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Achtsamkeit & Gesundheit / 24.03.2026

Wie können Kinder Resilienz entwickeln und Stress bewältigen?

Was das Konzept „Lernen mit Achtsamkeit“ bewirken kann

Ängste, Konkurrenzdruck, Mobbing, Stress - all das gehört wohl zum Alltag von Schülerinnen und Schülern. Aber ist das unumgänglich? Oder gibt es nicht auch Strategien, die dem entgegenwirken können? Zum Beispiel, wenn Lehrkräfte das Konzept „Lernen mit Achtsamkeit“ in ihrem Klassenzimmer etablieren, das Alexandra Andersen an ihrer ehemaligen Schule entwickelt und eingeführt hat. Wir haben sie gefragt, was hinter diesem Konzept steckt und welche Erfahrungen sie selbst damit gemacht hat.

Person schreibt mit Bleistift in Notizbuch, blaue Tasse und Bücher auf Holztisch.
Bild: Shutterstock.com/CandyBox Images

Frau Andersen, was bedeutet eigentlich „Lernen mit Achtsamkeit“?

Alexandra Andersen: Lernen mit Achtsamkeit heißt das Unterrichtsfach, das ich an meiner ehemaligen Schule eingeführt habe. Es bedeutet ein Lernen, das nachhaltig ist und gleichzeitig das eigene Nervensystem so kontrolliert und auch in einem guten, gespannten Zustand hält, sodass die Schülerinnen und Schüler konzentriert und aufnahmebereit sind und Gelerntes langfristig abspeichern können.


Was bedeutet das praktisch?

Alexandra Andersen: Das Fach Lernen mit Achtsamkeit hatte immer einen rituellen Rahmen mit einem bewussten Einstieg und einer Begrüßung und einer Reflexionsrunde zum Schluss. Dazwischen gab es einen inhaltlichen Schwerpunkt zu unterschiedlichen Themen, die im Zusammenhang mit Lernen wichtig sind. In der Abschlussrunde waren die Schülerinnen und Schüler dann eingeladen zu reflektieren, was davon hängen geblieben war und was sie in ihren Alltag, in ihre Familie, in ihre Freundschaften, also ins Leben letztlich, mitnehmen. Die Stunde wurde mit einer ritualisierten Geste abgeschlossen, die den Schülerinnen und Schülern deutlich macht, dass sie respektvoll und eben achtsam miteinander umgehen wollen.

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Aber man kann doch nicht einfach so ein neues Fach an einer Schule einführen.

Alexandra Andersen: An unserer Schule gab es in den fünften Klassen das Fach „Lernen lernen“, das zunächst fächerspezifisch gestaltet wurde. Wir haben dann daraus das Fach „Lernen mit Achtsamkeit“ entwickelt. Die Kinder kommen aus der vierten Klasse der Grundschule in die erste weiterführende Schule, in diesem Fall das Gymnasium, und dieser Umbruch will bewusst gestaltet sein, um den Schülerinnen und Schülern wirklich ein Ankommen an ihrer neuen Schule zu ermöglichen. Sie sind Feuer und Flamme, sind voller Neugierde auf das, was sie erwartet. Und gleichzeitig ist es manchmal auch eine Art Überforderung: Sie wechseln ständig die Unterrichtsräume, haben viele verschiedene Lehrkräfte und eine neue Klassengemeinschaft. Das kann Angst machen und Sorgen bereiten.


Und diesen Ängsten und Sorgen wollten Sie begegnen?

Alexandra Andersen: Ja, denn da passieren auch Dinge, die gar nicht böse gemeint sind, gleichzeitig aber die Not der Kinder zum Ausdruck bringen. Dann stand ganz oft dieses große Wort Mobbing im Raum. Das war mir zu verallgemeinernd, gleichzeitig wollte ich eine Art Prävention anbieten, damit es erst gar nicht zum Mobbing kommt, weil alle mit einer Haltung unterwegs sind, die die eigenen Bedürfnisse, aber auch die der anderen, im Blick hat.

Bild: Gestaltung der Icons: Stan Hema, Berlin 2017/2018

Alexandra Andersen

Wenn eine Unterrichtsstunde mit einer Achtsamkeitsübung beginnt, hat das auch immer einen Effekt für die Lehrkraft selbst.

Wie haben die Kinder reagiert?

