Mobbing / 26.08.2021

Cybermobbing vorbeugen

Was sich durch den Digitalunterricht verändert hat

Digitale Helden ist ein preisgekröntes Projekt aus Frankfurt, das Lehrkräfte und Eltern dabei unterstützt, Cybermobbing zu verhindern, und im Notfall auch schnelle Hilfe leistet. Im Interview erklärt Nika Tavangar, bei den Digitalen Helden verantwortlich für die Community, wie Sie als Lehrkraft gerade zu Beginn des Schuljahres mit guten Impulsen Cybermobbing vorbeugen können und wie Sie im digitalen Unterricht erste Anzeichen von Mobbing erkennen.

Lehrerin sitzt verzweifelt vor ihrem Sofa mit dem Laptop auf dem Schoß
Bild: Shutterstock.com/fizkes

Cybermobbing ist leider ein wachsendes Problem. Studien zeigen, dass Schülerinnen und Schüler infolge der Corona-Pandemie sehr viel mehr Zeit im Internet verbracht haben und die persönlichen Kontakte zum Freundeskreis auf ein Minimum reduzieren mussten. Inwiefern sind Kinder und Jugendliche auch verstärkt von Cybermobbing betroffen?

Nika Tavangar: Der Alltag der Schülerinnen und Schüler hat sich tatsächlich stark verändert. Sie mussten plötzlich viel eigenständiger arbeiten und mehr Verantwortung für sich übernehmen. Zudem hat sich der Zugang zum Internet erhöht – fast alle haben jetzt zu Hause Zugang zu einem Computer oder Tablet und nahezu alle haben ein eigenes Smartphone. Die Möglichkeiten, sich im Freundeskreis zu treffen oder Sport zu treiben, waren stark reduziert. Dementsprechend haben sich die Kinder und Jugendlichen untereinander fast nur noch online ausgetauscht, wodurch sich auch die Gefahr von Cybermobbing verstärkt hat.

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Gibt es dazu bereits interessante Erhebungen?

Nika Tavangar: Die Studie „Cyberlife III – Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern“  vom Bündnis gegen Cybermobbing und der Techniker Krankenkasse ist sehr spannend. Demnach waren 2020 17,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 8 und 21 Jahren von Cybermobbing betroffen. Das entspricht in absoluten Zahlen nahezu zwei Millionen Kindern und Jugendlichen. Dabei hat sich gezeigt, dass unzufriedene Schülerinnen und Schüler, die eine geringere Resilienz haben, stärker von Cybermobbing betroffen sind. Die beschränkenden Veränderungen im Leben der Schülerinnen und Schüler in der Pandemiezeit, haben dazu geführt, dass sie weniger zufrieden sind. Auch die JIM-Studie   lässt eine Korrelation zwischen der Corona-Pandemie und dem Anstieg von Cybermobbing-Erfahrungen erkennen.

 

Wie hat sich die Rolle der Lehrkräfte parallel dazu verändert? Inwiefern sind sie durch die intensivere Beschäftigung mit der digitalen Welt sensibler geworden für Cybermobbing?

Nika Tavangar: Nach unseren Erfahrungen standen die Lehrkräfte während der Corona-Pandemie und insbesondere während der Schulschließungen enorm unter Druck, das Lernen und das Vermitteln des Stoffes in den verschiedenen Fächern überhaupt am Laufen zu halten. In allererster Linie ging es in dieser Zeit darum, große Lernlücken zu vermeiden und am Stoff dranzubleiben. In den allermeisten Fällen waren gar nicht die nötigen Rahmenbedingungen gegeben, um sich neben dem Fachunterricht auch um die persönlichen Bedürfnisse und die emotionale Befindlichkeit der Schülerinnen und Schüler zu kümmern.

Wir haben aber nichtsdestotrotz ein großes Interesse wahrgenommen, dass Lehrende sich mit Themen rund um Cybermobbing beschäftigen wollen. Trotz des schulischen Zeitdrucks wurden unsere Online-Workshops und Webinare, zum Beispiel, sehr gut genutzt.

 

Welche Kompetenzen können sich Lehrende aneignen, um mit der zunehmenden Digitalisierung auch beim Thema Cybermobbing „up to date“ zu sein?

