Schule gestalten / 10.07.2019

Genderkompetenz in der Schule

Weder rosarot noch himmelblau

Schule ist kein geschlechtsneutraler Raum. Ob gewollt oder ungewollt werden auch hier Geschlechterstereotypen vermittelt und gelebt. Genderkompetenz ist also angesagt, damit die Schule als Lernort fürs Leben einen Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter und damit zu mehr Chancengerechtigkeit für Mädchen und Jungen leisten kann. Bloß: Wie?

Bild: Shutterstock.com/Larisa Rudenko

Manche Schulen haben bereits ein Genderkonzept entwickelt und Genderkompetenz in ihr Schulprogramm aufgenommen. In anderen Schulen gibt es sogar Genderbeauftragte, das können Lehrerinnen und Lehrer aber auch Schüler und Schülerinnen sein. Andere machen sich auf den Weg und wieder andere stehen noch am Anfang.

Wenn Ihre Schule zur letzten Kategorie zählt, ergreifen Sie einfach selbst die Initiative. Sie können sich ein Beispiel an anderen Schulen nehmen und deren Konzepte im Kollegenkreis diskutieren. Vielleicht finden sich auch Befürworter für eine schulinterne Fortbildung?

Das eigene Verhalten prüfen

Allerdings macht man den Anfang am besten bei sich selbst. Wie sieht das eigene Verhalten – privat und in der Schule – aus? Wie steht es um die eigenen Einstellungen aus? Um dies festzustellen, genügen ein paar konkrete Fragen, die man möglichst ehrlich beantworten sollte, um dann gegebenenfalls das eigene Verhalten zu ändern.

  • Wie spreche ich die Schülerinnen und Schüler in der Klasse an?
  • Welche Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit gebe ich möglicherweise weiter?
  • Wen nehme ich wann dran?
  • Wen ermuntere ich zu Leistungen?
  • Mache ich Unterschiede in der Leistungsbewertung von Mädchen und Jungen?
  • Warum mache ich diese Unterschiede?
  • Wie gehe ich mit dem Verhalten von Mädchen und Jungen um – etwa bei Störungen oder Desinteresse?
  • Achte ich auf eine geschlechtsneutrale Sprache?

Wer all diese Aspekte und Überlegungen in den eigenen Unterricht miteinbezieht, und sein eigenes Verhalten immer wieder reflektiert, wird bereits selbst vieles zu einer genderkompetenten Schule beitragen.

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Genderkompetenz im Unterricht

Und dann lässt sich das Thema auch ganz konkret im eigenen Unterricht angehen. Ein paar Beispiele:

Berühmte Fragen

Sicherlich kennen Sie den berühmten Fragebogen, den Marcel Proust angeblich zweimal ausgefüllt hat. Zu seiner Zeit galt dieser Fragebogen als beliebtes Gesellschaftsspiel. Und noch heute erscheint er in einigen Zeitschriften. Aus den mehr als 30 Fragen lassen sich mindestens zwei zum Thema Gender im Unterricht nutzen, nämlich:

  • Was sind deine Lieblingsheldinnen und -helden in der Wirklichkeit?
  • Was sind deine Lieblingsheldinnen und -helden in der Dichtung – beziehungsweise angepasst an die heutige Zeit – in Comics, im Fernsehen, im Kino, bei Netflix und Co.?

In einer Tabelle können die Schülerinnen und Schüler Ihre Heldinnen und Helden aufführen und in einer zweiten Spalte deren herausragenden Eigenschaften benennen. Diskutieren Sie die Liste der Eigenschaften und die Funktion von Heldinnen und Helden als Rollenvorbilder und die Frage, inwieweit es sich dabei um Geschlechterrollenstereotype handelt. Die einfache Frage nach Heldinnen und Helden können bereits Grundschulkinder beantworten, in höheren Klassen lassen sich noch zwei weitere Fragen aus dem berühmten Fragebogen nutzen, nämlich

  • Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?
  • Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

 

