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Berufliche Bildung / 18.09.2026

Szenisches Spiel in der Pflegeausbildung

Empathie und Handlungskompetenz in der Pflege fördern

Szenisches Spiel in der Pflegeausbildung – das klingt auf den ersten Blick ein wenig nach Psychodrama oder spannenden Projekttagen. Tatsächlich aber hat szenisches Spiel eine viel bedeutendere Rolle – sowohl im Unterricht an allgemeinbildenden Schulen als auch in der Pflegebildung. Warum, das erklärt Uta Oelke im Interview. Sie lehrte mehr als 20 Jahre an der Hochschule Hannover und hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Gisela Ruwe bislang rund 120 Pflegelehrkräfte zu Spielleiterinnen weitergebildet.

Vier Personen in weißen Kitteln diskutieren und halten ein medizinisches Buch.
Bild: Cornelsen/Sibylle Baier

Frau Oelke, zunächst einmal: Was bedeutet eigentlich szenisches Spiel?

Uta Oelke: Dazu möchte ich Ingo Scheller zitieren, ehemals Professor an der Uni Oldenburg, der diesen Ansatz maßgeblich geprägt hat. Er sagt, szenisches Spiel nimmt die Erfahrung von Lernenden als Ausgangs- und Bezugspunkt inhaltsbezogener Lernprozesse. Szenisches Spiel, so Ingo Scheller, ist dabei im Wesentlichen Arbeit an und mit der Haltung der Lernenden. Er hat damals sehr detailliert Kritik am gängigen Unterrichtsvorgehen geäußert, unter anderem, weil es vordringlich um Reden über Dinge geht, statt um ein Eindringen in die Dinge. 

Szenisches Spiel bedeutet im Grunde ganzheitliches, nachhaltiges Lernen, es bedeutet Lernen mit Kopf, Seele und Körper bzw. mit allen Sinnen. Dabei berücksichtigt szenische Bildungsarbeit aber auch immer gesellschaftlich-institutionelle Rahmenbedingungen bzw. die kritische Auseinandersetzung mit ihnen. Die Wurzeln des szenischen Spiels sind bildungsbezogene, didaktische. Es ist ein Ich-nahes Verfahren, aber es ist keine Therapie. Es geht nicht um Psychodrama. Es ist didaktisiert, aber anders als Frontalunterricht. Das szenische Spiel wird mittlerweile nicht nur von Deutschlehrkräften, sondern auch in anderen Fächern wie Musik, Kunst, Politik, Geschichte an allgemeinbildenden Schulen eingesetzt. Für die Pflegebildung haben meine Kollegin Gisela Ruwe und ich über die Jahrzehnte viele meist existenzielle Themen zu szenischen Lerneinheiten aufbereitet. Dabei geht es oft um Altern, Krankheit und Tod, aber auch um Macht und Ohnmacht.  

Pflegias - Demenzsensible Pflege im Krankenhaus - Unterrichtsentwurf zur Methode Szenisches Spiel

Pflegias

Generalistische Pflegeausbildung
Demenzsensible Pflege im Krankenhaus

Unterrichtsentwurf zur Methode Szenisches Spiel

Pflege ist mehr als Fachwissen: Die Bedeutung sozialer Kompetenzen

Hat das szenische Spiel eine besondere Bedeutung in der Pflegeausbildung?

Uta Oelke: Ja, denn es geht um die Förderung sozialer und personaler Kompetenzen. Für mich ist Pflege ein sozialer Beruf, natürlich mit medizinischen Komponenten. Die stehen bei der szenischen Arbeit  aber nicht im Vordergrund – dafür gibt es andere Unterrichtsmethoden. Der Pflegeberuf ist für mich ein Berührungsberuf, der auch sehr viel mit Emotions- und Gefühlsarbeit zu tun hat. Und genau diese Komponenten Beziehung, Körperlichkeit, Emotionen sind zentral für die szenische Bildungsarbeit.
 

Und wie sieht dieses szenische Spiel genau aus?

