Inklusion / 24.08.2020

Inklusiver Unterricht: Für jeden Schüler die passende Aufgabe

Inklusiven Unterricht sinnvoll gestalten

Ein und derselbe Arbeitsauftrag für jeden Schüler und jede Schülerin – das kann im inklusiven Klassenzimmer einfach nicht funktionieren. Wie Sie herausfordernde Aufgaben konzipieren, die für alle Schülerinnen und Schüler lösbar sind, erklärt dieser Artikel. So gelingt individualisierter Unterricht garantiert!

Bild: Shutterstock.com/SeventyFour

In der Praxis stellt sich vor allem die Frage: Wie gestalte ich den inklusiven Unterricht?

In einem sind sich alle Expertinnen und Experten einig: Inklusion, also "das selbstverständliche Zusammensein und -lernen ganz unterschiedlicher Menschen"1 ist eine große Herausforderung. Das gilt natürlich besonders für all jene, die diesen hohen Anspruch in der Praxis umsetzen müssen. Neben den schulischen Rahmenbedingungen, den rechtlichen Stolpersteinen und zahlreichen externen Faktoren, stehen Sie als Pädagoge/-in im Schulalltag vor allem vor der Frage: Wie gestalte ich den Unterricht? Wie sorge ich für die nötige Individualisierung? Und wie gestalte ich passende Aufgaben, damit alle Schülerinnen und Schüler ihren ganz eigenen Voraussetzungen entsprechend gut lernen kann?

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So funktioniert individualisierter Unterricht

Die Erich-Kästner-Schule in Hamburg hat seit 20 Jahren Erfahrung mit der Inklusion. Schulleiter Pit Katzer identifiziert Folgendes als Kern des inklusiven Unterrichts: "das zieldifferente Lernen am gemeinsamen Gegenstand durch individualisierenden Unterricht, kooperative Lernformen und ausgeprägte Handlungsorientierung, die eng mit einem Konzept für soziales Lernen verbunden sind."2

Nun liegt natürlich auf der Hand, dass mit Aufgaben, die nur eine Lösung und exakt einen richtigen Lösungsweg haben, gerade in heterogenen Klassen nicht jede/-r Schüler/-in arbeiten kann. Stark individualisierter Unterricht ist gefragt – und mit ihm das Erstellen, Erproben und kontinuierliche Überprüfen der Unterrichtsmaterialien. Wie aber passen offene Lernformen, individualisierter Unterricht und verbindliche Leistungsziele zusammen?

Inklusiver Unterricht weist nicht die Strukturen traditionellen Unterrichts auf und bringt veränderte Aufgabenfelder für die Lehrkraft mit sich. Sie als Lehrkraft sind nicht mehr der Hauptakteur, sondern der einzelne Schüler steht im Zentrum. Individualisierung heißt nicht, dass Sie sich intensiv in jeder Stunde jedem einzelnen Schüler zuwenden. Trauen – und muten (!) – Sie Ihren Kindern und Jugendlichen zu, selbstständig zu lernen und Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess zu übernehmen. Stellen Sie dafür einen strukturierten Rahmen zur Verfügung und übernehmen Sie die Leitung.

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Differenzierte Lernangebote machen

Es beginnt mit der richtigen Lernumgebung. Differenzierte Lernmöglichkeiten sorgen dafür, dass schwächere Schüler die nötige Unterstützung erfahren, während die Leistungsstarken in der Klasse mit anspruchsvollen Aufgaben gefordert werden. Sie können und sollen also ruhig herausfordernde Arbeitsaufträge formulieren – sorgen Sie aber unbedingt dafür, dass lernschwache Schüler die notwendigen Hilfen haben.3 Die Differenzierung im Klassenzimmer funktioniert dann, wenn sie alle Ebenen des Unterrichts erfasst. 

Zu einem differenzierten Lernangebot gehören deshalb:

  • unterschiedliche Voraussetzungen (weil auch Kinder aus bildungsfernen Familien nicht abgehängt werden dürfen)
  • unterschiedliche Themen (weil die Motivation immer auch eine Frage des Inhalts ist)
  • unterschiedliche Lernwege (weil jedes Kind anders lernt und jeder Lerntyp willkommen ist)
  • unterschiedliche Materialien (weil sich nur so Kopf, Herz und Hand erreichen lassen)
  • unterschiedliche Zeitvorgaben (weil nicht jedes Kind ein Schnelldenker ist)
  • unterschiedliche Schwierigkeitsgrade (weil die kognitiven Möglichkeiten der Kinder stark differieren)
  • unterschiedliche Sozialformen (weil die Kinder so voneinander lernen können)

Schüler lernen gut von Schülern: Etablieren Sie gegenseitiges Lernen

Wenn Schüler/-innen ihren Klassenkameradinnen und -kameraden helfen, profitieren beide: Die Schwächeren können von den Stärkeren lernen, während diese ihr neues Wissen durch die Weitervermittlung noch vertiefen. Ob Lernpatenschaften, Expertensysteme, Lernen durch Lehren oder Lerncoaching: Die Möglichkeiten sind vielfältig. Sie wissen am besten, welche der Methoden zu Ihrer Klasse passen.

