Unterricht gestalten / 09.04.2020

Gedächtnis wie ein Sieb?

Das geht auch anders – Lerntricks für Ihre Schülerinnen und Schüler

"Oh, weiß ich nicht." "Hatten wir das überhaupt schon?" "Keine Ahnung." Seit drei Stunden arbeiten Sie jetzt schon an dieser Unterrichtseinheit und bei Ihren Schülern scheint nichts hängengeblieben zu sein. Liegt’s an Ihnen, den Schülern, dem Stoff? Das ist schwer zu sagen. Gut möglich aber, dass Sie Ihren Schülern mit ein wenig Wissen über das Gedächtnis und vor allen Dingen mit ein paar Lerntricks helfen können, ihr Wissen dauerhaft zu speichern.

Bild: Shutterstock.com/WAYHOME studio

Das Gedächtnis

Woran erinnern wir uns, was bleibt im Gedächtnis und was nicht? Die Wissenschaft unterscheidet beim Gedächtnis grob in zwei Bereiche. Das deklarative Gedächtnis – auch explizites, rationales oder Wissensgedächtnis genannt - und das nicht-deklarative, auch prozedurales oder implizites Gedächtnis genannt.

Das deklarative Gedächtnis speichert Fakten, allgemeine Informationen, Schulwissen aber auch Erlebnisse, Erfahrungen und Fakten des eigenen Lebens. Das nicht-deklarative Gedächtnis arbeitet eher unbewusst. Es speichert Fähigkeiten, Gewohnheiten und Verhaltensweisen. Also Abläufe wie etwa das Gehen, das Fahrradfahren oder das Greifen.

Beim Lernen arbeiten deklaratives und nicht-deklaratives Gedächtnis Hand in Hand.  Denn ohne bestimmte Fähigkeiten könnten wir uns neues Wissen nicht aneignen. Damit aber das neue Wissen sich nicht wieder verflüchtigt, sondern möglichst dauerhaft im Gedächtnis bleibt, braucht es Wiederholungen, Emotionen und Strategien. Und dabei können Sie Ihren Schülern helfen.

Wiederholungen

Ja, Wiederholungen können ermüdend sein. Aber sie sind entscheidend, damit Gelerntes tatsächlich im Langzeitgedächtnis landet. Machen Sie das Ihren Schülern klar und motivieren Sie sie dazu, den Lernstoff für sich selbst zu wiederholen, etwa indem sie sich möglichst viel dazu aufzuschreiben: eigene Fragestellungen, eigene Gedanken oder einfach noch einmal die verschiedenen Fakten.  Denn das Aufschreiben ist letztlich nichts anderes als eine Wiederholung und unterstützt den Lernprozess. Und: Wer sich wichtige Gedanken möglichst zeitnah notiert, unterstützt die Gedächtnisspeicherung noch besser. Greifen Sie außerdem im Unterricht immer wieder auf vergangene Themen und Inhalte zurück. So wissen Sie und Ihre Schüler, wie effektiv das Lernen war.

Emotionen

Emotionen helfen beim Lernen. Denn Gedächtnis und Gefühl sind eng miteinander verbunden. Deswegen werden Erlebnisse, die mit starken Emotionen verbunden sind, in der Regel lange gespeichert. Das gilt auch fürs Lernen. Je mehr wir emotional involviert sind, desto erfolgreicher die Speicherung. Nutzen Sie diese Zusammenhänge und versuchen Sie, Interesse, Neugierde und Emotionen Ihrer Schüler zu wecken. Präsentieren Sie mal keine Fakten, sondern einfach nur Behauptungen. Sind sie wahr oder falsch? Das weckt die Neugierde und das Interesse der Schüler und ihren Ehrgeiz, den Lehrer zu widerlegen. Dabei werden auch eine Menge Emotionen freigesetzt!

Bei abstrakten Themen oder Lehrsätzen lohnt es sich, nach Beispielen aus dem Leben zu suchen. Beim Satz des Pythagoras zum Beispiel könnten Sie fragen, wie hoch eine 3 Meter lange Leiter noch reicht, wenn man sie 1,50 Meter von der Hauswand entfernt hinstellt. Mit dem Satz des Pythagoras können die Schüler das Ergebnis berechnen. Sie könnten dazu auch eine Wettrunde veranstalten, oder aber deutlich machen, bei welcher Schräge das Besteigen der Leiter gefährlich werden würde. Ein zusätzlicher Effekt: Wenn Sie Leiter und Haus an die Tafel malen, werden sich die Schüler beim Stichwort Pythagoras an genau dieses Bild erinnern und bestenfalls den Lehrsatz parat haben. Suchen Sie nach ähnlichen Beispielen aus Ihren Fächern. Sie werden garantiert viele finden!

