Das Wissen über das Gehirn für den Unterricht nutzen
Wie gehirneffizientes Lehren und damit auch erfolgreiches Lernen gelingen kann
Das ist doch das Ziel von Schule: So unterrichten, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur Interesse am Stoff entwickeln, sondern, dass auch viel von dem hängenbleibt, was durchgenommen wurde. Doch wie kann das gelingen? Durch andere Lernsettings? Durch neue Unterrichtsformen? Durch kleinere Klassen? Wir sollten mehr auf die Ergebnisse der Hirnforschung achten und diese in den Unterricht übertragen, meint Claudia Böschel. Und das sollte mit ihrem Buch „Gehirneffizientes Lehren – erfolgreicher lernen“ gelingen.

Frau Böschel, Sie sprechen von gehirneffizientem Lehren. Was bedeutet das? Schließlich ist das Gehirn beim Lehren und Lernen doch immer beteiligt.
Claudia Böschel: Wir besitzen schon seit langem viele Informationen über das Gehirn und wie es funktioniert, denn es gibt eine sehr solide Forschung unter anderem zum Gedächtnis, zur Aufmerksamkeit oder zum multisensorischen Lernen. Das Problem ist der Transfer. Wir unterrichten oft so, als wüssten wir nichts davon. Es ist richtig: Das Gehirn lernt immer, aber es entscheidet auch gnadenlos, was es behalten will. Den Begriff gehirneffizient habe ich deswegen gewählt, weil ich versuche, eine Brücke zwischen der Wissenschaft und der Praxis zu schlagen.
Und für diese Brücke haben Sie verschiedene Methoden entwickelt oder gefunden?
Claudia Böschel: Der Begriff Methoden passt nicht so ganz, es sind eher Prinzipien. Denn es geht um die Frage, wie ich das Gehirn aktivieren kann. Ich unterrichte seit 25 Jahren in ganz unterschiedlichen Klassen und Zielgruppen und vor etlichen Jahren habe ich begonnen, in einem Projekt zur Alzheimerprophylaxe mitzuarbeiten. Gerade dort habe ich viele Prinzipien kennengelernt, die ich dann für den Unterricht übernommen habe.
Werfen Sie gleich einen Blick ins Buch:
Gleichgewicht steigert die Konzentration
Was bedeutet das konkret?
Claudia Böschel: Diese Prinzipien zielen darauf ab, noch ganzheitlicher und multisensorischer zu werden. Düfte, Rhythmus, Bewegung, intuitives Malen – all dies sind Ansätze, die das Lernen gehirneffizienter machen und die Konzentration, die Motivation und vor allen Dingen das langfristige Abspeichern von Inhalten verbessern.
Nehmen wir zum Beispiel das Prinzip Raum. Der Raum kann enorm dazu beitragen, sich zu erinnern. Man kann zum Beispiel die Schülerinnen und Schüler auffordern, gedanklich an bestimmten Stellen im Raum einzelne Vokabeln, aber auch anspruchsvolle literarische Texte abzulegen. Oder man nutzt die vier Ecken des Raumes für Abfragen, dann können die Kinder in die jeweilige Ecke mit der richtigen Antwort laufen.
In der Erwachsenenbildung können die Lernenden in die vier Ecken zeigen, denn allein die Drehung des Kopfes bewirkt schon viel. In der Grundschule kann man gut mit Gleichgewicht arbeiten. Die Kinder können zum Beispiel auf einem Bein stehend Rechenaufgaben lösen. Studien zeigen, dass das Gleichgewicht hilft, Stress abzubauen, dass es die Konzentration steigert und die Lernfähigkeit verbessert.
Ein anderes Beispiel: das Weckglas-Spiel. Dazu stellt man ein Glas auf den Tisch und fordert die Schülerinnen und Schüler auf, zu notieren, was von dem, das in der letzten Stunde durchgenommen wurde, überflüssig war, weil sie es schon kannten. Dann legen die Kinder ihre Antworten in das Wegwerfglas. Das klingt vielleicht komisch, aber das Gehirn liebt dieses Sortieren und Einordnen. Und es hat einen weiteren Effekt: Als Lehrkraft kann ich anschließend sehen, dass einige meiner Ausführungen überflüssig waren, weil sie der Mehrzahl der Kinder schon bekannt waren. Ich lerne also auch dazu.
Und was erreiche ich mit diesen Prinzipien?
Claudia Böschel: Auch wenn gehirneffizientes Lehren so klingen mag: Es geht mir nicht so sehr um Leistung oder um Effizienz, sondern eher um Orientierung, um innere Sicherheit, dass ich Zutrauen für mein eigenes Lernen habe und darum, dass mein Denken gut ist, so wie es funktioniert. Wir haben unterschiedliche Lernpersönlichkeiten - und ich meine nicht Lerntypen - und manche reagieren auf die Art und Weise, wie Schule normalerweise funktioniert, sehr gut. Andere hingegen brauchen andere Zugänge, vielleicht mehr Visualisierung oder mehr Bewegung. Ich möchte einfach, dass Lernen sich klarer und leichter anfühlt.
