Hinter den Kulissen / 12.04.2024

Christine Vogler und Prof. Dr. Thomas Druyen über die Zukunft der Pflege

„Die Pflege ist ein fundamentaler Baustein der Demokratie“

Das Pflegesystem in Deutschland ist – nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels - an einen kritischen Punkt gelangt. Dazu kommen fehlende Strukturen, mangelnde Wertschätzung und veraltete Ausbildungsangebote. Gibt es einen Weg aus dieser Misere? Ja, sagen Christine Vogler und Thomas Druyen. In ihrem Buch Pflege. Zukunft. Menschenrecht. Zehn Empfehlungen für die Pflege von morgen zeigen sie konkrete und notwendige Veränderungen auf, mit denen ein hoffnungsvoller Blick auf die Zukunft der Pflege in Deutschland möglich wird.

Thomas Druyen und Christine Vogler
Bild: Christoph Fein

Frau Vogler, Herr Druyen, wie steht es um die Pflege in Deutschland?

Christine Vogler: Das heutige System der pflegerischen Versorgung wird morgen nicht mehr ausreichen. Es geht schon rein rechnerisch nicht. Wir kennen die demografische Situation, wir wissen ob der hohen Renteneintritte, wir wissen ob der kleinen Gruppe der jungen Generation, die das finanzieren soll. Die Lage ist prekär und es ist jetzt wirklich an der Zeit, einiges zu ändern. Und dazu haben wir in unserem Buch ein paar Ideen entwickelt.

Thomas Druyen: Die Pflege ist ja nicht nur Krankenpflege. Sie fängt bei der Geburt an. Wir pflegen zum Beispiel auch Beziehungen. Der Pflegebegriff, das pflegerische Bewusstsein ist daher eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Demokratie. Und das wollen wir ins Bewusstsein der Bevölkerung holen. Ein bisschen Klatschen reicht einfach nicht, wir müssen eine andere Pflegelogik und ein runderneuertes Pflegesystem einfordern. Und damit muss man Druck auf die Politik machen. Eigenartiger- und paradoxerweise ist die Pflege nur gegenwärtig, wenn es im persönlichen Leben einen Pflegebedarf gibt. Wir haben in der Zukunftspsychologie dazu eine Studie über die Generation der Babyboomerinnen und Babyboomer gemacht. Das Ergebnis: 80 Prozent der Befragten sind nicht auf Pflege vorbereitet. In dem Moment, wo etwas vorfällt, ist man mit Haut und Haaren mit der Pflege verbunden. Auch die Wertschätzung ist dann enorm groß. Aber ansonsten fehlt eine allgemeine gesellschaftliche Wertschätzung. Die Gesundheitsfachberufe, die Pflege - sozusagen die Herzkammer - aber auch Rettungsdienste, Physiotherapeuten, Hebammen, die spielen eigentlich alle nur im Ernstfall eine Rolle. Dagegen wollen wir etwas tun. Die Pflege scheint uns ein fundamentaler Baustein einer Gesellschaft und einer Demokratie zu sein.

Erscheint im September 2024:

Pflegias - Pflege. Zukunft. Menschenrecht. - Zehn Empfehlungen für die Pflege von morgen - Sachbuch

Pflege. Zukunft. Menschenrecht. · Zehn Empfehlungen für die Pflege von morgen

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„Die Pflege als größter Versorger in der Bundesrepublik hat keine Strukturen“

Das heißt, Sie wollen mit Ihrem Buch auch etwas erreichen. Und dazu haben Sie konkrete Empfehlungen entwickelt?

Thomas Druyen: Ja. Das Buch beginnt mit dem Thema Mindset all derjenigen, die mit der Pflege beschäftigt sind. Zur Pflege gehören ganz bestimmte Einstellungen, denn warum wählt man einen Beruf, bei dem man nicht genau das Wochenende planen kann? Wo man immer wieder abhängig ist von schnellen Veränderungen, von neuen Dienstplänen und in dem man auch immer wieder mit Leid konfrontiert wird. Was ist das für eine Berufung? Hier kommt unser nächster Begriff ins Spiel: Konkrethik: Wir sagen, etwas kann nur gut und richtig sein, wenn es konkret umgesetzt wurde. Diese neue Vorstellung von einer Ethik des Handels spielt eine zentrale Rolle für die Zukunft.

Christine Vogler: Genauso haben wir unsere zehn Thesen auch formuliert. Aus einer positiven Zukunft heraus! Pflege benötigt eine andere Verantwortung, um die Zukunft gestalten zu können. Wir haben heute die Situation in Deutschland, dass Pflege keine organisatorischen Strukturen hat, die auf das System einwirken können, wie andere vergleichbare Professionen im System: wie die Ärzte oder die Krankenkassen oder die Krankenärztliche Vereinigung. Die Pflege als größter Versorger in der Bundesrepublik kann Ihre Kompetenzen nicht abbilden – sie ist quasi ohne Stimme. Die braucht sie aber, um auch die Patientensicherheit zu gewährleisten. Vor allem braucht es eine starke Berufsgruppe, die das auch einfordert. Wir sind das einzige Land in Europa, das keine eigene bundeseinheitliche und bindende Berufsordnung für die Pflege hat. Lediglich in zwei Bundesländern existieren Landeskammern.

Thomas Druyen: Unsere nächste These lautet: Pflege ist ein Bestandteil des Ökosystems Gesundheitsförderung. Und alle Beteiligten, inklusive Ärzte, müssen mit der Pflege kollegial zusammenarbeiten und die Pflege nicht als Hilfsdienst betrachten. Wir gehen explizit auf die Babyboomerinnen und Babyboomer ein. Sie stellen die größte Pflegegruppe, die es je in unserer Geschichte gegeben hat. Allein 1964 wurden 1,4 Millionen Menschen geboren. Viele von ihnen sind wohlhabend oder gehören zumindest der Mittelschicht an. Und sie sollten materielle Verantwortung übernehmen. Sie können nicht erwarten, dass diese kleine Gruppe von zehn, zwölf Millionen junger Menschen zwischen 18 und 28 Jahren das allein stemmt. 


