Referendariat / 22.06.2018

Drei typische Erziehungsfragen in der Schule

Praxistipps für Referendare

Schulische Erziehung – eine enorm verantwortungsvolle Aufgabe. Leider auch eine noch wenig konkrete: Was ist "gute Erziehung"? Was dürfen Sie vermitteln und was nicht? Und wie bitte sollen Sie genau vorgehen? Drei typische Fälle aus der Praxis zeigen Ihnen konkrete Handlungsmöglichkeiten auf.

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"Gute Erziehung" - wie geht das?

Haben Sie schon einmal nach Zitaten zum Thema "Erziehung" gesucht? Wenn ja haben Sie vermutlich unzählige verschiedene Weisheiten und Meinungen gefunden: von "Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend." bis hin zu "Ich fürchte, unsere allzu sorgfältige Erziehung liefert uns Zwergobst.". 

Auch wenn Sie dienstältere Lehrer fragen, wie eine gute, sinnvolle Erziehung ihrer Meinung nach aussieht, werden Sie schnell feststellen müssen: Eine einzige allgemeingültige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Einen idealen Handlungsfaden, den Sie dann nur noch eins zu eins abhaken müssten, können wir Ihnen darum auch nicht geben – wohl aber einige Praxisrezepte, die sich bewährt haben. 

Es gilt allerdings wie bei allen Rezepten: Bleiben Sie offen, experimentieren Sie und schauen Sie, was funktioniert und Ihnen am besten "schmeckt". Die folgenden Fälle beschreiben drei typische Erziehungsfragen aus dem Schulalltag mit möglichen Lösungen. Alle Anregungen sind dabei aus dem Ratgeber "Experten helfen Referendaren: Erziehen" von Frank Nix und Jens Wollmann entnommen (Cornelsen, ISBN 978-3-589-16397-7). Dort finden Sie noch viele weitere Fälle und Tipps.

Fall 1: Welche Werte soll ich vermitteln - und wie nachdrücklich darf ich das tun?

Nehmen wir einmal an, Sie sind in einem Elternhaus mit sehr deutlichen Wertvorstellungen aufgewachsen und wurden zum Beispiel sehr ökologisch bewusst als überzeugter Vegetarier erzogen. Dürfen Sie das so auch an Ihre Schüler weitergeben? 

Die Erziehungsziele, auf die Sie mit Ihren Schülern hinzuarbeiten haben, sind klar festgelegt. In der nordrhein-westfälischen Landesverfassung steht beispielsweise: "(1) Erfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung. (2) Die Jugend soll erzogen werden im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen, zur Verantwortung für Tiere und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, in Liebe zu Volk und Heimat, zur Völkergemeinschaft und Friedensgesinnung." 

Allgemein lässt sich also festhalten: Solang Sie sich im Rahmen dieser klar definierten Erziehungsziele bewegen, ist objektiv alles in Ordnung. In der Praxis ist es aber natürlich so, dass Sie die Kinder nicht "exklusiv" und als alleinige Autorität erziehen, sondern sich die Erziehung mit den Eltern teilen. Es macht also Sinn, zusätzlich darauf zu achten, dass die Werte, die Sie vermitteln, von den Eltern akzeptiert und mitgetragen werden – allzu spezielle Vorstellungen sind deshalb oft problematisch. Wenn es Ihnen ein Anliegen ist, dürfen Sie den Schülern natürlich von Ihren Werten erzählen und Ihnen beispielsweise auch erklären, warum Sie Vegetarier sind. Vermeiden Sie es aber tunlichst, die Schüler zu missionieren oder – ob bewusst oder unbewusst – im Sinne Ihrer Vorstellungen zu manipulieren. 

Werden die Schüler zu Hause in eine Richtung erzogen, die mit Ihren Wertvorstellungen völlig kollidiert, müssen Sie genau prüfen, um was es sich handelt. Erscheint Ihnen die Erziehung problematisch, obwohl sie rechtlich völlig "im grünen Bereich" liegt? Dann steht es Ihnen nicht zu, sich einzumischen. Handelt es sich dagegen um Werte, die den vorgegebenen Erziehungszielen nicht entsprechen oder sogar widersprechen, müssen Sie Ihre eigenen Vorstellungen nicht verschweigen: Die Verpflichtung, die Kinder zur Schule zu schicken, bringt es auch mit sich, eine verfassungsgemäße Erziehung dulden zu müssen.

Fall 2: Die Schüler sind immer wieder zu spät – was soll ich tun?

Zunächst einmal sollten Sie sich ganz ehrlich fragen: Sind Sie selbst ein gutes Vorbild? Oder sind Sie auch hin und wieder zu spät dran, weil Sie noch etwas zu erledigen hatten oder den Raum rein logistisch nicht schneller erreichen konnten? Machen Sie sich in jedem Fall bewusst: Ihr Handeln hat für die Schüler mehr Signalwirkung als Ihre Ermahnungen. Wenn Sie selbst also immer mal wieder zu spät kommen, untergraben Sie Ihre eigene Autorität und signalisieren den Schülern, dass es durchaus Fälle gibt, in denen Zuspätkommen in Ordnung ist. 

