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Was tun bei Verwahrlosung?
Verwahrlosung erkennen und angemessen reagieren
 Erst im Jahr 2000 ist das Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung im BGB verankert worden. Dieses Gesetz soll Kinder schützen. Und dann stirbt Kevin. Er ist nicht der einzige Fall und nicht alle Fälle enden tödlich. Aber der Deutsche Kinderschutzbund schätzt, dass in Deutschland über 100 000 Kinder und Jugendliche massiven Misshandlungen, Verwahrlosung oder Missbrauch schutzlos ausgeliefert sind.
Ein gut verstecktes Kind, das die Nachbarn nie zu Gesicht bekommen und dessen Familie sich stark isoliert, kann lange blaue Flecken und seelische Wunden mit sich herumtragen, ohne dass es jemand bemerkt. Erreichen diese Kinder das Schulalter, sind die Lehrer nach den Ärzten oft die einzigen Erwachsenen, die Verwahrlosung entdecken. Und damit tragen sie eine große Verantwortung, mit der im Falle dieses hochemotionalen und rechtlich so schwierigen Themas nicht leicht umzugehen ist. Der Lehrer ist eine der wenigen offiziellen Schnittstellen zwischen dem, was hinter verschlossenen Türen abläuft und einer möglichen Intervention.
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| Formen und Folgen von Verwahrlosung |
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Oft sind Kinder und Jugendliche über Jahre Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung ausgeliefert, wobei die Übergänge fließend sind.
Um tiefgreifend verletzte Kinder aus vernachlässigenden, misshandelnden und missbrauchenden Familien zu verstehen, ist die Traumatheorie aufgrund ihres psychologischen und physiologischen Erklärungspotentials sehr geeignet.
Verwahrlosung kann viele Ausprägungen haben und in verschiedener Form auftreten. Allen gemeinsam ist, dass die Entwicklung des betroffenen Kindes beeinträchtigt wird, und dass das Kind den Tätern schutzlos ausgeliefert ist. Von traumatischen Erfahrungen wird gesprochen, wenn von Eltern die elementaren Grundbedürfnisse des Kindes nicht wahrgenommen und respektiert werden. Es handelt sich um eine einmalige oder fortdauernde Erfahrung, die zu psychischen Verletzungen führt, weil sie für das Kind mit seinen physischen und psychischen Möglichkeiten nicht kontrollierbar ist. Das Kind verliert so seine Eltern als Schutzobjekte. Dadurch wird Todesangst und Angst vor der Vernichtung des physischen Selbst ausgelöst. Das Kind kann in dieser Situation auf niemanden zurückgreifen, bei dem es Schutz oder Hilfe erfährt. Wie auch immer der gewaltsame Übergriff aussehen mag, besonders bei Kindern kommt es zu der Vorstellung, das Ereignis durch eigenes Verhalten verursacht zu haben. Durch Entfernen aus der traumatisierenden Umgebung, Entspannung und ausreichende Unterstützung bestehen gute Chancen einer Erholung und Distanzierung von dem Ereignis. Wiederholte und regelmäßige Traumatisierungen allerdings beeinflussen die kindliche Entwicklung negativ, weil sie das Kind nötigen, sich langfristig an das traumatisierende Umfeld anzupassen.
2002 hat die World Health Organization WHO Misshandlung als bedeutsamen Teil der globalen Gesundheitsbelastung benannt. Kindesmissbrauch ist ein massives gesundheitliches und menschenrechtliches Problem. Körperliche Misshandlung und Vernachlässigung sind fast immer mit seelischen Schädigungen verbunden – als Ursache und als Folge.
Es kommt zu schweren Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsentwicklung und der sozialen Anpassung.
