Schulrecht / 28.05.2020

"Das war doch nur Spaß"

Schulrechtsfall Juni 2020

Nach einem Verstoß äußern Schüler häufig als Entschuldigung: "Das war doch nur Spaß!". Wann dieses Argument juristisch nicht greift, erfahren Sie gleich.

Bild: stock.adobe.com/Corgarashu

Fall:

Es ist Montag, und unser junger sympathischer Kollege Peter Sielje hat Unterricht im 3. Stock des Schulgebäudes. Das erscheint im Moment nebensächlich, ist jedoch ebenso wichtig wie die Tatsache, dass es draußen in Strömen regnet und der strebsame Lukas am Wochenende eine nagelneue Büchertasche bekommen hat. Wie so häufig am Montagmorgen ist Sieljes Klasse unkonzentriert, weil die Ereignisse des Wochenendes noch verarbeitet werden. Etliche Schüler arbeiten kaum mit, stattdessen machen sie irgendwelchen Unfug. Insbesondere Jerome-Maurice zeichnet sich dadurch aus, dass er die neben oder vor und hinter ihm sitzenden Schüler ärgert. Vor allem der kleine brave Lukas ist immer wieder das Ziel seiner Aktionen. Der Kollege ermahnt Jerome mehrfach, allerdings ohne dauerhaften Erfolg. Als Sielje an der Tafel steht, um etwas anzuschreiben, geschieht Folgendes: Jerome greift sich die neue Büchertasche von Lukas, läuft zum Fenster und öffnet es. Lukas schreit entsetzt auf. Der Kollege dreht sich zur Klasse und sieht noch, wie Jerome die Büchertasche in hohem Bogen aus dem Fenster wirft. Lukas fängt an zu weinen, worauf Jerome sich schnell wieder auf seinen Platz setzt und so tut, als wäre nichts geschehen. Als Sielje ihm Vorwürfe macht und mit einer Disziplinarkonferenz droht, entgegnet Jerome entrüstet: "Es ist doch nichts passiert! Er kann sie sich ja wieder holen! Das war doch nur Spaß!" Der Kollege ist mehr als überrascht und weiß nicht, was er von dem letzten Satz halten soll.

Rechtsfrage:

Greift die Entschuldigung, es sei nur Spaß gewesen?

Antwort:

Nein.

Kommentar:

Sie kennen diese typische Schülerausrede vermutlich in Verbindung mit den unterschiedlichsten Verstößen. Und manche Lehrkräfte akzeptieren diese Behauptung sogar, weil der Schüler hierdurch vorbringt, nicht in böser Absicht gehandelt zu haben. Eine solche einseitige Erklärung ist juristisch natürlich wenig wert. Denn sonst könnte ein Schüler beim Auto einer Lehrkraft die Luft aus allen vier Reifen lassen und sein strafbares Handeln (Sachbeschädigung) hinterher mit: "Das war doch nur Spaß" wirksam entschuldigen. Um zu klären, warum diese Ausrede nicht überzeugt, kommen wir zur Unterscheidung zwischen "guten" und ‒ die heißen juristisch tatsächlich so ‒ "bösen" Scherzen.

Lassen Sie mich für einen guten Scherz folgendes Beispiel nehmen: Zwei Wanderer erreichen im Sommer nach einem anstrengenden Aufstieg den Gipfel eines Berges. Nachdem sie sich schwer atmend auf einen Felsen gesetzt haben, sagt der eine zum anderen: "Für eine Flasche Bier würde ich dir jetzt eine Million zahlen!" Darauf öffnet der andere seinen Rucksack, zieht lachend eine Flasche Bier heraus und sagt: "Na, dann mal her mit der Kohle!" Ist hier ein gültiger Kaufvertrag geschlossen worden? Nein, weil es sich um eine Scherzerklärung (§ 118 BGB) handelt. Für die ist jedoch wichtig, dass beide Seiten das Scherzhafte des Angebots erkennen und akzeptieren.

Gleiches gilt für scherzhafte Handlungen, die in der Schule auftreten, wenn Schüler sich gegenseitig necken, indem sie kurzfristig Gegenstände der Mitschüler wegnehmen oder verstecken. Auch hierbei handelt es sich um gute Scherze, weil die Handlung von beiden Seiten akzeptiert wird und so angelegt ist, dass auch ein unbeteiligter Dritter sie noch als Scherz empfindet.

In dem Moment jedoch, wenn die andere Seite das Scherzhafte nicht erkennt und nicht akzeptiert, handelt es sich um einen "bösen" Scherz. Etwaige Konsequenzen, die aus diesem Missverständnis (oder der Ausrede) entstehen, hat der Urheber des bösen Scherzes zu verantworten und zu tragen. 

Damit zum Grundsätzlichen: Die Definitionsmacht, ob etwas tatsächlich ein (guter) Scherz war oder nicht, liegt nicht beim Scherzenden mit seiner Behauptung, es sei doch alles "nur Spaß" gewesen. Es geht darum, eine möglichst objektive Einschätzung der Situation vorzunehmen. Dafür ist zunächst die Reaktion von Lukas entscheidend. Sein entsetzter Aufschrei und sein Weinen über die aus dem Fenster geworfene Tasche schließen einen einvernehmlichen Spaß aus. Daneben ist aber ebenso wichtig, wie ein unbeteiligter Dritter die Handlung einschätzt. Diese Person ist die anwesende Lehrkraft, weil sie die Situation miterlebt hat, persönlich aber nicht betroffen ist und deshalb objektiv urteilen kann. Wenn also auch Sielje das Hinauswerfen der Büchertasche nicht als Spaß einordnet, dann ist die Jeromes Einlassung nicht überzeugend und sein Handeln kann mit einer disziplinarischen Maßnahme belegt werden.    

Fortbildungstipp und Buchempfehlungen

Schulrecht für die Praxis
Kaum ein Lehrer wird praxisbezogen in sein Berufsrecht eingewiesen. Trotzdem müssen täglich wichtige Entscheidungen gefällt werden, die von außen schulrechtlich überprüft werden können. Der damit verbundenen Unsicherheit tritt die Fortbildung entgegen. Sie lernen die wichtigsten Grundlagen des Schulrechts und üben die praktische Anwendung auf typische Problemsituationen des Schulalltags kennen. Sie sehen neue pädagogische Möglichkeiten und gewinnen Sicherheit bei unangenehmen Entscheidungen.

Mehr Informationen zum Schulrecht

Die wichtigsten Grundlagen zum Schulrecht haben wir kompakt für Sie zúsammengestellt: Das sollten Sie wissen, um souverän und rechtlich abgesichert handeln zu können.
Mehr erfahren

Schlagworte: