Wie Grej of the day die Begeisterung am Lernen weckt
Vom Aha-Moment zur Lernrevolution: Interview mit Micke Hermansson
Schülerinnen und Schüler in Schweden kennen die Unterrichtsmethode „Grej of the day“, abgekürzt GOTD, denn sie ist im ganzen Land verbreitet. Inzwischen wird dieses Konzept auch in vielen anderen Ländern wie Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Frankreich, Belgien, Australien und Neuseeland erfolgreich genutzt. Doch was ist eigentlich GOTD und warum ist diese Methode so erfolgreich? Wie könnte sie Einzug in deutsche Klassenzimmer halten? Das haben wir den Erfinder von GOTD, den schwedischen Lehrer, Autor und Dozenten Micke Hermansson gefragt. Gerade ist hier sein Buch „GODT – Grej oft he day. 75 Mikro-Lektionen für Wissen mit Wow-Effekt“ erschienen.

Eine einfache Frage an dich, Micke Hermansson. Wie bist du auf die Idee von GOTD gekommen?
Micke Hermansson: Nachdem ich etwa 25 Jahre als Lehrer gearbeitet hatte, bekam ich einen Kurs, der wirklich herausfordernd war. Die Kinder waren erst elf Jahre alt, aber sie mochten die Schule überhaupt nicht. Ich wusste nicht mehr weiter und war kurz davor, aufzugeben, als mir eine Idee kam. Ich hatte bereits eine Weile darüber nachgedacht, mit Mikro-Lektionen zu arbeiten und habe das dann in diesem Kurs ausprobiert. Und tatsächlich: Ich hatte sofort das Interesse dieser Kinder geweckt und habe dann tatsächlich Tag für Tag eine Mikro-Lektion gemacht. In Schweden gibt es einen großen TV-Wettbewerb für alle fünften Klassen. Noch ein Jahr zuvor wollte meine Klasse auf keinen Fall daran teilnehmen. Und dann saßen die Kinder tatsächlich in diesem TV-Studio und erreichten den zweiten Platz. Das war eine großartige Entwicklung und ich war so begeistert, dass ich noch weitere sechs Jahre unterrichtete. Erst danach habe ich begonnen, Bücher über Grej of the day, was wörtlich übersetzt „Das Ding des Tages“ heißt, zu schreiben und Vorträge beinahe überall auf der Welt zu diesem Thema zu halten.
Und was ist das Besondere an GOTD?
Micke Hermansson: Ich wollte, dass die Kinder neugierig sind. Also habe ich ihnen am Vortag einen kleinen Hinweis gegeben. Etwas, worüber sie nachdenken können. Zum Beispiel: „Strahlender Mann“. Und dann haben sie nachmittags mit ihren Eltern darüber gesprochen oder haben im Internet recherchiert. Am nächsten Tag habe ich eine Mikro-Lektion von etwa acht Minuten zu diesem Thema - also in diesem Fall über Wilhelm Conrad Röntgen - gehalten. Ich wollte den Kindern einfach zeigen, wie interessant Wissen ist. Dass Mikrolektion etwas anderes ist als eine klassische Lektion. Es heißt nicht: Öffne dein Buch, lies eine Antwort. Ich muss als Lehrkraft in der Lage sein, ein interessantes Märchen bestehend aus Fakten zu erzählen, denn damit kann ich meine Klasse erreichen. Und diese Mikro-Lektionen enden immer mit einem Wow.
Wenn ich zum Beispiel von Blauwalen spreche und zum Schluss sage: Wusstet ihr übrigens, dass die Zunge eines Blauwals so viel wiegt wie ein ausgewachsener Elefant? Das ist ein Wow. Das ist, als würde man eine Tür ein wenig öffnen. Und wenn ich jetzt, mehr als fünfzehn Jahre später, zurückblicke, glaube ich, das war wahrscheinlich der Haupttrick, um sie immer interessiert zu halten. Ich habe sie einfach mit einem Cliffhanger zurückgelassen. Und dann wollte ich, dass sie zu Hause auf die Standardfrage vieler Eltern „Was hast du heute gelernt?“ nicht antworten: „Nichts Besonderes.“ Ich wollte, dass sie sagen: „Hey, Mama, wusstest du, dass die Zunge eines Blauwals genauso schwer ist wie ein Elefant?“ Ich wollte, dass sie aus dem Gedächtnis nacherzählen. Und diese Art von Wissenskreis oder Lernkreis wurde unglaublich erfolgreich. Es ist beinahe so, als unterrichte man zwei Generationen gleichzeitig. Denn plötzlich sagen die Eltern „Wow, wir müssen das überprüfen. Wir müssen ein Video auf YouTube finden, oder?“ Oder sie sagen: „Hey, warte, wir haben diese Bücher über Blauwale oder den Eiffelturm.“ Oder: „Wir waren vor zehn Jahren dort im Urlaub.“

Micke Hermansson
Durch GOTD kommt so etwas wie Magie ins Klassenzimmer.
Hat diese Begeisterung der Kinder auch Auswirkungen auf den gesamten Unterricht?
