Schulrecht / 26.09.2018

Ist nicht immer "Tag der offenen Tür"?

Schulrechtsfall Oktober

Manche Eltern glauben, die Schule sei wie ein Kaufhaus, in das sie nach Belieben gehen können, wenn und wann sie wollen. Ist das wirklich so? 

Bild: stock.adobe.com/Corgarashu

Der Fall

Unsere sympathische Kollegin Anna Nass übernimmt zum Beginn des neuen Schuljahres eine 5. Klasse, in der auch der kleine Lukas ist. Am ersten Elternabend sind erstaunlich viele Erziehungsberechtigte anwesend. Anna vermittelt ihnen, wie sehr sie sich auf eine gute Zusammenarbeit mit ihnen freut und dass sie jederzeit ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Kinder bzw. deren Eltern hat. Kurzum, es ist eine ausgesprochen nette Stimmung und fast hätte man Brüderschaft (Schwesternschaft) getrunken. Na ja, vielleicht beim nächsten Mal. 

Das neue Schuljahr verläuft also zunächst ganz reibungslos, bis zu jenem denkwürdigen Tag, der Anna noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Die Kollegin arbeitet gerade intensiv mit ihrer 5. Klasse an einem schwierigen Thema, als es an der Tür klopft. Bevor Anna auch nur etwas sagen kann, wird schon die Tür geöffnet. Und wer ist dort zu sehen? Die Mutter des kleinen Lukas. Gutgelaunt betritt sie den Klassenraum, geht flotten Schrittes auf Anna zu und drückt ihr eine Plastikdose mit einem Batman-Aufkleber in die Hand. Als sie den fragenden Blick der verdutzten Kollegin bemerkt, erklärt sie: „Lukas hat sein Pausenbrot zu Hause vergessen, und ich war gerade hier in der Gegend und hab mir gedacht, ich bringe es ihm schnell vorbei. Wenn er in der Pause nichts isst, rutscht sein Blutzuckerspiegel in den Keller und dann wird er unleidlich.“ Darauf dreht Mutti sich um, schließt die Tür und ist wieder verschwunden. Das Ganze dauert nicht mehr als 20 Sekunden, hinterlässt jedoch bei Anna einen bleibenden Eindruck. Und so fragt sie abends Peter Sielje, ihren Lebensgefährten, was er eigentlich von einem solchen Verhalten der Mutter hält.  
 

Rechtsfrage:

Dürfen Eltern einfach so in den Klassenraum kommen?

Antwort:

Nein, das dürfen sie nicht. Sie dürfen nicht einmal einfach so in das Schulgebäude.

Kommentar:

Die Ursache des Problems liegt nicht zuletzt darin, dass die Schule zu nett ist. Weil sie die Zusammenarbeit mit den Eltern anstrebt, signalisiert sie ihnen, sie seien jederzeit überall willkommen. Das dürfen Sie an Ihrer Schule nicht nur sagen, sondern sogar umsetzen. Dann ist bei Ihnen eben ständig „Tag der offenen Tür“. In diesem Fall sollten Sie sich aber nicht darüber beschweren, wenn Eltern einfach so ins Lehrerzimmer hineinplatzen oder drei kritische Mütter auf einmal in Ihrem Klassenraum sitzen, weil sie sich anschauen wollen, wie Sie Ihren Unterricht machen.

Wer sich einmal in anderen europäischen Ländern (oder den USA) umschaut, der weiß, dass es da deutlich anders läuft: Dort werden die Kinder am Tor des Schulgrundstücks abgegeben, von den Lehrkräften übernommen und nach dem Unterricht dort wieder entlassen. Es gibt keinen Grund dafür, dass Eltern - oder andere schulfremde Personen - sich unangemeldet im Schulgebäude aufhalten. Eine Schule ist eben kein Kaufhaus, in das jeder Interessierte einfach so hineingehen kann, wenn er Lust dazu hat.   

Die Schule ist offen für Schüler, Lehrkräfte, und Hilfspersonal wie Hausmeister, Sekretärin und Schulassistent. Alle anderen müssen sich vorher bei der Schulleitung anmelden. Denn die hat das Hausrecht für die gesamte Schule. Für den Klassenraum/Fachraum besitzt die dort unterrichtende Lehrkraft das Hausrecht. Die Kollegin Nass hätte also die Mutter nicht in ihren Klassenraum lassen müssen – es sei denn die vorgesetzte Schulleitung hätte es erlaubt.

Diese restriktivere Einstellung zeigt sich inzwischen an immer mehr Schulen. Dort werden die Eingangstüren nach Unterrichtsbeginn geschlossen, und ein großes Schild erklärt: „Schulfremde Personen klingeln bitte und melden sich im Sekretariat“. Wenn also eine Mutter etwas will, muss sie die Klingel drücken, über der sich eine Videokamera mit einer Gegensprechanlage befindet. Der Hausmeister (oder die Sekretärin) fragt, wer dort Einlass begehrt, öffnet die Tür über einen Summer und bittet die Mutter ins Sekretariat, wo man sich ihres Problems annimmt. Und noch etwas: Laut glaubhafter Aussage einiger Kollegen führt das Warten vor abgeschlossenen Türen nach Unterrichtsbeginn dazu, dass deutlich weniger Schüler zu spät kommen. Das ist doch ein schöner Nebeneffekt.

Natürlich kenne ich die kritische Frage der kritischen Kollegen: „Aber was ist im Brandfall mit den Fluchtwegen?“ Diesen kann ich nur antworten: Man glaubt es kaum, wie weit die Technik vorangeschritten ist. Es gibt heute bereits Türen, die sich jederzeit von innen, nicht aber von außen öffnen lassen. So haben viele Schulen bei ihren Klassenräumen zwar innen eine Türklinke, außen aber nur einen runden Knauf, über den sich die Tür (ohne Schlüssel) nicht öffnen lässt. Die Kollegin Nass ist zufrieden. Sie wird bei der nächsten Konferenz die Umrüstung der Türen beantragen und bis dahin Eltern, die unerlaubt ihren Raum betreten wollen, wieder hinausbitten. 

Laden Sie sich jetzt gerne den Schulrechtsfall inklusive Rechtsfrage und Kommentar herunter.  

Fortbildungstipp und Buchempfehlungen

Schulrecht für die Praxis
Kaum ein Lehrer wird praxisbezogen in sein Berufsrecht eingewiesen. Trotzdem müssen täglich wichtige Entscheidungen gefällt werden, die von außen schulrechtlich überprüft werden können. Der damit verbundenen Unsicherheit tritt die Fortbildung entgegen.

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