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Unterricht gestalten / 20.04.2026

Über den Frieden sprechen

Warum Barbara Brüning das Themenheft „Über den Frieden sprechen“ herausgegeben hat

Schülerinnen und Schüler begegnen tagtäglich Kriegen: in den Nachrichten, in Gesprächen oder auch in direktem Kontakt mit Geflüchteten aus Kriegsgebieten. Vokabeln wie „kriegstauglich“, „Waffenlieferungen“ „Gebietsabtretungen“ oder „Offensive“ gehören plötzlich zur Alltagssprache. Wir müssen aber in Gesellschaft und Schule mehr über den Frieden sprechen, meint Barbara Brüning. Deswegen hat die emeritierte Professorin für Philosophiedidaktik jetzt das Themenheft „Über den Frieden sprechen“ herausgebracht. Wir haben mit ihr über ihre Motivation dazu gesprochen, wie Lehrkräfte das Themenheft einsetzen können und was sie sich von diesen Materialien verspricht.

Zwei Origamivögel fliegen über gelben Tulpen vor einem blauen Hintergrund.
Bild: Shutterstock.com/yana_vinnikova

Frau Brüning, Ihr Buch heißt „Über den Frieden sprechen“. Kommt das Thema Frieden in den Lehrplänen möglicherweise zu selten vor?

Barbara Brüning: Das Thema Frieden kommt eigentlich immer nur im Zusammenhang von Krieg und Frieden vor. Da geht es vor allem um die Frage: Gibt es gerechte Kriege? Das Thema Frieden ist dann eigentlich nur beigeordnet. Im neuen Kernlehrplan von Nordrhein-Westfalen für das Fach „Praktische Philosophie“ allerdings spielt das Thema Frieden – und vor allem der Pazifismus – eine sehr große Rolle.
 

Was hat Sie denn bewogen, das Buch zu schreiben?

Barbara Brüning: Wir hatten im Jahr 2024 das Kant Jubiläum und ich habe in vielen Cornelsen Informationszentren seine Schrift „Zum ewigen Frieden“ vorgestellt, in der er seine Gedanken über einen gerechten Frieden in Europa darlegt. Lehrerinnen und Lehrer haben mir dort immer wieder gesagt, dass das Thema Frieden viel stärker im Unterricht behandelt werden müsste. Und persönlich hat mich das Buch von Heribert Prantl „Den Frieden gewinnen, die Gewalt verlernen“, motiviert, diesen Vorschlag zu forcieren, weil Heribert Prantl vor allem für Deutschland zeigt, dass philosophische und religiöse Friedensbemühungen seit dem 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen und dass die Friedensbewegung immer stark gewesen ist und dass er es bedauert, dass sie es jetzt nicht mehr ist.

Themenhefte Sekundarstufe - Über den Frieden sprechen - Mit Unterrichtsideen & Projektvorschlägen aus aller Welt - Kopiervorlagen - Klasse 5-13

Über den Frieden sprechen · Mit Unterrichtsideen & Projektvorschlägen aus aller Welt

Themenhefte Sekundarstufe
Ethik · Klasse 5-13

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Themenhefte Sekundarstufe - Über den Frieden sprechen - Mit Unterrichtsideen & Projektvorschlägen aus aller Welt - Kopiervorlagen als PDF - Klasse 5-13

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Ethik · Klasse 5-13

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Heribert Prantl spricht auch von „friedenstauglich“. Was bedeutet dieser Begriff?

Barbara Brüning: Für mich bedeutet der Begriff friedenstauglich, dass man versucht, Probleme im Kleinen, zum Beispiel in der Familie, aber auch in der Gesellschaft und zwischen verschiedenen Völkern, ohne Gewalt zu lösen. Das schließt nicht aus, dass man auch verteidigungsfähig sein muss. Aber mir gefällt das Zusammenspiel von friedenstauglich und verteidigungsfähig besser als der Begriff kriegstauglich. Ich finde, dass wir in letzter Zeit - und da würde ich mich Heribert Prantl anschließen - zu viel über den Krieg gesprochen haben und wie man kriegstauglich werden kann und zu wenig, wie man friedenstauglich sein kann.