Aber wenn ich von einer Klasse mit 30 Schülerinnen und Schülern stehe und jedes hat eine andere Art und Weise zu lernen, dann wird’s schwierig.
Claudia Böschel: Das muss gar nicht so sein. Ich kann ich zum Beispiel verschiedene Startpunkte setzen. Manche Persönlichkeitstypen tun sich schwer damit, gleich in eine Gruppenarbeit zu gehen, weil sie dort sofort reden sollen. Ich könnte ihnen vorher auch eine kurze Schreibaufgabe oder eine kurze Denkaufgabe anbieten, bei der jeder für sich arbeitet. Oder ich könnte sagen, du musst diese Aufgabe nicht lösen, indem du etwas schreibst, sondern du malst es oder benutzt Icons.

Claudia Böschel
Ich möchte einfach, dass Lernen sich klarer und leichter anfühlt.
„Pausen werden total unterschätzt.“
Gibt es etwas, das Lehrkräfte auf jeden Fall in den Unterricht integrieren sollten?
Claudia Böschel: Das lässt sich nicht so einfach eingrenzen, aber ein wichtiger Punkt ist, einfach weniger zu machen und dem Gehirn ein bisschen mehr Platz zu lassen.
Also Mut zu mehr Pausen?
Claudia Böschel: Absolut. Pausen werden total unterschätzt. Wir denken, nach einer Pause starten wir an derselben Stelle wie zuvor. Es ist aber nicht so, wir starten ein Stück weiter oben. Es gibt Studien, die belegen, welche enorme Wirkung Mikropausen haben. Denn in der Pause beginnt das Gehirn, die neuen Informationen zu sortieren, zu vernetzen und dauerhaft abzuspeichern. Das heißt, ich muss nicht extra eine große Pause organisieren und auf den Hof gehen, weil diese Mikropausen schon sehr effektiv sind.
Wie können oder wie sollten Lehrkräfte ihr Buch nutzen?
Claudia Böschel: Ich würde einfach das Buch an irgendeiner Seite aufschlagen. Das ist das Prinzip: Es wird immer eine Frage formuliert und beantwortet und dann wird in einem Neurokasten erklärt, was im Gehirn passiert. Danach folgen Anwendungsbeispiele. Ich kann nicht entscheiden, wie die Lehrkräfte unterrichten sollten, aber ich gebe viele Umsetzungstipps. Außerdem ist das Buch nach großen Themen sortiert. Wenn ich gerade einen Impuls zum Thema Feedback brauche, dann gehe ich in diesen Abschnitt, und wenn ich nach einem Impuls zum Thema Konzentration suche, dann blättere ich dorthin.
Gibt es denn auch kleine, effektive Übungen, die ich immer so en passant in meinen Unterricht einbauen kann?
Claudia Böschel: Ja, zum Beispiel Fingerübungen. Finger sind wie zwei kleine Gehirne außerhalb des Gehirns, denn das Gehirn empfängt durch sie nicht nur Signale, Fingerimpulse verändern auch die neuronalen Strukturen. Und es gibt so viele Fingerspiele, die man nutzen kann. Ein Beispiel: Die Schülerinnen und Schüler halten den Daumen der linken Hand und den kleinen Finger der rechten Hand hoch, und dann wechseln sie: Jetzt zeigt der kleine Finger der linken Hand nach oben und der Daumen der rechten Hand und so weiter. Das machen wir vielleicht 30 Sekunden lang, alle lachen und sind gleichzeitig sehr aktiv und konzentriert, weil sie diese Bewegungen koordinieren müssen. Das ist zum einen ein schöner Break zwischendurch und gleichzeitig auch eine Übung, die das Gehirn aktiv hält.
Für welche Schulstufen oder Altersgruppen ist das Buch geeignet?
Claudia Böschel: Es war mir bei dem Titel des Buches wichtig, keinen Stempel für eine Altersgruppe draufzudrücken. Die Prinzipien gelten für alle, die Umsetzung ist unterschiedlich. Aber ein Erstklässler lernt genau aus denselben Gründen wie ein Erwachsener. Das heißt, es gibt unterschiedliche Werkzeuge, aber die Prinzipien bleiben gleich und man kann das Buch nutzen, egal wen man gerade unterrichtet.
Zur Person
Claudia Böschel hat als Lehrkraft im Bereich DaZ und Sport begonnen und arbeitet mittlerweile als freie Dozentin, Referentin, Speakerin und Autorin mit den Schwerpunkten Neurodidaktik, Bewegung, KI und Binnendifferenzierung und entwickelt immer wieder neue Programme, wie zum Beispiel Sprache in Bewegung.


