Konfliktmanagement / 22.06.2018

Cybermobbing – Gefahr im Netz

Lehrer können viel dafür tun, dass Schüler keine Täter werden und sich gegen Attacken aus dem Internet zu wehren wissen.

Wer im Internet gemobbt wird, leidet rund um die Uhr. Viele Schüler haben damit bereits Erfahrungen gemacht, als Täter, als Opfer oder beides. Auch wenn es schwerfällt, mit den sich rasant ändernden Medienvorlieben der Schüler mitzuhalten – die im Netz ohnehin lieber unter sich bleiben–, können Lehrer viel gegen Cybermobbing tun. Am besten, bevor die ersten bösen Beleidigungen auf WhatsApp und Co. kursieren.

Bild: stock.adobe.com/Drobot Dean

Ein peinlicher Moment im Sportunterricht, von dem man als Schülerin hofft, das keiner ihn so richtig mitbekommen hat. Aber ein Schnappschuss mit der Handykamera, die ein Mitschüler eingeschmuggelt hat, und dazu eine mit Bildbearbeitungstools hineingeschriebene Beleidigung – das kann reichen, um eine Schülerin via WhatsApp und Facebook lächerlich zu machen. 

Das Beleidigen und Piesacken, das bösartige Hänseln oder gar Bedrohen von Mitschülern gibt es schon, seit es Schule gibt. Aber durch das Netz bekommt das Mobbing – dann als Cybermobbing oder -bullying – eine besonders verletzende Schärfe. Der Betroffene kann im Netz rund um die Uhr angegangen werden und muss diesen pausenlosen Druck aushalten. Die Videos, Kommentare und Bloßstellungen werden geteilt und von immer mehr Menschen gesehen. Sie wieder aus dem Netz herauszubekommen, ist alles andere als einfach. 

Jeder dritte der 5.656 von ihnen befragten Schülern sei von Cybermobbing betroffen, sagen Forscher der Universität Hohenheim. Cybermobbing gebe es zwar auch schon unter Jüngeren, doch ab der siebten Klasse steige der Anteil der als Täter und/oder Opfer betroffenen Schüler deutlich an.

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Soziale Kompetenz wertschätzen

Lehrer können an vielen Stellen ansetzen: bei der Prävention, als Vertrauensperson für Schüler, die zum Opfer werden, und als Vermittler in Krisenfällen. „Lehrer sind mehr als die Vermittler von Wissen, sie beeinflussen auch, wie die Schüler als Gemeinschaft agieren“, sagt Professor Herbert Scheithauer, der an der FU Berlin unter anderem zum Cybermobbing forscht. Schon im Schulprogramm sollte daher festgelegt werden, dass soziale Kompetenz einen hohen Wert hat. Die Johanna-Eck-Schule in Berlin beispielsweise hat den Punkt „Mobbing und insbesondere Cybermobbing wird an unserer Schule nicht geduldet“ schon an zweiter Stelle in ihr „Schulversprechen“ aufgenommen.

Die Schüler einbinden

Je kontinuierlicher der faire Online-Umgang miteinander in der Schule thematisiert wird, umso geringer wird die Gefahr, dass es tatsächlich zu bösen Angriffen kommt. „Die Prävention funktioniert am besten, wenn wir nicht belehrend auftreten, sondern die Schüler einbinden, Aktionen machen und die Jugendlichen dabei ihre Medien nutzen können“, sagt Torsten Brendahl, Lehrer am Cottbuser Max-Steenbeck-Gymnasium, das sehr erfolgreich an einem Schülerfilmfestival der Stadt zu Cybermobbing teilgenommen hat. Eigene Kurzfilme zu drehen, Theaterszenen zu entwickeln oder eine Internetseite dazu zu programmieren, sind Möglichkeiten, die Schüler direkt einzubinden.

„Videos, in denen man sich auch in die Perspektive der Betroffenen hineinversetzt fühlt, sind mit das Beste“, sagt Tabea (16) über ihre Erfahrungen. Sie selbst ist in der Bettina-von-Arnim-Schule in Berlin als Streitschlichterin aktiv und will demnächst auch Medienscout werden. Dann wird sie nicht nur viel Rechtliches rund ums Netz wissen, etwa über das Recht am eigenen Bild oder die Fallen des Streamings, sondern für ihre Mitschüler auch eine Ansprechpartnerin auf Augenhöhe sein, wenn im Netz gemobbt wird. Dabei redet sie Klartext und findet so einen direkten Zugang zu ihren Mitschülern.

Gute Beobachtungsgabe gefragt

Geht es darum, als Lehrer konkret zu erkennen, ob ein Schüler andere im Netz mobbt oder selbst darunter leidet, sind gute Augen und Ohren und natürlich Fingerspitzengefühl gefragt. „Online hat man als Lehrer kaum eine Chance, das mitzubekommen, weil die Schüler in den sozialen Netzwerken lieber unter sich sind“, sagt Gregory Grund, Referent an der Cornelsen Akademie, Buchautor und Gründer des Mentorenprogramms „Digitale Helden“. Aber wenn zuvor fröhliche, offene Schüler sich zurückziehen, die Lust verlieren, sei das ein Signal. Auch wenn das Klassenklima aggressiver wird und man vor lauter Diskussionen und Streitereien im Stoff immer mehr hinterherhinkt, sei vermutlich etwas im Busch.

Ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen anzubieten, ist der erste Schritt. Bekommen Täter und Mitläufer Wind davon, dass Lehrer oder Schulsozialarbeiter sich einklinken, werde alles noch schlimmer, diese Angst sitze den Cybermobbing-Opfern im Nacken und die müsse man ihnen nehmen, sagt Medienpädagoge Grund.

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Lehrer und Sozialarbeiter als Vertrauenspersonen

Werner Colberg, Sozialpädagoge an der Berliner Bettina-von-Arnim Schule, sieht das ganz ähnlich: „Ich mache den Schülern in unserer Präventionsarbeit klar, dass Cybermobbing ein Problem ist, das von alleine nicht weggeht“, sagt er. Sich einer Person ihrer Wahl anzuvertrauen, sei ganz wichtig. Und auch die Mitschüler zu ermutigen, sich nicht als „Petze“ zu fühlen, wenn sie etwas bemerken und es vertraulich an den Lehrer oder Sozialarbeiter weitertragen, das gehöre dazu. Er selbst hat an seiner Schule gute Erfahrungen damit gemacht. 

Welche Schritte die besten sind, um einen Cybermobbing-Fall zu beenden, ist schwer zu verallgemeinern. „Das ist immer individuell und hängt zum Beispiel davon ab, ob die Täter einsichtig sind und auf das Opfer zugehen, und ob die Eltern des Täters nur mit den Schultern zucken oder ihm ebenfalls klar die Grenzen aufzeigen“, sagen Daniela Eckhoff und Marion Schäfer, Lehrerinnen und Kolleginnen von Werner Colberg an der Berliner Bettina-von-Arnim-Schule. Notfallpläne, die aufzeigen, wer wann helfen kann und soll, seien zwar theoretisch sinnvoll, in der Praxis sei aber immer zusätzliches individuelles Engagement nötig.

Späte Einsicht

Im Fall der Schülerin, deren Foto aus dem Sportunterricht in bedrückendes Cybermobbing mündete, hat es an der Bettina-von-Arnim Schule viel gebraucht, bis die Täter Einsicht zeigten. „Wir haben vor allem ganz, ganz viele Gespräche geführt“, sagt Marion Schäfer. Obwohl es sich um ein strafrechtliches Vergehen handelte, verzichteten die Eltern des Mädchens auf eine Anzeige.

5 Empfehlungen gegen Cybermobbing

  1. Gut beobachten
    Früh zu erkennen, wann ein Schüler unter Cybermobbing leidet, das fällt Lehrern nicht leicht. In den sozialen Netzwerken sind die Schüler gern unter sich. Aus Scham schweigen die Betroffenen anfangs oft. Umso wichtiger ist es, im Unterricht, auf dem Pausenhof und während Ausflügen aufmerksam zu sein. Zieht sich ein Schüler immer weiter zurück oder verändert er sich auffällig, ist das ein Warnzeichen.
     
  2. Das Vier-Augen-Gespräch hat Vorrang
    Ohne die ausdrückliche Zustimmung des Betroffenen sollte man keine weiteren Schritte unternehmen. Denn die Sorge, dass es noch schlimmer wird, wenn sich der Lehrer, der Schulsozialarbeiter oder die Eltern – sichtbar für die anderen – einschalten, ist oft groß. Umso wichtiger ist es, alle Schritte vorab gut mit dem Betroffenen zu besprechen.
     

  3. Die Schüler in die Prävention einbinden
    In den Jugendlichen stecken viele Ideen, wie sie Aktionen zur Aufklärung und Prävention umsetzen können. Verwenden sie dabei die Medien, mit denen sie im Alltag ohnehin am liebsten umgehen – zum Beispiel die Handykamera, YouTube oder WhatsApp –, dann wird die Mediennutzung gleich mit thematisiert. Gute Erfahrungen haben Praktiker auch damit gemacht, ältere Schüler als vertrauensvolle Ansprechpartner und Medienscouts auszubilden.
     

  4. Anker in der Schulordnung setzen
    Um klarzustellen, dass Cybermobbing an der Schule nicht toleriert wird, sollte ein entsprechendes Statement in das Leitbild der Schule aufgenommen werden. Das setzt auch das Signal, dass die gesamte Schule geschlossen dahintersteht und das Hoffen auf ein gutmütiges „Augenzudrücken“ sinnlos ist.
     

  5. Netzwerk knüpfen
    Lehrer können und müssen nicht alle Probleme alleine lösen, die das Cybermobbing mit sich bringt. Die Polizei, Streetworker, der Weiße Ring und Online-Beratungsangebote von speziell ausgebildeten Jugendlichen gehören zu den wertvollen Kooperationen rund um die Schule. Konkrete Ansprechpartner in einer Übersicht, die immer auf dem aktuellen Stand ist, zusammenzufassen, ist eine gute Grundlage, wenn ein Fall auftritt und Lehrer rasch handeln wollen.

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