Langzeitfolgen können in eine spätere Gewalttätigkeit münden, nicht zuletzt in die Misshandlung der eigenen Kinder. Die Folgen von Traumatisierungen sind vielfältig und immer katastrophal. Misshandlungen können einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns nehmen. Das Gehirn automatisiert Überlebensreaktionen, wie z.B. schnelles Anfluten von Erregungen und Angst, Stressreaktionen mit Flucht- und Kampftendenzen und Dissoziation, Abschalten und Wahrnehmungsveränderungen, auf die es später auch reflexartig zurückgreift, oft schon bei kleinen, alltäglichen Stress-Situationen. So können Motivations- und Aufmerksamkeitsprobleme, Depressionen, ein Zwang des Kindes, das Umfeld übermäßig zu kontrollieren und dissoziative Mechanismen das Lernen negativ beeinflussen. Die schulischen, persönlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten dieser Kinder sind beeinträchtigt. Und die aufrüttelndste Folge von Misshandlung ist der Tod eines Kindes.
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| Indikatoren für Verwahrlosung und Missbrauch |
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Einen Verdacht zu überprüfen und zu verifizieren ist genauso schwierig, wie Symptome und Hinweise richtig zu deuten, um zu einer Vermutung zu gelangen. Aber es ist möglich und es gibt einige Punkte, die hier zu einer Liste von Indikatoren zur Erkennung von Verwahrlosung zusammengestellt werden. Diese Liste stellt Anhaltspunkte dar, nicht jeder aufgeführte Punkt ist allein als Beweis von Vernachlässigung ausreichend. Nicht jedes aggressive Verhalten und nicht jeder blaue Fleck ist Misshandlungen geschuldet. Aber auch nicht jede Schramme kommt vom wilden Spiel mit den Nachbarjungs. Es bedarf also einer aufmerksamen Beobachtung. Und auch seine Intuition sollte man nicht unterdrücken. Messen Sie dem Gefühl „hier stimmt was nicht“ Bedeutung bei und gehen Sie ihm nach. Erhärtet sich der Verdacht, ist es sinnvoll, ein permanentes Protokoll zu führen.
Vernachlässigungen entstehen selten in akuten Krisen, sondern sie sind letztendlich ein chronischer Mangelzustand, der sich in der unzureichenden physischen, emotionalen und sozialen Versorgung der Kinder ausdrückt. Die Eltern sind damit überfordert, die alltäglichen Dinge des Lebens zu regeln. Das beginnt oft einfach mit dem Fehlen von Zärtlichkeit, Zuwendung und Schutz und setzt sich dann in der alltäglichen Versorgung der Kinder mit einem Mangel an Nahrung, Sauberkeit und Pflege fort. Wichtig ist die Entwicklung einer Sensibilität gegenüber traumatisierten Kindern an Schulen, was bedeutet, dass diese überhaupt wahrgenommen werden. Die Anzeichen sind vielfältig und lassen sich im Erscheinungsbild und Verhalten des Kindes beobachten.
Äußere Anzeichen
- auffallend kariöse Zähne
- Hungergefühle
- permanente Übermüdung
- auffällige Blässe
- unzureichende Kleidung
- Körpergeruch
- Blessuren
- Unterernährung
- Beeinträchtigung in der Motorik
- Beeinträchtigung des Sehens oder Hörens
- Verminderte Sprachentwicklung
- Krampfanfälle
Anzeichen im Verhalten
- Schwänzen
- Unentschuldigtes Fehlen über längere Zeiträume
- Stören des Unterrichts
- Aggressives Verhalten gegen Personen und Gegenstände
- Desinteresse am Unterricht (unabhängig von Fach oder Lehrer)
- Niedrige Frustrationsschwelle
- Vermeiden von Konflikten
- fehlende Ausdauer
- Neigung zu unüberlegtem Handeln
- Erscheint häufig zu spät zur Schule, bummelt auf dem Schulweg
- fehlende oder unvollständige Hausaufgaben und Arbeitsmittel
- ist straffällig geworden
- fühlt sich oft ungerecht behandelt
- schließt sich Stärkeren an
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| Handlungsmöglichkeiten |
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Welche Handlungsmöglichkeiten hat man, wenn eine Verwahrlosung erkannt ist? Oft gibt es keine Zeugen. Die Eltern leugnen, und die Kinder, in Ermangelung der Erfahrung, dass es anders sein kann als zuhause, stehen hinter ihren Eltern und erklären Verletzungen so, wie es ihnen eingebläut wurde.