Die richtige Aufgabenkultur: Herausfordernd mit mehreren Lösungswegen

Aus Angst, die Schüler/-innen zu überfordern, plötzlich nur noch "kinderleichte" Aufgaben zu stellen, wäre schlicht der falsche Ansatz. Für selbstständiges Lernen sind anspruchsvolle Aufgaben nötig – Übungen aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, die verschiedene Lösungswege erlauben und auch durch Teamarbeit bearbeitet werden können. Es kann nötig sein, den Schüler/-innen mehr Zeit einzuräumen, damit sie sich wirklich aktiv mit der Materie auseinandersetzen können. Der Lerneffekt steigt dadurch aber deutlich – das Mehr an Zeit ist also sehr gut investiert. Letztlich geht es schließlich nicht um das Auswendiglernen von Wissen, sondern auch darum, es eigenständig bewerten, übertragen und anwenden zu können.

Die richtigen Aufgaben konzipieren: Übungen für das inklusive Klassenzimmer

Die ideale Aufgabe ist einerseits herausfordernd, andererseits für wirklich alle Schüler/-innen lösbar und mit Lernfortschritten und Erfolgserlebnissen verknüpft. Der Anfangsimpuls ist entscheidend: Er muss sich als Startpunkt für jede Schülerin und jeden Schüler eignen. Von diesem Impuls aus führen dann unterschiedliche Lernwege zum Ziel.

Damit Sie die Aufgaben sinnvoll differenzieren können, stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Welche inhaltlichen Strukturierungen und Anleitungen sind möglich?
  • Gibt es Querverbindungen oder Vernetzungsmöglichkeiten?
  • Wo wird es schwierig? Wie viele Arbeitsschritte sind nötig?

Je mehr Einzelschritte nötig sind, desto schwieriger wird die Aufgabe. Wenn Sie konkrete Teilschritte vorgeben, erleichtern Sie lernschwachen Schüler/-innen Lösungswege. Die recht allgemeine Aufgabe, etwas zu erörtern, ist zum Beispiel komplizierter, als die Schülerinnen und Schüler dazu aufzufordern, in einem ersten Schritt zunächst drei Pro- und Contra-Punkte zu benennen.

In Anlehnung an die Kultusministerkonferenz lassen sich sechs Schlüsselfaktoren für "gute" Aufgaben definieren:

  • Sie leiten schrittweise an.
  • Sie geben Hilfestellungen.
  • Ihr Schwierigkeitsgrad ist angemessen.
  • ·Sie haben nicht nur einen festen Lösungsweg.
  • Sie sind aktivierend und motivierend.
  • Sie erzeugen beim Schüler keinen Leistungsdruck und keine Angst vor der Bewertung.
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Versuch macht klug

Beobachten Sie Ihre Schüler/-innen beim Lernen und hinterfragen Sie Ihre Unterrichtsmaterialien und -pläne. Es kann immer mal wieder nötig werden, Anpassungen vorzunehmen oder Übungen und Verfahrensweisen zu überdenken. Überlegen Sie beispielsweise auch, ob sich für die jeweilige Aufgabe tatsächlich ein verhältnismäßig "starres" Arbeitsblatt anbietet oder besser Alternativen zum Einsatz kommen sollten.

Bei aller Theorie und allen guten Ratschlägen gilt letztlich: Unterm Strich braucht Inklusion vor allem Mut – den Mut, "einfach anzufangen". Mit der Zeit werden Sie sicherlich dazulernen und wertvolle Erfahrungen sammeln. Und das ist – ganz im Sinne des "selbstverständlichen Zusammen Lernens" – schließlich etwas Gutes.

Literatur 

1 Definition entnommen aus: "Eine Schule für alle – Inklusion umsetzen in der Sekundarstufe" von mittendrin e. V., Stephanie Stangier und Eva-Maria Thoms, ISBN 978-3-8346-0891-8, Verlag an der Ruhr,  2012, S. 9

2 Entnommen aus: "Gelingensbedingungen für schulische Inklusion – Praxisbericht zur Sekundarstufe I aus der Erich-Kästner-Schule, Hamburg" von Pit Katzer, Zeitschrift "schulmanagement", Ausgabe 5/2012, S. 18, www.schulmanagement-online.de/smt20120518

3 Folgepassagen in Anlehnung an "Inklusion Schritt für Schritt – Chance für Schule und Unterricht" von Gundula Dechow, Konstanze Reents und Katja Tews-Vogler, ISBN 978-3-589-03949-4, Cornelsen Scriptor, 2013

"Inklusion Schritt für Schritt – Chance für Schule und Unterricht" von Gundula Dechow, Konstanze Reents und Katja Tews-Vogler, Cornelsen Scriptor, ISBN 978-3-589-03949-4

"Eine Schule für alle – Inklusion umsetzen in der Sekundarstufe" von mittendrin e. V., Stephanie Stangier und Eva-Maria Thoms, Verlag an der Ruhr, ISBN 978-3-8346-0891-8

"Gelingensbedingungen für schulische Inklusion – Praxisbericht zur Sekundarstufe I aus der Erich-Kästner-Schule, Hamburg" von Pit Katzer, Zeitschrift "schulmanagement", Ausgabe 5/2012, www.schulmanagement-online.de/smt20120518

Fortbildungen der Cornelsen Akademie

Vielfalt nutzen – Differenzieren im Unterricht (SchiLf)
Sie erfahren, wie Sie durch Verfeinerung, Abstufung und Aufteilung der Lerninhalte auch bei unterschiedlichen Begabungen und sozialen Einbettungen sowie spezifischen Lernbedürfnissen differenzieren können. So finden Sie für jede Schülerin und jeden Schüler den Lernweg mit der größten Erfolgsaussicht.

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Sie erhalten im Baukastensystem eine umfassende Unterstützung auf dem Weg zur inklusiven Schule, so dass Ihre Einrichtung schrittweise eine Schule für alle Kinder wird.

Schlagworte:

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