Uta Oelke: Es ist ein Ansatz, der viele Methoden beinhaltet und die kann man wiederum zwei Kategorien zuordnen. Einmal arbeiten wir mit fertigen Texten. Und zum anderen arbeiten wir mit selbsterlebten Szenen oder Situationen. Zur zweiten Methode: Wir machen viele Seminare für Praxisanleiterinnen. Dabei geht es zum Beispiel um das Thema Schwierige Situationen in der Praxisanleitung. Dann benennen die Teilnehmerinnen Situationen und die Gruppe bearbeitet in einem solchen Seminar von anderthalb Tagen zwei bis drei von ihr ausgewählte Szenen sehr intensiv. Sie analysiert, interpretiert und überlegt, wie kann man vielleicht besser  mit den Schwierigkeiten umgehen bzw. wie kann man sich selbst besser schützen. Darüber hinaus erarbeiten wir mittels Standbildverfahren und anderen Übungen, was die Praxisanleitung mitunter schwierig macht und woran das liegen kann.

Pflegias - Generalistische Pflegeausbildung

Pflegias

Generalistische Pflegeausbildung

Das Lehrwerk Pflegias richtet sich mit einer grundsätzlich generalistischen Ausrichtung an Auszubildende und Lehrende in der Pflegeausbildung. Damit meinen wir
 

  • die Pflege von Menschen in allen Altersgruppen - vom Neugeborenen bis zum hochaltrigen Menschen sowie
  • die Berücksichtigung aller pflegerischen Settings - ambulant und stationär, Akut- und Langzeitpflege.

Im Mittelpunkt steht immer der Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen, Zielen, Fähigkeiten und seiner Biografie.

Struktur und Inhalt des innovativen Lehrwerks sind aus der pflegerischen Perspektive gestaltet, das macht Pflegias aus. Lernen Sie Pflegias kennen.

Und bei der zweiten Kategorie?

Uta Oelke: Da arbeiten wir mit vorgegebenen Texten. Ein Beispiel: das Thema Visite. Dabei handelt es sich um echte Visitenprotokolle, also um Dialoge zwischen Arzt, Patient und Pflegekraft. Daraus nehmen wir einen Ausschnitt, der dann gespielt wird. Nach dem Spiel findet immer eine Reflexionsrunde statt und dann bringen alle Teilnehmenden ihre eigenen Sichtweisen ein. Es werden also vorgegebene Szenen gespielt und dann werden sie sozusagen seziert und Alltagserfahrungen werden reflektiert. Wir arbeiten auch mit Szenen aus Theaterstücken unter anderem vom Werkteater Amsterdam, zum Beispiel zum Thema Alte Menschen. Diese Szenen sind ungefähr eineinhalb Seiten lang. Wir sagen kurz, worum es in der Szene geht. Dann entscheiden sich die Teilnehmenden für eine Szene, die sie spielen möchten, lesen sie in Kleingruppen mit verteilten Rollen und entscheiden sich erst danach, welche Rolle sie spielen wollen. Schließlich schreiben sie für ihre Rolle anhand von Fragen, die wir vorgeben, eine sogenannte Rollenbiografie. Wichtig ist: Sie lernen nichts auswendig, die lesen immer den Text ab. Sie müssen sich strikt an die Texte halten, weil diese gerade bei den Theaterstücken so verdichtet und gut sind.
 

Und was können die Teilnehmenden davon in Ihren Arbeitsalltag mitnehmen?

Uta Oelke: Da sind wir ziemlich bescheiden und haben keine riesigen Hoffnungen, was grundsätzliche Veränderungen des Arbeitsalltags angeht. Aber noch einmal: Es geht um soziale und personale Kompetenzförderung – also darum, sich in Patienten bzw. zu Pflegende einzufühlen sowie sich selbst zu reflektieren. Ich bin mir sicher, dass die Teilnehmerinnen etwas mitnehmen, was das eigene Verhalten betrifft. Sie sagen zum Beispiel: „Oh, jetzt habe ich am eigenen Körper erfahren, wie es ist, Patient zu sein, im Bett zu liegen und die Profis vor mir stehen zu haben.“ Bei selbsterlebten Szenen haben wir unter anderem das Thema Gewalt in der Pflege. Dann sagen die Teilnehmenden zum Beispiel, dass sie unzufrieden mit ihrem Verhalten waren, weil sie geschwiegen haben oder weil sie es noch schlimmer gemacht haben. Gemeinsam probieren wir aus, wie man sich anders verhalten könnte. Das machen wir wirklich sehr ausführlich und ich denke, dass die Teilnehmenden so auch etwas für Ihren Arbeitsalltag mitnehmen können.