Man muss äußerst vorsichtig vorgehen, um die Situation des Kindes nicht zu verschlimmern. Viele Eltern haben Angst vor Kontrolle und Bevormundung, und sie befürchten, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. Das bedeutet oft, dass sie sich noch mehr zurückziehen und sich so der ohnehin gering ausgeprägten gesellschaftlichen Kontrolle entziehen. Stigmatisierung durch Anklage und Einmischung führt also nur zu einer weiteren Flucht aus der Gesellschaft. Dass man auf ein Hilfsangebot angewiesen ist, gilt vielen noch als Zeugnis für Versagertum. Und oft wissen die betroffenen Eltern nicht, dass ihnen überhaupt Hilfsangebote zur Verfügung stehen.
Ein erster Schritt ist, die Beobachtungen zu protokollieren, um einen besseren Überblick und Anhaltspunkte zu haben. Und immer gilt: Sie sollten sich auch im Zweifelsfall informieren, in den Austausch mit anderen Lehrern treten und das Gespräch mit einer Beratungsstelle suchen. Erstens geht es um ein Kind und zweitens wird man seine Gedanken doch nicht los. Dringend beachtet werden muss die Tatsache, dass der Umgang mit sich selbst als Helfender genauso wichtig ist, wie die Hilfe für das Kind. Als eine Grundkompetenz im Umgang mit Kindern, die alltäglich massivste Übergriffe aushalten müssen, sind Selbstreflexion und Empathie mit sich selbst und die Art und Weise möglicher Grenzsetzungen unabdingbar. Eine Möglichkeit, das Thema neutral zur Sprache zu bringen kann mit einer allgemeinen Information im Unterricht beginnen, ohne einen Namen zu nennen. Hier können Sie kundtun, dass Sie um solche Geschehnisse wissen, wie Sie sie einschätzen, dass sie auf der Seite der Opfer stehen. Den Schülern können Sie Tipps geben, an wen sich ein verwahrlostes oder misshandeltes Kind wenden kann, ohne dass die Eltern es erfahren. Das Gefühl, gesehen zu werden und die Erfahrung, dass eine andere Sichtweise als die eigene und die der Peiniger besteht, kann die Ohnmacht des Schülers ein wenig mildern.
Konnte ein erster Kontakt zum Kind oder Jugendlichen hergestellt werden, und hat sich das Kind offenbart, ist es ungeheuer wichtig, keine Versprechen zu geben, die man nicht einhalten kann und sich in kein Geheimnis einbinden zu lassen. „Ich erzähle es keinem weiter“ ist eine Aussage, die sich eventuell nicht lange aufrechterhalten lässt. Jede gegebene Zusage wiederum ist peinlich genau einzuhalten. Als Vertrauensperson in dieser Aufklärungsphase muss man sich der hochgradig stabilisierenden Funktion für das Kind bewusst sein. Und man darf sich nicht überfordern. Ein achtsamer Umgang mit der eigenen emotionalen Reaktion auf das Geschehen ist unumgänglich, da sich die Hilfe sonst lähmend auswirken und ins Gegenteil verkehren kann. Durch Überforderung kann der Helfende selbst in eine kindhaft-hilflose Situation geraten und sich dadurch zeitweise oder völlig aus der helfenden Beziehung zum Kind zurückziehen. Dadurch wird das Kind zusätzlich verletzt und in seinem Weltbild, dass niemanden zu trauen ist, bestätigt. Es nur gut zu meinen reicht in solch ernsten Fällen nicht aus. Kontinuität, Selbstreflexion und das Suchen von Hilfe sind wichtige Bausteine, wenn man einem misshandelten oder verwahrlosten Kind helfen möchte. Handlungsstrategien zu finden ist nicht einfach, denn in der pädagogischen Beziehung testen diese Kinder die Vertrauenswürdigkeit der Erwachsenen durch Grenzüberschreitungen, wie sie ihnen selbst widerfahren sind. Das beim Kind entstandene Beziehungsbild wird in pädagogischen Situationen reinszeniert. Jede grenzüberschreitende, ablehnende Reaktion des Lehrers bestätigt die Erfahrung des Kindes, dass Erwachsene nicht vertrauenswürdig sind. Hier setzt distanziertes, verstehendes und reflektierendes Handeln der Bezugspersonen an und stellt deren Geduld und Professionalität auf eine große Belastungsprobe. Das Gefühl des Kindes, ein bösartiges, nicht liebenswürdiges Wesen zu sein, beeinflusst gewollt oder ungewollt das Verhalten der Umgebung negativ.