„Das sind keine Träumer“

Sie haben in Ihrem Buch auch die Hymne der Friedensbewegung, nämlich Imagine von John Lennon abgedruckt. In einer Zeile heißt es, „Vielleicht nennst du mich einen Träumer“. Sind friedensbewegte Menschen Träumer?

Barbara Brüning: Sie wurden ja immer gern als Träumer bezeichnet. Aber wenn man sich das Buch anschaut und zum Beispiel die Friedenskonzepte der Philosophen Immanuel Kant und Bertrand Russell oder der ersten Friedensnobelpreisträgerin, Berta von Suttner betrachtet, dann stellt man fest, das sind keine Träumer. Denn sie versuchen aufzuzeigen, dass Kriege nicht nur Menschen vernichten, sondern auch Eigentum vernichten, Infrastruktur vernichten, Lebensgrundlagen vernichten. Und dass man deshalb versuchen sollte, Kriege zu vermeiden. Nehmen wir Bertrand Russell. Er war während des Ersten Weltkrieges im Gefängnis, weil er sich geweigert hatte, zu kämpfen. Später hat er dann angesichts der Gräueltaten des Nationalsozialismus geschrieben, unter bestimmten Bedingungen - wenn die Menschheit bedroht ist - muss auch ein Pazifist zur Waffe greifen und sich verteidigen. Das ist eine realistische Ansicht.
 

In Ihrem Buch kommen beinahe unzählig viele Philosophinnen und Philosophen, Theologinnen und Theologen, Friedensnobelpreisträgerinnen, Künstlerinnen und Künstler zu Wort. Wie ist diese Mischung entstanden?

Barbara Brüning: Ich habe mich schon sehr lange mit dem Thema Frieden beschäftigt, Ich arbeite ja auch an Lehrbüchern mit, und habe immer schon versucht, dort auch das Thema Frieden einzubringen. Ich wollte zeigen, dass es seit Jahrtausenden – wenn man zum Beispiel den chinesischen Philosophen Mo Ti nimmt, schon vor 2500 Jahren – auf allen Kontinenten in der Welt immer wieder Überlegungen in Philosophie, Religion, Politik, Kunst und Literatur gegeben hat, wie ein friedliches Miteinander der Menschen möglich sein könnte. Dazu wurden Konzepte entwickelt und an dieser Internationalität des Themas wollte ich die Schülerinnen und Schüler teilhaben lassen. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, wir machen das nur in Europa und alle anderen Kulturen beschäftigen sich nicht damit. Nein, es gibt in allen Kulturen Bemühungen, über den Frieden nachzudenken und über den Frieden zu sprechen.


Wie können die Lehrkräfte Ihr Buch nutzen?

Barbara Brüning: Ich sehe das als eine Ergänzung zu den Materialien, die Lehrerinnen und Lehrer ohnehin schon haben. Sie können diese oder jene Kopiervorlage im Unterricht einsetzen. Ich würde mir natürlich wünschen, dass sie auch das gesamte Themenheft einsetzen, aber natürlich können sie auch gezielt auswählen.

Ein sehr gutes Projektthema

Und für welche Fächer sind die Materialien geeignet?

Barbara Brüning: Zunächst bieten sich die Fächer Ethik/Philosophie, Religion, Politik oder Deutsch an. Aber es geht auch darüber hinaus. Sie haben ja schon auf Imagine verwiesen, in dem Buch finden sich auch Gedichte und viele Liedtexte. In den Schulen gibt es ja oft die Suche nach Projektthemen. Frieden könnte für mich auch ein sehr gutes Projektthema sein, an dem man viele Fächer beteiligt, auch die Fächer Musik und bildende Kunst. Denn es gibt zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, die sich mit dem Thema Frieden im Laufe der Jahrhunderte beschäftigt haben.
 

Dann kommen wir zu den aktuellen Kriegen, die auch die Schülerinnen und Schüler beschäftigen. Diese Konflikte werden sicherlich beim Reden über den Frieden Unterrichtsthema. Wie können die Lehrkräfte damit umgehen?