Selbst wenn Sie immer pünktlich sind, wird es trotzdem noch Verspätungen bei den Schülern geben. Überlegen Sie sich im Vorfeld, was Ihnen wichtig ist: Was erwarten Sie von den Schülern? Sollen Sie anklopfen und sich entschuldigen, bevor sie sich setzen, auch wenn das den Unterricht unterbricht? Oder ist Ihnen der Unterrichtsfluss wichtiger und die Schüler sollen sich lieber leise setzen und Ihnen erst nach dem Unterricht den Grund der Verspätung erklären? Solche Gespräche können in der Praxis dann natürlich immer wieder auf der Strecke bleiben. 

Ein guter Kompromiss kann ein Zettel sein, den verspätete Schüler ausfüllen müssen. Kopieren Sie dazu einen Zettel, auf dem die Schüler die Punkte "Name", "Datum", "Zeit des Zuspätkommens", "Grund des Zuspätkommens" und "Das werde ich tun, um nicht mehr zu spät zu kommen" ausfüllen sollen (A5-Format reicht völlig aus). Jeder Schüler, der zu spät kommt, nimmt sich ohne weitere Erklärungen oder Störungen leise einen Zettel am Lehrerpult weg und gibt ihn ausgefüllt und unterschrieben am Ende der Stunde bei Ihnen ab. So machen Sie einerseits deutlich, dass es Ihnen nicht egal ist, ob die Schüler pünktlich sind, und eine Entschuldigung in solchen Fällen angemessen ist. Andererseits lassen Sie keinen Raum für zusätzliche Unruhe und können den Unterricht ungestört fortführen. 

Die Gründe, die die Schüler angeben, sollten Sie sich allerdings tatsächlich durchlesen und wenn nötig mit einem Gespräch darauf reagieren. Verpasst ein Schüler einmal im Halbjahr seinen Bus, müssen Sie sicherlich keine weiteren Maßnahmen einleiten. Kommt ein Schüler aber immer wieder zu spät, sollten Sie mit ihm über die Gründe sprechen. Ändert sich die Situation dann immer noch nicht, haben Sie mit den Zetteln eine gute, schriftliche Grundlage für ein Elterngespräch.

Fall 3: Ich kann gar nicht alles wahrnehmen, was passiert - oder?

Bestimmt haben Sie auch manchmal den Eindruck, dass Sie gar nicht immer alles, was in Ihrem Unterricht passiert, bewusst auf dem Schirm haben können. Das ist auch absolut richtig: Sie können einfach nicht ständig alles mitkriegen. Wichtig ist, dass Sie einerseits "so viele relevante Dinge wie möglich so treffend wie möglich"2 wahrnehmen und gleichzeitig den Schülern den Eindruck vermitteln, dass Sie alles im Blick haben und in Ihrem Unterricht sozusagen omnipräsent sind. 

Gerade am Anfang fällt es Ihnen verständlicherweise schwer, auf alles Relevante zu achten. Die folgenden Tipps werden Ihnen helfen: 

  • Bereiten Sie sich gut vor, planen Sie die Stunde realistisch und prüfen Sie vorab noch einmal, ob wirklich alles Wichtige (griff-)bereit ist. Organisatorische Schwierigkeiten verschlingen sonst nämlich jede Menge Aufmerksamkeit.
  • Schauen Sie nicht immer nur dieselben Schüler an, sondern lassen Sie den Blick regelmäßig bewusst durch die Klasse schweifen. Wechseln Sie ruhig auch mal Ihren Standort, denn so setzen Sie automatisch einen anderen Fokus.
  • Wird ein Teil der Klasse unruhig, bewegen Sie sich bewusst in diese Richtung. Wenn Sie weit weg von dem Schüler stehen, den Sie gerade dran genommen haben, haben Sie außerdem einen größeren Teil der Klasse im Blick – und die Schüler lernen nebenbei auch noch, laut und deutlich genug zu sprechen.
  • Achten Sie auf Blickkontakt und bleiben Sie bei Störungen nicht zu allgemein: "Maren und Jan, hört jetzt bitte auf zu reden!" ist deutlich wirksamer als ein "Seid doch mal leiser." in die ganze Runde.

Fortbildungstipps

Classroom-Management - der Lehrer als Führungskraft
Es beschreibt die Kompetenz einer Lehrerin oder eines Lehrers, angemessen und zielgerichtet mit Ihren Schülerinnen und Schülern im Unterricht zu kommunizieren und dabei die eigenen Ressourcen sinnvoll und effizient einzusetzen. 
 

Durch bewusste Praxis zu mehr Präsenz
Sie sprechen und präsentieren tagtäglich vor Ihren SchülerInnen und haben Strategien und Routine entwickelt, souverän aufzutreten und Ihre Inhalte zu vermitteln. Dennoch bleiben immer wieder Fragen offen oder stellen sich neu: Wie wirke ich? Was tue ich unbewusst? Wie schaffe ich ein gutes Klima vor der Klasse? 
 

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