Es ist gut möglich, dass Sie durch Ihr zusätzliches Engagement und Verständnis methodisch und emotional an Ihre Grenzen stoßen. Wer versucht, einem traumatisierten Kind aus eigener Kraft zu helfen, ist damit früher oder später überfordert. Deshalb ist es keine Schwäche, sondern ein Teil Ihres eigenen professionellen Handelns als Lehrerin oder Lehrer, Unterstützung und Beratung in Anspruch zu nehmen. Für einen ersten Überblick finden Sie in der folgenden Linkliste Beratungsstellen und Telefonnummern für Erwachsene und für betroffene Kinder sowie weitere Informationen zum Thema.
Autorin: Annika Lüders
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Telefonhotline für Erwachsene
http://www.nina-info.de
Die Hotline "N.I.N.A." möchte Erwachsene zum Hinsehen und Handeln ermutigen. Sie bietet für Eltern, Verwandte, Pädagogen sowie Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe schnelle Hilfe und unbürokratische Auskünfte zum Thema sexuelle Misshandlung. Außerhalb der Sprechzeiten können Anfragen auch per E- Mail gestellt werden.
Telefon: 01805 /12 34 65 Mo 9.00 - 13.00, Di + Do 13.00 - 17.00
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Hinsehen.Handeln.Helfen.
http://www.hinsehen-handeln-helfen.de/beratungsstellen/index.aspx
In der Online-Datenbank der Kampagne "Hinsehen.Handeln.Helfen!" kann nach Beratungseinrichtungen in ganz Deutschland gesucht werden.
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Die Nummer gegen Kummer (DKSB)
http://www.kinderundjugendtelefon.de
Eine gebührenfreie telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche bei Problemen aller Art. Die Berater sind speziell für die Beratung von Kindern und Jugendlichen ausgebildet. Es gibt auch die Möglichkeit sich per Internet beraten zu lassen und ein Elterntelefon. Die aktuellen Zeiten, in denen die Telefone besetzt sind, finden Sie auf der Internetseite.
Telefon: 0800 / 111 03 33
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Der Weiße Ring
Kummertelefon für missbrauchte Kinder, das rund um die Uhr besetzt ist. Der Weiße Ring ist ein gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern.
Telefon: 01803 / 34 34 34
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Informationszentrum für Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung
http://www.dji.de/ikk
Das IKK ist eine bundesweite Informations- und Vernetzungsstelle zu diesen Themen. Als kostenfreie Serviceeinrichtung unterstützt sie alle Personen- und Berufsgruppen, die in ihrer Arbeit direkt oder indirekt mit vernachlässigten und misshandelten Kindern in Kontakt kommen, mit Informationen, Literatur und fachlichem Austausch. Das IKK ist explizit nicht als Beratungsstelle gedacht.
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Traumatisierung bei Kindern
http://www.agsp.de/html/a37.html
Ein übersichtlicher Aufsatz zum Thema, der durch die Beleuchtung der Hintergründe und Folgen von Traumatisierung für ein besseres Verständnis und einen wirklichen Einblick sorgt. Die Aufklärung ist ein erster Schritt aus der Unsicherheit.
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Arbeit von Erziehungsberatungsstellen
http://www.kindergartenpaedagogik.de/24.html
Auf dieser Website werden psychosoziale Erziehungsberatungsstellen als Anlaufpunkte für Eltern, Erzieher und Kinder vorgestellt. Anhand von Beispielen wird gezeigt, was sie anbieten können und wie sie arbeiten. Diese Tipps sind sinnvoll, wenn bereits ein Dialog mit den Eltern besteht.
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Kinderrechtskonventionen
http://www.kidweb.de/kiko.htm
Die EU Kinderrechtskonventionen im Wortlaut.
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