Cornelsen Schulleitungsstudie 2026
Ganztagsanspruch trifft auf Schulen am Limit
Zum Start des Reformschuljahres hält nur jede fünfte Grundschulleitung hochwertige Ganztagsbildung unter den aktuellen Voraussetzungen für möglich; auch Startchancen-Programm und Digitalisierung werden ambivalent betrachtet.

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung startet mit diesem Schuljahr – und damit eine der größten bildungspolitischen Reformen der vergangenen Jahre. Doch ausgerechnet dort, wo sie jetzt Wirklichkeit werden soll, sind die Voraussetzungen vielerorts noch nicht gegeben. Nur 20 Prozent der Grundschulleitungen sind überzeugt, unter den derzeitigen Bedingungen an ihrer Schule eine hochwertige Ganztagsbildung anbieten zu können. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der vierten Cornelsen Schulleitungsstudie, für die das FiBS-Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie bundesweit 2.066 Schulleitungen verschiedener Schulformen befragt hat.
Dabei ist der Ganztag nur eine von mehreren großen Veränderungen, die Schulen derzeit gleichzeitig bewältigen müssen. Startchancen-Programm und Digitalpakt 2.0 treffen auf den rasanten Einzug Künstlicher Intelligenz in den Schulalltag. Deutschlands Schulen befinden sich mitten in einer Reformphase, in der vieles gleichzeitig neu gedacht, organisiert und praktisch umgesetzt werden muss.
Die Cornelsen Schulleitungsstudie liefert zum Start dieses Reformjahres einen frühen Praxischeck: Wie erleben diejenigen die Veränderungen, die sie vor Ort umsetzen müssen? Wo sehen sie Chancen – und wo stoßen sie an Grenzen?
„Mich beeindruckt, mit welchem außerordentlichen Engagement die Schulleiterinnen und Schulleiter diese Vielzahl von Reformen vorantreiben. Sie organisieren den Ganztag, setzen neue Förderprogramme um, treiben die Digitalisierung voran und müssen gleichzeitig den täglichen Schulbetrieb sichern. Vieles funktioniert derzeit nur, weil sie weit über das normale Maß hinaus Verantwortung übernehmen. Wer Schulen verändern will, muss auch dafür sorgen, dass die Menschen, die diese Veränderungen vor Ort umsetzen, ausreichend Zeit, Personal und verlässliche Unterstützung erhalten“, sagt Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Bildungsforscher und Senior Expert beim FiBS.
Nur 37 Prozent der Schulleitungen an allgemeinbildenden Schulen sind zufrieden mit der Situation an ihrer Schule. Fast alle, 94 Prozent, berichten von stetig wachsenden Aufgaben ohne ausreichende Entlastungen und 83 Prozent fühlen sich insgesamt durch Bürokratie ausgebremst. Setzt die Schule Ganztagsanspruch und Startchancen-Programm gleichzeitig um, erhöht sich die wöchentliche Arbeitszeit von Schulleitungen obendrein um rund sieben Stunden pro Woche.
Weitere Herausforderungen: drei von vier Befragten berichten von Lernschwierigkeiten ihrer Schüler:innen. An allgemeinbildenden Schulen befürworten über 90 Prozent ein ganztägiges Smartphone-Verbot; ebenso viele wünschen sich mehr Unterstützung beim Thema Cybermobbing. 32 Prozent der Schulleitungen geben Belastungen des Schulalltages durch Gewalt an und die Hälfte der Schulleitungen berichtet von Eltern, die demokratische Werte nicht mittragen. In dieser herausfordernden Situation sollen nun große Reformen greifen, während sich Fragen rund um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz häufen.
Ab dem Schuljahr 2026/27 gilt der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung schrittweise für Grundschulkinder. Aus Sicht der Schulleitungen droht der Ganztag zunächst vor allem zur Betreuungsaufgabe zu werden: 86 Prozent verstehen ihn primär als Betreuungs- und nicht als Bildungsangebot. Nur eine von fünf Grundschulen hält hochwertige Ganztagsbildung unter den aktuellen Gegebenheiten für möglich.
