Unterricht gestalten / 15.11.2020

Toleranz, Fairness und Diversity – die Haltung zählt

Gemeinsamkeiten und Unterschiede wertschätzen und nutzen

Unterschiedlichkeit feiern, voneinander lernen, tolerant und neugierig sein – so würden wir uns ein ideales gesellschaftliches Miteinander wünschen. Doch nicht immer gelingt das zufriedenstellend, auch nicht in der Schule. Zum Tag der Toleranz am 16. November ein paar Impulse und Fakten rund um das große und schöne Thema Vielfalt.

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Was wir unter Diversity verstehen

Vielfalt ist ganz normal. In vielen Bereichen des Lebens ist sie sogar ausdrücklich erwünscht. Ob beim Mittagessen, bei der Urlaubsplanung oder beim morgendlichen Zwischenstopp in der Bäckerei: Wir mögen es, wenn wir die Wahl haben, und fänden es langweilig, wenn alles immer gleich abliefe. Wir schätzen eine breite Palette von Optionen und haben uns an eine gewisse Angebotsvielfalt gewohnt. Jedenfalls gilt das für die meisten Menschen in diesem Land und für die meisten Bereiche unseres Alltags.

Doch diese Vielfalt stellt uns auch vor neue Herausforderungen. Manches ist unüberschaubarer, anspruchsvoller als noch vor ein paar Jahren. Eine Vielzahl an Möglichkeiten kann auch Verwirrung und Verunsicherung mit sich bringen.

Schaut man auf die zwischenmenschliche Ebene, macht uns Vielfalt sogar häufig Angst. Im sozialen Miteinander suchen wir gerne erst einmal das Gewohnte, Vertraute und sind viel aufgeschlossener, wenn uns etwas bekannt vorkommt oder zu unseren Vorstellungen passt. Das gibt uns Sicherheit. Aber gerade im Zwischenmenschlichen ist Vielfalt ein ungemeiner Gewinn! Nur in den eigenen, gewohnten Grenzen zu denken, das reicht nicht aus. In diesem Zusammenhang ist häufig von Diversity (Diversität, Vielfalt, Unterschiedlichkeit) die Rede – ein Konzept aus der Sozialpsychologie, das seinen Ursprung in der Bürgerrechtsbewegung in den USA hat. Diversity ist also kein neuer Begriff oder ein Trend, sondern ein Zeichen gesunder gesellschaftlicher Entwicklung.

Im Umfeld Schule haben sich neben Diversity auch Begriffe wie Heterogenität und Inklusion etabliert. Natürlich gibt es feine Unterschiede in der Definition dieser Begriffe, doch viel wesentlicher für Sie als Lehrerinnen und Lehrer ist die generelle Haltung, die all diesen Konzepten zugrunde liegt. Fragen wie:

  • Welche Philosophie leben wir miteinander an unserer Schule, wenn es um das Thema Vielfalt geht? Woran erkennen wir das?
  • Ist diese Haltung fest in unserem Leitbild verankert?
  • Wie gehen wir miteinander um und welche Werte vermitteln wir?
  • Steht Vielfalt als Entwicklungspotenzial bei uns im Mittelpunkt oder ist sie eher ein Randthema?

Gelebte Diversität – spürbar anders

Lassen Sie es mal auf einen Versuch ankommen: Gelebte Diversität ist als Bewusstsein quer durch alle Bereiche des schulischen Alltags zu spüren: im Lehrerzimmer, im Klassenraum, in der Kommunikation mit Eltern, im Personalwesen … Sie bezieht sich beispielsweise auf Themen wie Religion, ethische und soziale Herkunft, Gender, Geschlechteridentität, sexuelle Orientierung, verschiedene Beeinträchtigungen, Lerngewohnheiten – kurzum: alles, was Menschen in ihrer Verschiedenheit und Individualität auszeichnet. Wie fühlt es sich an, wenn Sie Ihren Arbeitsplatz vor dem Diversity-Hintergrund betrachten?

"Diversity-Kompetenz ist keine Sonderkompetenz im Sinne einer Gebrauchsanweisung zum Umgang mit 'Fremden'. Sie ist vielmehr eine allgemeine soziale Kompetenz, Menschen nicht als Stellvertreter/-innen für eine bestimmte Gruppe zu behandeln, sondern sie als Individuen wahr- und ernst zu nehmen."

Quelle: https://www.vielfalt-mediathek.de/data/spi_vielfalt_gestaltet.pdf

Nicht immer lässt sich in der schulischen Praxis alles umsetzen, was Lehrerinnen und Lehrer gerne hätten und Schülerinnen und Schüler bräuchten. Manchmal geraten individuelle Bedürfnisse und Faktoren zugunsten der Praktikabilität in den Hintergrund. Hier liegt die besondere Herausforderung eines Diversity-kompetenten Unterrichts und Miteinanders.

