Referendariat / 22.06.2018

Tipps zu kniffligen Situationen im Referendariat

SOS-Tipps für Referendare

Das Referendariat ist nichts für schwache Nerven: Immer wieder werden Sie mit schwierigen Situationen konfrontiert. Oft ist es gerade der "alltägliche Wahnsinn", der Ihnen viel abverlangt. Drei typische Szenarien spielen wir hier einmal durch – und eine Portion Aufmunterung gibt es natürlich dazu.

Bild: stock.adobe.com/chrupka

Schulalltag ist wie Fahrradfahren: Mit der Zeit wird es immer leichter

Das mag zunächst etwas schräg klingen, ist aber tatsächlich wahr. Niemand wird als perfekter Fahrradfahrer geboren – und schon gar nicht als perfekter Lehrer. Die Anfangszeit steht ganz unter dem Motto "Versuch macht klug!", erst nach und nach gewinnen Sie an Sicherheit und trauen sich immer mehr zu. Dass dabei auch mal etwas schief geht und Sie auf die Nase fallen, gehört schlichtweg dazu. Das heißt natürlich nicht, dass Sie sich die Sache nicht selbst etwas leichter machen können – zum Beispiel mit ein paar guten, bewährten Tipps "alter Hasen", die Ihnen gut als Stützen dienen. Drei klassische Stolpersteine betrachten wir deshalb im Anschluss gemeinsam: Typische Situationen, die Sie verständlicherweise ins Schwitzen bringen können.

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Fall 1: "Regen Sie sich mal nicht so auf. Zuspätkommen ist doch nichts Schlimmes."

Vermeintlich unwichtige Pflichtverletzungen werden Ihnen im Schulalltag ständig begegnen: Die Schüler kommen "halt ein paar Minuten zu spät", vergessen ihre Materialien, haben eben einfach" die Hausaufgaben verbaselt oder merken gar nicht erst, dass Sie vor lauter Geschnatter Ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen. Schwierig wird es besonders dann, wenn jedes Unrechtsbewusstsein fehlt: "Die fünf Minuten. Jetzt haben Sie sich doch nicht so!", "Wir sind halt eine lebendige Klasse." oder "Malte hat nie die Mathehausaufgaben. Daran müssen Sie sich gewöhnen.". Was also sollen Sie tun, wenn schulische Pflichtverletzungen für die Schüler bestenfalls Kavaliersdelikte sind? 

Grundsätzlich gilt: Natürlich handelt es sich hier nicht um Kapitalverbrechen. Trotzdem stören diese kleinen Pflichtverletzungen – und gerade in der Summe können sie den Unterricht regelrecht torpedieren. Machen Sie den Schülern also immer wieder klar, dass es hier nicht nur um kleine Eigenheiten einzelner Schüler geht – sondern um regelwidriges Verhalten, dass die ganze Klasse und den Unterricht für alle betrifft. 

Wie streng Sie auf die Verstöße reagieren, müssen Sie für sich selbst entscheiden. Das hängt maßgeblich von Ihrer Lehrerpersönlichkeit ab. Achten Sie aber darauf, dass Sie verlässlich und in sich konsequent reagieren. Wenn Sie auf Bens vergessene Hausaufgaben als mitfühlender Sozialpädagoge antworten, bei Lenas Fünf-Minuten-Verspätung aber plötzlich zum strengen Oberlehrer werden, wird das Gerechtigkeitsempfinden Ihrer Schüler garantiert empfindlich gestört. 

Das Führen von Merkheften, das rechzeitige Stellen der Hausaufgaben (nicht erst wenn es bereits klingelt und die Schüler schon einpacken) und auch eine ungefähre Angabe, wie viel Zeit die Schüler dafür circa einplanen sollten, kann im Kampf gegen "Hausaufgaben-Vergesseritis" helfen. Bei Disziplinproblemen versuchen Sie, zu dokumentieren, wie stark das Klassenklima und der Unterricht tatsächlich leiden. Machen Sie die Schüler immer wieder darauf aufmerksam, wenn es mal wieder zu unruhig wird. Denken Sie auch über strukturelle Maßnahmen nach – können Sie beispielsweise durch eine geänderte Sitzordnung für mehr Ruhe sorgen? Statt reflexartig immer wieder gleich zu reagieren, nutzen Sie lieber von Zeit zu Zeit Überraschungseffekte. So können die Schüler gar nicht "routiniert kontern". 

Das leidige Lärm-Thema lässt sich beispielsweise auch kreativer angehen: Sie können kleine Karten mit kurzen Botschaften vorbereiten. Die legen Sie dem jeweiligen Schüler dann stumm auf den Tisch. So können Sie ermahnen, ohne zu ermahnen – und der Unterricht wird nicht durch Diskussionen unterbrochen. Auch über den Einsatz einer Stoppuhr können Sie nachdenken: Immer, wenn es zu laut wird, um fortzufahren, drücken Sie auf die Stoppuhr. So sehen die Schüler mit eigenen Augen, wie lang es dauert, bis der Unterricht weitergehen kann. Das wirkt oft besser als jede Strafe.