Sie sagen, alle Beteiligten sollten kollegial mit der Pflege zusammenarbeiten. Das geschieht offensichtlich momentan noch nicht. Liegt es möglicherweise auch an den unterschiedlichen Bildungsniveaus?

Christine Vogler: Damit kommen wir direkt zu unserer nächsten These. Sie behandelt die Bildungsstrukturen von pflegerischer Versorgung in Deutschland. In allen europäischen Ländern, und meistens auch weltweit, wird Pflege studiert, es wird also akademisch ausgebildet. In Deutschland ist das direkt berufszulassend erst seit 2020 möglich. Der Wissenschaftsrat empfiehlt eine Quote von zehn bis 20 Prozent an akademisch Qualifizierten, um die Versorgung sicherzustellen. Wir haben heute einen Akademisierungsgrad von zwei Prozent. Was nicht heißt, dass die Pflegekräfte in der traditionellen Ausbildung schlecht ausgebildet sind. Aber in einem Studium wird im Umgang mit Wissen und Kompetenzerwerb eine andere Befähigung erreicht. Und wir sagen, in Zukunft braucht die professionelle Pflege eine bundeseinheitliche Bildungssituation in Ausbildungs- und Studienstrukturen.

Ein Sicherungskasten für die Demokratie und die Würde des Menschen

Und damit auch ein besseres Ansehen in der Gesellschaft?

Christine Vogler: Es geht uns auch um das Ansehen der Pflege innerhalb der Bevölkerung. Und deshalb haben wir den Begriff der Würde im Kontext zur Pflege betrachtet. Wie wird die Würde der Pflegenden wahrgenommen? Wie signalisiert ein Staat eigentlich in die Gesellschaft hinein, was ein Wert ist? Die Antwort: über die Verfassung. Und wenn wir diesen Weg konsequent weiterdenken, dann bedeutet es, dass das Recht auf pflegerische Versorgung in die Verfassung gehört. Damit Menschen, die in einem Staat leben, wissen, dass bei Pflegebedürftigkeit die Gesellschaft für mich sorgt. Damit installiert man einen Sicherungskasten, der auch dafür sorgt, dass sowohl die Demokratie als auch die Würde des Menschen geschützt werden können.

Pflegias - Pflege. Zukunft. Menschenrecht. - Zehn Empfehlungen für die Pflege von morgen - Sachbuch als E-Book (ePUB)

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„Die KI wird für alle Beteiligten einen Quantensprung bedeuten“

Thomas Druyen: Schließlich geht es uns noch um die Anwendung der Künstlichen Intelligenz in der Pflege. Und das wird für alle Beteiligten einen Quantensprung bedeuten.
 

Was bedeutet das konkret?

Thomas Druyen: Wenn eine Pflegekraft ausfällt, kann die KI den Dienstplan innerhalb von Sekunden adaptieren. Die Ausführungen von Ärzten am Krankenbett können sofort als schriftliches Protokoll ausgegeben werden. Die verschiedenen Medikamente und Tabletten, die verabreicht werden sollen, lassen sich umgehend in ihrer Wechselwirkung überschauen. Dazu bräuchte man mehrere Ärzte. Die KI kann Röntgenbilder viel besser auslesen als jeder Arzt. Das sind nur ein paar Beispiele für ein neues Pflegeszenario.
 

Sprechen wir auch von Pflegerobotern?

Christine Vogler: Wir werden die Menschen in der Zukunft nicht mehr eins zu eins versorgen können. Wir brauchen also Digitalisierung, Robotik und Technik. Der Kontakt zwischen Mensch und Mensch allerdings wird niemals ersetzt werden können. Und genau diese Kombination aus persönlichem Kontakt zum Menschen und Einbindung moderner Unterstützungsstrukturen durch den digitalen und technischen Fortschritt spricht die jungen Menschen an.
 

Wer soll dieses Buch lesen?

Christine Vogler: Ich wünsche mir wirklich, dass es überall ausliegt und die Menschen angesprochen werden, „Ach Mensch, das nehme ich mal mit und lese es“. Ich glaube, das kann mit dem Buch gelingen.
 

Aber es sollten doch auch die Entscheidungsträger lesen?

Christine Vogler: Selbstverständlich. Wir sind ja auch in der Politik unterwegs und sehen, dass Politikerinnen und Politiker verstanden haben, dass sich etwas ändern muss. Aber wenn sie den gesellschaftlichen Druck nicht spüren, wenn die Gesellschaft das nicht auch vehement einfordert, dann fehlt der politische Handlungswille.

Zur Person

Christine Vogler ist Präsidentin des Deutschen Pflegerats und seit 30 Jahren im Gesundheitswesen tätig. Sie ist die Geschäftsführerin der Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe gGmbH, der größten Bildungseinrichtung für Gesundheitsberufe in Deutschland unter Trägerschaft der Charité und Vivantes. 2018 bekam sie für Ihr Engagement für eine anspruchsvolle und attraktive Pflegeausbildung den Berliner Frauenpreis.

Der Soziologe Prof. Dr. Thomas Druyen forscht in den Bereichen Alters- und Generationssoziologie, Zukunftspsychologie, Vermögenspsychologie, Gesundheitsmanagement und Familienunternehmen. Er leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement (IZZ) an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien. Gleichzeitig ist er Präsident der opta data ZukunftsStiftung in Essen.

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