Wenn ich einmal groß bin

Unter diesem Titel gestalten die Schüler aus Zeitschriften, Prospekten und ähnlichen bildlastigen Veröffentlichungen eine Collage, in der sie darstellen, wie ihr Leben als erwachsener Mensch aussehen wird und welchen Beruf sie ausüben wollen. Wenn die Möglichkeit besteht, können diese Collagen auch direkt am PC oder Tablet zusammengefügt werden. Lassen Sie die Schülerinnen und Schüler erläutern, was sie dargestellt haben und wie ihre Visionen aussehen. Jetzt werden die Berufe und Wünsche der Mädchen und Jungen getrennt aufgelistet. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich feststellen? Warum ist das so? Und woran liegt das? Ziel ist, dass die Schülerinnen und Schüler im Verlauf der Diskussion darüber nachdenken, ob es sich bei den genannten Unterschieden um soziale Erwartungen, Zuschreibungen und Rollenstereotypen oder um "naturgegebene" Unterschiede zwischen den Geschlechtern handelt.


Kommt ein Alien in die Schule

Handpuppen sind im Grundschulunterricht beliebt. Nehmen Sie eine Handpuppe, die die Kinder noch nicht kennen und stellen Sie diese als das Drums vor. Das Drums kommt von einem anderen Planeten und weiß wenig über die Erdenbewohner. Aber etwas hat es doch schon gehört: Hier gibt es Mädchen und Jungen. Das kennt es von seinem Planeten nicht. Die Kinder sollen erzählen: Was machen Mädchen und Jungen gern im Unterricht? Spielen sie in den Pausen dieselben Spiele? Welche Bücher mögen Mädchen und Jungen? Welche Computerspiele? Wenn sich Stereotype zu verfestigen scheinen, wie etwa "Jungen können programmieren", "Mädchen können kochen", dann hält das Drums mit interessanten Informationen, die es bereits vorher gesammelt hat, dagegen: "Wusstet ihr, dass die erste Programmiererin der Welt eine Frau und der berühmteste Koch des 20. Jahrhunderts ein Mann war?" (Ada Lovelace, Paul Bocuse). Im Gespräch mit dem Drums, das viele naive Fragen stellt, können Grundschulkinder ihre Vorstellungen von Mädchen und Jungen hinterfragen und bestenfalls sogar ernsthaft in Frage stellen.

 

Rollentausch

Verteilen Sie einen altersgemäßen Text, in dem "typische" männliche und weibliche Protagonisten agieren. Die Schülerinnen und Schüler lesen den Text vor, dann tauschen sie die jeweiligen Geschlechter im Text aus – aus Frauen werden Männer, aus Jungen werden Mädchen, aus Männern werden Frauen, aus Mädchen werden Jungen. Nun wird der Text erneut vorgelesen. Beim anschließenden Vergleich der beiden Texte werden verschiedene Fragen wie diskutiert, wie

  • Verändert sich die Aussage des Textes, wenn die Geschlechter vertauscht werden?
  • Und wie verändert er sich?
  • Wird er unglaubwürdig oder gar lächerlich?
  • Und warum?
  • Welche Geschlechterklischees werden dargestellt und durch den Tausch der Geschlechter erst deutlich?

In der Regel entsteht in solchen Unterrichtsstunden eine rege Diskussion und so manches Aha-Erlebnis bei den Schülerinnen und Schülern.

Genderkompetenz als Gesamtkonzept

Derlei Unterrichtsideen gibt es viele, doch so wichtig sie auch sind, sie sind nicht ausreichend, wenn der Rahmen nicht stimmt. Um an einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse zu arbeiten, braucht es nämlich die ganze Schule.

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In diesem Live-Online-Seminar geht es um die Veränderung der medialen Botschaften der letzten Jahre. Sie bekommen einen Einblick in die Mechanismen des Gendermarketing, entwickeln einen Blick für die Präsenz von Rollennormierungen, und bekommen mit vielen Beispielen aus dem Schul(-buch)Alltag eine Übersicht.
 

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