Pflegias - Szenisches Spiel in der Pflegeausbildung: Visite - Unterrichtseinheit

Pflegias

Generalistische Pflegeausbildung
Szenisches Spiel in der Pflegeausbildung: Visite

Unterrichtseinheit
Pflegias - Szenisches Spiel in der Pflegeausbildung: Schwierige Gespräche und nonverbale Machtspiele - Unterrichtseinheit

Pflegias

Generalistische Pflegeausbildung
Szenisches Spiel in der Pflegeausbildung: Schwierige Gespräche und nonverbale Machtspiele

Unterrichtseinheit

Unterrichtseinheiten zum Szenischen Spiel – von Prof. Dr. Uta Oelke

Die Unterrichtsentwürfe zeigen detailliert eine mögliche Umsetzung bestimmter Themen in der Lerngruppe:

Warum Lehrkräfte für szenisches Spiel eine andere Rolle einnehmen müssen

Wie können Pflegelehrkräfte mit Methoden szenischen Spiels arbeiten?

Uta Oelke: Sie können sich zum Beispiel das Bonusmaterial zu Pflegias bei Cornelsen ansehen. Dort gibt es unterdessen eine Palette von 21 Lerneinheiten zu sehr unterschiedlichen Themen. Sie sind alle aus Projekten im Rahmen der Spielleiterinnen-Weiterbildungen an der Hochschule Hannover hervorgegangen. Dort wurden sie von den teilnehmenden  Pflegelehrerinnen entwickelt, erprobt und evaluiert und unter meiner Herausgeberschaft bei Cornelsen veröffentlicht.
 

Und das lässt sich einfach umsetzen?

Uta Oelke: Diese Lerneinheiten enthalten teilweise einfach durchzuführende Übungen, und die kann man rausnehmen und sich inspirieren lassen. Und vielleicht merken die Lehrkräfte bei den etwas schwierigeren, herausfordernden Sequenzen, dass sie noch nicht genug Wissen und Spielleitungserfahrung haben. Deswegen empfehle ich allen, die tiefer einsteigen wollen, eine Weiterbildung zur Spielleiterin. Denn der große Unterschied zum herkömmlichen Unterricht ist, dass die traditionelle Lehrerinnenhaltung, die ja doch immer sehr vom Wissensvermitteln und vom Lehren geprägt ist, konträr ist zur Spielleitungshaltung.  Als Spielleiterin muss man einfach respektieren und akzeptieren, was die Spielerinnen sagen und wie sie die Welt sehen und nicht dazwischenfunken. Und das ist etwas, was man mühsam erwerben muss. Das szenische Spiel steht ja mittlerweile sogar in den Rahmenlehrplänen für die generalistische Pflegeausbildung. Aber dafür müssen die Lehrkräfte entsprechend aus- oder weitergebildet sein.

Pflegias - Grundlagen der beruflichen Pflege - Pflegefachfrauen/-männer - Fachbuch - Band 1

Pflegias

Generalistische Pflegeausbildung · Band 1
Grundlagen der beruflichen Pflege · Pflegefachfrauen/-männer

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Pflegias - Pflegerisches Handeln - Pflegefachfrauen/-männer - Fachbuch - Band 2

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Zur Person

Prof.in Dr. Uta Oelke lehrte und forschte von 2002 bis 2023 in den Pflegestudiengängen der Fakultät V der HsH (vormals: EFH) mit den Schwerpunkten Erfahrungsbezogene Pflegedidaktik/szenische Bildungsarbeit sowie Curriculumentwicklung und ‑forschung. Seit 2006 leitet sie gemeinsam mit Gisela Ruwe an der HsH-Akademie die berufsbegleitende Weiterbildung Spielleiter*in szenisches Spiel. Darüber hinaus bietet sie Fortbildungen zum szenischen Spiel an – sowohl intern an der HsH-Akademie als auch extern. Außerdem ist sie als Herausgeberin von Materialien zum szenischen Spiel in der pflege- und gesundheitsberuflichen Bildung beim Cornelsen Verlag aktiv.

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