Referendariat / 22.06.2018

Referendare – wie eine gute Betreuung gelingt

Erfahrene Pädagogen empfehlen, was sich in der schulischen Praxis bewährt hat

Kurz vor Beginn des Schul(halb)jahres stehen sie vor der Tür: die Neuen. Keiner weiß so recht, was sie können, und Zeit für eine gute Betreuung hat eigentlich auch keiner – trotz viel guten Willens. Umgekehrt schwanken die Nachwuchslehrer oft zwischen hohen Erwartungen an ihren Sprung in die Praxis und der Angst vor immenser Belastung. Wir haben bei Schulleitern nachgefragt, wie sie sich trotz knapper Ressourcen für ihre Referendare engagieren.

Bild: Fotolia/contrastwerkstatt

Eine Liste mit Namen und Fächerkombinationen – mehr haben Schulleiter oft nicht in der Hand, wenn die frischen Referendare zusammen mit dem neuen Schul(halb)jahr vor der Tür stehen. Die jungen Nachwuchskräfte können eine willkommene Unterstützung in der Schule sein, aber um ihr Potenzial zur beiderseitigen Zufriedenheit auszuschöpfen, müssen Referendare, Schulleitung und Lehrerkollegium eng zusammenarbeiten. Und das möglichst schnell, immer unter dem Druck des hektischen Schulalltags.

Ein guter Start ist das Wichtigste

Viele Schulleiter begrüßen deshalb die neuen Referendare schon vor dem offiziellen Beginn des Schuljahres oder Halbjahres mit einer besonderen Veranstaltung. „Wir stellen uns als Schulleitung und Lehrerkollegium vor, erzählen, wie der Schulbetrieb hier läuft, gehen auf Organisatorisches ein und machen einen gemeinsamen Rundgang durch die Schule“, sagt Gerhard Bethke, der in Berlin die Gutenberg-Oberschule leitet. „Mir ist es viel zu wenig, wenn ich anfangs nur die Namen und Fächer kenne. Und nach unserer Einführungsveranstaltung wissen alle, wer die neuen Gesichter sind.“

Ähnlich wie ihm geht es vielen Schulleitern und Lehrern. Bethke nimmt sich im Laufe der ersten beiden Wochen auch noch die Zeit für ein Vier-Augen-Gespräch mit den Neuen: „Ich will ihren Entwicklungsweg kennenlernen, ihre Erwartungen an die Schule und ihnen auch ans Herz legen, dass meine Tür für sie immer offensteht.“

Mentoren sind wertvolle Begleiter

Referendare werden im Vorbereitungsdienst oft ins kalte Wasser geworfen, übernehmen rasch eigenständig Unterrichtseinheiten, haben dazu Seminare zu meistern und wollen in den Unterrichtsbesuchen herausragende Arbeit leisten. Damit ihnen der Einstieg gelingt, stellen die Schulen ihnen Mentoren an die Seite. Lehrer, die im Idealfall eine vertrauensvolle Beziehung zu den Nachwuchskräften haben und sie beraten. Von der Unterrichtsentwicklung über das Klassenmanagement bis zur Stressbewältigung. 

Viele Schulleiter halten sich dabei zurück. Sie stellen sicher, dass das Lehrerkollegium grundsätzlich bereit und kompetent ist, eine Mentorenrolle zu übernehmen. Aber sie überlassen es den Referendaren und Lehrern, sich zusammenzufinden, statt dies von oben anzuweisen. „Da die persönliche Beziehung hier eine große Rolle spielt, halte ich es nicht für sinnvoll, Mentoren zuzuweisen“, sagt Wolfgang Gerhardt, der das Berliner Albert-Einstein-Gymnasium leitet. Nur selten muss er eingreifen, wenn sich Referendare damit anfangs schwertun; meist klappt es gut und Referendare und Mentoren finden auf freiwilliger Basis zusammen.

Zwischen Ideal und Realität liegen manchmal Welten

Erst mal im Unterricht erfahrener Kollegen hospitieren, dann mit der Unterstützung von Fachlehrern und Mentor eigene Unterrichtseinheiten entwickeln und Schritt für Schritt zum eigenständigen Unterrichten übergehen. So sieht er aus, der ideale Weg von Referendaren hinein in die schulische Praxis. Im echten Leben klappt das selten. Referendare mit Fachlehrern „doppelt zu stecken“, sodass sie gemeinsam ein Halbjahr lang Unterrichtsstunden planen und halten – mit schrittweise wachsender Selbstständigkeit des Nachwuchses –, dafür haben nur wenige Schulen die Kapazität. 