Struktur

Mitunter kann der Lernstoff wie ein nicht erklimmbarer Berg wirken und manche Schüler fangen erst gar nicht an, sich damit auseinanderzusetzen. Empfehlen Sie Ihren Schüler deswegen, sich Etappenziele zu setzen. Die bringen Struktur ins Lernen, lassen sich leichter erreichen und überprüfen und sie können so motivierend sein wie eine Jausenstation auf der Bergwanderung. Auch die Materialien sollten strukturiert sein. Lernen wird mit einer sinnvollen Archivierung und Systematisierung der Inhalte einfacher. Dabei helfen Karteikarten, Pinnwände, Datenbanken, farbliche Markierungen und Merkzettel.

Memotechniken

Solange schriftliche Aufzeichnungen nur in sehr begrenztem Umfang möglich waren, haben die Menschen verschiedene Verfahren genutzt, um Informationen, Ideen und Geschichten im Gedächtnis zu behalten und überliefern zu können. Heute haben wir zwar jederzeit alle erdenklichen Informationen beinahe überall zur Verfügung – aber sind sie deswegen auch in unserem Gedächtnis gespeichert? Eher wohl auf dem Handy, in der Cloud und im Internet.

Und das hilft nicht immer weiter. Besser sind sie im Schülergedächtnis aufgehoben. Dafür gibt es Techniken. Wie schaffen es Gedächtnisweltmeister, sich in kurzer Zeit unglaublich viele Zahlen, Namen oder Verkehrsverbindungen zu merken? Zum Beispiel mit der sogenannten Loci-Technik. (von lateinisch Locus = Ort). Damit können Schüler insbesondere sperriges oder prüfungsrelevantes Wissen lernen und bei Bedarf aus dem Gedächtnis abrufen. Dabei geht man im Geiste zum Beispiel durch die eigene Wohnung und wählt sich 10 bis 20 Punkte, an denen man gedanklich etwas ablegt. Trainieren lässt sich das wunderbar mit einem Einkaufszettel. Milch, Eier, Salz, Äpfel, Haferflocken, Spinat usw. werden auf diese Weise in diesem Raum "deponiert" und können später im Supermarkt abgerufen werden, wenn man gedanklich den Weg durch die Wohnung noch einmal geht. Schüler können diese Technik im Unterricht – oder als Hausaufgabe - aber auch mit Vokabeln, Lehrsätzen, Daten - kurz mit Wissen aus allen Fächern probieren.

Auch Eselsbrücken können hilfreich sein. Viele Erwachsene erinnern sich noch an den Spruch aus ihrer Schulzeit: Drei, drei, drei, bei Issos Keilerei. Eine Information also, die sich auch nach Jahrzehnten noch hartnäckig im Gedächtnis hält. Und jeder Gitarrenspieler wird den Satz Eine alte Dame ging Heringe essen. kennen, bei dem die Anfangsbuchstaben für die Tonfolge E A D G H stehen. Und selbst die ersten Stellen der Zahl Pi bleiben dauerhaft im Gedächtnis, wenn man sich die Frage May I have a large container of coffee? merkt und weiß, dass dafür bloß die Anzahl der Buchstaben jedes einzelnen Wortes gezählt werden müssen: 3,1415926. Aber Achtung: Ein- oder zweimal aufsagen, genügt nicht. Nur wenn man solche Eselsbrücken häufig anwendet, bleiben sie auch dauerhaft im Gedächtnis. Ihre Schüler können auch eigene Eselsbrücken bauen. Das hat den großen Vorteil, dass sie sich dabei immer wieder mit dem Lernstoff auseinandersetzen müssen.

Fazit

Das Gehirn vergisst mehr als es sich merkt. Das ist auch gut so, denn sonst würden wir mit der Fülle an Informationen, Eindrücken und Erfahrungen verrückt werden. Will man sich dauerhaft etwas merken, dann muss man es regelmäßig wiederholen. Daran führt kein Weg vorbei. Empfehlen Sie Ihren Schülern das eben Gelernte nach einer Stunde zu wiederholen, dann nach einem Tag, nach einer Woche und schließlich nach einem Monat. So erfahren die Schüler, wie sie sich Wissen dauerhaft merken können, ohne endlos büffeln zu müssen. Einfach nur, weil sie genau das tun, was das Gedächtnis für eine dauerhafte Speicherung braucht.

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