Micke Hermansson: Durch GOTD kommt so etwas wie Magie ins Klassenzimmer. Anfangs fiel es den Kindern schwer, von den Mikro-Lektionen zum normalen Unterricht zu wechseln. Aber nach einer Weile wurde ich ein klügerer Lehrer, weil mir klar geworden war, dass ich nicht zum langweiligen Standardunterricht zurückkehren konnte. Ich musste auch mit meinen vierzig oder sechzig Minuten einen neuen Weg finden, ihr Interesse zu wecken. Ich musste mit etwas Großartigem anfangen. Ich musste Aufmerksamkeit aufbauen. Denn es gibt so viele interessante Dinge, dass wir, egal ob es Geografie, Geschichte oder Mathematik ist, immer die Wows finden. Und dann interessieren die Kinder sich auch für „normalen“ Unterricht und „normales" Lernen.
Ein Argument von Lehrkräften könnte sein: Dafür habe ich keine Zeit, ich muss ja den Lehrplan einhalten.
Micke Hermansson: Dieses Argument habe ich in jedem Land gehört, von Schweden über Norwegen bis nach Frankreich oder Indien. Also ja, ich verstehe den Zweifel, denn die Zeit ist kostbar. Aber ein bisschen muss man seine Meinung ändern, denn für mich war Grej of the day nie etwas Zusätzliches. Ich habe alles aus dem Lehrplan übernommen. Wenn jemand sagt, das stammt nicht aus dem Lehrplan, sage ich: Du liegst falsch. Nehmen wir das Beispiel Chinesische Mauer. Das Thema stammt aus dem Lehrplan und du kannst es nach Belieben nutzen. Wenn ich möchte, dass die chinesische Mauer von Geschichte handelt, dann kann ich das machen, oder ich kann sie unter geografischen Gesichtspunkten betrachten. Ich kann den Mythos aufklären, dass man die chinesische Mauer vom Mond aus sehen könne. Denn das stimmt natürlich nicht. Und dann können wir über Entfernungen im Weltraum sprechen. Du kannst also die Themen nach Belieben drehen und du kannst GOTD als Einstieg verwenden. Ich erinnere ich mich an einen Jungen, der mir sagte: „Weißt du, ich mag Geschichte nicht. Aber leider ist es wirklich interessant, wenn man es als GOTD hat, denn dann ist es wirklich gut.“
Und wie oft sollten Lehrer mit diesem Konzept arbeiten?
Micke Hermansson: Als mich damals diese Klasse, von der ich erzählt habe, gefragt hat, ob wir am nächsten Tag wieder ein GOTD haben können, sagte ich natürlich ja. Und wir haben das dann Tag für Tag fortgesetzt. Mir ist klar, dass die meisten Lehrer das nicht jeden Tag tun. Ich denke, wenn man zwei- oder vielleicht dreimal pro Woche ein GOTD macht, ist es wirklich gut. Einmal pro Woche ist zu selten. Denn es macht mich ein bisschen traurig, wenn die Kinder so lange auf das nächste Mal warten müssen. Meine Empfehlung ist, mindestens zwei GOTDs pro Woche einzubauen, fünf sind vielleicht schwierig, aber du kannst einen GODT aus dem Buch nehmen und einen selbst entwickeln.
Ist es denn nicht schwierig und aufwendig, einen GOTD zu entwickeln?
Micke Hermansson: Letzte Woche hatte ich einige Workshops in Norwegen und genau das war eine der Fragen: Wie kann ich neue GOTDs finden? Und ich sagte, okay, könnte das hier ein GOTD sein und hielt einen Filzstift hoch. Ja, das kann es! Wusstet Ihr, dass bei der Apollo Elf-Mission ein Schalter der Mondlandefähre Eagle abgebrochen war und der Startmechanismus nicht mehr aktiviert werden konnte? Und dass Buzz Aldrin einen solchen Stift benutzte, um den Schalter zu ersetzen? Wenn man also anfängt, in einem größeren Spektrum zu denken, dann kann man beinahe alles für ein GOTD nutzen: Personen, Gebäude, Orte, Flüsse, Gold, Silber - das ist kein Problem.
In Schweden gibt es eine große Facebook-Gruppe zum Thema GOTD. Wie kann eine solche Gruppe auch in Deutschland starten?
Micke Hermansson: In Schweden haben wir sogar zwei große Gruppen mit etwa fünfzigtausend Lehrern, in den Niederlanden sind es fünfundzwanzigtausend Lehrer. Die meisten Gruppen wurden von Lehrern gegründet. Ich war letztes Jahr in Deutschland und habe Vorträge vor Lehrern aus verschiedenen Nationen gehalten, so wurde Cornelsen auf GOTD aufmerksam. Es gibt derzeit noch nicht viele Lehrer in Deutschland, die das anbieten. Ich hoffe, dass es bald eine deutsche Facebook-Gruppe geben wird. Eine solche Gruppe, bestehend aus einem Team aus Verlag und engagierten Lehrern, wäre meiner Meinung nach großartig.
Zur Person
Micke Hermansson ist Dozent, Autor und ehemaliger Lehrer. Er ist der Schöpfer des Konzepts „Grej of the Day“, das er 2009 entwickelte. Heute arbeitet Micke als internationaler Dozent und Inspirator für Wirtschaft, Gemeinden und den Bildungsbereich. Er hat rund zehn Bücher in fünf Ländern veröffentlicht und lebt in der Nähe von Uppsala.