Da Lehrer, die Referendare betreuen, keine Entlastung bei ihren Stunden bekommen – anders als bei der Begleitung von Masterstudenten im Praxissemester –, können viele Schulen ihre Referendare im Alltag nicht so gut betreuen, wie sie gern möchten. Eine Schulleiterin klagt über den Widerspruch: Einerseits findet sie es „sträflich“, dass vom Bundesland keine ausreichenden Ressourcen für die Ausbildung der zunehmenden Zahl an Referendaren zur Verfügung gestellt werden, „andererseits ist es meine Aufgabe als Schulleiterin, dafür Sorge zu tragen, dass Referendare an meiner Schule gut ausgebildet werden, und ich mache das auch“.

Ausgiebiges Feedback ist Gold wert

Die eigenen Unterrichtsstunden für Hospitationen interessierter Referendare offenzuhalten, das ist ein Weg der Unterstützung, der erfahrenen Lehrern relativ leicht möglich ist. So gut es unter den schwierigen Rahmenbedingungen geht, nehmen Schulleiter, Mentoren und Fachkollegen auch an den Unterrichtsbesuchen teil. Wenn der Fachseminarleiter in den Unterricht der Referendare kommt, ihn analysiert und bewertet, dann sitzen oft auch Schulleiter und Lehrerkollegen mit im Klassenraum. Den Nachwuchskollegen hinterher ein ausführliches Feedback zu geben, ist wichtig. Auch wenn man fachfremd ist, gibt es viele Aspekte, die man in den Blick nehmen kann, um dem Referendar anschließend wertvolle Hilfestellungen zu geben. 

„Mein Anspruch ist es, so oft wie möglich bei Unterrichtsbesuchen dabei zu sein“, sagt der Berliner Schulleiter Gerhardt. „Ich bin natürlich nicht in jedem Fach ein Experte, aber ich lege meinen Fokus dann auf die allgemeine pädagogische Arbeit in der Klasse.“ Wie selbstbewusst tritt der Referendar vor die Klasse? Wie gut hält er Kontakt zur Lerngruppe? Schafft er es, ein positives Lernklima aufzubauen? Wie geht er mit Lernschwächeren um? Das sind beispielhaft einige Punkte, zu denen fachfremde Schulleiter und Lehrerkollegen viele Hinweise geben können.

Referendare bringen Innovationen in die Schule

Die Betreuung der Referendare nicht als Einbahnstraße zu sehen, sondern auch Anregungen und Kritik von ihnen einzufordern und ernst zu nehmen, das kommt auch der Schule zugute. „Die praktischen Erfahrungen, die Referendare aus anderen Schulen mitbringen, und auch der Austausch, in dem sie in der Universität stehen, die können unserem ‚Biotop‘ Schule ja nutzen“, sagt etwa Gerhard Bethke. Seine Schule hat so zum Beispiel schon von frischen Ideen im Sportunterricht und auch in der Klassenleitung profitiert, wenn er ausgewählten Referendaren eine besondere Verantwortung übertragen hat. Anett Burow, die die Carl-von-Ossietzky-Schule in Berlin leitet, bindet „ihre“ Referendare auch in die schulischen Gremien und Veranstaltungen ein. Etwa in die Zusammenarbeit mit den Schülervertretungen, bei der Organisation des Tages der offenen Tür oder in Klassenprojekte. 

Die Referendare liebevoll zu umsorgen, das lohnt sich: Wenn die Fächerkombination passt, werden neue offene Stellen gern mit dem eigenen Nachwuchs besetzt. „Es gibt nichts Besseres“, ist Schulleiter Gerhard Bethke überzeugt.

6 Tipps für die Ausbildung von Referendaren

Der Pädagoge Cajus Wypior ist unter anderem Fachleiter für Geschichte am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasien) Heilbronn und Studiendirektor an einem Heilbronner Gymnasium. In seinem Buch „99 Tipps – Referendare begleiten und ausbilden“ hat er viele praktische Empfehlungen zusammengefasst. Eine Auswahl stellen wir hier vor.

1. Zu Unterrichtsbesuchen einladen
Gegenseitige Hospitationen sind eine Bereicherung für alle Beteiligten. Aber zeitliche und organisatorische Engpässe, manchmal auch die Angst vor Kritik, schieben sich öfters in den Weg. Machen Sie sich klar, dass es nicht darum geht, den Referendaren eine rundum gelungene „Meisterstunde“ zu präsentieren, sondern einen realistischen Einblick in ihre pädagogische Arbeit. Bleiben Sie gelassen, auch wenn im Unterricht etwas schiefläuft. Gehen Sie im Nachgespräch genau darauf ein und nennen Sie das, was es ist: die Chance zu lernen, auch für gestandene Lehrer. Der Referendar profitiert auch davon: Er lernt mit Ihnen, reale Probleme anzupacken.

