Unterricht gestalten / 22.06.2018

Frischer Wind durch WhatsApp

Wie Lehrer die sozialen Netzwerke als pädagogische Chance sehen können.

Mit 90 Prozent nutzen fast alle Jugendlichen inzwischen WhatsApp, Facebook und andere soziale Medien. Viele von ihnen können sich ihren Alltag ohne diese Netzwerke gar nicht mehr vorstellen. Kaum einen Lehrer lässt das kalt: Die Gefühlsspanne reicht von Begeisterung über die neuen Möglichkeiten bis hin zur klaren Ablehnung. Um eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Soziale Netzwerke kommt aber kein Pädagoge mehr herum. Und es gibt gute Möglichkeiten, die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit sozialen Medien zu unterstützen.

Bild: shutterstock/DisobeyArt

Neue Kommunikationskanäle

Viele Schüler würden ihr Smartphone am liebsten nicht mehr aus der Hand legen, nur noch zehn Prozent sind nicht im Social Web aktiv. Doch bemerkenswert ist: Fast drei Viertel der jugendlichen Nutzer sind mit einer guten Portion Skepsis in den sozialen Netzwerken unterwegs. Viele erschließen sich die vorgefundenen Informationen außerdem nicht nur passiv, als Konsumenten, sondern bringen sich auch aktiv mit eigenen Inhalten ein. Das haben die Autoren der Shell-Jugendstudie 2015 in Befragungen herausgefunden. 

Für Lehrer – egal ob sie selbst gerne in den sozialen Netzen unterwegs sind oder sie lieber meiden – ergeben sich daraus viele Anknüpfungspunkte, um das Thema pädagogisch aufzugreifen. Gregory Grund, Autor und Gründer des Medienbildungsprogramms „Digitale Helden“, nennt gleich mehrere Ebenen, wie Lehrer soziale Medien sinnvoll für ihre Arbeit nutzen können. 

Auch wenn der direkte, persönliche Austausch in der Schule natürlich ein Königsweg der Kommunikation ist, erschließen WhatsApp und Co. doch neue Kommunikationskanäle, die vorher nicht da waren, so Grund. „Die alte ‚Ranzenpost‘ hat ausgedient. Manche Schüler haben gar keine E-Mail-Adresse mehr. Mit WhatsApp erreicht man viele.“ Vernetzt man sich mit seinen Schülern auf WhatsApp, dann könne man nicht nur gut Informationen austauschen, sondern mit seinem eigenen Verhalten auch als Vorbild für eine bewusste Nutzung der sozialen Netze agieren. Auch für den unkomplizierten, direkten Informationsaustausch mit Kollegen – in der eigenen Schule oder darüber hinaus – sowie mit Eltern seien Netzwerke wie Twitter, Facebook oder WhatsApp geeignet.

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Schwachstelle Datenschutz

Doch all diese Chancen kommen nicht ohne Nachteile daher: Datenschutz ist alles andere als die starke Seite von Facebook, Google und Kollegen. Und vor allem die Nutzung durch Kinder und Jugendliche unterliegt Restriktionen. Um sich bei Facebook zu registrieren, muss man mindestens 13 Jahre alt sein. Bei WhatsApp, dem klaren Favoriten von Kindern und Jugendlichen, liegt die Altersgrenze sogar bei 16 Jahren. Viele Schüler pfeifen darauf. Wer als Lehrer nah dran an ihrer Lebensrealität sein will und sich mit ihnen vernetzt, agiert in einer Grauzone. 

In Baden-Württemberg etwa hat das Kultusministerium Lehrern die Nutzung von Facebook für die Kommunikation mit Schülern untersagt. Auch in Hessen gibt es restriktive Richtlinien. Doch Schulverwaltungen tun sich mit der digitalen Welt schwer, für Lehrer gibt es gerade bei aktuell beliebten Netzwerken kaum feste Regeln – und damit noch Freiräume. 

Zwar existieren auch schulinterne Netzwerke, mit deutlich besserem Datenschutz und beworben von Kultusministerien, doch die seien oft so nutzerunfreundlich, dass weder Schüler noch Lehrer Lust hätten, sie zu nutzen, beobachtet Medienpädagoge Gregory Grund. An der Entwicklung attraktiverer schulischer Netzplattformen werde aber gearbeitet, sodass sie in Zukunft eine wirkliche Alternative darstellen könnten. Bis dahin gilt es für Lehrer, WhatsApp, Facebook und andere Netzwerke als pädagogische Chance zu sehen, im Unterricht und in der schulischen Kommunikation.