Alexandra Andersen: Wir haben immer nach einem halben Jahr, in dem dies als regulärer Unterricht stattfand, eine Art Evaluation gemacht und den Schülerinnen und Schülern Fragen gestellt. Tatsächlich kam mehrheitlich die Rückmeldung, dass sie auf jeden Fall mindestens eine Übung täglich machen, weil sie gemerkt haben, dies hilft ihnen. Und auch von den Eltern kamen positive Rückmeldungen etwa, dass die Tochter jetzt jeden Abend ihr Dankbarkeitstagebuch führt und seitdem schneller einschläft.


Sie sprachen von den fünften Klassen. Nun ist Ihr neues Buch „Achtsamkeit für Jugendliche“ aber für Klasse 7 bis 13, warum gerade für dieses Alter?

Alexandra Andersen: Nach Corona haben mich meine damaligen Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse, die in der fünften Klasse das Fach „Lernen mit Achtsamkeit“ hatten, gefragt, ob wir dies nicht noch mal machen können, denn sie hatten in dieser Coronazeit viele Ängste entwickelt. Wir haben dann einen Arbeitskreis gebildet, an dem knapp zehn Schülerinnen und Schüler teilgenommen haben. Dort haben wir Themen besprochen, die sehr persönlich und individuell waren und gleichzeitig immer wieder versucht, den Blick von außen darauf zu werfen: Was braucht es denn, damit es uns besser geht? Achtsamkeit im Vergleich zur fünften Klasse heißt in der Oberstufe auch, dass ein Austausch unter Gleichgesinnten, also in Peergroups extrem wichtig ist. Das alles war für mich ein Riesenerfahrungsschatz, den ich letztlich jetzt in dieses Buch gebracht habe.

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„Es ist gut investierte Zeit“

Wo und wie kann ich als Lehrkraft in dieser Schulstufe „Lernen mit Achtsamkeit“ einsetzen?

Alexandra Andersen: Es kommt auf die Strukturen der Schule an, ob solche kontinuierlichen Lücken geschaffen werden können. Projektwochen sind sehr gut geeignet. Eine Projektwoche hat den Vorteil, dass sich die Schülerinnen und Schüler über einen längeren Zeitraum intensiv mit einem Thema auseinandersetzen können. Auch das macht etwas mit dem Gehirn. In der Nachmittagsbetreuung würde ich von den Stundenkonzeptionen, die im Buch vorhanden sind, absehen, und eher Teile herausnehmen oder einzelne Übungen und kleine Gruppenarbeiten anbieten. In den Wahlbereich passt es auch gut, weil dort die Kontinuität gesichert ist. Kontinuität und eine Wiederholung sind entscheidend. Ein Sixpack kriegen Sie auch nicht, wenn Sie einmal Sit- Ups machen.


Das heißt, ich brauche Lehrkräfte, die diese Kontinuität wahren?

Alexandra Andersen: Auf jeden Fall. Aber was auch nicht zu unterschätzen ist: Wenn eine Unterrichtsstunde mit einer Achtsamkeitsübung beginnt, hat das auch immer einen Effekt für die Lehrkraft selbst. Sie ist einfach mit mehr Präsenz im Klassenzimmer. Und gleichzeitig wird sie mit der Zeit feststellen, dass der Unterricht ganz anders läuft, wenn sie sich und den Schülerinnen und Schülern diese fünf Minuten schenkt. Ich höre von Lehrkräften oft das Argument, „dafür habe ich keine Zeit“. Aber ich finde, es ist gut investierte Zeit, weil der Unterricht danach einfach anders läuft.
 

Was heißt anders?

Alexandra Andersen: Entspannter, aufmerksamer, also mit klarerem Fokus, mit mehr Konzentration und dadurch logischerweise auch nachhaltiger.

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Wir haben jetzt allgemein von Übungen gesprochen. Können Sie eine oder zwei davon beschreiben?

Alexandra Andersen: Hilfreich ist, wenn ich den Schülerinnen und Schülern erkläre, dass sie durch die Übungen Einfluss auf ihr Gehirn nehmen. Wenn sie beispielsweise sehr aufgeregt sind und in einem solchen Moment den Atem kontrollieren und länger ausatmen als einatmen dann wird der Parasympathikus im Gehirn aktiviert. Er ist dafür zuständig, dass sich die Anspannung löst. Ich atme dann ich mit den Kindern auf drei Zähleinheiten ein und auf fünf Zähleinheiten aus. Andere Übungen hingegen können für eine Aktivierung sorgen. Zum Beispiel den Körper abzuklopfen. Wir stehen alle auf - allein das ist oftmals schon hilfreich - und klopfen die Arme ab, die Beine, den Bauch, den Rücken. Oft entsteht dann so ein Vibrieren, so ein Kribbeln im Körper, eine Aktivität also.
 