2. Sich als Anwalt des Referendars verstehen
Referendare werden von denjenigen ausgebildet, die sie später auch benoten. Ihnen scheinen daher oft die Hände gebunden, wenn es darum geht, Missstände an der Schule zu kritisieren oder Konflikte mit Lehrerkollegen, Seminarleitern oder Eltern offen auszutragen. Als Ausbilder von Referendaren vertreten Sie seine Interessen, schützen Sie ihn, wenn nötig. Greifen Sie aber auch ein, um Referendare gegebenenfalls vor sich selbst zu schützen: wenn sie eine Nachtschicht nach der anderen einlegen oder wenn sie langfristig nicht für den Lehrerberuf geeignet scheinen.

3. Gemeinsam Unterrichtseinstiege planen
Ein toller Einstieg in den Unterricht, der die Schüler fesselt und ihre Neugier weckt, macht den Referendaren den Zugang zur Klasse viel leichter. Helfen Sie Ihren jungen Kollegen dabei! Erarbeiten Sie gemeinsam verschiedene Einstiege und besprechen Sie mit dem Referendar, was einen guten Einstieg auszeichnet. Analysieren Sie Beispiele aus Ihrem eigenen Unterricht und beziehen Sie die erlebten Reaktionen der Schüler mit ein.

4. Fehler zulassen
Wenn Sie bereits ahnen, dass bei einer geplanten Unterrichtsstunde des Referendars Probleme im Klassenzimmer auftauchen werden – lassen Sie diese Fehler zu und wehren Sie sie nicht vorab mit theoretischen Erklärungen ab. Einen Misserfolg direkt vor der Klasse zu erleben, ist für die Referendare hart, aber unausweichlich, um Erfahrungen zu sammeln. Dass das Ihrerseits verantwortungsbewusst und mit Augenmaß geschieht, ist klar. Mischen Sie sich im Unterricht nicht ein, wenn Probleme aufkommen – vorausgesetzt, es schadet den Schülern nicht. Bleiben Sie als Beobachter ruhig, lassen Sie dem Referendar die Verantwortung, gehen Sie aber im Nachgespräch sorgsam darauf ein.

5. Zum Schülerfeedback ermuntern
Schüler sind Unterrichtsexperten! Sie können Ihnen und den Referendaren oft ganz genau sagen, wo es im Unterricht hakt und was gut funktioniert. Ermutigen Sie den Referendar, sich regelmäßig das Feedback der Schüler einzuholen. Auch die meisten Schüler werden es wertschätzen, wenn ihre Einschätzung ernst genommen wird, und dies nicht als Schwäche auslegen und ausnutzen. Unterstützen Sie den Referendar auch dabei, die Signale, die die Schüler ohnehin im Unterricht senden – dazwischenrufen, sich ausklinken, Nebenbeschäftigungen suchen –, nicht nur als Störungen abzutun, sondern als Rückmeldung der Schüler zu sehen. Ein regelmäßiges Schülerfeedback kann auch Teil des Portfolios der Referendare werden.

6. Bei der Leistungsmessung unterstützen
Noten zu vergeben ist für Referendare anfangs alles andere als einfach. Helfen Sie ihnen dabei durch eine gute Vorbereitung. Geben Sie dem Referendar zum Beispiel ausgewählte Klassenarbeiten zur Probekorrektur und sprechen Sie anschließend darüber. Begleiten Sie ihn bei der Erarbeitung mündlicher Noten, indem Sie ihn auffordern, sich regelmäßig Notizen über die Quantität und Qualität der Redebeiträge jedes einzelnen Schülers zu machen. Erläutern Sie ihm, wie man die Schülerleistungen stichprobenartig und von Kriterien geleitet beobachtet. Sprechen Sie mit ihm auch über die formalen Anforderungen der Zeugnisarbeit: über die Konferenzen an Ihrer Schule, die Fristen, die Versetzungsfragen und weitere wichtige Punkte.

Fortbildungstipp

Kollegiale Unterrichtshospitation
Das eigentliche „Kerngeschäft“ von Schule ist es, die Lernleistungen von Schülerinnen und Schülern auf vielfältige Art und Weise zu verbessern. Deshalb sollte die Unterrichtsentwicklung auch im Zentrum des pädagogischen Qualitätsmanagements stehen. Voraussetzung dafür ist jedoch eine systematische und kontinuierliche Rückmeldung über die Effektivität des Unterrichts. Ergebnisse aus der Unterrichtsforschung zeigen, dass das kollegiale Feedback eine der wirkungsvollsten Formen der Selbstevaluation ist. Die kollegialen Unterrichtshospitationen sind nicht nur aus diesem Grund in den Qualitätsbereichen der schulischen Entwicklung in zahlreichen Bundesländern verankert.
 

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