Fall 2: "Mein Sohn hat ADHS. Das müssen Sie eben im Unterricht berücksichtigen."

Unabhängig von der Diskussion, ob AD(H)S – also das Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-)Syndrom eine "echte Krankheit" oder nur eine Erfindung für schwierige Kinder ist: Tatsache ist, dass AD(H)S von der Weltgesundheitsorganisation als psychische Störung anerkennt ist. Und Tatsache ist auch, dass immer mehr Kinder entsprechend diagnostiziert und behandelt werden. Im Unterricht haben diese Kinder meist große Konzentrationsprobleme, sie lassen sich sehr leicht ablenken, sind zappelig, oft sehr ungeduldig, wirken meist überdreht und reagieren extrem impulsiv. 

Sie können sich selbst und dem Schüler den gemeinsamen Unterricht erleichtern, wenn ...

  • … Sie für ein aufgeräumtes Lernumfeld sorgen, das möglichst wenig Ablenkung bereithält.
  • … Sie den Schülern von Beginn an klarmachen, dass in Ihrem Unterricht feste Regeln gelten, die eingehalten werden müssen.
  • … Sie auf eine gute Struktur und einen verständlichen Aufbau Ihres Unterrichts achten.
  • … Sie moralische Appelle und Ermahnung vermeiden.
  • … Sie auf Störungen besonnen, aber konsequent reagieren, ohne den Schüler bloßzustellen oder "herauszufordern".
  • … Sie schnippische Antworten oder gar Beschimpfungen nicht persönlich nehmen – meist sind sie tatsächlich gar nicht so gemeint.

Maßen Sie sich bitte nicht an, Ihre Klasse auf "potenzielle AD(H)S-Kinder" hin zu diagnostizieren. Diagnosen dieser Art überlassen Sie unbedingt den Fachleuten – so wie die Ihnen die richtige Unterrichtsgestaltung überlassen.

Fall 3: Ihnen wird alles zu viel.

Der Lehrerberuf ist körperlich und seelisch eine ordentliche Herausforderung – das muss man so ehrlich sagen. Im Referendariat ist die Belastung dann oft noch größer: Zeit- und Leistungsdruck, Arbeitsvolumen, Unterrichtsstörungen und Konflikte zehren verstärkt durch die noch fehlende Berufserfahrung und die Ausbildungsanforderungen besonders an Nerven und Kräften. Sind Sie dann noch ein kleiner oder großer Perfektionist, der am liebsten als "einsamer Held" gegen die vielen Widrigkeiten kämpft, wird schnell mal alles zu viel – und Sie denken womöglich sogar ans Hinschmeißen. 

Generell gibt es drei Möglichkeiten, den Stress zu reduzieren.

  1. Die instrumentelle Stressbewältigung: Sie reduzieren die äußere Belastung, etwa durch eine noch bessere Zeitplanung oder einen effizienteren Umgang mit Unterrichtsstörungen und Konflikten.
  2. Die kognitive Stressbewältigung: Sie machen sich Ihre eigenen Einstellungen bewusst, die den Stress noch verstärken – und verändern Sie. Denken Sie beispielsweise oft: "Das muss einfach perfekt sein.", "Das schaffe ich doch nie!" oder "Was sollen die anderen denn von mir denken?"? Das sind klassische stress verschärfende Gedanken, die Sie so nicht einfach hinnehmen und für sich annehmen sollten.
  3. Die regenerative Stressbewältigung: Sie sorgen für weniger Stress, indem Sie sich selbst etwas Gutes tun. Lesen Sie ein gutes Buch, kochen Sie sich etwas richtig Leckeres, gehen Sie mal wieder zum Sport oder lassen Sie sich ein Bad ein.

Achten Sie darauf, positiv zu denken ("Das schaffe ich!") und meiden Sie negative Formulierungen. Nehmen Sie kleine Katastrophen bewusst mit Humor und machen Sie sich immer wieder klar, dass Sie durchaus Fehler machen dürfen. Wenn Sie sich so überfordert fühlen, dass Sie alles in Frage stellen, stellen Sie sich lieber erst mal die folgenden Fragen:

  • Welche Vorteile hat das Referendariat?
  • Was würde ein Außenstehender denken, der gerade nicht so unter Stress steht?
  • Was werde ich in 20 Jahren über die Situation denken?
  • Was wäre schlimmer als das Referendariat?
  • Habe ich nicht schon mal eine ähnliche Krise gemeistert? Wie habe ich das geschafft?
  • Was wäre das Worst-Case-Szenario? Was könnte realistisch schlimmstenfalls passieren? Und wie realistisch ist es, dass es soweit kommt?

 

Fortbildungstipp

Stress–Nein Danke! - Burnout-Prävention und Stressbewältigungsstrategien
In Bewegung sein in der Natur, begleitet und fokussiert durch einprägsame, ressourcevolle Übungen: diese Kombination ist ein starkes Konzept zur Stressbewältigung, wenn sie sich erschöpft und müde fühlen.
 

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