Referendariat / 07.01.2020

Zeugnisse schreiben - ein harter Job?

Praktische Tipps zur Notengebung 

So, das Schulhalbjahr ist fast geschafft, die schriftlichen Leistungskontrollen sind abgeschlossen, die mündliche Mitarbeit Ihrer Schüler haben Sie bewertet. Jetzt geht es darum, Zeugnisnoten - möglicherweise zum ersten Mal - zu vergeben. Das kann ja nicht so schwer sein! 

Bild: Shutterstock.com/Dragon Images

 

Schließlich sollen nur die Leistungen und Entwicklungen der Schülerinnen und Schüler gerecht bewertet werden. Soweit die Theorie. Doch in der Praxis ist die Notengebung weitaus komplexer. Zeugnisse schreiben bedeutet für viele Lehrer Stress. Geht es doch auch um Verantwortung, um Vorurteile und Sympathien und um mögliche Konsequenzen. Umso wichtiger also, die eigene Notengebung immer wieder kritisch zu hinterfragen, um dem Ziel, gerecht zu benoten, möglichst nahe zu kommen. Und dafür gibt es mindestens zwei entscheidende Komponenten: Zeit und Transparenz. 

Zeit

Wer meint, bis zur Notenvergabe sei ja noch so viel Zeit, dem kann die Wirklichkeit schnell einen Strich durch die Rechnung machen, weil ja im Leben immer wieder Unvorhergesehenes geschieht: Krankheit, außergewöhnliche Termine und ähnliches. Gut also, wenn Sie rechtzeitig mit den Überlegungen zur Notenvergabe beginnen. Bei einigen Schülern werden Sie sich mit den Noten bereits festgelegt haben, bei anderen allerdings werden Sie sich noch nicht sicher sein. Statt mehr oder minder willkürlich auf- oder abzurunden, sollten Sie zusätzliche Informationen zu Rate ziehen. 

Aufschlussreich können Gespräche mit Lehrkräften anderer Fächer sein, die Ihnen möglicherweise ein ganz anderes Bild eines Schülers zeichnen oder aber Ihre Sicht bestätigen. Das gleiche gilt für die Notenliste, der Ihnen einen Blick über den Tellerrand gestattet. Und weil Sie ja genug Zeit haben, können Sie bei all diesen Schülern noch einmal genauer hinschauen: bei den Hausaufgaben oder bei der mündlichen Mitarbeit zum Beispiel. Sie können auch kleinere mündliche Befragungen im Unterricht durchführen oder ganz gezielt Referate vergeben und Aufgaben verteilen. Je besser Sie ihre Schüler kennen, desto gerechter können Sie ihre Leistungen bewerten. 

Transparenz

Wie bei vielen anderen Situationen im Leben zahlen sich auch hier Transparenz und Offenheit aus. Schüler sollten nicht von den Zeugnisnoten überrascht werden. Schließlich dokumentieren diese Noten ihre Leistungen mindestens eines halben Schuljahres. Einfacher und gerechter wird das Notenverteilen, wenn Sie von Anfang an mit ihren Schülern über deren Leistungen und Benotungen offen gesprochen haben. Wenn Sie ihnen also immer wieder schriftlich oder mündlich Rückmeldungen gegeben haben. Und: Nutzen Sie die Kompetenz der Schüler und fordern Sie sie auf, selbst ihre Leistungen zu bewerten. 

So können Sie zum Beispiel Fragebögen zur Selbsteinschätzung verteilen. Damit haben sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Schüler reflektieren ihr eigenes Lernverhalten, sie versuchen ihre Leistungen einzuschätzen und erfahren, dass es mit dem Notengeben gar nicht so einfach ist. Und Sie selbst lernen auf diese Weise Ihre Schüler besser kennen: Angefangen bei denen, der sich maßlos überschätzen bis zu jenen, die sich möglicherweise gar nichts zutrauen. In einem anschließenden Gespräch - oder mit einer schriftlichen Notiz - können Sie darlegen, ob die Schülereinschätzung mit Ihrer Notenvergabe übereinstimmt und wie Sie gegebenenfalls auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Allerdings sollte es in diesen Gesprächen nicht zugehen wie auf einem Basar. So manche Schüler sind beim Feilschen um die richtige Note nämlich deutlich geschickter als ihre Lehrer. Und das Ergebnis mag dann vielleicht den Schüler zufriedenstellen, hat aber wenig mit Ihrer Beurteilung oder gar mit Gerechtigkeit zu tun. Schließlich geht es hier nicht um ein Schnäppchen oder einen guten Verdienst - und niemand sollte über den Tisch gezogen werden. 

Die Zeugnislisten

In Zeugnislisten werden die Noten für die verschiedenen Fächer der einzelnen Schülerinnen und Schüler einer Klasse eingetragen. Erkundigen Sie sich, wo die Listen ausliegen - oder auch, wo sie digital abrufbar sind - und bis wann die Noten eingetragen sein müssen. Auch hier gilt: Setzen Sie sich selbst einen um einige Tage früheren Termin, damit Sie auf der Ziellinie nicht in Hektik geraten.