Wie können Lehrkräfte ihr Buch nutzen? Müssen sie vorher selbst ein Achtsamkeitstraining absolviert haben?

Alexandra Andersen: Ich bin ein großer Fan von „einfach mal machen“, also im Tun zu lernen. Gleichzeitig sollte ich aber auch schauen, in welcher Haltung bin ich eigentlich unterwegs? Also die achtsame Grundhaltung ist bei diesen Stunden wichtig, letztlich ist das eigene Achtsamkeitstraining schon das A und O.
 

Das heißt aber nicht, dass ich als Lehrkraft jeden Morgen meditieren sollte?

Alexandra Andersen: Darum geht's nicht, sondern es geht eher darum, dass ich mich wirklich mit diesen Dingen auseinandersetze. Es wird herausfordernde Situationen in diesem Unterricht geben, weil er für die Schülerinnen und Schüler ungewohnt ist. Und das ist eben das, wovor viele Kolleginnen und Kollegen Angst haben. Ich möchte sie aber ermutigen, mit Bewusstsein heranzugehen und wenn sie dann nach zwei, drei Stunden merken: Ein Achtsamkeitstraining würde mir selbst auch guttun, dann können sie ja an einer entsprechenden Weiterbildung teilnehmen.

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Und ansonsten kann man sich irgendetwas rauspicken aus ihrem Buch?

Alexandra Andersen: Genau. Kleinere Übungen für einen Stundenbeginn sind extra ausgewiesen, und es gibt auch Gruppen- und Partnerübungen, die die Lehrkräfte in unterschiedlichen Zusammenhängen einsetzen können. Das, was ich anbiete, ist nur ein Vorschlag, und jede Lehrkraft muss sich das raussuchen, was zu ihr passt, damit sie es authentisch vermitteln kann.
 

Noch eine Frage zum Schluss. Achtsamkeitstraining ist ja in den letzten Jahren sehr kritisch beobachtet worden. Dabei wurde argumentiert, es gehe nur um das Individuum und nicht um das Miteinander und nicht um die strukturellen Probleme. Was sagen Sie dazu?

Alexandra Andersen: Die Kritik ist nicht völlig unbegründet. Achtsamkeit kann problematisch werden, wenn sie nur als Instrument genutzt wird, um Menschen besser mit übermäßigen Anforderungen funktionieren zu lassen. Dann würden tatsächlich alle strukturellen Probleme individualisiert werden. In meinem Verständnis bedeutet Achtsamkeit aber eben nicht eine Technik, um Menschen widerstandsfähiger gegen problematische Strukturen zu machen, sondern um die Wahrnehmung, die Selbstreflexion und auch so etwas wie eine kritische Distanz zu stärken. Das halte ich prinzipiell für eine grundlegende Bildungsressource, die auch unabhängig von guten oder schlechten Strukturen ist. Es ist aus meiner Sicht kein zielführender Ansatz zu sagen, entweder stärke ich individuelle Kompetenzen oder wir verändern die Strukturen. Ich glaube, wir brauchen beides. Strukturen müssen hinterfragt und verbessert werden, gerade im Bildungssystem. Und gleichzeitig brauchen wir auch Menschen mit Fähigkeiten, die mit diesen Herausforderungen konstruktiv umgehen können, auch um diese Strukturen zu verändern. Nachhaltige Bildungspolitik braucht definitiv beides.

Zur Person

Alexandra Andersen unterrichtete 25 Jahre an einem Gymnasium in Bayern. Sie entwickelte und implementierte in ihrer Schule das Konzept „Lernen mit Achtsamkeit“, veröffentlichte dazu mehrere Bücher und bietet das Konzept auch als Weiterbildung für Lehrkräfte an. Alexandra Andersen ist zertifizierte Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation und MBSR-Lehrerin (Mindfulness-Based Stress Reduction). Sie ist Referentin in unterschiedlichen Bildungseinrichtungen und Life- und Business-Coach. Außerdem ist sie Dozentin in der Cornelsen Akademie.

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