Differenzieren & Fördern, Inklusion / 22.06.2018

Vielfalt im Klassenzimmer ist ein Gewinn

Wie Sie Schüler mit Migrationshintergrund stützen und stärken.

Unterschiedliche Religionen, viele Herkunftsländer, verschiedene kulturelle Hintergründe: Die Vielfalt in den Klassenzimmern wächst. Mit Empathie, Neugier und Wissen können Lehrer das Beste aus einer heterogenen Gruppe herausholen. Besonders Mädchen gilt es häufig besonders zu fördern, um ihnen auf ihrem Bildungsweg Rückhalt zu geben. Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern verlangt mitunter eine Extraportion Engagement und Fingerspitzengefühl.

Bild: shutterstock/LightField Studios

Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund bereichern den Schulalltag – und stellen die Schulen vor neue Aufgaben. Neben der großen Herausforderung, allen eine angemessene Sprachförderung zu ermöglichen, gilt es auch auf anderen Gebieten viel anzupacken: um mit den Eltern gut zusammenzuarbeiten, um Mädchen und junge Frauen gezielt zu stärken, um interkulturelle Kompetenz zu vermitteln und eine Willkommenskultur in der ganzen Schule zu entwickeln.

Wahrnehmen und wertschätzen

Tagrid Yousef und Susanne Munz-Thießen haben einen Ratgeber entwickelt, der Wege aufzeigt, die kulturelle Vielfalt in Schulen besser wahrzunehmen und mehr wertzuschätzen. Schließlich ist die Schule einer der besten Orte, um eine solide Basis für das Leben in unserer multikulturellen Gesellschaft zu legen. Den beiden Frauen kommt es dabei darauf an, das Selbstbewusstsein der Schüler ebenso zu fördern wie ihre interkulturelle Kompetenz. Eine Schul- und Lernkultur zu etablieren, in der die vielfältigen sprachlichen und kulturellen Kompetenzen der Schüler anerkannt und gestärkt werden, ist ihnen wichtig. Auch die Eltern sollen dabei „mitgenommen“ und eingebunden werden.

Tagrid Yousef, Neurobiologin und mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnete Pädagogin, leitet das Kommunale Integrationszentrum der Stadt Krefeld und arbeitet auch in der Lehrerausbildung. Susanne Munz-Thießen unterrichtet an einem Duisburger Berufskolleg und ist dort auch die Ansprechpartnerin für individuelle Förderung. Zuvor war sie 20 Jahre lang Lektorin für Deutsch als Fremdsprache. Im Folgenden drei ihrer Empfehlungen:

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1. Den Schülern begegnen – unvoreingenommen und ohne Vorurteile

Neugier ist die beste Basis, um Schülern offen begegnen zu können. Mehr wissen zu wollen – über ihre Herkunftsländer, deren politische Situation, Kultur, soziale Struktur und Religion – ist die Voraussetzung dafür, Vorurteile zu erkennen und abzubauen. Nur mit Wissen und Vernunft geht es aber nicht. Sich mit Empathie in die Situation der Schüler hineinzuversetzen, muss damit Hand in Hand gehen. Wechseln Sie die Perspektive!

Hilfreich ist, sich zusammen mit der Klasse bewusst zu machen, dass jeder mal in der Minderheit ist und sich ausgegrenzt fühlt. Und dass es jenseits von Nationalitäten, Religionszugehörigkeit, familiärer und sozialer Situation viele Gemeinsamkeiten und auch Unterschiede gibt. Dieses Kaleidoskop mit den Schülern zu erkunden, sollte fester und fächerübergreifender Bestandteil des Unterrichts werden.

Gleichzeitig ist es wichtig, sich als Pädagoge bewusst zu machen, welche persönlichen Kompetenzen man in der multikulturellen Schule besonders braucht und wo es individuell noch hapert. Neugier und Empathie gehören ebenso dazu wie Konfliktfähigkeit, Ambiguitätstoleranz – und Humor.

2. Die Eltern einladen und einbinden

Einen vertrauensvollen Kontakt zu Eltern mit Migrationshintergrund aufzubauen, braucht Sensibilität und Geduld. Die Einladung zu einem persönlichen Gespräch, für das man sich trotz Termindrucks Ruhe und Zeit nimmt, ist ein guter Anfang. Überlegen sie vorab, ob Sie einen Dolmetscher benötigen. Das können Freunde oder Verwandte der Familie sein, aber es lohnt sich auch, gemeinsam ein ehrenamtliches Dolmetscher-Netzwerk für die Schule aufzubauen. 

Sprechen Sie mit den Eltern auch über deren berufliche Erfahrungen und besondere Kompetenzen. Laden Sie sie als Vorbilder in den Unterricht ein! Das stärkt nicht nur die Bindung an die Schule, sondern Sie und Ihre Schüler bekommen auch neue Impulse und Inspiration. Laden Sie die Eltern ein, ihre Expertise zu teilen.

3. Mädchen und Familien stärken

 

In Familien mit einer Zuwanderungsgeschichte werden Mädchen und Jungen teils unterschiedlich behandelt. Bildungserfolge und Selbstständigkeit der Mädchen werden häufig geringer geschätzt als bei Jungen. Seien Sie dafür sensibel, gehen Sie auf diese Mädchen besonders ein und unterstützen Sie sie dabei, ein gutes Selbstbewusstsein zu entwickeln und familiären Konflikten gewachsen zu sein. Entwickeln Sie ein Auge dafür, ob sich Schülerinnen in ihrem Aussehen verändern oder ob sie sich anders verhalten. Vielleicht gibt es auch in Ihrer Stadt Initiativen, die insbesondere Mädchen stärken und sich für ein gleichberechtigtes Zusammenleben einsetzen. Laden Sie die Ehrenamtlichen in den Unterricht oder für eine Projektwoche ein. 

Bei manchen Schülerinnen und Schülern kann es erforderlich werden, sich auch mit der Familie auseinanderzusetzen. Knüpfen Sie im Gespräch an die Bildungserfolge der Kinder an – der Stolz auf die junge Generation und die Aussicht auf eine gute Bildung können Türen im Gespräch öffnen und eine gemeinsame Basis schaffen.

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