Als größte Hürden nennen 75 Prozent unzureichende Räumlichkeiten, 54 Prozent fehlendes qualifiziertes Personal. Je 37 Prozent vermissen verbindliche Vorgaben oder beklagen unklare Zuständigkeiten. Nur 38 Prozent erwarten, dass der Ganztag unter den gegebenen Bedingungen mehr Chancengerechtigkeit schaffen kann. „Die pädagogische Chance des Ganztags-Anspruchs ist unbestritten. Aber dort, wo Räume, Personal und verlässliche Strukturen fehlen, kann der Ausbau bestehende Unterschiede zwischen Schulen weiter verstärken. Eine Reform, die für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen soll, droht dann ins Gegenteil umzuschlagen“, sagt Dr. Dieter Dohmen, Direktor des FiBS Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie. „Und vor allem braucht es eine Entlastung der in Schule handelnden Personen, um solche Reformen gut angehen zu können.“
Auch das Startchancen-Programm wird von den teilnehmenden Schulen grundsätzlich begrüßt. 93 Prozent der Schulleitungen erwarten einen Nutzen für ihre Schule. 89 Prozent bauen die Förderung in Deutsch und Mathematik aus, 79 Prozent schaffen zusätzliche Lernmaterialien an und 74 Prozent intensivieren die individuelle Förderung. Zudem investieren die Schulen in Räume sowie in schulische Konzepte und Strukturen.
Gleichzeitig ist die Skepsis groß, ob das zentrale Programmziel vor Ort erreichbar ist: Nur 36 Prozent rechnen damit, den Anteil der Kinder, die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik nicht erreichen, an ihrer Schule halbieren zu können. 82 Prozent kritisieren zu hohe Dokumentations- und Nachweispflichten, 75 Prozent sehen Beantragung und Genehmigung als Umsetzungshindernis. Für 63 Prozent ist der Personalmangel ein weiteres strukturelles Hemmnis.
Die Schulleitungen sind sich weitestgehend einig, dass sie die Digitalisierung weiter vorantreiben möchten. Große Bedarfe bestehen hier allerdings in Finanzierung (78 Prozent) und Fortbildung der Lehrkräfte (71 Prozent). Für den Einsatz und Umgang mit Künstlicher Intelligenz wird von 99 Prozent eine medienkritische Begleitung gefordert und knapp 80 Prozent befürchten, dass KI das eigenständige Denken der Schüler:innen gefährdet.
Große Reformvorhaben und fortschreitende Digitalisierung in einer ohnehin angespannten Ausgangssituation verändern auch die Rolle der Schulleitungen selbst. 85 Prozent sehen sich als Geschäftsführung eines mittelständischen Betriebs, 65 Prozent als „Feuerwehr“ im täglichen Krisenmanagement. Lediglich 12,5 Prozent geben an, ausreichend Zeit für ihre eigentliche Führungsarbeit zu haben.
Trotzdem bleibt die Bereitschaft zur Gestaltung hoch: 49 Prozent der Schulleitungen an allgemeinbildenden Schulen blicken zuversichtlich auf die Weiterentwicklung ihrer Schule. „Die Cornelsen Schulleitungsstudie 2026 gibt Schulleitungen in einer besonders bewegten Zeit eine Stimme. Deutschlands Schulleitungen sind keineswegs reformmüde: Sie wollen Veränderungen und sind bereit, sie mitzutragen – aber sie brauchen dafür verlässliche Bedingungen. Denn Reformen dürfen nicht zusätzlichen Verwaltungsaufwand schaffen, sondern müssen vor allem ihre pädagogische Wirkung entfalten können“, betont Christine Hauck, Chief Didactic Officer beim Cornelsen Verlag.