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Diversität im Klassenzimmer

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Schule und Unterricht

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Vertrauen statt Stigmatisierung

"Für die Bildungsarbeit ist es wichtig, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Blick zu nehmen", heißt es auf der Website erwachsenenbildung.at zur Erklärung des Begriffs Diversität. "Der ausschließliche Fokus auf die Differenz führt häufig zur Trennung und Kategorisierung von sozialen Gruppen – ein guter Boden für Stereotypisierungsprozesse und Konflikte. Wenn der Fokus auf den Gemeinsamkeiten liegt, fördert dies konstruktive Beziehungen und Vertrauen. Für den Beratungs- und Bildungskontext ist es daher hilfreich, mit einem Diversitätsverständnis von Unterschiedlichkeiten und Gemeinsamkeiten zu arbeiten. Denn der Blick auf die Gemeinsamkeiten erleichtert sehr häufig die Auseinandersetzung mit Unterschiedlichkeit im sozialen System." 

(Quelle: https://erwachsenenbildung.at/themen/diversitymanagement/grundlagen/begriffserklaerung.php)

Für Sie als Pädagoginnen und Pädagogen ist es also wichtig, nicht dem Impuls zu folgen, sich vorwiegend auf Defizite zu fokussieren, sondern immer wieder zu reflektieren:

  • Was haben wir gemeinsam?
  • Welche Vorteile liegen darin, dass wir unterschiedlich sind?
  • Was führt zu Ausgrenzung und Diskriminierung und was können wir dagegen tun?
  • Was können wir als Schule lernen und verbessern?

Der Schlüssel zur Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist – wie so oft – Kommunikation. Es gilt also, dem Thema Diversity im Schulalltag regelmäßig Raum zu verschaffen. Durch den Austausch von verschiedenen Standpunkten entsteht gegenseitiges Verständnis, was wiederum Veränderungspotenziale und Chancen zum Vorschein bringt. So lassen sich individuelle Talente erkennen und gezielt fördern.

In der Wirtschaft steht die Strategie des Diversity Managements noch stärker als im Bildungsbereich für die gewinnbringende Nutzung unterschiedlicher Ressourcen. Inhaltlich lassen sich die Aufgaben und Vorteile jedoch sehr gut auf das Umfeld Schule übertragen. Ein Beispiel: Um Konflikte zu verstehen und zu lösen, ist eine Diversitätskompetenz unerlässlich.

Fair bewerten und benoten

Wenn es um Heterogenität und Diversität geht, dann spielt auch der Begriff der Fairness eine große Rolle. Gelingt es Ihnen als Lehrkraft, sich anderen gegenüber immer fair zu verhalten? Ob Schülerinnen und Schüler eine gute Note bekommen, so schreibt Dr. Rita Panesar in einer Publikation des "Charta der Vielfalt e. V.", hänge nicht immer nur von ihrer Leistung ab. "Vorurteile spielen bei der Bewertung eine entscheidende Rolle. Lehrkräfte trauen Kevins und Mandys nicht nur weniger zu als Kindern, die Alexander oder Sophie heißen. Sie benoten Kinder mit Namen, die in bildungsfernen Elternhäusern häufig vorkommen, mitunter auch schlechter – und das bei gleicher Leistung." 

(Quelle: https://www.charta-der-vielfalt.de/fileadmin/user_upload/Studien_Publikationen_Charta/Vielfalt_erkennen_BF.pdf)

Das englische Wort "bias" (Voreingenommenheit, Schieflage) drückt aus, was nicht nur im Schulunterricht, sondern generell im Leben unmöglich ist: frei von Vorurteilen zu sein. Der Anti-Bias-Ansatz geht davon aus, dass jeder Mensch voreingenommen ist und Vorurteile gesellschaftlich erlernte Muster sind. Das heißt aber auch, dass sie wieder verlernt werden können.

Ein sehr spannendes Thema für Sie als Lehrerinnen und Lehrer, wenn es darum geht, den eigenen Umgang mit bekannten und unbekannten "Schubladen" zu reflektieren und damit Diskriminierung – mag sie auch noch so unbewusst und unbeabsichtigt passieren – vorzubeugen.

Mehr zu Anti-Bias-Arbeit und interessanten Seminaren und Workshops für Bildungseinrichtungen erfahren Sie beispielsweise auf der Website des Anti-Bias-Netzes: https://www.anti-bias-netz.org/

Internationaler Tag der Toleranz

Mit dem internationalen Tag der Toleranz am 16. November erinnert die UNESCO Jahr für Jahr an jene Regeln, "die ein menschenwürdiges Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen und Religionen ermöglichen". Diese Sensibilisierung hilft uns, ein fortwährendes Bewusstsein dafür zu kultivieren, worauf es im Miteinander ankommt.

In Bezug auf Diversity zeigt sich: Es lohnt sich, immer wieder neue Perspektiven einzunehmen, den Blickwinkel zu wechseln und die eigene innere Haltung zu hinterfragen. Denn Diversity beginnt immer bei einem selbst – weil jeder Mensch auch in sich sehr vielfältig ist. Es ist also eine schöne und sinnstiftende Aufgabe, sich hier permanent weiter zu engagieren, zu bilden und zu öffnen.

Videotipp: Diversity Day 2020 – Diversität in der Schule: ein Video der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung

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