In der Zeugnisliste gibt es für jeden Schüler in der Regel drei Zeilen. In der oberen Zeile stehen alle Noten des letzten Zeugnisses, die mittlere Zeile ist für die Halbjahresnoten vorgesehen und die Letzte Zeile für die Noten zum Schuljahresschluss. Sie können in dieser Liste Noten mit Tendenzen eintragen (plus oder minus), was sich allerdings nicht im Zeugnis widerspiegelt. Wenn die Note um mehr als eine Ziffer von der Vornote abweicht, müssen Sie diesen Sprung in der Regel in dieser Liste begründen. Daneben können Sie auch Bemerkungen zum Arbeits- und Sozialverhalten der Schüler eintragen. Empfehlenswert ist, wenn Sie eigene Zeugnislisten nur für Ihre Fächer führen. Diese Arbeit wird Ihnen die Notenvergabe auf jeden Fall erleichtern. 

Zeugnis in Textform

Nicht nur mit Ziffern wird bewertet, sondern auch mit Worten. Berichtszeugnisse sind zumindest in den ersten beiden Schuljahren üblich, aber auch in höheren Klassen können Ziffernzeugnisse durch Berichtszeugnisse ergänzt werden. Im Berichtszeugnis werden die erreichten Kompetenzen der Fächer wie auch Arbeits- und Sozialverhalten dargelegt.

Berichtszeugnisse bedeuten in der Regel Mehrarbeit. Es mag verlockend sein, auf immer wieder gleiche Formulierungen und Textbausteine zurückzugreifen. Die lassen sich mittlerweile sogar online zusammenklicken. Bedenken Sie aber, dass Berichtszeugnisse die Persönlichkeit des Schülers, seine individuelle Entwicklung, seine Schwächen und Stärken beschreiben sollen. Einer solch individuellen Bewertung kommt man jedoch mit vorgefertigten Formulierungen kaum nahe.

Dennoch kann es gerade für Zeugnisanfänger hilfreich sein, exemplarische Zeugnisformulierungen zu Rate zu ziehen. Manche Bundesländer – wie etwa Bayern – stellen solche Hinweise zur Verfügung. Vielleicht gibt es ja auch schulinterne Standards für Inhalt, Stil und Form der Zeugnisberichte? Unter anderem, damit Eltern und Schüler diese Texte auch einordnen können. Gibt es diese Standards an Ihrer Schule nicht, dann entwickeln Sie Ihre eigenen. Das erleichtert das Zeugnisschreiben und macht die Beurteilungen vergleichbar. Ansonsten: Nutzen Sie die Erfahrungen der „alten Hasen“. Suchen Sie das Gespräch und bitten Sie die Kolleginnen und Kollegen um ihre besten Tipps.

Verzichten Sie auf Verallgemeinerungen, Phrasen oder Verklausulierungen, die Bemerkungen müssen für Schüler und Eltern verständlich und aussagekräftig sein. Auch sollten Sie nicht um den heißen Brei herumreden. Wenn ein Schüler tatsächlich Schwierigkeiten in einem Fach hat, müssen Sie diese auch benennen. So geben Sie ihm die Chance, an seinen Schwächen zu arbeiten. Formulieren Sie dazu gern auch Ratschläge. Hingegen sind eindeutig abwertende oder verletzende Bemerkungen nicht nur pädagogisch unerwünscht, sondern unzulässig.

Ganz anders ist es mit positiven Bemerkungen. Jeder Schüler hat Stärken und Begabungen. Selbst wenn diese nicht direkt Ihre eigenen Fächer betreffen, sollten Sie sie nicht unter den Tisch fallen lassen. Kinder und Eltern brauchen diese Art der Rückmeldung. Ermutigung ist wichtig, um die Lernmotivation zu fördern und zu erhalten. 

Fazit 

Zeugnisse schreiben zählt bei vielen Lehrern nicht gerade zu den Lieblingsbeschäftigungen. Auch, weil der pädagogische Auftrag, ein Kind individuell zu fördern und zu ermutigen, oft im Widerspruch zu möglichen Ausleseentscheidungen steht. Wenn Sie selbst aber den pädagogischen Aspekt der Leistungsrückmeldung in den Vordergrund stellen, wenn Sie sich Zeit für die einzelnen Schüler und ihre Beurteilung nehmen und den offenen Austausch suchen, dann sollte das Zeugnisschreiben mit weniger Stress und mehr Zufriedenheit verbunden sein. 

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Lernkultur, Leistungsbewertung, Leistungsrückmeldungen 
Sie nehmen mehrdimensionale Lernprozesse in den Blick und lernen, einem erweiterten Lernbegriff gerecht zu werden. Nach dem Seminar sind Sie fähig, die Verantwortung für den Arbeitsprozess zu teilen, um die darauf aufbauende Leistungsbewertung qualitativ weiterzuentwickeln. 

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