Konfliktmanagement / 16.08.2018

Wenn Kollegen oder Eltern mobben

Mobbing gegen Lehrer

Auch Lehrer können zur Zielscheibe von Mobbing werden. Wenn Eltern, Schüler, Kollegen oder Schulleiter zu Tätern werden, ist der Leidensdruck des Opfers enorm. Wann die Grenze zum Mobbing überschritten ist und welche Handlungsmöglichkeiten es gibt, erklären wir in diesem Artikel.

Bild: Shutterstock.com/UVgreen

Mobbing betrifft nicht nur Schüler

Fällt im schulischen Kontext das Schlagwort "Mobbing" sind in aller Regel systematische Quälereien unter Schülern gemeint. Dass auch Lehrer zum Opfer solcher Attacken werden können, ist in der breiten öffentlichen Debatte bisher nicht angekommen. Dabei gibt es Studien zum Thema, die durchaus alarmierende Zahlen nennen – etwa dass 16 % der männlichen und 22 % der weiblichen Lehrkräfte zur Zielscheibe von Mobbing werden.

Im Folgenden durchleuchten wir die Thematik einmal genauer, basierend auf Informationen der Mobbing-Experten Lioba Pötter und Wolfgang Kindler, die gerade einen entstprechenden Ratgeber veröffentlicht haben, der beim Verlag an der Ruhr erschienen ist.

Wann sprechen wir von Mobbing?

Grundsätzlich gilt natürlich: Kritik und Ungerechtigkeiten sind für sich genommen noch kein Mobbing. Auch wenn subjektiv der Eindruck entstanden sein sollte, dass beispielsweise der Schulleiter einen Kollegen richtiggehend "auf dem Kieker hat", ist der Begriff klar definiert und eng gefasst.

  • Mobbing ist eine Gewaltform, die auf einem Machtgefälle basiert.
  • Mobbing ist dauerhaft. Spätestens dann, wenn Täter und Opfer ihre Rollen fest verinnerlicht haben, ist diese Dauerhaftigkeit gegeben.
  • Mobbing erfolgt regelmäßig, mindestens einmal pro Woche.
  • Es bestimmt die komplette Beziehung zwischen Opfer und Täter und ist damit ein grundlegendes Verhalten.
  • Mobbing geht von einem oder mehreren Tätern aus, richtet sich meist jedoch nur gegen ein einzelnes Opfer.
  • Darum führt Mobbing auch fast immer zur sozialen Isolation des Opfers.
  • Mobbing äußert sich in negativen Handlungen, also in Übergriffen, die dem Opfer langfristig großen psychischen und auch physischen Schaden zufügen.

Mobbing gegen Lehrer lässt sich – entsprechend der "Quellen" – grundsätzlich in vier verschiedene Arten unterteilen: Mobbing durch Eltern, durch Schüler, durch Kollegen und durch Schulleiter. Für jede dieser Formen gelten bestimmte Merkmale, die entscheidend für die sinnvollen Handlungsmöglichkeiten sind. An dieser Stelle konzentrieren wir uns auf zwei Bereiche: Mobbing durch Kollegen und Mobbing durch Eltern.

Mobbing durch Kollegen

Möglichkeiten und Wege des Mobbings unter Kollegen gibt es viele. Häufig wird ein (neuer) Kollege gezielt schlechtgemacht, vor den Schülern, aber auch vor dem übrigen Kollegium. Auch das hinterrückse Anschwärzen bei der Schulleitung – ob faktenbasiert oder frei erfunden – und das Streuen fieser Gerüchte, das aus kleinen Fehlern eine öffentliche Hexenjagd macht, sind häufig zu beobachten. Das "scherzhafte" Lästern Eltern gegenüber, das geschickte Vermischen von Privatem und Beruflichem und die zielgerichtete Unterschlagung beziehungsweise falsche Wiedergabe von Informationen sind ebenfalls verbreitet und höchst wirkungsvoll.

In der Praxis bietet der Schulalltag Lehrern leider zahlreiche Möglichkeiten, einzelnen Kollegen Steine in den Weg zu legen und mehr oder weniger verdeckt zu mobben. Häufig liegt die Motivation in Neid, Rivalitäten oder Konkurrenzdruck begründet, aber auch das Fehlverhalten eines Kollegen kann zum Auslöser für Attacken werden. Achtet die Schulleitung außerdem nicht ausreichend auf das kollegiale Mit- beziehungsweise Gegeneinander, entsteht ein günstiger Nährboden. Die Kollegiumskultur ist ein wichtiger Faktor – denn auch hier gilt: Mobbing kann nur geschehen, wenn die Gruppe es geschehen lässt.

Im Fall der Fälle empfiehlt es sich, die Situation zunächst selbstkritisch zu hinterfragen, um die Anfeindungen besser einordnen zu können.