Barbara Brüning: Ich denke, es ist wichtig, dass man die Konzepte, die ich in meinem Buch vorstelle, auf diese aktuellen Konflikte anwendet. Ein Beispiel: Immanuel Kant unterscheidet zwischen Waffenstillstand und einem dauerhaften Frieden. Dann kann man zum Beispiel aktuell in der Ukraine sehen, dass über einen Waffenstillstand gesprochen wird und nicht über einen dauerhaften Frieden. Was ich interessant finde, Kant hat auch Bedingungen für einen solchen Waffenstillstand gestellt. In der Ukraine wird immer noch von einem bedingungslosen Waffenstillstand gesprochen. Genau da könnten die Lehrkräfte ansetzen und die Schülerinnen und Schüler anregen, sich mit den Kant‘schen Bedingungen auseinanderzusetzen. Eine seiner Bedingung ist, man muss Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes haben, das heißt, bevor man miteinander reden kann, sind vertrauensbildende Maßnahmen nötig.


Sie gehen aber in Ihrem Buch nicht dezidiert auf die aktuellen Kriege ein?

Barbara Brüning: Ich habe ganz bewusst zwei Stimmen aus den aktuellen Kriegsgebieten gewählt, also aus dem israelisch-arabischen Raum und aus der Ukraine, um deren Ideen vorzustellen und um zu zeigen, dass man sich innerhalb dieser Staaten, in denen momentan Krieg herrscht, Gedanken über den Frieden macht. Der Auszug aus dem Buch des israelischen Historikers Moshe Zimmermann „Niemals Frieden?“ führt ja zum Gaza-Krieg und das Zitat „Frieden ist ein hinterhältiger Begriff“ des ukrainischen Schriftstellers Juri Andruchowytch in die Ukraine. Moshe Zimmermann, der sich auch mit Antisemitismus in Deutschland beschäftigt hat, weist in seinem Buch auf eine UN-Resolution aus dem Jahr 1947 zu einer Zwei-Staaten Lösung hin, die damals von allen akzeptiert wurde. Das wird in der aktuellen Diskussion fast nie erwähnt. Moshe Zimmermann empfiehlt eine Zweistaatenlösung, wenn sie von der Mehrheit, also auch in Israel, akzeptiert wird. Ich habe auch Juri Andruchowytch zitiert. Seine Vorschläge über die Lösung des Ukraine-Konflikts wären zu umfangreich für ein solches Themenheft, doch vielleicht wird ja das Interesse der Schülerinnen und Schüler geweckt und sie lesen sein Buch „Der Preis unserer Freiheit“. Das Buch von Moshe Zimmermann gibt es übrigens als Sonderausgabe der Zentralen für politische Bildung.

„Ein Thema, über das in vielen Fächern gesprochen werden kann“

Sie haben sehr viel Herzblut und sehr viel Arbeit in dieses Buch gesteckt. Welche Erwartungen haben Sie an die Wirkung Ihrer Materialien?

Barbara Brüning: Man hat immer Wünsche, wenn man so ein Buch zusammenstellt. Der Titel heißt ja „Über den Frieden sprechen“ und mein Wunsch ist, dass dieses Material motiviert und anregt, im Unterricht mehr über den Frieden zu sprechen. Es wird viel zu viel über den Krieg und viel zu wenig über den Frieden gesprochen. Was ist Frieden überhaupt, wie können wir in unserem eigenen Verhalten friedfertig sein und wie können wir im Zusammenleben mit anderen Menschen und Völkern friedfertig sein? Und ich betone noch einmal, das heißt nicht, dass ein Staat nicht auch verteidigungsfähig sein muss, aber wir müssen auch mehr - und da hat Heribert Prantl mit seinem Buch den Anstoß gegeben - in der Gesellschaft über den Frieden sprechen und in der Schule ist das ein Thema, über das in vielen Fächern gesprochen werden kann.

 

Zur Person

Prof. Dr. Barbara Brüning war Professorin für Philosophiedidaktik und allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Sie arbeitet seit mehr als 25 Jahren auch für den Cornelsen Verlag als Autorin von Ethik- und Philosophielehrbüchern für alle Schulformen. Ihre Schwerpunkte sind Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen sowie Angewandte Ethik.

Themenhefte Sekundarstufe - Nachdenken lernen mit Kant - Buch mit Kopiervorlagen - Klasse 5-12

Nachdenken lernen mit Kant

Themenhefte Sekundarstufe
Fächerübergreifend · Klasse 5-12

Buch mit Kopiervorlagen

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