Nika Tavangar: Wenn die Kontakte zu den Schülerinnen und Schüler auf die digitale Welt beschränkt sind, wie während der Zeiten von Lockdowns und Schulschließungen, sind natürlich noch mal ganz andere Kompetenzen gefragt als im Präsenzunterricht. Da man die Kinder und Jugendlichen bestenfalls am Bildschirm in der Video-Schalte sieht oder auch nur hört, muss man schon kleinste Signale wahrnehmen können. Hat eine Schülerin, die sonst immer die Kamera angeschaltet hatte, diese mehrmals hintereinander ausgemacht? Werden im Chat Witze geteilt, die auf Kosten eines Schülers gehen? Stehen ihm die anderen im Chat zur Seite? Wie reagiert die Klasse im Chat, wie entwickelt sich online die Gruppendynamik? All das sind Signale in der digitalen Welt, die die Lehrenden hellhörig machen sollten. Aber es ergeben sich auch Chancen: Im Videounterricht habe ich in der Galerie-Ansicht einen viel besseren Blick auf die Klasse und die Dynamiken innerhalb der Gemeinschaft, vorausgesetzt die Kameras sind eingeschaltet.

 

Die persönlichen Kontakte zu ihren Schülerinnen und Schülern haben Lehrkräfte schmerzhaft vermisst. Viele digitale Lehrangeboten werden wohl auch nach der Corona-Pandemie weiterhin genutzt werden. Wie können Lehrende im digitalen Raum gut agieren, wenn sie einer Schülerin oder einem Schüler bei Cybermobbing helfen wollen?

Nika Tavangar: Die persönliche Ansprache ist bei digitalem Unterricht viel schwieriger. Der persönliche Blickkontakt fehlt, die Möglichkeit, jemanden in der Pause vertraulich anzusprechen oder beim Ankommen ein direktes Gefühl für die Stimmung in der Klasse zu bekommen – all das ist dann weg. Umso wichtiger ist es, die betroffene Schülerin oder den betroffenen Schüler auf keinen Fall sofort anzusprechen, schon gar nicht vor der ganzen Klasse. Es ist umso wertvoller, erstmal innezuhalten und die Situation für sich zu reflektieren. Und dann im nächsten Schritt eine zweite Person aus dem Kollegium oder der Schulsozialarbeit hinzuziehen und gemeinsam eine Strategie zu entwickeln.

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„Das neue Schuljahr ist der richtige Zeitpunkt, um neue Routinen zu etablieren“

Welchen Chancen ergeben sich jetzt im noch frischen Schuljahr, das Thema Cybermobbing mit den Schülerinnen und Schülern und im Kollegium aufzugreifen?

Nika Tavangar: Das neue Schuljahr ist ein toller Moment! Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um neue Routinen zu etablieren und neue Zeitfenster und Gesprächsrunden zu schaffen. Das kann zum Beispiel eine regelmäßige Klassenleitungsstunde sein, die für digitale Themen und auch Cybermobbing reserviert ist. Das gleiche gilt für Projekttage, die wichtige Impulse geben und dann idealerweise im regelmäßigen Rhythmus weiter fortgeführt werden. Auch der Klassenchat ist ein klasse Anknüpfungspunkt: Entwickeln Sie gemeinsam mit der Klasse Regeln, wie man miteinander umgeht und was geschieht, wenn jemand diese Regeln des fairen Miteinanders bricht. Wenn alle diese Regeln unterschreiben und jemand aus der Klasse von allen zur Administratorin oder zum Administrator des Chats gewählt wird, der oder die einen Blick auf das Miteinander im Klassenchat hat, ist schon eine hervorragende Grundlage gelegt.

 

Wie kann man jetzt gut vorbeugen, falls es doch nochmals zu einem Lockdown mit Schulschließungen kommen sollte?

Nika Tavangar: Man sollte den aktuellen Neustart nutzen. Jetzt gibt gute Chancen, persönlich im Präsenzunterricht eine starke Basis zu schaffen. Wenn man jetzt das Gemeinschaftsgefühl in der Klasse stärkt, wenn man die Zeit nutzt, um die Klasse emotional und mental zu unterstützen, dann kann ein weiterer Lockdown mit Blick auf Cybermobbing möglicherweise besser überstanden werden.

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Linktipp

Das Video „Es braucht Mut!“ der Digitalen Helden ist ein guter Einstieg ins Thema: 

Fortbildungstipp der Cornelsen Akademie

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