„Mit Respekt und Wertschätzung erreicht man viel“

Vier Fragen an Gregory Grund – Medienpädagoge, Autor und Mitbegründer des Medienbildungsprogramms „Digitalen Helden“ – zum Thema Soziale Netzwerke.

Welche sozialen Netzwerke sind aktuell relevant für Schüler und Lehrer? 
Gregory Grund: WhatsApp ist bei den Schülern ganz klar am beliebtesten, ob es um das nächste Fußballspiel geht, um Klatsch oder um die Hausaufgaben. In der Regel wird gleich zu Beginn des neuen Schuljahres eine WhatsApp-Gruppe für die ganze Klasse eingerichtet, der „Klassenchat“. Facebook hat bei den Jüngeren massiv an Bedeutung verloren und ist allenfalls noch für die älteren Jugendlichen interessant. Auf Snapchat werden die Inhalte zu schnell gelöscht, für die schulische Nutzung ist es in meinen Augen daher eher ungeeignet. Twitter ist für den fachlichen Austausch mit Kollegen sehr gut, beispielsweise findet man unter dem Hashtag #edchat viele nützliche fachbezogene Informationen. 

Wie kann man das Thema Soziale Medien sinnvoll in den Unterricht einbinden? 
Gregory Grund: Auch Lehrer, die WhatsApp oder andere Netzwerke gar nicht selbst nutzen, können dazu sehr guten Unterricht machen: indem sie auf die sozialen Aspekte eingehen, über soziale Normen für das Verhalten im Netz oder über Datenschutz reden und die „Knöpfchenebene“, also das Technische, von den Schülern erklären lassen. Wenn es um die soziale Ebene geht, erreicht man die spannendsten und besten Ergebnisse, wenn man die Schüler miteinbezieht, statt ihnen Regeln überzustülpen. Der Klassenchat auf WhatsApp ist dafür ein toller Einstieg. Projekte, bei denen die Schüler selbst Inhalte für soziale Kanäle gestalten und zum Beispiel im Biologieunterricht Videos für YouTube drehen, sind großartig, aber leider noch selten. 

Wichtig ist vor allem die Haltung, mit der man reingeht. Mit der Einstellung „Das ist alles doof und interessiert mich nicht“ geht bei den Schülern gar nichts. Mit einer respektvollen und wertschätzenden Haltung à la „Ich kenne mich damit zwar nicht aus, bin aber interessiert und offen“ geht hingegen ganz viel.

Die meisten Schüler sind in sozialen Netzen aktiv. Aber manche haben gar kein Smartphone. Wie stellt man sicher, dass man diese Schüler nicht abhängt? 
Gregory Grund: Der pragmatische Weg ist, mit den Schülern zu kommunizieren, die drin sind. Dabei ist ganz klar: Die Kommunikation in den sozialen Netzwerken kann immer nur ein zusätzlicher Weg sein, alles – wirklich alles – Wichtige muss auch im Klassenraum ausgetauscht werden. Ich empfehle, gleich zu Beginn des Schuljahres nachzufragen, wie die Schüler WhatsApp und andere Netzwerke nutzen und wie viele mitmachen. 

Mich überrascht und beeindruckt immer wieder, wie verantwortungsbewusst die Schüler miteinander umgehen, wenn manche nicht im Netzwerk sind. Oft haben sie schon ganz gut abgesprochen, wie sie sich dann anders untereinander verständigen und wer denjenigen Bescheid gibt. Nichtsdestotrotz trägt man als Lehrer die Verantwortung, dass kein Schüler ausgeschlossen wird. 

Über die sozialen Medien tauschen die Schüler auch viel Privates aus. Wie reagiert man als Lehrer angemessen, wenn man beispielsweise auf WhatsApp sieht, wie eine Schülerin gemobbt wird, oder beobachtet, wie sehr ein Jugendlicher unter der Scheidung seiner Eltern leidet? 
Gregory Grund: Da gibt es keine festen Grenzen. Ich halte es für wichtig, dass jeder Lehrer für sich klärt, welche Rolle er einnehmen will. Ist er jemand, der „nur“ einen guten Unterricht halten will, oder sieht er sich auch als Ansprechpartner, wenn Schüler in persönlichen Schwierigkeiten stecken. 

Wenn es um Mobbing oder um Hasskommentare geht, sollte man als Lehrer eingreifen. Auch weil es die Lernbereitschaft und das Klassenklima massiv stört. Gerade Hasskommentare beschäftigen Lehrer immer mehr, weil sie so stark zunehmen. Dabei sollte man es aber vermeiden, Einzelnen die Schuld zuzuweisen, sondern das gemeinsame Gespräch in der Klasse suchen. Auch wenn man Anzeichen von religiösem oder politischem Extremismus sieht, sollte man nicht wegschauen.

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