Schulrecht / 07.01.2020

„Das schaut sich doch kein Mensch an!“

Schulrechtsfall Januar 2020    

An vielen Schulen wird das Klassenbuch ziemlich stiefmütterlich behandelt und kaum beachtet. Das rächt sich immer dann, wenn es dringend benötigt wird. 

Bild: stock.adobe.com/Corgarashu

Fall: 

Anna Nass und Peter Sielje unterrichten an einer Schule, an der es noch keine elektronischen Klassenbücher gibt. Vielmehr sieht es so aus: Vor der ersten Stunde geht ein Schüler jeder Klasse („Klassenbuchführer“) ins Sekretariat, wo die Klassenbücher gleich neben der Tür griffbereit in ihren Fächern liegen. Dort nimmt er das Buch seiner Klasse, legt es im Laufe des Tages der jeweiligen Lehrkraft zum Eintragen vor und schiebt es am Ende des Schultages wieder in das entsprechende Fach im Sekretariat. Bei diesem typischen Ablauf entsteht das erste Problem in Bezug auf Klassenbücher. Das zweite liegt in Sieljes Geringschätzung des Formalen. Er ist ein guter Lehrer, der einen mitreißenden Unterricht macht und sich um seine Schüler kümmert, aber dieser ganze Papierkram ist ihm als Pädagogen zutiefst zuwider. Deshalb sind seine Eintragungen ins Klassenbuch eher rudimentär. In fast unleserlicher Schrift finden sich dort nicht nur ausgesprochen knappe, sondern auch sehr pauschale Einträge wie „Lektüre“, „Gruppenarbeit“ oder „Diskussion“. Selbst Peter könnte 2 Wochen später nicht mehr sagen, was thematisch genau behandelt wurde. Bei der Dokumentation von Verspätungen oder Fehlzeiten seiner Schüler ist er sehr wechselhaft. Manchmal trägt er diese Informationen ein, meistens allerdings nicht, weil er meint, niemand würde sich die Einträge jemals ernsthaft anschauen!“.

Anna, die nicht nur in diesem Punkt gewissenhafter ist, versucht Peter von der Notwenigkeit einer sorgfältigen Klassenbuchführung zu überzeugen, allerdings ohne Erfolg. Weil sie ihre Beziehung nicht unnötig belasten will, verzichtet sie auf längere Diskussionen und vertraut darauf, dass Peter irgendwann diese Kolumne in die Finger bekommt. 

Rechtsfrage:

Warum ist das Klassenbuch eigentlich so wichtig? 

Antwort:

Weil es eine Urkunde darstellt. 

Kommentar:

Lösen Sie sich bitte von der Vorstellung, eine Urkunde im juristischen Sinne müsse eine bestimmte Form haben und schön aussehen, vielleicht noch mit einem Siegel. Das kann so sein, ist aber nebensächlich. Entscheidend ist, dass es eine schriftlich festgehaltene Erklärung über einen bestimmten Vorgang ist, dessen „Aussteller“ erkennbar (oder nachvollziehbar) sein muss. Deshalb ist nicht nur die abgerissene/eingerissene Kinokarte juristisch eine Urkunde, sondern auch der Bierdeckel mit den Strichen für die getrunkenen Biere stellt eine Urkunde dar, weil dort festgehalten ist, wieviel man getrunken hat und noch bezahlen muss. Der Wert einer Urkunde liegt in der sog. „Beweiseignung“, d.h. sie ist geeignet, eine Tatsache zu beweisen und dadurch eine Entscheidung zu beeinflussen.

Damit wieder zum Klassenbuch und einer unangenehmen Eigenart von Juristen. Diese denken in vielen Situationen sehr formal – und erleichtern sich dadurch das Leben. Ob diese Sichtweise für Lehrkräfte mit Arbeit verbunden ist, bereitet ihnen keine schlaflosen Nächte. Wenn ich diese Haltung auf einen Kernsatz reduzieren soll, dann könnte dieser lauten: „Das, was im Klassenbuch steht, hat stattgefunden alles andere nicht.“ Machen wir es konkret: Wenn Sie zum Beginn des neuen Schuljahres pflichtgemäß die üblichen Belehrungen durchführen, diese jedoch nicht im Klassenbuch vermerken, dann haben sie (für einen Verwaltungsjuristen) nicht stattgefunden. Ob die Schüler sich ein halbes Jahr noch an Ihre Belehrungen erinnern, darf bezweifelt werden. Und selbst wenn Sie schwören, Sie hätten die Belehrungen durchgeführt, wird man unterstellen, dies so unwichtig abgehandelt zu haben, dass es nicht wert war, im Klassenbuch vermerkt zu werden.

Und wenn ein Schüler bei einer Nichtversetzung argumentiert, Sie hätten das vorgeschriebene Thema X gar nicht im Unterricht behandelt, dann sollte Ihr Eintrag inhaltlich schon präziser sein als nur ein pauschales „Diskussion“.

Nun kommen wir zu einem Problem, das stetig zunimmt, weil an vielen Schulen die Klassenbücher noch so entspannt aufbewahrt werden, wie von mir eingangs geschildert. Wenn niemand kontrolliert, wer zu welchem Zeitpunkt ein Klassenbuch aus den Fach nimmt bzw. es dorthin wieder zurücksteckt, dann haben Sie an Ihrer Schule optimale Bedingungen für das Verschwinden von Klassenbüchern. Immer häufiger passiert es, dass kurz vor dem Ende des Schuljahres (bzw. des Halbjahres) Klassenbücher auf einmal verschwunden sind. Damit ist nicht nur die Dokumentation der vermittelten Unterrichtsinhalte verloren, sondern ebenso der Nachweis über durchgeführte Belehrungen und Verspätungen und Fehlzeiten von Schülern. Wenn es über diese wichtigen Sachverhalte keine Kopien gibt, dann werden die vorgesetzte Schulbehörde und ein Verwaltungsgericht – aus formalen Gründen – immer zugunsten der Schüler entscheiden. Da Peter nicht sicher ist, ob der das möchte, fängt er an, seine Aufzeichnungen präziser zu fassen. Daneben schlägt er der Schulleitung vor, die Klassenbücher nicht mehr allgemein zugänglich aufzubewahren. 

Fortbildungstipp

Schulrecht für die Praxis
Kaum ein Lehrer wird praxisbezogen in sein Berufsrecht eingewiesen. Trotzdem müssen täglich wichtige Entscheidungen gefällt werden, die von außen schulrechtlich überprüft werden können. Der damit verbundenen Unsicherheit tritt die Fortbildung entgegen. 

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Die wichtigsten Grundlagen zum Schulrecht haben wir kompakt für Sie zusammengestellt: Das sollten Sie wissen, um souverän und rechtlich abgesichert handeln zu können. 
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