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Blickpunkt Bildung
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Jungen als Jungen behandeln
Jungen gezielt fördern

blank Amerikanische Forscher haben in geheimen Labors den männlichen Homo Sapiens bis zur Perfektion weiterentwickelt. Das Ergebnis ist eine EC-Karte, die den Müll runterbringt. Ja, das war ein Witz. Aber vielleicht ist er gar nicht lustig. Weil die Wahrheit, die für unsere Jungen dahinter steckt, eine echte Herausforderung ist. Von Männern wird viel verlangt. Manches davon ist unerreichbar. Sie sollen alle Tugenden der Mädchen an den Tag legen und gleichzeitig so zielstrebig und erfolgreich sein wie ein Top-Manager.

Die Wahrheit ist aber, dass Jungen in der Schule immer schlechter abschneiden und der Graben zwischen den Geschlechtern größer wird. Diese Entwicklung ruft inzwischen auch die Politik auf den Plan. Ute Erdsiek-Rave, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, will die Geschlechtergerechtigkeit an den Schulen zum Thema der bildungspolitischen Debatte machen. Und die Bundestagsabgeordnete Michaela Noll will die Jungen mit gezielter Förderung aus dem Abseits holen.

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Jungen geraten ins Hintertreffen link_arrow_top 
Bei ihrer Schullaufbahn sind Jungen in Deutschland den Mädchen gegenüber inzwischen belegbar benachteiligt. Das geht gleich zu Beginn los: 60 Prozent der Kinder, die von der Einschulung zurückgestellt werden, sind Jungen. Sind sie endlich eingeschult, sind die Jungen diejenigen, die häufiger eine Klasse wiederholen. Und etwa in der neunten Klasse zeigen sich die Auswirkungen darin, dass 35 Prozent der Jungen eine verzögerte Schullaufbahn haben. Bei den Mädchen sind es nur 24 Prozent.

Das wirkt sich auch auf die Abschlüsse aus. Jungen sind an Gymnasien unterrepräsentiert, an Hauptschulen und Sonderschulen stellen sie die Mehrheit der Schüler. Bei uns verlassen auch mehr Jungen die Hauptschule ohne Abschluss. Diese Entwicklung ist nicht nur hierzulande zu beobachten. In den USA stellen die Jungen inzwischen 70 Prozent der Schüler in „special ed“-Einrichtungen.

Bei der Lesekompetenz, der Basiskomponente für gute Leistungen in allen Fächern, liegen die Mädchen weit vorne. Viele Jungen haben eine deutliche Leseschwäche. Sie lesen lieber Comics, Gebrauchsanweisungen und Videotext, Mädchen lesen Geschichten und Zeitschriften. International beträgt der Vorsprung der Mädchen in Sachen Lesekompetenz mehr als ein Lernjahr. Fast ein Drittel der Jungen hierzulande zählt zu den notorischen Schlecht-Lesern. Diese Leseschwäche benachteiligt die Jungen, denn Lesen ist eine Vorraussetzung für Leistung in den anderen Fächern, somit eine Grundvoraussetzung für Bildung. Und die Deutschnote spielt bei der Gymnasialempfehlung eine vorrangige Rolle.

Auch in der Schulzufriedenheit gibt es Unterschiede. Zufrieden ist derjenige, dessen Tun Erfolg nach sich zieht, was in der Schule gute Noten und Lob sind. 45 Prozent der Mädchen geben an, gerne in der Schule zu sein. Bei den Jungen sind es nur 32 Prozent.
Gründe für den großen Graben link_arrow_top 
Von den Jungs wird viel verlangt, ohne dass ihnen einer vormacht, wie das gehen soll. Es fehlt an anerkannten Vorbildern. Wenig männliche Lehrkräfte, die geistige Abwesenheit der Eltern und eine vaterlose Gesellschaft reißen Lücken in die Auswahlmöglichen an realen Vorbildern.

Und der Vormarsch der neuen Vorbilder, die sich in diese Lücken schieben, ist nicht dazu angetan, den großen Graben zu verkleinern. Welcher Junge kommt gegen einen millionenschweren Hip-Hopper mit dickem Wagen mit noch dickeren Felgen aus vergoldetem Nasa-Stahl an, der nur mit Models ausgeht dessen Muskeln die exquisite Bearbeitung eines persönlichen Trainers erfahren. Die Latte liegt so hoch, dass unsere Jungs nur versagen können. Außerdem behauptet dieser Super-Rapper: school’s uncool und Schusswunden sind der neue Körperschmuck. Die aktuellen Männlichkeitsbilder sind mit den schulischen Anforderungen kaum kompatibel. Jungen werden von ihren Leitbildern auf Coolness und Dominanzgebaren getrimmt, was für die Anerkennung von Lehrkräften als Experten, ein breit gefächertes Interesse und eine angemessene Disziplin in der Schule in keiner Weise förderlich ist.