  • Was genau ist passiert?
  • Wie oft ist so etwas schon vorgefallen?
  • Wer war beteiligt, wer Zeuge?
  • Wie haben Sie sich verhalten (davor – währenddessen – danach)?
  • Was hat sich verändert, wie haben Sie sich verändert?
  • Welche Kollegen wissen um die Situation?
  • Wer steht Ihnen zur Seite?
  • Wie reagieren Sie auf die Hilfe?
  • Wie sieht der Mobber Sie?
  • Wovor hat er vielleicht Angst?
  • Was will er mit dem Mobbing bezwecken?
  • Was könnten Sie tun, um weitere Attacken zu verhindern?
  • Wie könnten Sie dafür sorgen, dass er keine Unterstützung mehr erhält?
  • Was ist Ihr Anteil an der Situation?
  • Haben Sie es sich womöglich in der Opferrolle bequem gemacht? Hier geht es ausschließlich um (Selbst-)Erkenntnis – und nicht darum, sich Selbstvorwürfe zu machen!

Tauschen Sie sich gegebenenfalls auch mit einem Kollegen, dem Sie vertrauen, aus und prüfen Sie Ihre Wahrnehmung der Situation. Dokumentieren Sie die Vorfälle, achten Sie aber auf eine rein sachliche, beobachtende Beschreibung. Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche. Wenn Sie sich beim Lehrerrat, der Schulleitung oder der Bezirksregierung offiziell beschweren wollen, ist es sinnvoll, den jeweiligen Angriff so genau wie möglich schildern zu können: Was ist wann, wo und durch wen geschehen, wer hat davon etwas mitbekommen?

Ein Tagebuch, in dem Sie jedes kleinste Vergehen minutiös und hochemotional festhalten, ist dagegen kontraproduktiv – so steigern Sie sich viel zu sehr in die Opferrolle hinein. Erfahrungsgemäß ist es meist der sinnvollste Weg, sich bei Kollegen oder einem Gremium wie dem Lehrerrat Unterstützung zu holen, um das Mobbing in einem kleinen Kreis zu thematisieren und zu beenden.

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Mobbing durch Eltern

In der Praxis ist das eine seltenere Form, denn in aller Regel ist der Kontakt zwischen Eltern und Lehrern eher weniger ausgeprägt – dafür untergraben die Anfeindungen die „Funktionsfähigkeit“ des Lehrers aber in besonderem Maße. Beleidigungen, Anfeindungen oder einzelne Konflikte sind auch hier nicht automatisch mit Mobbing gleichzusetzen. Anders sieht es aus, wenn sich beispielsweise Eltern gezielt zusammenschließen, um einen Lehrer systematisch bei der Schulleitung anzuschwärzen, wenn es auf jedem Elternabend zu systematisch inszenierten und sorgfältig ausgeübten Angriffen kommt und sogar die Schüler angestiftet werden, durch gezielte Provokationen und Störungen für neues "Mobbing-Futter" zu sorgen.

Um die Grenze tatsächlich ziehen zu können, fragen Sie sich zunächst selbstkritisch:

  • Worüber ärgern sich die Eltern genau?
  • Sind wirklich alle Vorwürfe falsch?
  • Kann ich deeskalierend handeln?
  • Welche gemeinsamen Interessen und Ziele, welches Verhalten meinerseits machen vielleicht doch noch eine Lösung möglich?

Besprechen Sie die Problematik wenn möglich mit einem Kollegen, dem Sie sich anvertrauen können, oder sogar im Rahmen einer kollegialen Fallberatung oder eines Coachings. Bestätigt sich die Ansicht, dass es sich hier um Mobbing handelt, wenden Sie sich an den Lehrerrat und informieren Sie unbedingt auch die Schulleitung. Das entlastet Sie, weil Sie keine Angst haben müssen, dass falsche Anschuldigung seitens der Eltern bei der Schulleitung auf unvorbereitete, offene Ohren treffen. Die Schulleitung Ihrerseits wird nicht "kalt erwischt" – und Sie kommen gar nicht erst in die unangenehme Situation, sich rechtfertigen zu müssen, warum Sie denn "nicht früher etwas gesagt" haben.

Eine gezielte, vorbereitete Konfrontation kann hilfreich sein – allerdings nur, wenn Sie sich tatsächlich zutrauen, sachlich und faktenorientiert zu argumentieren. Versuchen Sie, die Eltern einzuschätzen: Überspielen sie mit ihrem aggressiven Verhalten womöglich eher Angst oder Überforderung? Dann kann ein empathisches Gespräch die bessere Wahl sein. Wenn die Eltern über Ihren Kopf hinweg zur nächst höheren Instanz rennen, um sich über Sie zu beschweren, versuchen Sie, den Vorteil zu sehen: Die Eltern haben an der Stelle klar falsch gehandelt und Sie können die richtige Schrittfolge entsprechend einfordern ("Wäre es nicht sinnvoller gewesen, wenn Sie sich zunächst an mich gewandt hätten, anstatt ...?"). Rotten sich die Eltern regelrecht zu Angriffen zusammen, überlegen Sie, nicht nur die Schulleitung, sondern auch Ihre Kollegen mit ins Boot zu holen. Wenn Sie auf dem nächsten Elternabend von einem oder mehreren Kollegen, die die Klasse ebenfalls unterrichten, begleitet und unterstützt werden, kann das den Mobbern nachhaltig den Wind aus den Segeln nehmen.

 

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