Hinter den Kulissen / 30.06.2022

Interview: Die Darstellung jüdischen Lebens in Cornelsen Lehrwerken

Dr. Martin Kloke im Interview 

Die Förderung von Diversity & Inclusion sind Elemente unserer Unternehmenswerte. Unser Ziel ist, dass sie selbstverständlich in unserer Kultur und unseren internen Strukturen gelebt werden sowie nachdrücklich und sichtbar in unsere Produkte integriert sind. Was wir dafür tun, zeigen wir in einer Serie zum Thema. Diesmal: Dr. Martin Kloke im Interview über die Darstellung jüdischen Lebens in Cornelsen Lehrwerken und die Frage, wie Lehrwerke Antisemitismus vorbeugen können.

Illustration Diversity
Bild: Cornelsen/Inhouse

Martin, du bist einer der Autor/-innen einer internen Arbeitshilfe zur Förderung einer diversitätssensiblen Produktentwicklung – was ist das?

Martin Kloke: Die Arbeitshilfe ist ein interner Leitfaden, der Redaktionen dabei unterstützen soll, Menschen sprachlich einzubeziehen und ungeprüfte Vorurteile, tradierte Stereotypen oder gar offene Ressentiments und somit Diskriminierungen jeglicher Art bzw. Abwertungen bestimmter Menschen oder Menschengruppen zu vermeiden. Von „A“ wie „Antisemitismus“ bis „R“ wie „Religion(en)“, gibt er Hilfestellungen und praktische Beispiele und soll so dazu beitragen, Redakteur/-innen und Autor/-innen für die Themen zu sensibilisieren.
 

Du hast dich bei der Erstellung der Arbeitshilfe zur diversitätssensiblen Produktentwicklung u. a. um das Themenfeld Antisemitismus gekümmert: Warum ist dieses Thema relevant?

Martin Kloke: In den letzten Jahren ist der Antisemitismus in allen Teilen der Gesellschaft wieder lauter und sichtbarer geworden, verstärkt in den Echokammern der Social Media. Doch in Lehrplänen und Bildungsmedien wird der Antisemitismus traditionell auf den Nationalsozialismus und seine Vorgeschichte beschränkt und endet 1945. Die Zeit danach gerät allzu oft aus dem Blick. Dabei verstecken jüdische Schüler/-innen an öffentlichen Schulen häufig ihr Jüdisch-sein, aus Furcht vor einer feindseligen Atmosphäre. Opfer von Antisemitismus bleiben nicht selten allein und erleben, dass sie diejenigen sind, die die Schule wechseln – und nicht die Täter/-innen. Dabei gibt es manch überflüssiges Finger Pointing: Ist der alt-neue Hass auf Jüdinnen und Juden importiert oder war er nie weg? Kommt er von rechts, von links, aus der Mitte?

Uns Produktverantwortliche sollte eine andere Frage umtreiben: Wie können wir bei der Darstellung jüdischen Lebens unseren eigenen Qualitätsansprüchen so gerecht wie möglich werden?

Diversity & Inclusion bei Cornelsen

Die Förderung von Diversity & Inclusion sind Elemente unserer Unternehmenswerte. Unser Ziel ist, dass sie selbstverständlich in unserer Kultur und unseren internen Strukturen gelebt werden sowie nachdrücklich und sichtbar in unsere Produkte integriert sind. Was wir dafür tun, erfahren Sie hier.

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Worin liegen die besonderen Herausforderungen bei diesem Thema?

Martin Kloke: Schulbuchanalysen, aber auch einschlägige Vorfälle zeigen, dass Bildungsmedien nicht automatisch davor gefeit sind, Klischees über Juden, Judentum und Israel zu verbreiten: etwa, wenn Juden als „fremd“ und „geheimnisvoll“ markiert werden; oder wenn Schüler/-innen Israel ausschließlich als ein kriegführendes Krisenland kennenlernen, aber weder von dem Hightech-Potenzial noch von der religiösen und kulturellen Diversität dieser keineswegs idyllischen, aber bunten Demokratie irgendetwas mitbekommen.

Problematisch können auch tendenziöse Bilder sein, die Emotionen schüren und antisemitische Hemmschwellen herabsetzen. Daher haben wir im Themenfeld „Antisemitismus“ zentrale Stolperstellen aufgelistet und kommentiert, auf die wir in unseren Produkten achten sollten.


Wie kann denn Antisemitismus in Bildungsmedien thematisiert werden?

Martin Kloke: Im Idealfall bräuchten wir den Antisemitismus gar nicht zum Thema zu machen. Hauptsache, wir achten bei der Auswahl von Materialien wie Textquellen, Darstellungstexte, Bilder etc. darauf, Juden/Jüdinnen, Judentum und Israel fair, multiperspektivisch und empathisch darzustellen – in ganz normalen Alltagssituationen. 

Wir haben z. B. in der Ethik-Reihe Respekt Leitfiguren kreiert, die miteinander plaudern und dabei von ihrer jeweiligen Religion, ihren Festen und Traditionen, erzählen. Wenn sich das jüdische Kind mit christlichen, muslimischen oder anderen Kindern austauscht – und zwar auf Augenhöhe –, leisten wir ein Stück Antisemitismusprävention.

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Einfach können - Einfach können - Diskriminierungsfreie Sprache

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Aber Antisemitismus wird in unseren Produkten auch ausdrücklich thematisiert, oder?

Martin Kloke: Ja natürlich. Angesichts unserer Geschichte wissen wir, welche zerstörerische Wucht dieses älteste Ressentiment haben kann. Dass der Antisemitismus 1945 nicht plötzlich verschwand, sondern auch heute virulent ist, haben neuere Lehrpläne zunehmend auf dem Radar. Präventionsversuche werden je nach Fach unterschiedlich ausfallen. In einem Schulbuch für das Fach „Praktische Philosophie“, das Ende 2022 erscheinen soll, haben wir uns als Team entschlossen, den Antisemitismus nicht nur aus der beobachtenden Außensicht der Mehrheitsgesellschaft aufzugreifen, sondern einer jüdischen Perspektive Raum zu geben. In einem Exklusiv-Interview erzählt ein Rabbineranwärter, wie es sich als „sichtbarer“ Jude in Deutschland lebt; dabei gehen philosophische Reflexion und empathisches Einfühlen Hand in Hand.
 

Was rätst du Kolleginnen und Kollegen, die antisemitismuskritische Akzente setzen möchten, aber unsicher sind, wie sie das angemessen machen können?

Martin Kloke: Zunächst einmal sind wir da als Ansprechpartner/-innen und Sparringspartner/-innen. Es gibt keine perfekten Lösungen, aber im gemeinsamen Nachdenken und Ausprobieren lassen sich ebenso spannende wie hochwertige Materialangebote entwickeln, die unseren Standards gerecht werden. Seit einigen Jahren verbreiten sich Diskussionen um einzelne Passagen in Bildungsmedien auch in den Sozialen Medien und können binnen weniger Tage oder gar Stunden sog. Shitstorms entfachen. Daher ist es ist besser, neuralgische Stolperfallen vor einem Zulassungsprozess zu klären, als so lange zu warten, bis an irgendeiner Stelle eine tatsächliche oder vermeintliche Schieflage entstanden ist.

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