Ein weiterer Grund für schlechtere schulische Leistungen ist, dass die Sekundärtugenden der Jungen unterdrückt werden. Die gewaltige Lebendigkeit der Jungs kann schnell Abwehr und Angst hervorrufen. Da überwiegend weibliche Lehrkräfte die Schulkultur prägen, an den Grundschulen machen sie 85 Prozent aller Lehrkräfte aus, erwarten und prämieren sie womöglich die Verhaltensweisen, die Mädchen bei ihrer Sozialisation einüben. Und sie reagieren auf Verhaltensweisen von Jungen, die den schulischen Alltag stören, irritierter als männliche Kollegen. Die Iglu-Studie für die Zehnjährigen ergab, dass Jungen z.B. im Fach Sachkunde bei gleicher Leistung oft schlechtere Noten bekommen als Mädchen. Als mögliche Ursache werden das Wohlverhalten und die Angepasstheit der Mädchen genannt.

Jungen besitzen Wettkampfgeist, der nun mal ab und zu in einer Rangelei sichtbar wird, und eine geringer ausgeprägte Autoritätshörigkeit. Während Mädchen ihre Namen in Schönschrift in das dafür vorgesehen Feld schreiben, ohne die Begrenzungslinie zu übermalen, halten sich Jungen mit solchen Details gar nicht erst auf. Sie besitzen nämlich auch die größere Risikofreudigkeit, was öfter zu Sanktionen führt.

Und manchmal sind Jungen schon deshalb schlechter in der Schule, weil man es inzwischen bereits von ihnen erwartet. Wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung bewahrheitet sich dann die Annahme, dass Jungen weniger können, Unruhestifter und ohne Disziplin sind. Tragischerweise bestätigen Jungen dadurch das Urteil, das vor ihrer Leistung bereits feststeht. Problematisch ist auch, dass sich niemand mehr traut, mal für die Jungs in die Bresche zu springen, aus Angst, dass man ihm nachsagt, etwas gegen die Mädchen zu haben.
Die soziologische Bombe link_arrow_top 
Ist das jetzt so dramatisch, dass Mädchen ein bisschen besser in der Schule sind? Kann das nicht einfach so bleiben – es gibt schließlich auch gute Schüler. Oder basteln wir uns mit der Benachteiligung der Jungen in der Schule eine soziologische Bombe?

Die aufgeführten Fakten haben negative Auswirkungen auf die Motivation und somit auf die Arbeitsdisziplin der Jungen. Das führt zu weiterem Bildungsabfall. Die Benachteiligung im Beruf und bei der Berufsausbildung wartet dann später auf die Jungen, die erwachsen geworden sind. Schulisch wie beruflich befinden Männer sich auf dem absteigenden Ast. In den USA, an deren Beispiel wir ja manche Entwicklung, die möglicherweise auf uns zukommt, ablesen können, hat sich die Vorherrschaft von Männern, was Bildung angeht, aufgelöst. 57 Prozent aller Bachelor-Abschlüsse und 58 Prozent aller Masters gehen an Frauen. Mädchen und Jungen haben auch verschiedene Motivationen, ein College zu besuchen. Eine zukünftige College-Studentin weiß zu berichten: „Girls (…) are not afraid to do the work. A lot of boys in my high-school are looking for credit to get into college to look good.”

Gesellschaftlich bleibt die Kluft bestehen zwischen den Anforderungen, die an Männer gestellt werden, und ihren Möglichkeiten, diese zu erfüllen. Wo sollen die Männer mit ihrer Versagensangst, ihrem Scheitern, und ihrem nicht Erfüllen der eigenen und der Erwartungen anderer hin? Sie haben ja schlicht nicht gelernt, mit Scheitern und Frustration umzugehen. Hier kommen wieder die fehlenden Vorbilder ins Spiel.

Das birgt die Gefahr, dass sich Frustration in Aggression verwandelt. Das Institut für empirische Sozialforschung hat ermittelt, dass die Mehrzahl aller Männer unabhängig von Schichtzugehörigkeit und Bildungsniveau zu abweichendem Verhalten neigt. Das fängt beim Wahlverhalten an. Laut der Studie des Instituts wählen junge Männer mehrheitlich rechts. Bei Umfragen zur Moral stellte sich heraus, dass Eigentumsdelikte, Gewalt und Tötung bei Männern eine hohe Zustimmung finden. Verbrechen ist männlich. 87 Prozent der wegen eines Gewaltdelikts registrierten 2003 waren Männer.
Helft den Jungen zum Erfolg link_arrow_top 
Ob die genannten Gründe und die schlechteren Schulleistungen der Jungen korrelativ oder koinzident sind, ist langfristig natürlich von belang. Aber während wir darauf warten, dass endlich mehr Männer Grundschullehrer werden und anerkannte Vorbilder aus dem Boden schießen, kann in der Schule selbst weiter daran gearbeitet werden, der negativen Entwicklung entgegenzuwirken. Und die erste Regel bei jeder Maßnahme zur Verbesserung der Schulleistungen unserer Jungen ist, Jungen wie Jungen zu behandeln.

Es ist gar nicht so schwer herauszufinden, was man tun kann: man muss nur die Jungen fragen, was sie wollen. Die Wünsche der Jungen sollten nicht verurteilt werden, sondern Lehrer können sie sich zunutze machen! Ein Beispiel aus den Staaten: Im Unterricht wird das Schreiben von Buchstaben geübt. Ein Junge sagt: “Ms. Muse, I don’t want to write the letters, I want to make them.” Warum sollen Jungen die Buchstaben nicht basteln oder modellieren? Sie werden die Aufgabe mit Begeisterung zu Ende führen und ein Erfolgserlebnis haben: Sie haben etwas hergestellt, auf das sie stolz sein können und werden nicht für ihre schiefen Buchstaben im Heft getadelt, die die Mädeln ja doch viel besser hinkriegen. Jungen sind praktisch orientiert. Wenn sie sich nicht darauf konzentrieren können, Lektion 8 im Bio-Buch zu lesen, dann können sie stattdessen im schuleigenen Tümpel oder im Stadtpark Frösche fangen und Wasserproben nehmen.

Es ist müßig, den Bewegungsdrang von Jungen unterdrücken zu wollen. Sie wollen sich bewegen. Unbedingt und freiwillig. Man werfe an einem beliebigen Nachmittag einen Blick in die Skateboardhalle des SC Walhalla in Braunschweig. Jungen jeden Alters toben auf ihren Brettern und BMX-Rädern über die imposanten Rampen. Die einzigen, die stillsitzen, sind die, die völlig ausgepumpt an die Theke geschlichen sind, um sich etwas zu trinken zu kaufen. Die Grundschullehrerin der Autorin hat in unruhigen Stunden alle Kinder auf den Schulhof gelassen, damit sie sich bei zehn Minuten Fangen spielen austoben konnten. Danach war Ruhe für die Sachen, bei denen Schüler stillsitzen müssen.

Jeder lernt am Besten, wenn ihn der Gegenstand interessiert. Das gilt auch für die Lektüre. Wenn Jungen sich für Vulkanausbrüche und Piratenschiffe interessieren, dann sollten sie nicht gezwungen werden, eine Geschichte über Erlebnisse auf dem Pony-Hof zu lesen. Sie lesen lieber Horror-, Fantasy- und Abenteuergeschichten. Solche Lektüre stellt in der Schule aber die Ausnahme dar. Warum sollte für einen Aufsatz das Thema „Was ich in meiner Stadt alles machen kann“ gewählt werden? Jungen können doch darüber schreiben, wie mutierte Aliens in genau diese Stadt einfallen und mit Waffen aus Antimaterie alles dem Erdboden gleichmachen. Daran ist nichts Verwerfliches. Leute wie George Lukas schreiben ganze Drehbücher zu diesem Thema und verdienen viel Geld damit, daraus einen Film nach dem anderen zu machen.

Wenn reale Vorbilder für die Jungen fehlen, gibt es die Möglichkeit Männer in die Schulen einzuladen. Den Trainer der C-Jugend. Den einzigen männlichen Kindergärtner des Ortes. Oder den Truppenchef der Feuerwehr. Oder einen Streetworker. In den USA stellen betuchte Familien männliche Kindermädchen ein, damit die Kids männliche role-models um sich haben. Man hat keine Nanny mehr, man hat jetzt eine „Manny“. Wenn das schick wird, ergreifen vielleicht irgendwann mehr Männer den Erzieher-Beruf.

Es darf nicht sein, dass Jungen schlechter abschneiden, als sie müssten, weil sie hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Es geht hier nicht darum, dass für die Mädchen nichts mehr getan werden sollte. Aber Thema ist die Benachteiligung der Jungen. Wir müssen uns mal wieder ganz entspannt klar machen, dass etwas für die Jungs zu tun nicht automatisch bedeutet, etwas gegen die Mädchen zu tun. Weiblichkeit und Männlichkeit kann als ein Reservoir von möglichen Identitäten aufgefasst werden, deren Bandbreite man nicht fürchten muss, sondern schätzen sollte. Und man sollte alle gleich behandeln, nämlich jeden als das, was er ist: Mädchen als Mädchen und Jungen als Jungen.

Autorin: Annika Lüders
Links zum Thema:



http://www.cornelsen.de/kts/1.c.174494.de#174487
Ein Beitrag mit Anregungen, wie die Lesekompetenz von Kindern gestärkt werden kann



http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/IGLU/home.htm
Infomationen über die Iglu-Studie



http://pisa.ipn.uni-kiel.de/Ergebnisse_PISA_2003.pdf
Informationen zur Pisa-Studie



www.dgls.de
Beiträge der Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben (DGLS) zum Thema „Lesen ist Verstehen“.




http://www.cornelsen.de
Ein Buch zum Thema „Mehr Bewegung in der Grundschule“.
Grundlagen - Bewegungschancen im Schulleben - Beispiele für alle Fächer



Leseliste für Jungen
http://www.manndat.de/index.php?id=232
MANNdat e.V. will mit seiner Jungen-Leseliste interessierten Eltern und Pädagogen helfen, die richtigen Bücher für Jungen zu finden. Die Seite bietet auch Hinweise, wie die Lesekompetenz gefördert werden kann.

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